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Schräg nach oben

Erst summt es leise, dann wackelt etwas oben links in mein Blickfeld hinein. Ich schaue vom Bildschirm auf. Ein kleiner Marienkäfer ist hereingekommen und sitzt nun seitlich am Aichberger, genauer gesagt: am Aichberger-Karton, auf der Seite, die dem Schönfelder-Karton zugewandt ist, der daneben auf meiner Fensterbank liegt. Ich halte ihm ein kleines Stück Papier entgegen, der Einkaufszettel für nächste Woche. Der Marienkäfer fällt herunter auf den Rücken und zappelt mit seinen Beinchen, hält sich dann aber schnell wieder an dem Zettel fest. Ich drehe den Zettel um und führe ihn in Richtung Balkontüre. Und dann fliegt der Käfer davon in einem eleganten Bogen schräg nach oben zu Licht und Himmel, wo er herkam, bevor ich ihn das erste Mal gesehen hatte. Das muss ich gleich aufschreiben, damit es nicht verlorengeht.

Frühling 2017

Und so ist die Welt auf einmal wieder warm und bunt und laut geworden. Schon die kleinen Blättchen an den Bäumen und an den Sträuchern füllen den Raum und machen ihn schwerer durch-schau-bar. Die Kröten sind schon gewandert, und die Vögel zwitschern, als hätten sie etwas ganz wichtiges zu erzählen, das jetzt keinen Aufschub mehr dulde. Zwischendrin rote, weiße und gelbe Tupfer von Blüten; die ersten fallen schon wieder ab. Und auch die Hummeln sind schon unterwegs und die Wespen – im März/April. Meine Hausspinne krabbelt einen Tick sportlicher als sonst an der Wand entlang und über den Boden weg. Und am Mainufer fängt sich die Sonne.

Die Zeit der vielen kleinen Abschiede

Black is the colour of my true love's hair. Ein Klassiker von Nina Simone. So tief und traurig wie der endende Sommer, dessen große Fracht schon längst verladen ist. Ein Endspiel aus Sonne und Licht und noch einmal Wärme. Die gelben und braunen Tupfen in der Natur nehmen zu, sie werden größer und kräftiger, bis auch das letzte Grün gegangen sein wird. Eine Jahreszeit der vielen kleinen Abschiede – die letzten Wespen, die letzten wilden Rosen, bald schon die letzten Zwetschgen. Weggehen und gehen lassen. Und immer stirbt ein bißchen Welt mit jedem Tag. Jeder Tag ein bißchen kürzer als der vorhergehende. Bis es wieder aufwärts geht?


Ende März

Nach dem übermütig-warmen Nachmittag verschwindet die Sonne brüsk hinter den Wolken, und das Zwitschern der Vögel verstummt im kalten Wind.

Unter dem Tor hindurch

Der Igel fiel mir auf, als ich die Straße entlang ging. Erst lief er unter das geparkte dunkle Auto, dann aber weiter, darunter hindurch und quer über den Fußweg, direkt auf das niedrige Tor zu. Als ich mich immer mehr näherte, nahm er kurz Maß und lief dann mit voller Geschwindigkeit zu dem Tor, machte sich so schlank es ging und schlüpfte unter dem Tor hindurch, von mir weg. Das dürfte ihm nicht leicht gefallen sein, er kam gerade noch so hindurch und brachte sich vor mir, dem gefährlichen Menschen, in Sicherheit in Richtung Rasen und dann hinüber zur Hecke, unter der er kurz darauf wieder verschwand.

Durch das Grau hindurch

„Der Morgen graut“: Dunkelmattes Grün. Bäume vor blauweißem Himmel, und die Vögel zwitschern genauso laut wie die A3. Kraftlose Farben – und ein Buch, fast ausgelesen am Ende der Nacht – als wolle die Natur die Sinne schonen mit der spärlichen Kraft. Oder als arbeite sich die Farbe erst noch durch das Grau hindurch oder hervor, immer mehr, immer heller, bis die Sonne zu sehen ist, die dann immer wärmer strahlt, bis das Grau fast ganz weg geht und die Farben die Welt zurück erobert haben. Und das Leben.

Kersch, Karsch, Korsch und Kirsch XV

„Hören Sie die Vögel, die die ganze Nacht hindurch zwitschern“, fragte Karsch. – „Als wollten sie die Nacht hingwegsingen und den Tag herbei“, überlegte Kersch. „Den Frühling herbeisingen, bis er endlich da ist.“ – „Den Frühling, und dann auch den Sommer, der auf den Frühling folgen wird. Folgen muß, wie in jedem Jahr.“ – „Ja. Wie schön das ist.“

Kersch, Karsch, Korsch und Kirsch XIV

„Bemerken Sie, wie das Licht sich geändert hat in den letzten Tagen?“ fragte Karsch. „Es ist jetzt sehr viel kräftiger geworden. Hell und klar. Noch kühl, aber die Kraft des Lichts dringt in die Menschen, und das fühlt sich gut an.“ – „Auch die Dämmerung dauert deutlich länger jetzt, und sie setzt schon später ein. Die Luft ist trocken und klar.“ Korsch schaute noch lange aus dem Fenster: „Noch sind die Zweige an den Bäumen kahl und wirken wie Scherenschnitte gegen den spätwinterlichen Himmel.“

Kersch, Karsch, Korsch und Kirsch XIII

„Haben Sie bemerkt, daß in diesem Jahr vieles zuende gegangen ist, ohne daß anstelle dessen etwas Neues begonnen hätte?“ fragte Karsch. — Kersch, nachdenklich: „Es ist aber noch nicht alles zuende. Das Jahr selbst ja auch noch nicht.“ — „Das stimmt. Und die ungewöhnlich milde Witterung zum Winteranfang scheint wie ein Signal zu sein, den Winter gar nicht erst beginnen zu lassen und direkt vom Herbst in den Frühling überzugehen.“ — „Der Sonne und dem Licht entgegen. In drei Monaten beginnt die Sommerzeit.“ — „Und die Zugvögel kommen dann auch wieder zurück.“ — „Beginnt dann etwas Neues?“

Kersch, Karsch, Korsch und Kirsch XI

Kersch freute sich über den Herbst, obwohl er dieses Jahr etwas zu früh begann, wie er meinte. Kühle Luft, in der Sonne war es aber weiterhin warm. Auf dem Rückweg hatte er mehrere schwarze Käfer, die mit zappelnden Beinen auf dem Rücken umherlagen, umgedreht – und dabei natürlich an Kafka gedacht. Die Käfer schienen dankbar zu sein für seine Hilfe. Sie krabbelten sofort weiter in Richtung Wegrand, um nicht länger auf dem Waldweg zu bleiben, wo schon viele von ihnen von Radfahrern und Spaziergängern überfahren und plattgetreten worden waren.

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