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RSS-Spam

Der Relaunch der Website bei der Frankfurter Rundschau hat nicht nur dazu geführt, daß die alten URLs samt der RSS-Feeds nicht mehr gingen, dabei wurde auch eine neuen Form von Spam eingeführt: Die Feeds enthalten jetzt Links zu Werbung, die als eigener Beitrag im Feed transportiert wird. Sie wird alle 20 Minuten aktualisiert, taucht also ständig im Feedreader auf und spült sich in der Artikelliste immer wieder nach oben. Da hilft nur noch, die Feeds zu löschen. Ausweichbewegungen im immer mehr kommerzialisierten Netz. Bye, bye, FR.

Der neue Gesandte IV

Friedrich Küppersbusch, der seit einer Weile auf Soundcloud podcastet (RSS), hat in seiner Kolumne bei der taz bemerkt, daß die Gegenseite in die Falle getappt sei und das unbegleitete Flüchtlingskind „Agenda“ mit Freuden adoptiere. Er merkt aber auch: „Make Sozialpolitik great again“ krankt an dem „again“.

A propos great: Auf derselben Website liest man, das Kindergeld für EU-Ausländer solle an das Preisniveau im Herkunftsland gekoppelt werden. Harald Thomé zitiert in seinem heutigen Newsletter Beck aktuell: Betroffen davon wären – in dieser Reinenfolge – vor allem Polen, Rumänen, Kroaten und Bulgaren – wenn die dortigen Behörden überhaupt bei gleichzeitigem hiesigem Bezug noch Leistungen auszahlen. Die große Koalition ist sich Beck Online zufolge einig. Die EU-Kommission habe das Vorhaben abgelehnt. Damit könnten maximal 159 Millionen Euro jährlich eingespart werden, bei einem Einnahmenüberschuß von zuletzt 23,7 Milliarden Euro.

Der neue Gesandte III

Während die Linke bemerkt hat, daß ihr die Felle davonschwimmen, erklärt Stefan Sell gewohnt eloquent bei Makroskop, warum die sozialpolitische Diskussion der letzten Tage abwegig ist:

Während zu Beginn der 1990er Jahre noch 80 Prozent der Arbeitslosen Anspruch auf Arbeitslosengeld aus der Arbeitslosenversicherung hatten, ist es heute umgekehrt: 70 Prozent sind von vornherein auf Hartz-IV-Leistungen.

Mit anderen Worten: Sie zahlen, soweit sie sozialversicherungspflichtig beschäftigt waren oder sind, die Beiträge zur Arbeitslosenversicherung, aus der sie niemals Leistungen beziehen werden bzw. aus der sie niemals ausreichende Leistungen erhalten können. Sie sind zu kurz beschäftigt, und sie erhalten zu niedrige Löhne, so daß sie aus dem Grundsicherungsniveau niemals herauskommen können. Ihre Ansprüche scheitern also schon bei den Zugangsvoraussetzungen zu einer höheren sozialen Sicherung. Und um sie geht es in der aktuellen Debatte deshalb ja auch gar nicht. Für sie soll sich nichts ändern, denn diskutiert wird nur über die Bezugsdauer derjenigen, die in der Arbeitslosenversicherung sind. Es geht um diejenigen, die sowieso schon drin sind überall und ganz lange. Denn die Älteren haben die Mehrheit bei dieser Bundestagswahl, und sie werden sie entscheiden.

Sell hält dem entgegen, die derzeitigen Vorschläge seien keine Abkehr von der Agenda-Politik, wonach Deutschland den besten Niedriglohnsektor in Europa bekommen sollte – und bekommen hat. Sie stellen die Systemfrage nicht, deshalb führen sie auch nicht weiter, sondern sorgen – unter reger Beteiligung der parteipolitisch besetzten Massenmedien – zu einem Schaukampf, der noch lange so weiter gehen wird und der ausschließlich das Ziel hat, von den tatsächlichen Verhältnissen abzulenken, denn wenn diese bewußt würden, wäre ziemlich schnell klar, daß der Kaiser nackt ist.

Auf diese Weise wird das Repräsentationsdefizit eher verschärft als ihm abzuhelfen. Die Spirale nach unten, in die Krise hinein, wird nicht aufgehalten, im Gegenteil, es geht immer weiter hinein, statt nach wirklichen Lösungen zu suchen.

Der neue Gesandte II

Der Diskurs über die Reform der Reform von 2005 wird von oben geführt. Die bürgerlichen Medien steigen ein. Es geht nicht um Aufstieg, sondern darum, daß der Abstieg schon nicht kommen werde, weil es eine Lebensleistung gebe, die dem wirksam entgegenstehe. Peinlich nur, wenn herauskommt, daß man sich selbst nicht dran hielte. Leeren Versprechungen folgen noch leerere. Kein wirkliches Angebot, weder für die Ausgeschlossenen noch für diejenigen, die eines suchen, das sie vor dem Ausgeschlossenwerden schützen täte oder ihnen irgendwie sonst weiterhülfe.

Die Freitag Community revisited

Meine Erfahrungen als Autor der Freitag Community hatte ich seinerzeit auf der schneeschmelze verarbeitet. Der letzte Beitrag dort scheint von 2012 zu datieren. Verdammt lang her.

Wie sieht es dort heute aus? Die Community ist nur noch ein Schatten ihrer selbst, der inhaltliche Niedergang des crowdgesourcten Contents hat sich nach meinem Dafürhalten fortgesetzt, und Jakob Augstein erklärt in einem Interview gleichwohl ziemlich frei:

Die große Mehrheit unseres Netz-Inhalts stammt inzwischen aus der Community.

Obwohl in der Community also sehr viel weniger los ist als zu meiner Zeit (sie endete im November 2009), braucht man nur zum Füllen der Website mittlerweile keine Journalisten mehr. Man läßt zu einem großen Teil Freizeitblogger unbezahlt für sich schreiben. Und wenn man sie bezahlte, weil ihr Text in die Printausgabe übernommen wurde, honorierte man das mit 25 Euro, pauschal. Gilt das auch heute noch? Augstein ist trotz dieser Produktionsbedingungen der Ansicht, er verlege eine linke Zeitung.

Die Freitag Community sieht er als eine Ansammlung von Autoren, denen es leichter falle, Meinungsbeiträge zu schreiben als sachorientierte Texte. Darauf führt er seine Enttäuschung darüber zurück, daß es keinen Lokaljournalismus in der Freitag Community gegeben habe, was eine große Hoffnung bei deren Gründung gewesen sei.

Abgesehen davon, daß ich mich daran gar nicht erinnern kann, hatte ich als einer der wenigen, die damals über lokale Ereignisse geschrieben hatten, nicht den Eindruck, daß das auf Interesse stieß, weder bei der Community noch bei den Lesern noch bei der Zeitung. Meine Beiträge über kulturelle Veranstaltungen in Frankfurt wurden kaum gelesen, und die Redaktion flog sowieso die ganze Zeit in ihrem Raumschiff Berlin isoliert durch den weiten eher östlich orientierten Raum.

Auf die vielen ehemaligen Nutzer angesprochen, die die Freitag Community aufweist und deren Beiträge mittlerweile nicht mehr entfernt werden, auch wenn sie ihren Account dort schließen, raunt Augstein: Das ist ja ein atmender Organismus, ein normaler Prozess.

Man könnte auch sagen: Es ist ein langsames und stetes Ausbluten, ein Exodus der schreibenden Netizens, die immer weniger werden – nicht nur beim Freitag, sondern auch darüber hinaus im ganzen Web 2.0. Der Rückgang der Wikipedia-Autoren ist bekannt. Und für die Facebook-Nutzer ist das gerade wieder bestätigt worden: 30 Prozent weniger eigene Inhalte 2016 im Vergleich zum Vorjahr; merklich zurückgegangen sind aber auch die Likes pro Post, die Kommentare und das Sharing fremder Beiträge.

Der Erhalt von Texten ehemaliger Nutzer will diese übergreifenden Trends im Netz kaschieren. Beim Relaunch der Website des Freitags im Jahr 2012 löschte man noch die inaktiv gewordenen Blogs, so auch meines. Wenn man das heute machen wollte – was bliebe dann noch übrig? Dann doch lieber ein publizistisches Potemkinsches Dorf.

Der konservative Reflex V

Eine interessante Entwicklung: Naomi Klein arbeitet bei The Intercept mit. Von ihren Büchern schien mir die Schock-Strategie, worin sie die Hintergründe und die Auswirkungen der neoliberalen Ideologie beschreibt, am aufschlußreichsten. Relativ neu dort auch: Der Podcast Intercepted mit Jeremy Scahill, der 2013 den Film Dirty Wars gemacht hatte. The Intercept, von Laura Poitras, Glenn Greenwald und Jeremy Scahill betrieben, ist ein Beispiel für den Widerstand gegen den Rechtsruck in den USA, den man allerdings von der europäischen USA-Kritik unterscheiden sollte.

Der konservative Reflex IV

Hans Ulrich Gumbrecht faßt in einem Blogpost seine Eindrücke nach den ersten drei Wochen der Regierung Trump zusammen. Er beschreibt die für ihn täglich spürbaren Auswirkungen der sozialen Spaltung, die sich dahingehend auswirken, daß ihm seit der Wahl nur drei begegnet seien, die für die neue Regierung Position ergriffen hätten. Das ist das wahre Maß der Entfremdung, die man erst einmal aushalten können muß.

Gumbrecht sieht Trump auf einem energischen Weg ohne Richtung, unterwegs von irgendwo – nicht einmal eindeutig auf „die Rechte“ zuzuordnen – nach – man weiß es nicht, wohin. Er zeichnet ein bizarres Patchwork aus einem ziemlich plumpen Konservatismus und einem provozierenden Kurzschlußdenken, das jeden verwirren muß, der auch nur ein bißchen theoretisch vorgebildet ist. Es folgt eine Pathologisierung, der neue Präsident sei narzißtisch belastet und so weiter. Eine langfristige Konfrontation zwischen Exekutive und Judikative zeichne sich ab, für die es bisher kein Beispiel gebe. Eine blei-schwere Stimmung breite sich aus. Nur der Präsident twittert hysterisch-heiter weiter, als sei nichts gewesen. Er sitzt allein im Weißen Haus, seine Frau ist nicht mit eingezogen und lebt weiterhin in New York.

Bei alledem ist zu bedenken, daß Gumbrecht mit seinem Beitrag zwischen den Stühlen sitzt. Auf der einen Seite der kalifornische Elfenbeinturm, der ihn trägt, auf der anderen seine europäische Herkunft, zu der gewandt er berichtet.

Die Irritation der Europäer – oder vielleicht doch konkreter: der Deutschen über die Ereignisse der ersten drei Wochen der Amtsführung ist aber eine ganz andere als die der Amerikaner. Die Reaktion der amerikanischen Öffentlichkeit, die sich beispielsweise im Women's March on Washington zeigte, verweist auf eine andere Form von Betroffenheit, die sehr viel existentieller ist als unsere aus der großen Entfernung. Deshalb kommt das auch hierzulande in der Berichterstattung kaum vor.

Das deutsche Bürgertum hatte sich seit jeher als „Atlantiker“ mit den USA verbunden. Selbstverständlich waren die leitenden Redakteure der Zeitungen und der Rundfunkanstalten Mitglied in der Atlantik-Brücke oder in noch abwegigeren Zirkeln. Und diese Connections laufen nun leer, weil dortzulande das Führungspersonal gegen Militärs und Milliardäre ausgetauscht worden ist, die hier vorher keiner kennen mußte, weil das früher nichts genützt hätte. Wäre es anders gewesen, hätte man das selbstverständlich berücksichtigen können. Dumm gelaufen, also. Außerdem wurde für die falsche Partei und für die falsche Stiftung gespendet, und nicht zu knapp, das macht sich im nachhinein auch nicht so gut. Immerhin hat das aber eine andere Qualität als der Protest in Amerika, nämlich diejenige einer narzißtischen Kränkung: Man ist enttäuscht über den Weg des großen Bruders und gleichzeitig ärgert man sich sehr, daß man es nicht besser gewußt hatte, weil man einer realistischen Einschätzung selbst im Wege stand, und jetzt ist das Kind in den Brunnen gefallen, und einer der Herausgeber der „Zeit“, die ja schon immer auf der Seite des alten amerikanischen Establishments gestanden hatte, dachte schon öffentlich über das politische Attentat als Lösung nach.

So eine Grenzüberschreitung setzt voraus, daß der andere „keiner von uns“ ist. Sie vertieft die Gräben, statt sie zu schließen. Und sie zeigt, wie selektiv das Amerikabild ist, auf dem hierzulande meistens aufgebaut wird. Denn der Apparat, der nun in der amerikanischen Bundesverwaltung eingesetzt worden ist, 4000 Neubesetzungen immerhin, ist ja nicht über Nacht entstanden, er war die ganze Zeit schon vorhanden und steht jetzt zur Übernahme bereit. Das reaktionäre, xenophobe, antisemitische Amerika wird hier meist geflissentlich übergangen. Es existiert gleichwohl.

Ob der Deep State alledem etwas entgegenzusetzen hat, bleibt abzuwarten. Einer Anekdote zufolge soll der Einfluß der Führungsspitze letztlich begrenzt sein. Der ehemalige Bundesforschungsminister Rüttgers erzählte einmal Journalisten über sein erstes Treffen mit den Grundsatzreferenten: „Sie sind jetzt der vierte Minister, den ich in diesem Hause begrüßen darf.“

Ein Apfelbäumchen

Ist RSS am Sterben? Falls ja, beginnt es bei der deutschen Tochter von Transparency International. Nachdem ich gestern morgen den inaktiven Feed gerügt hatte, wurde dort am gleichen Tag – nicht der Feed repariert, sondern eine neue Nachricht eingestellt, nur im Feedreader zu lesen…, die da lautet: Liebe Abonnentinnen und Abonnenten des Transparency Deutschland RSS-Feed, leider haben wir im vergangenen Jahr die Pflege des RSS-Feeds vernachlässigt. Wir stehen nun vor der Entscheidung, ob wir die Aktualisierung in Angriff nehmen oder den Feed gänzlich schließen sollen. Für diese Entscheidung benötigen wir Ihr Feedback. Schicken Sie uns hierfür bitte eine E-Mail an … – So laßt und denn ein Apfelbäumchen pflanzen!

Das Orwellnet

Was man derzeit in den USA sieht, ist der Weg in einen autoritären Staat, der sogar noch den Militarismus, auf den Joseph Weizenbaum immer hingewiesen hatte, übertrifft. Und das geht jetzt sehr schnell. Die Nutzung von Tor soll noch weiter zugenommen haben, aber das sind letztlich nur Pflaster in einem Netzwerk, das ja aus der militärischen Nutzung entstanden war und in dem so etwas wie Privatheit und Grundrechte schon technisch nicht vorgesehen waren. Code is law, und dieser Code ist nicht geeignet, die Rechte der Benutzer zu wahren. Dagegen wird man nicht angehen können, indem man sich neue Regeln ausdenkt, denn die gibt es ja schon. Man muß beim technischen Code ansetzen, nicht beim rechtlichen Code. Und solange es kein Internet ohne Misere gibt, das technisch vollständig vom NSA- und Trump-Netz getrennt ist, wird es beim Orwellnet bleiben. Die Staaten werden die Freiheit ihrer Bürger im technischen Bereich nicht verteidigen, denn daran haben sie kein Interesse, auch in Europa nicht. Was die großen Konzerne angeht, ist es ebenso. Die Bürger werden sich ihr Netz selbst aufbauen müssen, um ihre Rechte zu wahren. Freiheits- und Gleichheitsrechte mußten immer erkämpft werden, sie wurden nicht kampflos vom Staat gewährt, sondern in langwierigen gesellschaftlichen Aushandlungsprozessen und Kämpfen errungen. Ich wäre skeptisch, ob es in zehn Jahren noch ein einheitliches Internet geben wird oder ob nicht der Weg in eine Vielfalt an Netzwerken gerade noch beginnt. Es geht um die ganze Hardware und um die Software. Vielfalt statt Ökosysteme. Sollte das nicht gelingen, wäre die Utopie vom Cyberspace als gesellschaftlichem Raum verlorengegeben.

Der neue Gesandte

Der neue Gesandte hat sich heute abend zum ersten mal in Gesellschaft begeben. Man parlierte und versuchte good sport zu sein. Alle sehr in Bewegung, man gab sich spielerisch, obwohl schon spät. Und die ganze Zeit über standen mehrere Elefanten im Raum, um die herum alle sorgsam Slalom liefen, ganz egal, wie laut sie trööteten und wie eng sie sich stellten. Einmal taten sich sogar zwei Elefanten mit ihren Rüsseln zusammen und schwangen sie, einem ganz langen Sprungseil ähnlich. Aber auch das brachte die Gesellschaft nicht zum Ausweichen. In der Art der jungen Advokaten, die neu sind am Barreau, sprang der Neuling darüber hinweg, hoch die Schenkel hebend und unter Applaus. Dabei schwang er die kleine rote Fahne mit dem goldenen Sternenkranz, die er an einem langen schwarzen Stab mit sich führte, den ganzen langen Tag schon. Alles in allem waren es sogar mehr als fünf, ich glaube, es waren am Ende sogar sechs Elefanten, von denen keiner sprechen durfte eine ganze Stunde lang. Und niemand stellte die Frage, warum er so lange dort verweilte, auf der Stelle springend, immer mehr und mehr, bis dann schließlich alle gingen gingen gingen.

Don't believe the Fake

Die Diskussion um Fake News geht leider weitgehend am Thema vorbei. Anstatt sich zu fragen, ob und in welchem Umfang es solche Meldungen gegeben hatte oder noch gibt und welche Folgen sie gehabt haben könnten, sollte man sich eher die Frage vorlegen, warum sie überhaupt beachtet werden? Ausgangspunkt ist ihr Ort: Wie kommt es, daß Menschen meinen, auf Sozialen Netzwerken finde man noch mehr vor, außer heißer Luft und einer Gelegenheit, seine guten Daten abgeben zu dürfen? Daß man dort auch noch irgendetwas erfahren könne, etwas Neues und Richtiges noch dazu. Das ist eine wirklich drollige und insgesamt so abwegige Vorstellung, daß man schon daraus ersehen kann, daß die Ideen darüber, woher man sich informieren könne, völlig durcheinander gekommen sind. Das gleiche gilt für Suchmaschinen, die ebenso wie Soziale Netzwerke, Werbeplattformen sind und also auf Desinformation zugeschnitten wurden. Sie sind sozusagen der Fake an sich. Das gleiche gilt natürlich auch für die „Online-Ausgaben der Zeitungen“, die ihre Meldungen ganz anders anordnen als in der Print-Ausgabe, was sich ebenfalls nachteilig auf die Qualität auswirkt. Und überhaupt: Zeitungsenten gabs eigentlich schon immer.

Trotzdem hat das Nachdenken eingesetzt. Auf der anderen Seite des Informationsspektrums, sozusagen. Ein schönes Beispiel dafür ist der Tagungsbericht Der Intellektuelle in postfaktischen Zeiten – Das „Denk-Festival“ in Weimar, der am 1. Dezember 2016 im Deutschlandfunk ausgestrahlt wurde. Zwei Zitate:

  • Wer behält den Durchblick mit welchen Argumenten?

  • Wir haben doch einen Zerfall von Öffentlichkeit in User-Gemeinden. Wir kennen die Subjektivierung der Wahrheit, die Reduktion der Wahrnehmung auf das Passende. Und da spielen wir – gemeint sind Intellektuelle – einfach eine geringere Rolle, wir sehen das doch auch empirisch: Wo ist unser Platz geblieben, den wir noch vor zehn Jahren in der „Zeit“ gehabt hätten? Es sind nur noch wenige Presseorgane, in denen wir überhaupt noch mit unseren Auffassungen zur Geltung kommen können. Ich glaube, daß am Ende unserer Zukunfts-, unserer Fortschritts-, unserer Emanzipationserzählung es nicht mehr die Intellektuellen sind, sondern, um es brutal zu sagen, die Social Bots, also die Beeinflussungsalgorithmen, die ganz anderswo diskutiert werden als in dem, was wir aufrufen, wenn wir von Voltaire bis Gramsci sprechen.

Aber auch das ist nicht wirklich neu, sondern genaugenommen nur eine weitere Spielart der Dialektik der Aufklärung reloaded. Es ist der alte Konflikt zwischen Vernunft und Kulturindustrie, nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Wiedervorlage: Der Presseausweis

Der alte Presseausweis ist wieder da. Der Deutsche Presserat und die Innenministerkonferenz (IMK) haben sich darauf geeinigt, die Vergabe der Presseausweise wieder zu reglementieren. Eine ständige Kommission, die zu gleichen Teilen mit Vertretern des Presserats und der IMK besetzt sei, werde darüber entscheiden, welche Berufsverbände den neuen bundeseinheitlichen Ausweis vergeben dürften.

Die Kriterien für die Anerkennung eines Verbands, sozusagen „würdig“ zu sein, den Presseausweis zu erteilen, sind noch nicht bekannt geworden. Aber wenn es ein einheitlicher Ausweis sein soll, wird es mit der Vielfalt bei den Vergabekriterien dann wohl vorbei sein.

Die Kritiker nehmen die Richtung des Prozesses dementsprechend vorweg und mutmaßen, für nebenberufliche Journalisten und Blogger solle es wohl schwerer gemacht werden, einen Ausweis zu erhalten.

Ein Backlash also, wo anderenorts die Blogger Relations blühen. Ein weiteres analoges Rückzugsgefecht, das versucht, das Publizieren und die Angehörigkeit zu den Publizisten wieder exklusiv zu machen, was aber nicht gelingen kann, denn das ist es schon lange nicht mehr.

Folglich wird der neue Presseausweis durch so einen Kurswechsel nicht an Wert gewinnen, sondern, im Gegenteil, an Wert verlieren. In einer Welt ohne Gatekeeper ist am Ende nicht der Ausweis der Nachweis der publizistischen Tätigkeit, sondern das Blog, das Social-Media-Profil oder allgemein: die dementsprechende authentische Aktivität im Netz. Das sogenannte Soziale, für jeden unmittelbar nachvollziehbar, was schreibt er denn, ersetzt einen externen Beleg endgültig. Der Versuch, den Kontrollverlust wett zu machen und die entglittene Deutungshoheit zurück zu gewinnen, wird fehl laufen – wenn es so kommen sollte.

Netzlese 2016-11-30

Le Monde erzählt heute (leider nur für Abonnenten bzw. in der gedruckten Ausgabe vom 1. Dezember 2016 auf Seite 2) von der 89-jährigen Gertrude aus Wien, die in einem Video zur Wahl Van der Bellens bei der österreichischen Bundespräsidentenwahl am kommenden Sonntag aufruft, weil sie die FPÖ aus vielen Gründen als nicht vertrauenswürdig durchschaut hat. Sie versuche, das Niedrigste aus den Leuten herausholen, nicht das Anständige … und das war schon einmal der Fall. Der Appell, der an die Intervention Empört Euch! erinnert, mit der der 93-jährige Stéphane Hessel 2010 zu mehr politischem Engagement aufgerufen hatte, sei auf mehreren Kanälen über drei Millionen mal abgerufen worden. Ursprünglich wurde er von der Kampagne Van der Bellens auf Facebook veröffentlicht. Im Abspann heißt es, Gertrude sei im Alter von 16 Jahren mit ihren Eltern und ihren beiden jüngeren Brüdern nach Auschwitz deportiert worden; sie habe als einzige überlebt. Sie sagt, es sei wahrscheinlich die letzte Wahl, an der sie teilnehmen könne.


Im Deutschlandfunk wies die Chefredakteurin des Standard Alexandra Föderl-Schmid auf die psychologischen Tricks der FPÖ-Politiker hin, die sich bei ihren Auftritten Verfahren aus dem Neuro-Linguistischen Programmieren (NLP) bedienten. Für österreichische Verhältnisse sei dieser Wahlkampf extrem schmutzig gewesen, sagte sie. Er habe Spuren hinterlassen.

Solchen Leuten muß man entgegentreten. Man muß zeigen, daß man sich gegen sie wendet. Und man muß sich dazu auch zusammentun. Christoph Kappes ruft in seinem Blog Gleichgesinnte zu einem Projekt Schmalbart auf, das sich der angekündigten deutschen Ausgabe des rechtsgerichteten Online-Magazins Breitbart entgegenstellen will. Er schreibt: Mein persönlicher Eindruck ist, dass es an Zivilcourage in der bürgerlichen Mitte fehlt – und zwar genau deswegen, weil man in der „Mitte“ eine Normalität von Gesellschaft empfindet, ohne ihre Fragilität zu sehen, und man seit Nine-Eleven und der Finanzkrise das ständige Mitlaufen einer Krise spürt und aus Angst lieber wegschaut.

Ich möchte lieber nicht II

Die Internetangebote der Presseverlage haben eine neue Runde eingeläutet: Sie beginnen damit, sehr viel mehr zu nerven als bisher. Die Website der Süddeutschen Zeitung (mit immerhin 25 eingebundenen Tracking-Diensten) läßt sich seit ein paar Wochen nur noch lesen, wenn der Werbeblocker oder Java-Script deaktiviert sind. Schaltet man den Werbeblocker ab, belästigt einen die Seite mit aufdringlichen Videos und großflächigen animierten Anzeigen, die den halben Bildschirm ausfüllen. Ähnliches findet man bei Axel Springers Welt (mit immer noch 8 Tracking-Diensten). Wie gelange ich dorthin? Über Links in der Presseschau des Verbraucherzentrale Bundesverbands. Hm. Man hört auf, solche Seiten zu nutzen. Es gibt Pressearchive, wenn es Journalismus sein soll. Es gibt NoScript und noch mehr Erweiterungen, um so etwas abzuschalten. Warum muß man das überhaupt abschalten, warum spielen unsere Browser, auch Firefox, solche Inhalte standardmäßig ab? Man merkt jedenfalls: Man ist darauf nicht angewiesen, um sich informiert zu halten. Anderes ist besser, und weniger ist mehr.

Der konservative Reflex III

Hintergrundbeiträge zur Präsidentschaftswahl in den USA und zu Trends im politischen Diskurs:

  • John Nichols: Der Anfang vom Ende? Demokraten, Republikaner und die Krise der US-Politik. Rosa-Luxemburg-Stiftung New York. November 2016. – Zeichnet den Wahlkampf nach und erklärt den Aufstieg von Donald Trump unter anderem damit, daß die amerikanischen Fernsehnachrichten ihn als Quotenbringer gebrauchen konnten, was wichtiger gewesen sei als eine umfassende Berichterstattung. Bernie Sanders habe deshalb seine Wähler währen der demokratischen Vorwahlen vor allem über soziale Netzwerke erreicht; die Über-50-Jährigen orientierten sich aber weiterhin am Fernsehen. Das relativiert den Einfluß der sozialen Medien auf die Meinungsbildung. Er resumiert, das derzeitige politische System der USA halte wirklich niemand mehr für akzeptabel.

  • Politische Kommunikation und Sprache der Rechtspopulisten. Postfaktisches Zeitalter, Framing und Desinformat. Moderator: Philip Banse. Diskutanten: Elisabeth Wehling, Anatol Stefanowitsch, Simon Hegelich. Deutschlandradio Kultur. Breitband. 12. November 2016. – Über die Bedeutung des Gebrauchs der Sprache und kognitiv-psychologische Tricks in der politischen Debatte.

  • Simon Hegelich: Social Bots. Invasion der Meinungs-Roboter. Analysen und Argumente 221/2016. Konrad Adenauer Stiftung. Sankt Augustin. 27. September 2016. – Beschreibt, wie der politische Diskurs in sozialen Netzwerken durch den Einsatz von Bots simuliert, inszeniert und manipuliert wird.

  • Mathias König, Wolfgang König: #MythosTwitter. Chancen und Grenzen eines sozialen Mediums. Otto Brenner Stiftung. OBS-Arbeitspapier 24. 6. Oktober 2016. – Auch in sozialen Netzwerken wirken die klassischen journalistischen Gatekeeper als Multiplikatoren für Themen und Beiträge.

A tale told by an idiot, full of sound and fury, signifying nothing II

Das heißt, die sozialen Medien sind in diesem Wahlkampf zu virtuellen Megaphonen verkommen, durch die man sich gegenseitig anbrüllt, in der Hoffnung, damit sozusagen Resonanz in der Anhängerschaft zu finden. Bei Trump ist das relativ gut gelungen, aber es hat natürlich nichts mit der demokratischen Vielfalt und den Versprechen, die man einst mit sozialen Medien verbunden hat, zu tun. …

Ich würde nicht so weit gehen zu sagen, dass Bots wahlentscheidend sein können, aber ich gehe schon so weit zu sagen, dass der Einsatz von Technik, von ganzen Botsystemen durch Hacker oder auch durch gezielte Propagandisten Meinungsklimata oder Meinungswellen hervorrufen kann.

Aus: Miriam Meckel. „Virtuelle Megaphone, durch die man sich gegenseitig anbrüllt“. In: Deutschlandfunk. 9. November 2016.

A tale told by an idiot, full of sound and fury, signifying nothing

"Both the technology itself, and the way we choose to use the technology, makes it so that what ought to be a conversation is just a set of Post-it notes that are scattered," Kerric Harvey, author of the Encyclopedia of Social Media and Politics, said of Twitter. "Not even on the refrigerator door, but on the ground."

She argues that what we do on Twitter around politics isn't a conversation at all; it's a loud mess.

Aus: Sam Sanders. Did Social Media Ruin Election 2016?. In: npr.org. 8. November 2016.

Die ZDF-Mediathek im November 2016

Fortsetzung des Berichts: Der Livestream ist so schwach bemessen, daß es nicht möglich ist, darüber die 19-Uhr-Heute-Sendung zu verfolgen. Der Stream bricht immer wieder ab, auch bei schlechtester Qualität. Auch ansonsten keine Verbesserungen.

Haben wir schon alles gesagt?

Schriftsteller und Literaturwissenschaftler diskutierten im SWR2 Forum über das Tagebuch. Und erwähnen die Blogs erst drei Minuten vor Schluß der Sendung.

Blogs kommen und gehen, die Literatur aber bleibt? Ich greife auf meine Blogs zu und wundere mich mitunter, was für Texte man dabei findet. Also gerade nicht: wiederfindet oder erinnert. Habe ich das damals geschrieben? Offenbar, ja. Gerade das ist aber doch ein Tagebuch-Effekt? Ich bin nicht mehr derselbe, habe mich verändert und schaue mir beim Durchlesen der alten Texte sozusagen selbst über die Schulter.

Aber ändert sich da vielleicht mehr, greifen die Veränderungen über die einzelnen Blogs hinaus?

Meine digitalen Weggefährten der letzten etwa zwanzig Jahre haben sich ganz unterschiedlich entwickelt. Einige schreiben immer noch täglich (oder fast täglich), wie eh und je. Einige schreiben an anderem Ort als früher. Einige schreiben gar nicht mehr. Und einige, die früher auch viel schrieben, haben das Schreiben links liegenlassen und senden nur noch Photos.

Das kann man auch an den kommerziellen Formaten beobachten, dort ist es sogar besonderes auffällig: Denken wir aber auch an die Entwicklung, die das Blog der FAZ zur Buchmesse genommen hat, wo anstelle von Berichten über die Szene nur noch Photos der Abrechnungsformulare für den jeweiligen Auftrag zum „Nachtsatz“ gepostet wurden. Erst zum Schluß der Veranstaltung kamen etwas längere Texte.

Oder nehmen wir – eher aus dem Bereich „Community“ – ein neueres Blog, das über Frankfurt schreibt, Hallo Frankfurt – als Autorenblog bei Medium angesiedelt. Mehr ad hoc ginge wahrscheinlich nicht, denn bei Medium befindet man sich auf der Durchreise, man kommt nicht dorthin, um zu bleiben. Bilder dringen nach vorne, Bilder, die doch die Reflexion nicht ersetzen können. Nur noch Anstöße verbleiben, die nicht weiter nachvollzogen werden, denen dann nicht mehr weiter nachgegangen wird.

Haben wir schon alles gesagt? Produzieren wir heute einfach weniger selbst? Verbergen wir uns hinter den „geteilten“ Inhalten anderer? Oder ist das Netz, liegen die Kanäle der Datennetze, die dem Austausch dienen und der Herstellung von Öffentlichkeit, längst fast ausschließlich in den Händen der Marketing-Menschen, die dort nur noch ihren meist problematischen Geschäften und der Meinungsmache und Desinformation nachgehen?

Ist die Community schon längst durch bezahlte Kräfte ersetzt worden, wie in den Mailinglisten der Wikimedia Foundation, wo kaum noch einer ohne Wikimedia-E-Mail-Adresse postet, wo noch bis vor drei Jahren eine bunte Gemeinde zugange war, oder in den Twitter-Kanälen, wo fast nur noch angeworbene Blogger über „Events“ schreiben. Es gibt nicht nur die nervenden Trolls, sondern auch die Jubel-Diskutierer, die ausschließlich applaudieren und keine Ankündigung mehr einer kritischen Prüfung unterziehen, weil sie dazu nicht berufen wurden. Und je mehr diese Formen der organisierten und inszenierten Öffentlichkeit vordringen, desto mehr zieht sich die Community, die aus freien Stücken um sich und ihre Ziele warb, zurück und verstummt immer mehr.

Man muß sich das Web 2.0 doch zumindest zu großen Teilen als ein Potemkinsches Dorf vorstellen.

Vielleicht haben wir tatsächlich schon alles gesagt. Oder zumindest das meiste.

Von der Dyade zum Netzwerk

Sandra Uschtrin beschrieb (mp3) am 1. November 2016 im Gespräch auf hr2-kultur den Übergang von der Dyade Autor/Buchverlag zu Netzwerkstrukturen von Selbständigen, die gar nicht mehr im Verlag publizieren wollten, sondern ihren Content selbstbestimmt vermarkten würden. Nur beim Rechte-Verkauf für Übersetzungen sei der Verlag derzeitig noch notwendig, räumt sie ein. Die Gatekeeper-Funktion des Verlags werde von Bloggern übernommen, die nunmehr die Rolle innehätten, welche Rezensionen in Zeitungen und Zeitschriften früher zugekommen sei.

Sie hat nicht ganz unrecht, wenn sie auch davon lebt, so etwas zu erzählen. Die Bibliothek kommt in ihrer Erzählung nicht vor.

Die ZDF-Mediathek im Oktober 2016

Die Ernüchterung über den Relaunch der ZDF-Mediathek ist doch ziemlich deutlich und umfassend zu spüren, man lese nur einmal die Kommentare unter dem voreiligen Jubelartikel bei netzpolitik.org.

Ein kurzer Test heute, also vier Tage nach dem Start des Portals, durchweg bei Eigenproduktionen des ZDF, für die die vollständigen Online-Rechte vorliegen sollten: Kein Download-Link mehr für die Videos; kein Link zum Streamen im externen Player; keine RSS-Feeds mehr und keine Podcasts mehr; die Seiteninformationen (via CMD-i) in Firefox zeigt nur eine ausgegraute Video-URL, daher auch auf diesem Weg kein Download; soweit aus der FAQ der Mediathek heraus weitere Hilfeseiten verlinkt sind, führen diese Links auf eine 404er-Seite; keine eigene Seite für die Programmvorschau mehr, sie wird unter der Seite mit dem Livestream versteckt und ist ohne diesen nicht aufrufbar.

Es hat also ausschließlich Verschlechterungen gegeben, keinerlei Verbesserungen.

Der ewige Ärger mit den Mediatheken hatte gerade schon den Entwickler des Download-Clients MediathekView dazu gebracht, das Handtuch zu werfen. Offenbar funktioniert derzeit kein Download-Client mehr beim ZDF. Auch vom Einsatz von DRM im HTML5-Player war schon die Rede. Dazu das eher peinliche Layout auf großen Bildschirmen.

In den Kommentaren bei netzpolitik.org wurde mediathekdirekt.de empfohlen. Dort erhält man, wie der Name schon sagt, weiterhin direkte URLs zu den Beiträgen in den öffentlich-rechtlichen Mediatheken im Format MP4.

Neue Ausgabe von mathmode.pdf

Herbert Voß hat eine neue Fassung seines E-Books zum Mathematiksatz mit LaTeX erstellt. Anders als die vorhergehende Version 2.37 von mathmode.pdf aus dem Jahr 2009, die auf CTAN verteilt worden war, kann die aktualisierte Ausgabe unter dem Titel Mathematical Typesetting with LaTeX in der TUG-Version 0.23 von der Website der TeX Users Group heruntergeladen werden. Dort findet man auch die Quelltexte aller Beispiele. Einige verbliebene kleinere Fehler werden in den kommenden Tagen noch behoben. Herbert Voß bittet gegebenenfalls um Bug-Reports an seine Adresse. Das E-Book wird nur für den privaten Gebrauch bereitgestellt und darf nicht über andere Server als tug.org weiter verteilt werden.

Voß, Herbert. Mathematical Typesetting with LaTeX. TUG-Version 0.23, 25. Oktober 2016.

MediathekView wird nicht weitergeführt (Update)

Entwickler Xaver W. hat vorgestern im Forum auf Sourceforge angekündigt, sein Programm MediathekView zum Jahresende einzustellen. MediathekView besteht aus einem Crawler, der die Mediatheken aller deutschsprachigen öffentlich-rechtlichen Fernsehsender durchforstet und deren Inhalte in eine Liste schreibt, sowie aus einem Frontend, über das man auf diese Liste dann zugreifen kann, um sie zu durchsuchen und ggf. Beiträge herunterzuladen oder in einem separaten Player live zu betrachten.

Ich habe MediathekView vor allem wegen der Volltextsuche genutzt. Aus unerfindlichen Gründen sind die Rundfunkanstalten nach wie vor nicht in der Lage, eine brauchbare Suche anzubieten (gleichzeitig wundern sie sich über die geringe Nutzung der Plattformen). Einzige Einschränkung: MediathekView lief in der neusten Version leider nicht unter El Capitan, trotz Installation des neuesten Java. :( Man kann aber die vorletzte Version weiter benutzen.

Der Grund für die Einstellung sei die hohe Arbeitsbelastung bei der Betreuung des Crawlers. Als nächstes müßte das Programm an die neue Mediathek des ZDF angepaßt werden. Außerdem seien immer mehr unerfreuliche Rückmeldungen hereingekommen. In einem zweiten Thread wird über Möglichkeiten für die Fortsetzung des Projekts diskutiert.

Update, 27. November 2016: Das Programm wird nun doch weitergeführt, heißt es im Forum. Es habe sich ein sehr engagiertes Team zusammengefunden, das das Programm und die Infrastruktur dahinter als Community-Projekt und in Teamarbeit weiterführen werde. Davon unabhängig, aber aus dem Umfeld während der Krise von MediathekView entstanden, ist mediathekdirekt.de, ein reines Web-Interface, von dem aus man Beiträge aus den Mediatheken durchsuchen und als mp4-Dateien herunterladen kann.

Die Frankfurter Buchmesse in zehn Jahren

Ich versuche mir vorzustellen, wie die Frankfurter Buchmesse in zehn Jahren sein wird.

Zunächst glaube ich, daß es sie in zehn Jahren auch noch geben wird. Es ist eher eine Frage der Größe.

E-Books laufen schlecht, und ich glaube nicht, daß sich bis dahin daran etwas ändern wird. Wenn es also in zehn Jahren noch eine Buchmesse geben sollte, wird es dort auch noch gedruckte Bücher geben.

Im Mittelpunkt steht die Veränderung der Öffentlichkeit durch die Digitalisierung. Die Öffentlichkeit fragmentiert sich immer mehr. Die Digitalisierung hat die Gatekeeper beseitigt: Jeder, der etwas publizieren möchte, kann das sofort tun, ohne daß er jemanden davon überzeugen müßte, daß der Content verkäuflich wäre, und ohne dafür prohibitiv hohe Kosten tragen zu müssen. Insoweit treten Buch, Wiki, Blog und soziales Netzwerk nebeneinander. Sie verdrängen einander nicht, haben auch nicht notwendigerweise etwas miteinander zu tun. Sie ergänzen sich, sind aber auch nicht gegeneinander austauschbar. Was heißt das?

Man kann den allgemeinen Trend im Zeitablauf als eine immer weiter zunehmende Kommerzialisierung des freien Netzes lesen. Es gibt aber auch eine entgegengesetzte Sichtweise, nämlich die Entkommerzialisierung des verlegerischen und korporativen Medienbetriebs.

Der Trend geht ziemlich klar in Richtung Entkommerzialisierung des Publizierens: Man findet einfach keinen Verlag mehr für sein Buch und muß es daher selbst erstellen, wenn man etwas veröffentlichen will. Die Verwertungskette Verlag – Buchhandel – Bibliothek – Antiquariat funktioniert immer weniger. Die Erträge lassen nach. Deshalb wird in den Verlagen immer mehr gängige Massenware produziert, alles, was als eine Nische erscheint, was sich „zu speziell“ ausnimmt und daher zu wenig einzuspielen verspricht, geht unter und muß hinter der Content-Mauer erst einmal gefunden werden. Es ist eine Art Hollywoodisierung des Buchgeschäfts.

Umgekehrt läuft der Vertrieb aus der Sicht des Autors rein online: Er inszeniert sich selbst als Experte und geht in Online-Communities, um seine Sachkunde zur Schau zu stellen. Wen das überzeugt, der wird seine Bücher kaufen. Das wird die primäre wirtschaftliche Funktion von sozialen Netzwerken und Blogs aus der Sicht des Publizisten sein.

Die Buchmesse wird daher in Zukunft vor allem noch sehr viel kleiner sein, denn die Selfpublisher brauchen sie nicht, bei ihnen läuft der gesamte Vertrieb online und in und aus virtuellen Netzwerken heraus. Ihr Publikum ist nicht mehr dort, sondern sitzt, wie es früher im Fernsehen hieß, „draußen an den Empfängern“, also an ihren Clients.

Die Verlage, die so eine Messe brauchen, und die Medien, die sich an sie dran hängen, werden sich also auf immer weniger substantielle Inhalte ausrichten. Dadurch wird die Messe einen immer kleineren Teil des Marktes abbilden. Alle Nischen fallen weg.

Am Ende wird sie kein gesellschaftliches Ereignis mehr sein, sondern nur noch eine Show von Massenmedien für Massenmedien, die von denen wahrgenommen wird, die überhaupt noch Massenmedien konsumieren – und das sind ja auch immer weniger.

Wie sich das anfühlt, kann man bei einem Nischenmarkt wie dem für Lehrbücher zu dem Textsatzsystem LaTeX heute schon sehen. Hier habe ich mal alle Lehrbücher und sonstigen Lehrtexte zusammengetragen, die seit 2005 erschienen sind. Jeweils nur die letzte Auflage, also das, was heute noch von Interesse ist auf dem jeweils letzten Stand. Wenn man die Jahrgänge durchgeht, sieht man, daß der Markt 2012 gekippt ist: Seitdem gibt es fast nur noch Bücher im Selbstverlag. Im darauffolgenden Jahr stellte Pearson die Produktion von IT-Büchern ein. Das alles findet auf einer Buchmesse also schon lange gar nicht mehr statt.

Eine untere Grenze für die Größe bzw. die Kleinheit der Messe ist nicht vorstellbar. Am Ende ist womöglich ein einziges Zimmer ausreichend. Oder das Blaue Sofa.

Eindrücke von der Frankfurter Buchmesse 2016

Auf die Frankfurter Buchmesse angesprochen, soll Marcel Reich-Ranicki einmal gesagt haben: „Das ist eine Verkaufsveranstaltung – damit habe ich nichts zu tun!“

Aber natürlich ist das Geschehen vielschichtig. Der Verkauf ist der treibende Anlaß, aber das Gut, das hier verkauft wird, ist sozusagen der Treibstoff der Informations- und Wissensgesellschaft, der im Kapitalismus natürlich auch eine Ware ist, und je länger ich die Messe besuche, desto mehr nähere ich mich ihr aus vergleichender Sicht.

Ganz klar war früher „mehr Lametta“, das ist überall so. Aber es war auch ingesamt „mehr los“. Heute war zum Auftakt doch ziemlich ruhiger Betrieb. Auch die Taschenkontrolle am Eingang war nicht so neu, wie der Newsletter vorab tat, das gabs auch früher schon, samt Polizeistreifen.

„Rund 10.000 anwesende akkreditierte Journalisten, darunter 2.000 Blogger“ zählt die PR-Abteilung der Buchmesse. Da haben sie wohl auch die Kameraleute und die Strippenzieher von 3sat und Arte noch mitgezählt?

Begonnen habe ich heute tatsächlich als Freebie-Sammler gegenüber vom Blauen Sofa: Das Deutschlandradio Kultur verteilt seine letzten orangenen Kugelschreiber mit dem alten Namenszug, bevor es bald ein neues Sendestudio bekommt und zu „Deutschlandfunk Kultur“ umbenannt wird. Also her mit den schönen Kugelschreibern, denn das ist ein langlebiges Modell. Ein Andenken zu Lebzeiten. Die mit Abstand schönsten Bleistifte gibts diesmal bei DeGruyter und bei Springer Nature.

Nach notwendigen Einkäufen und einem kleinen Mittagsmahl führt mich mein Weg natürlich in die Halle 4.2, und dort nach etwas Umsehen bei den ganz großen in ihren Standlandschaften, zu – ein Tusch! – Brockhaus. Vor einem Jahr wiederauferstanden, hat der schwedische Erwerber die Marke aus der Plattform von Munzinger gelöst, über die die ehrwürdige Enzyklopädie vermarktet worden war, und vertreibt seitdem ein Multimedia-Nachschlagewerk auf einer eigenen Website – die heute abend – wie bitte? – wegen Wartungsarbeiten offline ist. Hm.

Immerhin: Vor dem Hintergrund des Autorenschwunds bei Wikipedia wird die Brockhaus Enzyklopädie, auf die ich seit Jahresanfang dank unserer Stadtbibliothek zugreifen kann, um ein Kinder- und um ein Jugendlexikon erweitert. Das sind eigene Korpora, die auf dem früheren gedruckten Kinder-Brockhaus – den es nicht mehr gibt – aufbauen bzw. abgespeckte Inhalte aus der großen Enzyklopädie für die jugendlichen Leser. Außerdem gibt es neu ein Programm, in dem „Basiswissen“ zum Selbststudium didaktisch aufbereitet wird. Diese Module ergänzen die Enzyklopädie und richten sich speziell an Schüler, die Hilfe beim Nachbereiten des Unterrichts oder bei den Hausaufgaben suchen.

Und daneben steigt Brockhaus ins Schulbuchgeschäft ein und stellt Lehrmaterial bereit, das auf die Lehrpläne der Bundesländer abgestimmt ist. Bisher gibt es dazu einen PR-Bericht und eine Pressemitteilung. Angeboten wird der Zugriff auf den Content aus einführenden Modulen samt Aufgaben. Alles weitere – Internetzugang und Clients – liegt bei der Schule. Die Nutzung erfolgt plattformunabhängig in einem Webbrowser, also keine Apps, keine Einbindung in ein entsprechendes digitales Ökosystem, aber kein kollaboratives Arbeiten. Noch nicht.

Eine Lehrerin, mit der ich ins Gespräch kam, erklärte mir als Hintergrund zu solchen Angeboten, an den Frankfurter Schulen werde sich bis 2018 erst einmal gar nichts tun, was die Technik angeht. Als erstes würden jetzt die Toiletten saniert.

Und Duden legt beim „Klassenzimmer der Zukunft“ einen Flyer aus zur „Learn Attack“ mit WhatsApp-Nachhilfe vom „professionellen Nachhilfelehrer“, „sofort“. Man sprach über den „Nachmittagsmarkt“. Da ist viel Bewegung drin derzeit. Deutschland in der „Bildungspanik“ – so Heinz Bude schon 2011.

Auch über den Schülerduden via Munzinger sprach man. Aber Munzinger ist auf der Messe nicht vertreten.

Überhaupt, ist es ja mittlerweile viel spannender geworden, darüber nachzusinnen, wer alles nicht gekommen ist, als sich anzuschauen, wer diesmal erschien. O'Reilly Deutschland, sozusagen der Suhrkamp unter den Computerverlagen, war letztes Jahr noch da, dieses mal aber wieder nur noch O'Reilly UK.

Die „Verkaufsveranstaltung“ ist eben nicht mehr unbedingt notwendig fürs Marketing. Andererseits merkt man dem Betrieb aber auch die Klassengesellschaft stärker an als früher. Es gab immer schon die Einfamilienhäuser unter den Messeständen, an den großen Kreuzungen gelegen, und hinten raus die Nordsee, ebenso wie die Einzimmerwohnungen in den engen Nebenstraßen. Aber durch den Wegfall der früheren angelsächsischen Halle 8 internationalisiert sich die Szene, und die Kontraste werden härter.

Wie schon in den Vorjahren bloggen auch diesmal Café Digital, u. a. Andrea Diener bei der FAZ und Carmen Treulieb wieder nebenan.