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Mittwoch, 9. November 2016

Der konservative Reflex

In dem Text wird eigentlich vom Klassenkampf in Amerika erzählt: Es gebe da Verlierer, die sich rächen wollten. Dazu wird ein doppelter Boden aus Tiefenpsychologie eingezogen (narzißtische Kränkung, Wut und Revanche). Schließlich kommt aber die reaktionäre Volte, zurück zur Elite, gegen das Volk, das aus irrationalen Gründen dem Demagogen nachlief, und die Autorin zieht einen ziemlich abwegigen Schluß:

Wählen, was einem gut tut, zerstört Demokratien. Die Wahl eines strongman wie Donald Trump zum mächtigsten Mann der Welt zeigt, von wem heute die grösste Gefahr für die Volksherrschaft ausgeht: vom Volk.

Aus: Sieglinde Geisel. Wir können auch anders! Die Gekränkten Amerikas haben sich einen starken Mann gewählt und die Welt damit schockiert. Was heißt das für die Zukunft der Demokratie? In: tell-review.de. 9. November 2016.

Das greift ganz sicherlich zu kurz. Wenn wir vom Narzißmus sprechen, so wäre zuerst vom Narzißmus des Kandidaten zu handeln, der noch in der acceptance speech ausschließlich von sich selbst inmitten lauter ehrenwerter Leute gesprochen hat. Das ist ein Vorgeschmack auf das Niveau, das in den nächsten vier Jahren aus dem Weißen Haus zu hören sein wird. Unreflektiert, phantasielos, machtfixiert und egozentrisch. Und das schien seinen Wählern attraktiv.

Wenn die westliche Demokratie derzeit ein Repräsentationsdefizit hat, dann ist es hier zutage getreten, denn es gab offensichtlich die Wahl zwischen zwei unfähigen Kandidaten, die keiner wirklich wollte. Am Ende wählten aber die meisten denjenigen, der sie – aus ihrer Sicht – noch am besten repräsentiert. Daß sie dazu in eine Schweigespirale eingetreten sind, mag dahinstehen. Es gibt viele Gründe, warum Meinungsumfragen heute nicht mehr so funktionieren wie einst.

Das ist aber kein Grund, sich gegen das Volk zu wenden und reaktionär von alten Zeiten zu träumen. Ein kritischer Ansatz wäre vielmehr zu fragen, warum nicht nur die Wählerschaft, sondern auch die Elite der USA gespalten ist, die ja selbst durch so verschiedene und allseits untragbare Kandidaten repräsentiert worden ist? Nicht nur zwischen den Wählern und den Gewählten, sondern auch innerhalb der Eliten gibt es ein Repräsentationsdefizit. Dieses Defizit ist sozusagen gestuft vorhanden, nicht nur zwischen „oben und unten“, sondern auch innerhalb des „Oben“. Die Führungsschichten zerreiben sich, desintegrieren sich, und sie offenbaren dabei selbst noch im Verfall eine absurde Unfähigkeit, ihre Rolle noch auszufüllen.

Keine gute Zeit, auf „das Volk“ herabzuschauen oder sich sonst von ihm zu distanzieren. Zumal die Wahlentscheidung der Amerikaner sicher nicht eine reine Bauchentscheidung war. Wer aus ökonomischen Gründen wählt, hat handfeste Gründe auf seiner Seite, verfolgt – in diesem Fall ganz klar – sogar dasselbe Kalkül wie der Kandidat. Die Wahl offenbart insoweit am ehesten noch ein Bildungsdefizit und einen Ausfall an weitergehender Urteilkraft, ist aber ansonsten deutlich von materiellen Interessen geleitet. Eine späte Folge der Finanz- und Wirtschaftskrise.

Man könnte aber auch, wenn man sich die Lage etwas näher betrachtet, an einen wie Berlusconi denken, der seinerzeit frank und frei erklärt hatte, er sei in die Politik gegangen, weil er nicht ins Gefängnis habe gehen wollen. Wir kennen die weitergehenden Motive des Wahlgewinners noch nicht näher. Um die amerikanische Präsidentschaftswahl erklären zu können, fehlt also noch ein Puzzle-Teil; ein missing link zwischen gesellschaftlichem Umfeld, privaten Ambitionen und dem resultierenden Rechtsruck, auf den man gespannt sein darf.

„Giacometti–Nauman“ in der Schirn Kunsthalle Frankfurt am Main

Giacometti geht immer, begann der Kollege vom Wiesbadener Kurier seinen lesenswerten Beitrag über die Giacometti-Nauman-Ausstellung, die derzeit in der Frankfurter Schirn zu sehen ist. Kein Besucher wird auf dem Absatz kehrtmachen, weil sich jetzt in der Frankfurter Kunsthalle Schirn die spindeldürren Plastiken des Graubündner Jahrhundertbildhauers den Platz mit Objekten, Skulpturen und Installationen des amerikanischen Multimediakünstlers Bruce Nauman teilen. Obwohl er im weiteren Verlauf seiner Rezension denn doch eine gewisse Fallhöhe zwischen den beiden bemerkt.

Zu Recht. Denn natürlich ist die Zusammenstellung vollkommen willkürlich und weder die übliche Kuratorenlyrik der Pressetexte noch die Demandtsche Mathematik (Das ist für mich die absolute Königsklasse im Kuratieren, wenn man so etwas hinbekommt … Dann wird aus zwei plus zwei eben nicht vier, sondern sechs, oder sogar acht) können darüber hinwegtäuschen, daß es hier gehörig knirscht im Gebälk. Man erinnert sich an die Letzten Bilder, die vor drei Jahren ebenso unvermittelt und beziehungslos an gleicher Stelle nebeneinander hingen.

Giacometti lohnte sich – für mich, weil ich bisher nur seine kleineren Arbeiten kannte und denn doch überrascht war ob der Wirkung der „Grande Femme IV“ oder des „Walking Man“, beide von 1960, die lebensgroß vor einem stehen, strahlend und energisch. Und nachdem ich mich vor ein paar Jahren auch noch einmal mit Beckett beschäftigt hatte, zu dessen „Godot“ Giacometti das klassische Bühnenbild beisteuerte, war ein Gang durch diesen Teil der Ausstellung eher mit bekannten Eindrücken verbunden.

Die Beschäftigung mit der Leere, die „nicht nichts“ sei, wie die Einführung Digitorial erzählt, gleich zu Anfang im ersten Raum der Schau, hinterläßt den meisten Nachdruck. Dort wird L'objet invisible (Mains tenant le vide) von 1934 dem Lighted Center Piece Naumans von 1967 gegenübergestellt. Einerseits die ruhige und aufrechte, fast thronende Figur, die in ihren Händen deutlich etwas hält, das man offenbar nicht darstellen kann, das aber gleichwohl vorhanden ist und das auch – ihrer Haltung nach zu urteilen – so kostbar ist, daß es gut geborgen und beschützt bleiben muß. Auf der anderen Seite vier 1000-Watt-Lampen, die unverhandelbar und sehr aggressiv eine kleine quadratische Fläche ausleuchten, auf der, um es mit Ror Wolf zu sagen, „plötzlich nichts geschieht“. Dieser Raum, der zunächst eher wie eine Notlösung wirkt und gleich zu Anfang den Besucher mehr kalt erwischt und verwirrt als ihn zu empfangen, ist genaugenommen die eindrücklichste Szene der ganzen Ausstellung, weil sie mich berührt und Auskunft fordert, die nicht erteilt werden kann – das spätere Godot-Motiv vorwegnehmend.

Giacometti–Nauman. Bis 22. Januar 2017 in der Schirn Kunsthalle, Frankfurt am Main. Kuratorin: Esther Schlicht. – Katalog (Schnoek, Köln, vor Ort: 35 Euro), Begleitheft (7,50 Euro). – Digitorial und eine recht gehaltvolle Broschüre (für Besucher kostenlos).

A tale told by an idiot, full of sound and fury, signifying nothing II

Das heißt, die sozialen Medien sind in diesem Wahlkampf zu virtuellen Megaphonen verkommen, durch die man sich gegenseitig anbrüllt, in der Hoffnung, damit sozusagen Resonanz in der Anhängerschaft zu finden. Bei Trump ist das relativ gut gelungen, aber es hat natürlich nichts mit der demokratischen Vielfalt und den Versprechen, die man einst mit sozialen Medien verbunden hat, zu tun. …

Ich würde nicht so weit gehen zu sagen, dass Bots wahlentscheidend sein können, aber ich gehe schon so weit zu sagen, dass der Einsatz von Technik, von ganzen Botsystemen durch Hacker oder auch durch gezielte Propagandisten Meinungsklimata oder Meinungswellen hervorrufen kann.

Aus: Miriam Meckel. „Virtuelle Megaphone, durch die man sich gegenseitig anbrüllt“. In: Deutschlandfunk. 9. November 2016.

A tale told by an idiot, full of sound and fury, signifying nothing

"Both the technology itself, and the way we choose to use the technology, makes it so that what ought to be a conversation is just a set of Post-it notes that are scattered," Kerric Harvey, author of the Encyclopedia of Social Media and Politics, said of Twitter. "Not even on the refrigerator door, but on the ground."

She argues that what we do on Twitter around politics isn't a conversation at all; it's a loud mess.

Aus: Sam Sanders. Did Social Media Ruin Election 2016?. In: npr.org. 8. November 2016.

Montag, 7. November 2016

Die ZDF-Mediathek im November 2016

Fortsetzung des Berichts: Der Livestream ist so schwach bemessen, daß es nicht möglich ist, darüber die 19-Uhr-Heute-Sendung zu verfolgen. Der Stream bricht immer wieder ab, auch bei schlechtester Qualität. Auch ansonsten keine Verbesserungen.

Haben wir schon alles gesagt?

Schriftsteller und Literaturwissenschaftler diskutierten im SWR2 Forum über das Tagebuch. Und erwähnen die Blogs erst drei Minuten vor Schluß der Sendung.

Blogs kommen und gehen, die Literatur aber bleibt? Ich greife auf meine Blogs zu und wundere mich mitunter, was für Texte man dabei findet. Also gerade nicht: wiederfindet oder erinnert. Habe ich das damals geschrieben? Offenbar, ja. Gerade das ist aber doch ein Tagebuch-Effekt? Ich bin nicht mehr derselbe, habe mich verändert und schaue mir beim Durchlesen der alten Texte sozusagen selbst über die Schulter.

Aber ändert sich da vielleicht mehr, greifen die Veränderungen über die einzelnen Blogs hinaus?

Meine digitalen Weggefährten der letzten etwa zwanzig Jahre haben sich ganz unterschiedlich entwickelt. Einige schreiben immer noch täglich (oder fast täglich), wie eh und je. Einige schreiben an anderem Ort als früher. Einige schreiben gar nicht mehr. Und einige, die früher auch viel schrieben, haben das Schreiben links liegenlassen und senden nur noch Photos.

Das kann man auch an den kommerziellen Formaten beobachten, dort ist es sogar besonderes auffällig: Denken wir aber auch an die Entwicklung, die das Blog der FAZ zur Buchmesse genommen hat, wo anstelle von Berichten über die Szene nur noch Photos der Abrechnungsformulare für den jeweiligen Auftrag zum „Nachtsatz“ gepostet wurden. Erst zum Schluß der Veranstaltung kamen etwas längere Texte.

Oder nehmen wir – eher aus dem Bereich „Community“ – ein neueres Blog, das über Frankfurt schreibt, Hallo Frankfurt – als Autorenblog bei Medium angesiedelt. Mehr ad hoc ginge wahrscheinlich nicht, denn bei Medium befindet man sich auf der Durchreise, man kommt nicht dorthin, um zu bleiben. Bilder dringen nach vorne, Bilder, die doch die Reflexion nicht ersetzen können. Nur noch Anstöße verbleiben, die nicht weiter nachvollzogen werden, denen dann nicht mehr weiter nachgegangen wird.

Haben wir schon alles gesagt? Produzieren wir heute einfach weniger selbst? Verbergen wir uns hinter den „geteilten“ Inhalten anderer? Oder ist das Netz, liegen die Kanäle der Datennetze, die dem Austausch dienen und der Herstellung von Öffentlichkeit, längst fast ausschließlich in den Händen der Marketing-Menschen, die dort nur noch ihren meist problematischen Geschäften und der Meinungsmache und Desinformation nachgehen?

Ist die Community schon längst durch bezahlte Kräfte ersetzt worden, wie in den Mailinglisten der Wikimedia Foundation, wo kaum noch einer ohne Wikimedia-E-Mail-Adresse postet, wo noch bis vor drei Jahren eine bunte Gemeinde zugange war, oder in den Twitter-Kanälen, wo fast nur noch angeworbene Blogger über „Events“ schreiben. Es gibt nicht nur die nervenden Trolls, sondern auch die Jubel-Diskutierer, die ausschließlich applaudieren und keine Ankündigung mehr einer kritischen Prüfung unterziehen, weil sie dazu nicht berufen wurden. Und je mehr diese Formen der organisierten und inszenierten Öffentlichkeit vordringen, desto mehr zieht sich die Community, die aus freien Stücken um sich und ihre Ziele warb, zurück und verstummt immer mehr.

Man muß sich das Web 2.0 doch zumindest zu großen Teilen als ein Potemkinsches Dorf vorstellen.

Vielleicht haben wir tatsächlich schon alles gesagt. Oder zumindest das meiste.

Sonntag, 6. November 2016

Von der Dyade zum Netzwerk

Sandra Uschtrin beschrieb (mp3) am 1. November 2016 im Gespräch auf hr2-kultur den Übergang von der Dyade Autor/Buchverlag zu Netzwerkstrukturen von Selbständigen, die gar nicht mehr im Verlag publizieren wollten, sondern ihren Content selbstbestimmt vermarkten würden. Nur beim Rechte-Verkauf für Übersetzungen sei der Verlag derzeitig noch notwendig, räumt sie ein. Die Gatekeeper-Funktion des Verlags werde von Bloggern übernommen, die nunmehr die Rolle innehätten, welche Rezensionen in Zeitungen und Zeitschriften früher zugekommen sei.

Sie hat nicht ganz unrecht, wenn sie auch davon lebt, so etwas zu erzählen. Die Bibliothek kommt in ihrer Erzählung nicht vor.

Montag, 31. Oktober 2016

Die ZDF-Mediathek im Oktober 2016

Die Ernüchterung über den Relaunch der ZDF-Mediathek ist doch ziemlich deutlich und umfassend zu spüren, man lese nur einmal die Kommentare unter dem voreiligen Jubelartikel bei netzpolitik.org.

Ein kurzer Test heute, also vier Tage nach dem Start des Portals, durchweg bei Eigenproduktionen des ZDF, für die die vollständigen Online-Rechte vorliegen sollten: Kein Download-Link mehr für die Videos; kein Link zum Streamen im externen Player; keine RSS-Feeds mehr und keine Podcasts mehr; die Seiteninformationen (via CMD-i) in Firefox zeigt nur eine ausgegraute Video-URL, daher auch auf diesem Weg kein Download; soweit aus der FAQ der Mediathek heraus weitere Hilfeseiten verlinkt sind, führen diese Links auf eine 404er-Seite; keine eigene Seite für die Programmvorschau mehr, sie wird unter der Seite mit dem Livestream versteckt und ist ohne diesen nicht aufrufbar.

Es hat also ausschließlich Verschlechterungen gegeben, keinerlei Verbesserungen.

Der ewige Ärger mit den Mediatheken hatte gerade schon den Entwickler des Download-Clients MediathekView dazu gebracht, das Handtuch zu werfen. Offenbar funktioniert derzeit kein Download-Client mehr beim ZDF. Auch vom Einsatz von DRM im HTML5-Player war schon die Rede. Dazu das eher peinliche Layout auf großen Bildschirmen.

In den Kommentaren bei netzpolitik.org wurde mediathekdirekt.de empfohlen. Dort erhält man, wie der Name schon sagt, weiterhin direkte URLs zu den Beiträgen in den öffentlich-rechtlichen Mediatheken im Format MP4.

Mittwoch, 26. Oktober 2016

Neue Ausgabe von mathmode.pdf

Herbert Voß hat eine neue Fassung seines E-Books zum Mathematiksatz mit LaTeX erstellt. Anders als die vorhergehende Version 2.37 von mathmode.pdf aus dem Jahr 2009, die auf CTAN verteilt worden war, kann die aktualisierte Ausgabe unter dem Titel Mathematical Typesetting with LaTeX in der TUG-Version 0.23 von der Website der TeX Users Group heruntergeladen werden. Dort findet man auch die Quelltexte aller Beispiele. Einige verbliebene kleinere Fehler werden in den kommenden Tagen noch behoben. Herbert Voß bittet gegebenenfalls um Bug-Reports an seine Adresse. Das E-Book wird nur für den privaten Gebrauch bereitgestellt und darf nicht über andere Server als tug.org weiter verteilt werden.

Voß, Herbert. Mathematical Typesetting with LaTeX. TUG-Version 0.23, 25. Oktober 2016.

Umfrageprobleme

Einem Beitrag in Nature zufolge gehen die Probleme beim Erstellen von politischen Meinungsumfragen in den USA unter anderem auf die Veränderungen beim Internetzugang zurück. Der Anteil von privaten Haushalten mit ausschließlich Festnetzanschlüssen sei von 2003 bis 2015 auf die Hälfte gefallen, während der Anteil derjenigen Haushalte, die ausschließlich mobilem Internetzugang haben, in derselben Zeit von null auf 50 Prozent gestiegen sei. Die meisten Benutzer nähmen auf dem Handy aber keine Anrufe von unbekannten Rufnummern entgegen. Deshalb sei es schwieriger geworden, Telefon-Umfragen durchzuführen. Es fehle somit an Daten, was auf Kosten der Repräsentativität und der Genauigkeit der Vorhersagen gehe. 1997 hätten noch 37 Prozent der Angerufenen geantwortet, derzeit seien es nur noch zehn Prozent oder weniger. Auch die Schätzungen der Wahlbeteiligung klappten deshalb nicht mehr. Im Fall der amerikanischen Präsidentschaftswahlen kämen noch die historisch niedrigen Zustimmungsraten zu den beiden Kandidaten hinzu, außerdem Effekte wie die Schweigespirale. Reine Online-Umfragen rekrutierten ihre Teilnehmer über Werbebanner auf Websites, was zu einer entsprechenden Schieflage führen könne. Einladungen zu Umfragen per SMS oder mit der Briefpost seien ebenfalls wenig erfolgreich.

Skibba, Ramin. "The polling crisis: How to tell what people really think." Nature News 538 , no. 7625 (2016): 304.

Sonntag, 23. Oktober 2016

MediathekView wird nicht weitergeführt (Update)

Entwickler Xaver W. hat vorgestern im Forum auf Sourceforge angekündigt, sein Programm MediathekView zum Jahresende einzustellen. MediathekView besteht aus einem Crawler, der die Mediatheken aller deutschsprachigen öffentlich-rechtlichen Fernsehsender durchforstet und deren Inhalte in eine Liste schreibt, sowie aus einem Frontend, über das man auf diese Liste dann zugreifen kann, um sie zu durchsuchen und ggf. Beiträge herunterzuladen oder in einem separaten Player live zu betrachten.

Ich habe MediathekView vor allem wegen der Volltextsuche genutzt. Aus unerfindlichen Gründen sind die Rundfunkanstalten nach wie vor nicht in der Lage, eine brauchbare Suche anzubieten (gleichzeitig wundern sie sich über die geringe Nutzung der Plattformen). Einzige Einschränkung: MediathekView lief in der neusten Version leider nicht unter El Capitan, trotz Installation des neuesten Java. :( Man kann aber die vorletzte Version weiter benutzen.

Der Grund für die Einstellung sei die hohe Arbeitsbelastung bei der Betreuung des Crawlers. Als nächstes müßte das Programm an die neue Mediathek des ZDF angepaßt werden. Außerdem seien immer mehr unerfreuliche Rückmeldungen hereingekommen. In einem zweiten Thread wird über Möglichkeiten für die Fortsetzung des Projekts diskutiert.

Update, 27. November 2016: Das Programm wird nun doch weitergeführt, heißt es im Forum. Es habe sich ein sehr engagiertes Team zusammengefunden, das das Programm und die Infrastruktur dahinter als Community-Projekt und in Teamarbeit weiterführen werde. Davon unabhängig, aber aus dem Umfeld während der Krise von MediathekView entstanden, ist mediathekdirekt.de, ein reines Web-Interface, von dem aus man Beiträge aus den Mediatheken durchsuchen und als mp4-Dateien herunterladen kann.

Die Frankfurter Buchmesse in zehn Jahren

Ich versuche mir vorzustellen, wie die Frankfurter Buchmesse in zehn Jahren sein wird.

Zunächst glaube ich, daß es sie in zehn Jahren auch noch geben wird. Es ist eher eine Frage der Größe.

E-Books laufen schlecht, und ich glaube nicht, daß sich bis dahin daran etwas ändern wird. Wenn es also in zehn Jahren noch eine Buchmesse geben sollte, wird es dort auch noch gedruckte Bücher geben.

Im Mittelpunkt steht die Veränderung der Öffentlichkeit durch die Digitalisierung. Die Öffentlichkeit fragmentiert sich immer mehr. Die Digitalisierung hat die Gatekeeper beseitigt: Jeder, der etwas publizieren möchte, kann das sofort tun, ohne daß er jemanden davon überzeugen müßte, daß der Content verkäuflich wäre, und ohne dafür prohibitiv hohe Kosten tragen zu müssen. Insoweit treten Buch, Wiki, Blog und soziales Netzwerk nebeneinander. Sie verdrängen einander nicht, haben auch nicht notwendigerweise etwas miteinander zu tun. Sie ergänzen sich, sind aber auch nicht gegeneinander austauschbar. Was heißt das?

Man kann den allgemeinen Trend im Zeitablauf als eine immer weiter zunehmende Kommerzialisierung des freien Netzes lesen. Es gibt aber auch eine entgegengesetzte Sichtweise, nämlich die Entkommerzialisierung des verlegerischen und korporativen Medienbetriebs.

Der Trend geht ziemlich klar in Richtung Entkommerzialisierung des Publizierens: Man findet einfach keinen Verlag mehr für sein Buch und muß es daher selbst erstellen, wenn man etwas veröffentlichen will. Die Verwertungskette Verlag – Buchhandel – Bibliothek – Antiquariat funktioniert immer weniger. Die Erträge lassen nach. Deshalb wird in den Verlagen immer mehr gängige Massenware produziert, alles, was als eine Nische erscheint, was sich „zu speziell“ ausnimmt und daher zu wenig einzuspielen verspricht, geht unter und muß hinter der Content-Mauer erst einmal gefunden werden. Es ist eine Art Hollywoodisierung des Buchgeschäfts.

Umgekehrt läuft der Vertrieb aus der Sicht des Autors rein online: Er inszeniert sich selbst als Experte und geht in Online-Communities, um seine Sachkunde zur Schau zu stellen. Wen das überzeugt, der wird seine Bücher kaufen. Das wird die primäre wirtschaftliche Funktion von sozialen Netzwerken und Blogs aus der Sicht des Publizisten sein.

Die Buchmesse wird daher in Zukunft vor allem noch sehr viel kleiner sein, denn die Selfpublisher brauchen sie nicht, bei ihnen läuft der gesamte Vertrieb online und in und aus virtuellen Netzwerken heraus. Ihr Publikum ist nicht mehr dort, sondern sitzt, wie es früher im Fernsehen hieß, „draußen an den Empfängern“, also an ihren Clients.

Die Verlage, die so eine Messe brauchen, und die Medien, die sich an sie dran hängen, werden sich also auf immer weniger substantielle Inhalte ausrichten. Dadurch wird die Messe einen immer kleineren Teil des Marktes abbilden. Alle Nischen fallen weg.

Am Ende wird sie kein gesellschaftliches Ereignis mehr sein, sondern nur noch eine Show von Massenmedien für Massenmedien, die von denen wahrgenommen wird, die überhaupt noch Massenmedien konsumieren – und das sind ja auch immer weniger.

Wie sich das anfühlt, kann man bei einem Nischenmarkt wie dem für Lehrbücher zu dem Textsatzsystem LaTeX heute schon sehen. Hier habe ich mal alle Lehrbücher und sonstigen Lehrtexte zusammengetragen, die seit 2005 erschienen sind. Jeweils nur die letzte Auflage, also das, was heute noch von Interesse ist auf dem jeweils letzten Stand. Wenn man die Jahrgänge durchgeht, sieht man, daß der Markt 2012 gekippt ist: Seitdem gibt es fast nur noch Bücher im Selbstverlag. Im darauffolgenden Jahr stellte Pearson die Produktion von IT-Büchern ein. Das alles findet auf einer Buchmesse also schon lange gar nicht mehr statt.

Eine untere Grenze für die Größe bzw. die Kleinheit der Messe ist nicht vorstellbar. Am Ende ist womöglich ein einziges Zimmer ausreichend. Oder das Blaue Sofa.

Mittwoch, 19. Oktober 2016

Eindrücke von der Frankfurter Buchmesse 2016

Auf die Frankfurter Buchmesse angesprochen, soll Marcel Reich-Ranicki einmal gesagt haben: „Das ist eine Verkaufsveranstaltung – damit habe ich nichts zu tun!“

Aber natürlich ist das Geschehen vielschichtig. Der Verkauf ist der treibende Anlaß, aber das Gut, das hier verkauft wird, ist sozusagen der Treibstoff der Informations- und Wissensgesellschaft, der im Kapitalismus natürlich auch eine Ware ist, und je länger ich die Messe besuche, desto mehr nähere ich mich ihr aus vergleichender Sicht.

Ganz klar war früher „mehr Lametta“, das ist überall so. Aber es war auch ingesamt „mehr los“. Heute war zum Auftakt doch ziemlich ruhiger Betrieb. Auch die Taschenkontrolle am Eingang war nicht so neu, wie der Newsletter vorab tat, das gabs auch früher schon, samt Polizeistreifen.

„Rund 10.000 anwesende akkreditierte Journalisten, darunter 2.000 Blogger“ zählt die PR-Abteilung der Buchmesse. Da haben sie wohl auch die Kameraleute und die Strippenzieher von 3sat und Arte noch mitgezählt?

Begonnen habe ich heute tatsächlich als Freebie-Sammler gegenüber vom Blauen Sofa: Das Deutschlandradio Kultur verteilt seine letzten orangenen Kugelschreiber mit dem alten Namenszug, bevor es bald ein neues Sendestudio bekommt und zu „Deutschlandfunk Kultur“ umbenannt wird. Also her mit den schönen Kugelschreibern, denn das ist ein langlebiges Modell. Ein Andenken zu Lebzeiten. Die mit Abstand schönsten Bleistifte gibts diesmal bei DeGruyter und bei Springer Nature.

Nach notwendigen Einkäufen und einem kleinen Mittagsmahl führt mich mein Weg natürlich in die Halle 4.2, und dort nach etwas Umsehen bei den ganz großen in ihren Standlandschaften, zu – ein Tusch! – Brockhaus. Vor einem Jahr wiederauferstanden, hat der schwedische Erwerber die Marke aus der Plattform von Munzinger gelöst, über die die ehrwürdige Enzyklopädie vermarktet worden war, und vertreibt seitdem ein Multimedia-Nachschlagewerk auf einer eigenen Website – die heute abend – wie bitte? – wegen Wartungsarbeiten offline ist. Hm.

Immerhin: Vor dem Hintergrund des Autorenschwunds bei Wikipedia wird die Brockhaus Enzyklopädie, auf die ich seit Jahresanfang dank unserer Stadtbibliothek zugreifen kann, um ein Kinder- und um ein Jugendlexikon erweitert. Das sind eigene Korpora, die auf dem früheren gedruckten Kinder-Brockhaus – den es nicht mehr gibt – aufbauen bzw. abgespeckte Inhalte aus der großen Enzyklopädie für die jugendlichen Leser. Außerdem gibt es neu ein Programm, in dem „Basiswissen“ zum Selbststudium didaktisch aufbereitet wird. Diese Module ergänzen die Enzyklopädie und richten sich speziell an Schüler, die Hilfe beim Nachbereiten des Unterrichts oder bei den Hausaufgaben suchen.

Und daneben steigt Brockhaus ins Schulbuchgeschäft ein und stellt Lehrmaterial bereit, das auf die Lehrpläne der Bundesländer abgestimmt ist. Bisher gibt es dazu einen PR-Bericht und eine Pressemitteilung. Angeboten wird der Zugriff auf den Content aus einführenden Modulen samt Aufgaben. Alles weitere – Internetzugang und Clients – liegt bei der Schule. Die Nutzung erfolgt plattformunabhängig in einem Webbrowser, also keine Apps, keine Einbindung in ein entsprechendes digitales Ökosystem, aber kein kollaboratives Arbeiten. Noch nicht.

Eine Lehrerin, mit der ich ins Gespräch kam, erklärte mir als Hintergrund zu solchen Angeboten, an den Frankfurter Schulen werde sich bis 2018 erst einmal gar nichts tun, was die Technik angeht. Als erstes würden jetzt die Toiletten saniert.

Und Duden legt beim „Klassenzimmer der Zukunft“ einen Flyer aus zur „Learn Attack“ mit WhatsApp-Nachhilfe vom „professionellen Nachhilfelehrer“, „sofort“. Man sprach über den „Nachmittagsmarkt“. Da ist viel Bewegung drin derzeit. Deutschland in der „Bildungspanik“ – so Heinz Bude schon 2011.

Auch über den Schülerduden via Munzinger sprach man. Aber Munzinger ist auf der Messe nicht vertreten.

Überhaupt, ist es ja mittlerweile viel spannender geworden, darüber nachzusinnen, wer alles nicht gekommen ist, als sich anzuschauen, wer diesmal erschien. O'Reilly Deutschland, sozusagen der Suhrkamp unter den Computerverlagen, war letztes Jahr noch da, dieses mal aber wieder nur noch O'Reilly UK.

Die „Verkaufsveranstaltung“ ist eben nicht mehr unbedingt notwendig fürs Marketing. Andererseits merkt man dem Betrieb aber auch die Klassengesellschaft stärker an als früher. Es gab immer schon die Einfamilienhäuser unter den Messeständen, an den großen Kreuzungen gelegen, und hinten raus die Nordsee, ebenso wie die Einzimmerwohnungen in den engen Nebenstraßen. Aber durch den Wegfall der früheren angelsächsischen Halle 8 internationalisiert sich die Szene, und die Kontraste werden härter.

Wie schon in den Vorjahren bloggen auch diesmal Café Digital, u. a. Andrea Diener bei der FAZ und Carmen Treulieb wieder nebenan.

Freitag, 23. September 2016

Büchermarkt II

Diese Woche ist bekannt geworden, daß das Kultur- und das Jugendprogramm ab April 2017 neue Namen erhalten sollen: Deutschlandradio Kultur wird zu Deutschlandfunk Kultur und DRadio Wissen wird zu Deutschlandfunk Nova.

Der Namenswechsel kostet eine Million Euro. Wissen Sie, das alte Briefpapier wird aufgebraucht und die alten Visitenkarten werden aufgebraucht, die sowieso alle paar Monate erneuert werden müssen. Aber das ist dann Normalgeschäft. Beides sind zudem wohl ziemlich unschöne Namen. Hinzu kommt die offizielle Begründung: Der Deutschlandfunk sei bekannter als das Deutschlandradio, deshalb sei es besser, die anderen Programme umzubenennen, dann würden sie auch von mehr Hörern eingeschaltet. Das ist nicht nachvollziehbar, angesichts des dort gleichzeitig erwähnten Zuwachses bei Deutschlandradio Kultur.

Eine Verschiebung der Kultur vom DLF zum Kulturkanal hat der Intendant Willi Steul in dem heutigen Gespräch dementiert. Trotzdem erscheint der Weggang Denis Schecks zum SWR in einem neuen Licht. Es wird wohl doch noch Pläne zum Umbau bei der Kultur geben. Einer wie Scheck gibt so eine Stelle nicht ohne Not auf.

Donnerstag, 22. September 2016

Noch lange nicht vorbei IX

Nach der Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus scheint es für schwarz-grün nicht mehr sicher zu reichen. Daher erstmals ganz offen die Diskussion über rot-rot-grüne Koalitionen.

Es ist ein Spiel mit verteilten Rollen, und die SPD bezieht Position für die Arbeithaber und überläßt die Arbeitslosen gerne der Linken. Erst haben sie die Löhne gedrückt und den „Niedriglohnsektor“ geschaffen, und jetzt sorgen sie dafür, daß die Regelsätze einen gehörigen Abstand zu diesen Hungerlöhnen aufweisen. So eben die „Sozialministerin“ in einem Beitrag im Deutschlandfunk. Und der Parteivorsitzende am Wahlabend live auf der Bühne. Nach oben buckeln und nach unten treten, das können sie, und dafür werden sie auch gewählt, von derzeit etwa zwanzig Prozent.

Welche Rolle die Grünen dabei spielen werden, hat sich ihr Geschäftsführer in der letzten Berliner Runde ausdrücklich offengehalten. Alles sei im Fluß, man wisse das heute noch nicht, es könne durchaus sein, daß es im Herbst 2017 am Ende dann doch für schwarz-grün reiche. Dann sei alles wieder ganz anders.

Und der Strom der ehemaligen Nichtwähler und der Linken-Wähler zu den ganz Rechten verweist auf einen völligen Ausfall an politischer Bildung.

So ungefähr.

Jörg Kantel hat gerade die Zustimmung zu CETA zum Anlaß genommen, nach 47 Jahren aus der SPD auszutreten – kaum zu glauben, daß er so lange dort Mitglied war! Claudia Klinger schrieb schon im vergangenen April über die gesellschaftliche Dimension hinter alledem. Über die Netzwerke, die mit dem Abbau der Volksparteien mit kaputtgehen.

Die Gesellschaft fragmentiert in 15-bis-20-Prozent-Partikel. Jeder kümmert sich nur noch um seine Klientel, aber niemand fühlt sich mehr fürs Ganze verantwortlich. Rette sich, wer kann.

So war die nicht vermeidbare Aufnahme der Fremden am Ende nur ein Anstoß, ein Tropfen, der das Faß zum Überlaufen brachte, um egoistische Stimmungen auszulösen und um ein Hauen und Stechen, alle gegen alle, zu triggern.

Und weil die Verteilungskämpfe aus dem ökonomischen Sektor jetzt in den politischen übergreifen, führen sie zu einem immer weitergehenden Auseinanderfallen. Vollkommen selbstreferentiell, als gäbe es die Welt da draußen gar nicht, als wäre sie bestenfalls ein Stichwortgeber. Der Blick über den Tellerrand hinaus fehlt. Vollkommen logisch daher das Nachdenken über das Schließen von Grenzen, die es schon ganz lange nicht mehr gibt und die es auch nicht wieder geben wird.

Klaus Harpprecht ist gestorben, er war ein Redenschreiber von Willy Brandt. Wie lange die Zeit schon her ist. Die „härteren Tage" sind da.

Sonntag, 18. September 2016

Büchermarkt

Denis Schecks Weggang beim Deutschlandfunk hat der Sendung Büchermarkt gut getan. Sein Nachfolger Jan Drees, der mir bisher vor allem als einer der wenigen lesenswerteren Literaturblogger aufgefallen war, macht ernst und bringt die Indie-Szene ins Feuilleton: Joshua Groß' Faunenschnitt aus dem Fürther Verlag Starfruit Publications wurde gerade von Christoph Schröder besprochen. Und von Wolfgang Herrndorfs Tschick gibts jetzt eine Verfilmung: Ob sie auch für Leser von Interesse sei (Besprechung von Maik Brüggemeyer)? Der DLF wird nun also doch etwas lebendiger. Es könnte sich lohnen, den Podcast der Sendung zu verfolgen.

Dienstag, 13. September 2016

Noch lange nicht vorbei VIII

Der Rechtsruck, der nun auch bei uns angekommen ist, ging ja unter anderem von Österreich aus. Robert Menasse hat heute morgen im Interview im Deutschlandfunk auch für Deutsche verständlich erklärt, wie die Kapitulation des Rechtsstaats durch die großen Koalitionen dort über einen sehr langen Zeitraum hinweg vorbereitet worden war.

Als mir vor ein paar Jahren mal ein Kollege erzählte, wie das in Österreich funktioniert, wollte ich es zuerst gar nicht glauben. Es gibt dort nämlich eine Rechtsquelle, die wir im deutschen Recht nicht kennen, das Verfassungsgesetz. Nach herrschender Meinung ist das ein Gesetz mit Verfassungsrang und gehört damit zum Verfassungsrecht; nach anderer Ansicht ist es einfach nur ein Gesetz, das mit verfassungsändernder Mehrheit beschlossen worden ist, aber eben nur im Range eines einfachen formalen Gesetzes. Solche Verfassungsgesetze wurden in Österreich immer dann erlassen, wenn etwas umstritten war. Sie wurden mit Zweidrittelmehrheit im Parlament beschlossen und waren damit der materiellen Kontrolle durch den Verfassungsgerichtshof entzogen. Verfassungsgesetze sind nach österreichischer Auffassung von vornherein verfassungsmäßig, sie können nicht verfassungswidrig sein, denn sie wurden ja mit verfassungsändernder Mehrheit beschlossen. Ihre Verfassungsmäßigkeit wird nicht an der zum Zeitpunkt ihres Erlasses geltenden Verfassungsrecht geprüft. Deshalb wurde auch kaum ein umstrittenes Gesetz in Österreich je vom Verfassungsgerichtshof aufgehoben, ganz im Unterschied zu Deutschland, wo es ja eher zum Regelfall geworden ist, die abenteuerlichsten Dinge im Parlament zu beschließen, weil sie später sowieso wieder „von Karlsruhe“ aufgehoben werden. Keine Sorge, Karlsruhe wird das wieder richten. „Der Gang nach Karlsruhe“ ist zum geflügelten Wort geworden – an sich ja auch schon ein Skandal. Karrierebewußte Abgeordnete verlassen sich darauf und stimmen schon auch mal dafür, wo es substantielle Zweifel an der Verfassungsmäßigkeit gibt. So erzählte das zumindest mal der ehemalige SPD-Abgeordnete Tauss, als seine politische Karriere zuende ging und er infolge der nach ihm benannten Affäre aus dem Parlament ausscheiden mußte. Diese Korrektur der Politik durch die Rechtsprechung, das Primat des Rechts über die Politik, kann man also in Österreich umgehen, indem man möglichst große Koalitionen bildet, die Verfassungsgesetze erlassen, um den Rechtsstaat auszuhebeln.

Menasse sieht darin eine Aushöhlung des Rechtsstaats, die sich aktuell auswirke: Die österreichische Verfassung ist systematisch zur Ruine gemacht worden. … Und mit der Begründung dieser Papierruine, die wir haben, macht jetzt das österreichische Verfassungsgericht, das die Wiederholung der Bundespräsidentenwahl lediglich auf formale Fehler bei der Auszählung, nicht auf Fehler im Ergebnis oder auf konkrete Manipulationen gestützt hatte – mit dieser Begründung mache also der Verfassungsgerichtshof die Republik zur Ruine, und das ist unerträglich. Indem sie gegen das Wahlergebnis vorgegangen sei, habe die FPÖ nichts anderes getan als die AfD in Deutschland. Beide Parteien liege daran, dieses System zu zerstören. Sie zerstören eine Republik, sie zerstören demokratische Strukturen im Namen der Demokratie. Und jetzt frage ich Sie: Erinnert Sie das an etwas?

Zumal eine Wahlwiederholung gar nicht möglich sei: Mittlerweile sind nämlich schon jetzt mehr Menschen, die wahlberechtigt waren bei dieser Wahl, gestorben, als der Stimmenunterschied zwischen den Kandidaten war. Es seien aber auch mehr Menschen wahlberechtigt geworden, also ins wahlberechtigte Alter gekommen, als Stimmendifferenz war zwischen diesen beiden Kandidaten, und die wiederum dürfen nicht wählen, weil nur die wählen dürfen bei der Wahlwiederholung, die schon damals wahlberechtigt waren. Das heißt, eine enorme Anzahl von Österreichern darf nicht wählen, muss aber dann sechs Jahre mit diesem Bundespräsidenten leben, und eine enorme Anzahl von Österreichern, die gewählt hat, kann nicht noch einmal wählen, weil sie bereits verstorben sind.

So werden Unregelmäßigkeiten erst geschaffen.

Geh'mer Tauben vergiften im Park?


Montag, 12. September 2016

NPR und CBC

Die Website von NPR ist wieder einen Schritt weiter auf seiner Website: Der Player läuft weiterhin ohne Flash, man kann jetzt aber auch zwischen dem bundesweiten Program Stream und fünfzehn (in Zahlen: 15) Musik-Streams umschalten. Und solange man auf der Website bleibt, spielt der Player weiter. Im Desktop-Player – wie gehabt – als MP3 und AAC.

Die kanadische CBC hingegen hat ihren Service deutlich zurückgefahren. Die 128er-Livestreams wurden für die Wiedergabe im externen Player im Ausland gesperrt. Auf der Website spielt nur noch Radio One (ohne Flash). Die offiziellen Livestream-URLs wurden auf 48 kb/s gedrosselt. Für das Kulturprogramm Radio 2 gibt es nur noch zwei internationale Streams – mit derselben Datenrate. Die weiteren Livestreams sind gleich ganz geo-geblockt.

Sonntag, 11. September 2016

Noch lange nicht vorbei VII

Was derzeit innenpolitisch geschieht, ist nicht überraschend. Man konnte es erwarten, denn es wiederholt sich im wesentlichen, was jahrelang in Österreich vorausgegangen war. Um das zu bemerken, hätte man die Entwicklung dort verfolgt haben müssen, natürlich. Die wenigsten tun das, aber ich mittlerweile schon, denn es lohnt sich. Es reicht für den Anfang schon ein Blick auf den derzeitigen Präsidentschaftswahlkampf. Marlene Streeruwitz hat das gerade im Standard kommentiert, und sie schreibt auf ihrer Website dagegen an mit einem Wahlkampfroman, in wöchentlichen Fortsetzungen. Weil der Roman als Kunstform die einzige Möglichkeit ist, abstrakte Verhältnisse wie eine politische Entscheidung auf das Leben zu beziehen und damit den Sonderfall des Allgemeinen herauszuarbeiten.

Ich glaube auch, es ist ernst geworden, es kommt darauf an, und die Ursachen liegen in erster Linie im Widerstand gegen die Modernisierung der Gesellschaft im ganzen – technologisch, ideologisch, sozial. Nicht nur in Europa, übrigens, sondern auch in den USA, wo Hillary Clinton gerade die Wähler von Trump wahrscheinlich ziemlich zutreffend beschrieben hat. Es ist eine Art modernitätsfeindliche, antimoderne Gegenströmung, die zwar eine Minderheit ist, aber eine doch ziemlich umfangreiche, so sehr, daß man nun nicht mehr an ihr vorbeikommt. Die jahrelang in der Schweigespirale war. Es ist die alte Stahlhelmfraktion bzw. deren Nachkommen, es sind Modernisierungsverlierer (wer ist das nicht?) und es sind Leute, die einfach nicht mehr mitkommen, die die immer komplexer werdende Welt nicht mehr verstehen und die nicht anders! rufen, sondern zurück! Die endlich wieder bleiben wollen, wo sie nie gewesen sind und wo kein Weg hin führen kann. Denn es geht ja nur nach vorne, niemals rückwärts.

Mit der Zeit zeigt sich ein Profil der Reaktion.

Und das alles muß man erstmal aushalten können. Siehe Armin Nassehi über die Allensbach-Umfrage zu der zunehmenden Angst unter den 30–59-Jährigen.

Unter zehn Cent pro Artikel

Beim Spiegel hat sich in den letzten Tagen mehr getan als nur ein Facelifting für die alte Tante SpOn – die 1996 mal so aussah. Auf ihre Hauptseite setzen sie jetzt häufiger Beiträge, von denen nur der Teaser frei lesbar ist. Wer mehr haben möchte, muß 39 Cent zahlen. Für eine ganze Woche dieser „Spiegel-Plus“-Beiträge hätte der Verlag gerne 3,90 Euro. Das ist eine Menge Geld, und man denkt an Fefes Beitrag über die Abo-Verträge von FAZ und Süddeutscher Zeitung, die auch ziemlich happig daherkommen. Oder täuscht der Eindruck?

Eher nicht. Beim Chaosradio gab es im vergangenen Mai eine Sendung über Online-Werbung. Ab Minute 01:39:16 werden Gegenmodelle zur Werbefinanzierung diskutiert und den Einnahmen aus der Werbung gegenübergestellt. Die profitablen Portale, also diejenigen, die mehr als eine „schwarze Null schreiben“, nehmen dabei „unter zehn Cent pro Artikel“ pro Leser ein, bezogen auf ihre Einnahmen für die jeweilige Seite, geteilt durch die Zahl der Leser eines Artikels, der mit Werbung versehen war. Die Einnahmen durch das User-Tracking muß man wohl noch dazu rechnen, denn mit diesen Daten bezahlen wir ja ebenfalls und zusätzlich („Du bist das Produkt“).

Daran sieht man, wieviel Luft in solchen Mondpreisen steckt und warum es legitim und notwendig ist, auf Alternativen auszuweichen, um sich zu informieren. Es steckt sogar unverschämt viel Luft in solchen Preisen. Und man kann das überhaupt nur ernsthaft vorstellen, weil die meisten Leute von den Online-Angeboten der Bibliotheken auch im Bereich E-Paper immer noch gar nichts wissen. Auch in der Sendung des Chaosradios kein Wort dazu. Mir mittlerweile unverständlich.

Die Zukunft kann nur eine kollektive Pauschallösung für alle Verlage gemeinsam sein. Wenn ich vierzig Euro zahle (sic!), darf ich erwarten, daß ich Zugriff auf die gesamte deutschsprachige Presse erhalte, und zwar aktuell und Archiv. Zugang und Abrechnung erfolgen über meine Bibliothek über die Nutzungsgebühren. So können auch sozial Bedürftige leicht eine angemessene Vergünstigung erhalten: Information als Grundrecht wäre für sie freizustellen, wie heute schon. Damit wären die privaten Verlage genauso gut bedient wie die Rundfunkanstalten. Man könnte sogar mal wieder eine Kulturflatrate für alles zusammen andenken – wem das nicht anno 2016 zu retro wäre…

Sonntag, 4. September 2016

Noch lange nicht vorbei VI

Wir haben als einzigen Gewinner: die Angst, sagte Michael Kellner von den Grünen in der Berliner Runde nach der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern. Die Sitzordnung ist rechts-links geteilt, zum ersten Mal in dieser Sendung. Aber das eigentliche Thema, das, abgesehen von der Angst, im Raum steht, ist doch das Unverständnis und die Hilflosigkeit angesichts der bundespolitischen Krise, über die die ausländischen Zeitungen breit berichten – zuletzt aus Belgien ein Rückblick auf die Nacht, als Deutschland vor einem Jahr die Kontrolle verlor. Interessant, daß die erheblichen Stimmenzuwächse der AfD bei den sozial Schwachen nicht thematisiert werden. Die Erhöhung des Regelsatzes um nur fünf Euro ab Januar 2017 war eine Woche vor der Wahl bekanntgegeben worden. Die Umverteilung von unten nach unten trieb den Rechten die Wähler zu, spielte in der Berichterstattung der bürgerlichen Medien aber keine Rolle. Heinz Bude sprach im Deutschlandfunk vor einer Woche von einem zunehmenden politischen Repräsentationsdefizit.

Donnerstag, 1. September 2016

„Pioniere des Comic“ und „Der Farbholzschnitt in Wien um 1900“ in der Frankfurter Schirn Kunsthalle – zugleich ein Bericht vom Schirn Up im August 2016

Die Frankfurter Museen verfahren beim Umgang mit Bloggern recht unterschiedlich. Den Anfang bei den sogenannten Blogger Relations machte einst die Kunsthalle Schirn mit dem Bloggertreffen, zu dem im Juli 2012 während der Ausstellung von Jeff Koons unter hohem Mitteleinsatz eingeladen wurde. Die Erfahrungen waren damals doch recht gemischt. Die Blogger wurden seitdem von Schirn, Städel und Liebieghaus den Journalisten gleichgestellt und beispielsweise auf den Presseverteiler aufgenommen. Das Städel zog kurz darauf mit einem „Abend unter Freunden“ (sic!) nach. Seitdem tat sich dann aber nicht mehr so viel in Sachen user-generated content, Communities und Frankfurter Kultur. Während der Montmartre-Ausstellung gabs nochmal ein paar Gastbeiträge im SchirnMag (das mittlerweile leider mehr Wert auf Mobil-Tauglichkeit als auf seine Archiv- und Suchfunktionen legt, daher hier ohne Verlinkung). Die letzten Veranstaltungen, von denen man etwas hörte bzw. las, waren das MMK-Blog-Camp beim Museum für Moderne Kunst sowie, natürlich, der Social-Media-Abend zum Städel-Jubiläumsjahr, jeweils Ende 2015. Man durfte also gespannt sein, als die Schirn, zeitgleich zu einem Sommerfest, nach längerer Zeit einmal wieder zu einem exklusiven Schirn Up für Blogger, Twitterer, Instagrammer und, neu hinzugekommen, auch Snapchatter einlud. Und das machte mich denn auch neugierig, nach all der Zeit mal wieder einen Blick auf die Entwicklung zu werfen.

Wenn man sich das Ergebnis auf den sozialen Netzwerken anschaut, war es denn doch eine sehr bunte Mischung an Teilnehmerinnen und Teilnehmern, die hier zusammengekommen waren, und aus der Rekrutierung, der Zusammensetzung, dem Ablauf und dem Ergebnis des Events kann man durchaus Rückschlüsse auf die Entwicklung und den derzeitigen Stand des Social Webs ziehen, die auch über den Kreis der in irgendeiner Weise Kulturinteressierten hinausgehen. Im Vergleich zum Anfang der Entwicklung vor vier Jahren ist es offenbar sehr viel schwieriger geworden, eine nennenswerte Zahl an qualitativ hochwertigen Beiträgern zu erreichen, die Spaß am Publizieren kultureller Themen im Netz haben. Dies, obwohl die Ankündigung zu der Veranstaltung über eine Vielzahl von Kanälen veröffentlicht worden war, von persönlichen Einladungen über die sozialen Netzwerke bis hin zur Ausstellungs-Website. Im Vergleich zu damals fehlten vor allem die Bildungsblogger, aber auch praktisch alle sonstigen etwas bekannteren und langjährigen Frankfurter Blogger und Twitterer. Der Trend ist deutlich: Die Szenen unterliegen einer immer weitergehenden Ausdifferenzierung, und damit einher geht die sich vertiefende Fragmentierung der Öffentlichkeit, wie es Jürgen Habermas schon 2006 in seiner Rede zur Verleihung des Renner-Preises – unter Kritik – beobachtet hatte. Diese Entwicklung hält seitdem an und radikalisiert sich. Die Folge ist, daß die Ansprache im Web 2.0 immer individueller ausfallen muß; hier wäre evtl. etwas Finetuning zu empfehlen. Man muß wohl noch persönlicher werden, um sicherzustellen, daß man die relevante Szene auch wirklich erreicht – oder man definiert Relevanz in einem anderen Sinne neu, das mag sein. Weiterhin ist der idealistische Impuls in der Netz-Gemeinde offenbar am Schwinden. Die Kommerzialisierung greift um sich. Verfolgt man die Spuren, die der Abend auf Twitter und Instagram hinterlassen hat, so stellt man fest, daß sich unter den Teilnehmern beispielsweise in der PR Tätige ebenso fanden wie ein paar Werbeblogger, deren Auftritt sich eher wie eine Art Dauerwerbesendung ausnimmt, wie man es sonst nur vom privaten Rundfunk her kennt. Andererseits war da ein leibhaftiger FDP-Politiker zu sehen, der bei fast dreißig Grad Außentemperatur zu dem Termin im schwarzen Anzug und mit weißem Hemd erschienen war. Inhaltlich bleiben bisher ausschließlich Photos im Netz zurück mit ein paar knappen Anmerkungen, keine Blogposts. Das ist nicht viel. Insgesamt also bietet sich ein ganz anderes Bild als früher, das man zumindest vorläufig als einen Rückzug des kritischeren Teils der Szene aus solchen Events lesen kann. Wenn man sowieso das ganze Jahr die Kultur verfolgt, sind eben die Mitnahmeeffekte, die sich bisweilen bieten, nicht mehr so attraktiv, vielleicht abgesehen von der Kuratorenführung, die mit der Veranstaltung verbunden war.

Zur Kunst, also. Kuratorenführungen kennt man ja viele, die Führung durch Alexander Braun aber war sehr engagiert und gehaltvoll. Die Ausstellung „Pioniere des Comic“, zu der wir eingeladen waren, ist eine absolut sehenswerte kleine und sehr feine Schau, auf die man sich nur sehr schwer wirklich vorbereiten kann, wenn man sich mit den historischen Wurzeln des Genres bisher noch gar nicht beschäftigt hatte. Deshalb neigt man allzu leicht dazu, das Thema zu unterschätzen und als zu leicht zu befinden. Im Vorfeld lesenswert ist auf jeden Fall der Überblick von Constanze Hahn über das neuere Schrifttum zur Comic-Geschichte, der im Januar 2016 bei literaturkritik.de erschienen war. Wer Zuflucht bei Wikipedia nimmt, sollte unbedingt die englische Fassung wählen, denn die Artikel in der deutschen Version sind oft schon viele Jahre nicht mehr aktualisiert worden. So fehlen beispielsweise bei Artikeln, die sich bis zu zehn Jahre inhaltlich kaum mehr verändert haben, Bilder von historischen Comics, die man mittlerweile auf Wikimedia Commons und in den jeweiligen Artikeln der englischen Wikipedia findet – das wäre doch mal ein sehr schönes Betätigungsfeld für Wikipedia-Neuautoren. Die ursprünglichen Autoren sind offenbar inaktiv geworden oder interessieren sich nicht mehr für ihr früheres Thema. Von den Zeitungen, deren Seiten in der Ausstellung gezeigt werden, sind sonst leider keine Digitalisate im Netz verfügbar. Das holzreiche Papier, das um die Jahrhundertwende zum Zeitungsdruck verwendet worden war, zerfällt zunehmend, und viele Exemplare waren nach der Verfilmung auf Microfiches vernichtet worden – wobei nur die schwarz-weißen Inhalte verfilmt wurden, weil farbige Bilder auf dem Mikrofilm nicht dargestellt werden konnten. So kommt es, daß der umfangreich bebilderte etwa 270-seitige Katalog durchaus als eine Referenz zum Thema im ganzen dienen kann.

Gezeichnet wurde auch vor dem Aufkommen der Comics schon häufig, bissig oder unterhaltsam. Bei der Einführung in die Ausstellung wird aber deutlich, worin eigentlich die „Avantgarde“, also das Innovative der ersten Comics bestand: Den Zeichnern eröffnete sich mit einem Mal ein breites Betätigungsfeld. Sie hatten viel Spielraum, um Neues auszuprobieren, denn die Verlage wußten noch nicht, was bei den Lesern mehr oder weniger gut ankommen würde. Deshalb ließen sie den Künstlern viel Freiraum, sich auszuprobieren, und sie nutzten ihn, bis hin zu selbstreflexiven und surrealen Geschichten, lange vor dem Aufkommen des „Surrealismus“. Die thematische und formale Formatierung aus kommerziellen Erwägungen kam erst sehr viel später. Aus technischer Sicht neu war der aufwendige Farbdruck, der nur für die Comic-Seiten zur Anwendung kam, ebenso die neue Technik, Papier herzustellen – zwar mit den vorgenannten Problemen für die Langzeitarchivierung infolge des hohen Holzanteils, was aber kurzfristig natürlich ohne Belang war, denn nichts ist bekanntlich so alt wie die Zeitung von gestern, man wirft sie leicht weg, morgen kommt die nächste heraus, und am darauffolgenden Wochenende gibts den nächsten Comic – teils waren es Fortsetzungsgeschichten, sie sollten sich aber wohl eher zum jederzeitigen Einstieg ad hoc eignen.

Die Comics dieser Zeit um die Jahrhundertwende in den USA waren vor allem eine Form der Popularisierung von Kunst, weil sie eine sehr große Verbreitung fanden. Das bringt sie in die Nähe der zweiten Ausstellung zum „Farbholzschnitt in Wien um 1900“, die parallel dazu gerade ebenfalls in der Schirn stattfindet. Der Unterschied im Produktionsprozeß und beim Produkt könnte nicht größer sein, aber in beiden Fällen handelte es sich um Ansätze, die dazu führten, daß Kunst sehr viel besser sichtbar wurde, man konnte es sich eher leisten, und soweit die Zeitungen betroffen waren, mag mancher noch bis in die Gegenwart hinein den tieferen Blick, den manche Geschichte auf den Alltag und unsere Wahrnehmung eröffnet, gar nicht bemerken. Tatsächlich aber haben die frühen Comics vielfach spätere Werke vorbereitet, etwa in den Motiven, die Lyonel Feininger später immer wieder in seine Bilder einbrachte. Sie gehen häufig auf seine Zeit als Karikaturist und Comiczeichner zurück, wie auch die Einkünfte, die er daraus bezog, eine wichtige Voraussetzung für seinen weiteren Werdegang als Künstler sein sollten. Der Comiczeichner war in den Anfangsjahren nämlich kein prekärer Nebenjob, sondern eine ziemlich einträgliche Tätigkeit. Der Unterschied im künstlerischen Ergebnis besteht vor allem in der hohen Auflage der Zeitung im Vergleich zu den Holzschnitten als Einzelstücke, die qualitativ abhängig sind vom jeweiligen Farbauftrag und vom dem Druckvorgang im Einzelfall. Während im einen also sowohl die Kulturindustrie als auch der spätere Factory-Ansatz der Popart-Künstler sich zeigt, steckt im Farbholzschnitt trotz allem noch ein Rest von Aura, die aus dem handwerklichen Fertigungsprozeß herrührt.

Jeweils Schirn Kunsthalle, Frankfurt am Main: Pioniere des Comic. Eine andere Avantgarde. Kurator: Alexander Braun. Bis 18. September 2016. – Kunst für alle. Der Farbholzschnitt in Wien um 1900. Kurator: Tobias G. Natter. Digitorial. Bis 3. Oktober 2016.

Dienstag, 30. August 2016

Noch lange nicht vorbei V

Bemerkenswert, wie ausführlich die französische Presse derzeit über den Jahrestag der Losung „Wir schaffen das“ berichtet. Le Monde brachte gestern einen Aufmacher mit Angela Merkels offiziellem Kampagnenphoto aus dem Bundestagswahlkampf 2013 (zur Erinnerung: mit beigem Kostüm vor dunkelblauem Hintergrund und Raute). Der Zustandsbeschreibung auf Seite 2 folgt eine Serie in sechs Teilen über Merkels Biographie, die die ganze Woche über noch fortgesetzt wird. Auf der Website nur für Abonnenten zu lesen, man muß also auf andere Lösungen ausweichen oder die Zeitung kaufen.

Über ihre erneute Kandidatur wird derzeit wohl noch verhandelt, und es ist auch schon etwas her, daß man sich ihr biographisch genähert hätte. Unvergessen das Interview das Arno Luik im Sommer 2000 für den Stern mit ihr geführt hatte. Aber die Beiträge der Auslandspresse lesen sich doch in vielem wie ein Nachruf zu Lebzeiten.

Und der Inlandspresse fällt zunehmend auf, daß „Wir schaffen das“ sowohl das Subjekt als auch das Objekt als auch die Tätigkeit völlig offen ließ: Wer schafft was und wie, mit welchen Mitteln? Es ist kein durchdachtes und kluges politisches Konzept, sondern eher das angstvolle Pfeifen im dunklen Keller. Und doch wird man davon ausgehen müssen, daß die große Zahl an Wandernden nicht ohne weiteres abzuwenden waren oder sein werden. So auch Marc Engelhardt vergangenen Sonntagmorgen im Deutschlandfunk: Denn die Menschen verließen ihre Heimat, um für sich persönlich globale Gerechtigkeit herzustellen. Die man ihnen auf Dauer nicht wird vorenthalten können.

Die Festung Europa zerbricht zuerst in Ost und West, dann fällt sie ganz. Völlig egal, übrigens, wer in der Zeit Kanzler war oder sein wird. Um einmal den Blick über die Aufgeregtheiten der Presse hinaus zu weiten.

Montag, 22. August 2016

Radio New Zealand und Radio Vatikan im Netz

Cool URIs don't change. Aber bei den Livestreams von Hörfunksendern muß man auch im Jahr 2016 immer noch mit allfälligen Änderungen rechnen. Da ich sowohl im VLC media player als auch in iTunes Radio höre, muß ich die Änderungen immer doppelt einpflegen. Schöne Überraschung dabei: Radio New Zealand hat seine Website vollständig überarbeitet und streamt nun endlich auch in mp3. Windows Media wurde zu Grabe getragen.

Demgegenüber hat sich Radio Vatikan fast vollständig vom freien Web verabschiedet. Auf der Website finden sich nur noch veraltete Angaben zu den Stream-URLs, in jeder Sprachversion, auch der deutschen. Der Sender scheint mittlerweile ganz und gar auf Apps und auf intransparente Player im Browser zu setzen. Ein Schritt nach vorn, und zwei zurück. (Die Redaktion ist informiert.)

Sonntag, 21. August 2016