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Montag, 27. März 2017

Der neue Gesandte VI

Und man fragt sich doch, warum das Ergebnis der jüngsten Wahl nicht als das bezeichnet wird, was es doch eigentlich war – wenn die linkeren Parteien jeweils Stimmen verloren und die rechten welche hinzugewonnen haben: Ein Rechtsruck.

Samstag, 25. März 2017

Thunderbird löst sich sich von Mutter Mozilla

Sehr lesenswert derzeit: Die Diskussion um die Ablösung von Thunderbird von Mozilla Firefox auf der moderierten Mailingliste tb-planning. Firefox wird ab dem Herbst Add-ons in XUL nicht mehr unterstützen, sondern ausschließlich auf Web Extensions setzen (davon abgesehen gibts noch einen neuen Skin, der größtenteils von Google Chrome abgekupfert ist).

Nachdem alles, was sowohl Firefox als auch Thunderbird als Tool für die tägliche Arbeit auch weiterhin wirklich interessant macht, in Erweiterungen outgesourct worden war, ist so eine Veränderung natürlich ein Riesenproblem, denn viele Entwickler haben schon angekündigt, daß der Neuschrieb ihres Add-ons für sie zu aufwendig würde. Zur Erinnerung: Thunderbird ist bis heute an vielen wichtigen Stellen so rudimentär und vorläufig geblieben, daß weder die Anordnung der Konten noch der Ordner in der Liste zuverlässig funktioniert, wenn man dazu nicht die Erweiterung Manually sort folders installiert – und selbst dann kann es Ungereimtheiten und Probleme geben. Auch mehrere E-Mail-Signaturen kann der Client nur mit der Erweiterung Signature Switch handhaben. Vom Adreßbuch, das erst mit MoreFunctionsForAdressBook wirklich brauchbar wird, ganz zu schweigen. (Allerdings steht natürlich auch eine vollwertige Unterstützung fürs Arbeiten in Esperanto zur Verfügung – aber das nur am Rande).

Die Mutter Mozilla hatte bereits 2012 bekanntgegeben, daß man sich aus der aktiven Entwicklung zurückziehe. Seitdem verschwand der Mail-Client von der Startseite von Mozilla, und es gab nur noch regelmäßige Bugfixes und einige kleinere Veränderungen der Oberfläche, aber keine neuen Features mehr. Drei Jahre später gabs den zweiten Tritt von Mozilla-Chefin Mitchell Baker, die sich für die Trennung des Thunderbird-Projekts von Firefox aussprach, weil es das Voranbringen des Webbrowsers zu sehr behindere, weiterhin Rücksicht auf den Mail-Client zu nehmen.

Außerdem benutzen immer weniger, die überhaupt noch E-Mail verwenden, einen Mail-Client und weichen auf die Web-Oberflächen der Mail-Provider aus. Der Thunderbird-Support weiß von verwunderten Benutzeranfragen zu berichten, warum Thunderbird kein eigenes Konto bereitstelle, das sei man von den anderen Providern, die man bisher im Webbrowser benutzt habe, so gewöhnt gewesen…

Seitdem hält ein tapferes Team von Thunderbird-Entwicklern, das mitunter an das bekannte kleine gallische Dorf erinnert, den Quellcode am Leben und sorgt dafür, daß bei dem geschwinden Voranschreiten des Feuerfuchses der Donnervogel auch weiterhin überhaupt noch kompiliert werden kann. Die Diskussion im Heise-Forum Anfang dieses Jahres zeigte: Wir befinden uns technisch, personell und wohl auch, was die sonstigen Ressourcen angeht, in jeder Hinsicht am Limit. Und so nimmt es nicht wunder, daß die Einführung in das MozillaZine-Forum zu Thunderbird überschrieben ist: Is Thunderbird dead and other FAQ.

Thunderbird möchte in der nächsten Zeit zweierlei angehen: Sein Image-Problem (so gut wie scheintot zu sein, trotz einer deutlich achtstelligen Zahl von aktiven Installationen weltweit) und die durch die Abkoppelung von Firefox ab Ende 2017 notwendig gewordene Trennung der Codebasis vom einstigen Mutterprojekt. Ben Bucksch schlägt vor, Thunderbird in JavaScript neu zu schreiben und dabei den alten Client so gut wie möglich nachzubauen. Dafür veranschlagt er insgesamt ungefähr drei Jahre. Wir sprechen uns also wieder im Jahr 2020.

In der darauffolgenden Diskussion, die noch andauert, wurde schnell klar, daß es damit nicht getan sein wird. Auch das Portal für Add-ons, das sich Thunderbird bisher mit Firefox geteilt hatte, wäre zu klonen, zu sichten, kräftig auszumisten und anzupassen, denn dort sammeln sich inzwischen die Karteileichen, die nur noch mit längst veralteten Versionen funktioniert hatten, aber heute schon nicht mehr aktuell sind. Man wird also auch einen eigenen Review- und QS-Prozeß brauchen.

Daneben ist wohl eine Werbe- und PR-Kampagne angedacht, um das etwas angestaubte Image des E-Mail-Clients wieder aufleben zu lassen – der letzten Post im Thunderbird-Blog datiert vom Dezember 2015.

Nachdem ich jahrelang auf dem Mac ausschließlich mit Apple-Produkten gesurft und gemailt hatte, war ich in den beiden letzten Jahren sukzessive zu Tor-Browser, Firefox ESR und Thunderbird zurückgekehrt und finde dort eine Umgebung vor, die im wesentlichen immer noch derjenigen entspricht, die ich Mitte der 1990er Jahre auf meinem ersten richtigen Computer, einer AIX-Workstation an der Uni, im Netscape 3 kennengelernt hatte. Diese Tools sind für mich so unverzichtbar wie Emacs, LaTeX – und mit etwas Abstand auch LibreOffice. Insoweit wünsche ich natürlich auch den Mozilla-Produkten und ihren Nachfolgern ein langes Leben…

Mittwoch, 15. März 2017

In der Elefantenschule

In der Elefantenschule kommen alle kleinen Elefanten jeden Tag zusammen und lernen, was man als Elefant so alles wissen muss: Wie man mit dem Rüssel trinkt und alles, was gut schmeckt, vom Boden aufliest und in den Mund steckt. Wie man mit den großen Ohren wackeln kann. Und wie man in den Fluss hinein und wieder heraus kommt, wenn die Herde, geführt von der ältesten Elefantin, umherzieht.

Das dauert nur ein paar Jahre, dann wissen alle Bescheid und sind am Ende, wenn sie die Schule durchlaufen haben, zwar noch keine ganz großen, aber schon etwas größere Elefanten geworden.

Samstag, 11. März 2017

Der neue Gesandte V

Aber man kann es ja mal mit einem anderen probieren, schrieb Stephan Lessenich gestern in der Süddeutschen Zeitung. Natürlich, das ist möglich. Sie sind alle austauschbar. Oder man stellt sich zumindest vor, sie wären es. Der eine so gut wie der andere. Und wenn das eine Fahrrad nicht mehr fährt, dann nehme ich eben das andere. Bloß daß ich es bin, der in die Pedale treten muß, beidesmal. Der eine statt der anderen – aus Angst vor wirklicher Veränderung und um weiter leugnen zu können, daß es doch nicht so weitergehen könne wie früher. Alles soll wieder so sein wie damals. Und so reichen sie ihm die Hand, von allen Seiten, auch von der linksgelegenen Seite, wo es heißt, man müsse sich jetzt darauf einstellen. Es könnte weitergehen, ohne daß es wirklich anders wird – auch für sie ein großes Versprechen. Und man müsse dabei sein, wenn es dazu käme. Unbedingt.

Freitag, 3. März 2017

„Wir hatten ‚unsere‘ Blogwelt“

Die Literaturkolumne von Ekkehard Knörer im Merkur vom März 2017 ist mehr als ein nostalgischer Text. Es ist zumindest auch ein melancholischer Beitrag zur Netzgeschichte, zum Untergang der Blogwelt, in die hinein ich ja auch in den 1990ern sozialisiert worden war und die jetzt ein Ding der Vergangenheit geworden ist angesichts der fragmentierten Teilöffentlichkeiten, die die Leute seit ein paar Jahren für das Netz halten.

Das Netz, das sich im Zuge seiner Fragmentierung aufgelöst und in die Gesellschaft hinein verloren hat – während – umgekehrt – diese Gesellschaft ins Netz geströmt ist wie die Lemminge, ohne kritischen Impetus, unter Verweigerung der Selbstfindung mit einem ziemlich klaren instrumentellen Verhältnis zum ganzen. Man ist nicht mehr im Netz, um zu sein und zu werden, sondern aus einem ziemlich banalen Kalkül heraus. So trivial, daß wir darauf oft gar nicht so ohne weiteres kommen würden – „wie, jetzt ist schon ‚jetzt‘?“

Allein die Rechnung, die Knörer unter Bezug auf Christian Buggischs Durchhalte-Blogpost von 2016 aufmacht – 200.000 Blogs in Deutschland, mehr Seitenabrufe als alle großen Traditionsmedien pro Monat zusammengenommen – findet keine rechte Stütze in der Medienforschung, wo das Lesen von Blogs mindestens einmal wöchentlich seit Jahren schon im deutlich einstelligen Prozentbereich bleibt. Während die großen Traditionsmedien immer noch ihre jeweilige Gemeinde sammeln, bleiben die Leser von Blogs und Wikis zerstreut, ebenso zerstreut wie die Blogs und die Wikis. Ihre Wirkung ist also diffus, schwer greifbar und daher auch kaum zu rekonstruieren.

Immerhin, von dem Beitrag habe ich als erstes über den Kutter erfahren, noch bevor der Merkur-Newsletter bei mir eintraf. Die alten Kanäle, sie funktionieren also noch.

Und selbstverständlich heißt es das Blog.

Knörer, Ekkehard. „Feuerzeug, du. Literaturkolumne.“ In: Merkur 71, Nr. 814 (2017): 62–68.

Mittwoch, 1. März 2017

DMOZ, 1998–2017

Das letzte große händisch gepflegte Webverzeichnis DMOZ (ex Open Directory Project, ODP) wird zum 14. März 2017 geschlossen.

Obwohl die Nachricht schon seit gestern durch ein paar Blogs ging, sind die großen Nachrichtenportale noch nicht eingestiegen. Natürlich. Sie schreiben alle über die Mobilfunkmesse in Spanien, während das Web stirbt. Deshalb ja. Wie passend. Und es gibt noch nicht einmal eine offizielle Ankündigung des Betreibers AOL zu alledem, nur eine Site-Notice:

As of Mar 14, 2017 dmoz.org will no longer be available.

Vielleicht bringen sie dann in zwei Wochen einen Nachruf.

Und es ist ganz sicher auch kein Zufall, daß ausgerechnet die SEO-Schreiber den Tod von DMOZ als erste melden.

Wie unwürdig für so ein wahres Schlachtschiff im World Wide Web, auf das ich auch zuletzt immer wieder zurückgegriffen hatte. Wer an einer Fortführung interessiert ist, kann hier eine Umfrage als Google-Formular ausfüllen und sich melden.

Nachtrag:

blog.dmoz.org ist auch schon offline.

Und die weitere Diskussion im Forum dreht sich um die Zukunft:

Nachtrag 2:

Archivalia und ghacks.net berichten auch, ersterer mi teinem ausführlichen Rückblick, aus der die Bedeutung der Webverzeichnisse für die Recherche vor dem Aufkommen der Suchmaschinen hervorgeht.

Nachtrag 3:

Seit dem 21. März 2017 ist DMOZ tatsächlich nicht mehr erreichbar. R.I.P.

Montag, 27. Februar 2017

RSS-Spam

Der Relaunch der Website bei der Frankfurter Rundschau hat nicht nur dazu geführt, daß die alten URLs samt der RSS-Feeds nicht mehr gingen, dabei wurde auch eine neuen Form von Spam eingeführt: Die Feeds enthalten jetzt Links zu Werbung, die als eigener Beitrag im Feed transportiert wird. Sie wird alle 20 Minuten aktualisiert, taucht also ständig im Feedreader auf und spült sich in der Artikelliste immer wieder nach oben. Da hilft nur noch, die Feeds zu löschen. Ausweichbewegungen im immer mehr kommerzialisierten Netz. Bye, bye, FR.

Sonntag, 26. Februar 2017

Der neue Gesandte IV

Friedrich Küppersbusch, der seit einer Weile auf Soundcloud podcastet (RSS), hat in seiner Kolumne bei der taz bemerkt, daß die Gegenseite in die Falle getappt sei und das unbegleitete Flüchtlingskind „Agenda“ mit Freuden adoptiere. Er merkt aber auch: „Make Sozialpolitik great again“ krankt an dem „again“.

A propos great: Auf derselben Website liest man, das Kindergeld für EU-Ausländer solle an das Preisniveau im Herkunftsland gekoppelt werden. Harald Thomé zitiert in seinem heutigen Newsletter Beck aktuell: Betroffen davon wären – in dieser Reinenfolge – vor allem Polen, Rumänen, Kroaten und Bulgaren – wenn die dortigen Behörden überhaupt bei gleichzeitigem hiesigem Bezug noch Leistungen auszahlen. Die große Koalition ist sich Beck Online zufolge einig. Die EU-Kommission habe das Vorhaben abgelehnt. Damit könnten maximal 159 Millionen Euro jährlich eingespart werden, bei einem Einnahmenüberschuß von zuletzt 23,7 Milliarden Euro.

Dienstag, 21. Februar 2017

Der neue Gesandte III

Während die Linke bemerkt hat, daß ihr die Felle davonschwimmen, erklärt Stefan Sell gewohnt eloquent bei Makroskop, warum die sozialpolitische Diskussion der letzten Tage abwegig ist:

Während zu Beginn der 1990er Jahre noch 80 Prozent der Arbeitslosen Anspruch auf Arbeitslosengeld aus der Arbeitslosenversicherung hatten, ist es heute umgekehrt: 70 Prozent sind von vornherein auf Hartz-IV-Leistungen.

Mit anderen Worten: Sie zahlen, soweit sie sozialversicherungspflichtig beschäftigt waren oder sind, die Beiträge zur Arbeitslosenversicherung, aus der sie niemals Leistungen beziehen werden bzw. aus der sie niemals ausreichende Leistungen erhalten können. Sie sind zu kurz beschäftigt, und sie erhalten zu niedrige Löhne, so daß sie aus dem Grundsicherungsniveau niemals herauskommen können. Ihre Ansprüche scheitern also schon bei den Zugangsvoraussetzungen zu einer höheren sozialen Sicherung. Und um sie geht es in der aktuellen Debatte deshalb ja auch gar nicht. Für sie soll sich nichts ändern, denn diskutiert wird nur über die Bezugsdauer derjenigen, die in der Arbeitslosenversicherung sind. Es geht um diejenigen, die sowieso schon drin sind überall und ganz lange. Denn die Älteren haben die Mehrheit bei dieser Bundestagswahl, und sie werden sie entscheiden.

Sell hält dem entgegen, die derzeitigen Vorschläge seien keine Abkehr von der Agenda-Politik, wonach Deutschland den besten Niedriglohnsektor in Europa bekommen sollte – und bekommen hat. Sie stellen die Systemfrage nicht, deshalb führen sie auch nicht weiter, sondern sorgen – unter reger Beteiligung der parteipolitisch besetzten Massenmedien – zu einem Schaukampf, der noch lange so weiter gehen wird und der ausschließlich das Ziel hat, von den tatsächlichen Verhältnissen abzulenken, denn wenn diese bewußt würden, wäre ziemlich schnell klar, daß der Kaiser nackt ist.

Auf diese Weise wird das Repräsentationsdefizit eher verschärft als ihm abzuhelfen. Die Spirale nach unten, in die Krise hinein, wird nicht aufgehalten, im Gegenteil, es geht immer weiter hinein, statt nach wirklichen Lösungen zu suchen.

Montag, 20. Februar 2017

Der neue Gesandte II

Der Diskurs über die Reform der Reform von 2005 wird von oben geführt. Die bürgerlichen Medien steigen ein. Es geht nicht um Aufstieg, sondern darum, daß der Abstieg schon nicht kommen werde, weil es eine Lebensleistung gebe, die dem wirksam entgegenstehe. Peinlich nur, wenn herauskommt, daß man sich selbst nicht dran hielte. Leeren Versprechungen folgen noch leerere. Kein wirkliches Angebot, weder für die Ausgeschlossenen noch für diejenigen, die eines suchen, das sie vor dem Ausgeschlossenwerden schützen täte oder ihnen irgendwie sonst weiterhülfe.

Sonntag, 19. Februar 2017

„Geschlechterkampf. Franz von Stuck bis Frida Kahlo“ im Städel Museum, Frankfurt am Main

Was soll man sagen? Eine Ausstellung, zunächst einmal durch die über sie berichtenden Medien betrachtet. Zu Anfang: Das Übliche in den Massenmedien, von denen man schon längst keine Überraschung mehr erwartet. Tenor: Geht hin! Dann die Rezensionen in den Feuilletons, in denen eine kritische Auseinandersetzung mit dem Gegenstand wohl unter den Bedingungen des Marktes immer schwerer geworden ist. Am ehesten bei Katharina Cichosch in der taz ahnt man, wie sehr es wohl durcheinandergeht im Geschlechterkampf nach der Lesart des Städels. Die Blogger hielten sich ziemlich zurück, erst nach und nach liefen ein paar distanzierte bis eher kritische Beiträge ein.

Die Ausstellung polarisiert doch ziemlich. Zustimmung hörte man seltener nach dem Besuch. Konzipiert wurde sie im Nachgang zu einer Schau zur Schwarzen Romantik, die im strengen Winter 2012/13 an gleicher Stelle gezeigt wurde, und so gibt es denn nicht das Wahre, Schöne, Gute zu sehen, sondern einen ziemlich holprigen Querschnitt durch die Kunstgeschichte, den die beiden Kuratoren zum Thema der Geschlechterbeziehungen ausgewählt haben, anknüpfend an den Gender-Diskurs der letzten Jahre, bis hin zum #aufschrei und dem Gauckschen Tugendfuror.

Etwa 150 Werke – darunter geht es in den großen Ausstellungshäusern mittlerweile anscheinend nicht mehr –, davon 30 aus der eigenen Sammlung, werden im Städel gezeigt, und zwar buchstäblich beginnend bei Adam und Eva, zwölf Räume füllend, beginnend beim Symbolismus in der Mitte des neunzehnten, bis hin zum Surrealismus zur Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts. Die Räume, die man durchschreitet, folgen meist beziehungslos aufeinander. Viele Darstellungen schwanken zwischen Mord und Totschlag; so viele abgeschlagene Köpfe hat man selbst vom IS in den letzten Jahren nicht gezeigt bekommen. Und in vielen Fällen – nicht ausschließlich – sind es Bilder, die von Männern gemalt wurden und die mehr oder weniger bekleidete Frauen zeigen – einen Umstand, den die feministische Autorin Antje Schrupp auf ihrer Facebook-Seite dahingehend zusammenfaßte, die Ausstellung könnte genausogut heißen: „Wie Männer sich einen Geschlechterkampf fantasiert haben“, unter besonderer Berücksichtigung nackter Busen. Man dokumentiere hier aber nur die Kunstgeschichte und stelle sie der aktuellen Debatte gegenüber, hieß es immer wieder seitens der Kuratoren.

Aber braucht es dazu wirklich eine solche Ausstellung? Ist es nicht schon lange bekannt, daß die Kunstgeschichte eben vor allem ein Abbild der Sammlungen ist, in denen sich der jeweilige Zeitgeist spiegelt, mal mehr und mal weniger chauvinistisch, mal mehr, mal weniger aufgeklärt, und daß das meiste, was Frauen geschaffen haben, außen vor blieb und mithin der Fundus, auf den heute zurückgegriffen werden kann, notwendig von Männern stammt, von Männern ausgewählt wurde und daher vorwiegend aus männlicher Perspektive auf das Thema zugreift? Ist das – unbeschadet der Wirkung einzelner Werke, die für sich stehen können – im ganzen gesehen nicht genaugenommen trivial?

Zumal der Titel „Geschlechterkampf“ eine ziemlich grobe Verengung des Themas der Geschlechter und der Geschlechtlichkeit darstellt, das am Ende so viele Facetten hat. Haben könnte. Nicht nur destruktive, problematische, kriminelle bis pathologische, sondern eben auch Nährendes, Reifendes und Heilendes.

Und wäre es nicht die Aufgabe gewesen, diesen verzerrten Blick durch eine ausgewogenere Auswahl der Werke zu korrigieren – gegebenenfalls auch durch eine Beschränkung der Werkanzahl – und dabei auch den Begriff der Kunstgeschichte kritisch zurechtzurücken, die beileibe kein neutrales Abbild der Wirklichkeit ist, mit dem sich alles begründen ließe, sondern letztlich nur eine Konstruktion? So, wie ja auch heute immer noch das meiste, was kreativ entsteht, aus dem Kunstbetrieb herausgehalten wird durch diverse Zensur- und Auswahlverfahren, von den Aufnahmeprüfungen an den Kunsthochschulen über die künstlerischen Produktionsbedingungen bis hin zur Vermarktung einschließlich des Ausstellungsbetriebs.

Das Narrativ, unter dem die Schau steht, funktioniert nicht.

Geschlechterkampf. Franz von Stuck bis Frida Kahlo. Bis 19. März 2017 im Städel Museum, Frankfurt am Main. Kuratoren: Felix Krämer und Felicity Korn. – Katalog (Prestel, München, vor Ort: 39,90 Euro), Begleitheft (7,50 Euro), Digitorial.

Freitag, 17. Februar 2017

Die Freitag Community revisited

Meine Erfahrungen als Autor der Freitag Community hatte ich seinerzeit auf der schneeschmelze verarbeitet. Der letzte Beitrag dort scheint von 2012 zu datieren. Verdammt lang her.

Wie sieht es dort heute aus? Die Community ist nur noch ein Schatten ihrer selbst, der inhaltliche Niedergang des crowdgesourcten Contents hat sich nach meinem Dafürhalten fortgesetzt, und Jakob Augstein erklärt in einem Interview gleichwohl ziemlich frei:

Die große Mehrheit unseres Netz-Inhalts stammt inzwischen aus der Community.

Obwohl in der Community also sehr viel weniger los ist als zu meiner Zeit (sie endete im November 2009), braucht man nur zum Füllen der Website mittlerweile keine Journalisten mehr. Man läßt zu einem großen Teil Freizeitblogger unbezahlt für sich schreiben. Und wenn man sie bezahlte, weil ihr Text in die Printausgabe übernommen wurde, honorierte man das mit 25 Euro, pauschal. Gilt das auch heute noch? Augstein ist trotz dieser Produktionsbedingungen der Ansicht, er verlege eine linke Zeitung.

Die Freitag Community sieht er als eine Ansammlung von Autoren, denen es leichter falle, Meinungsbeiträge zu schreiben als sachorientierte Texte. Darauf führt er seine Enttäuschung darüber zurück, daß es keinen Lokaljournalismus in der Freitag Community gegeben habe, was eine große Hoffnung bei deren Gründung gewesen sei.

Abgesehen davon, daß ich mich daran gar nicht erinnern kann, hatte ich als einer der wenigen, die damals über lokale Ereignisse geschrieben hatten, nicht den Eindruck, daß das auf Interesse stieß, weder bei der Community noch bei den Lesern noch bei der Zeitung. Meine Beiträge über kulturelle Veranstaltungen in Frankfurt wurden kaum gelesen, und die Redaktion flog sowieso die ganze Zeit in ihrem Raumschiff Berlin isoliert durch den weiten eher östlich orientierten Raum.

Auf die vielen ehemaligen Nutzer angesprochen, die die Freitag Community aufweist und deren Beiträge mittlerweile nicht mehr entfernt werden, auch wenn sie ihren Account dort schließen, raunt Augstein: Das ist ja ein atmender Organismus, ein normaler Prozess.

Man könnte auch sagen: Es ist ein langsames und stetes Ausbluten, ein Exodus der schreibenden Netizens, die immer weniger werden – nicht nur beim Freitag, sondern auch darüber hinaus im ganzen Web 2.0. Der Rückgang der Wikipedia-Autoren ist bekannt. Und für die Facebook-Nutzer ist das gerade wieder bestätigt worden: 30 Prozent weniger eigene Inhalte 2016 im Vergleich zum Vorjahr; merklich zurückgegangen sind aber auch die Likes pro Post, die Kommentare und das Sharing fremder Beiträge.

Der Erhalt von Texten ehemaliger Nutzer will diese übergreifenden Trends im Netz kaschieren. Beim Relaunch der Website des Freitags im Jahr 2012 löschte man noch die inaktiv gewordenen Blogs, so auch meines. Wenn man das heute machen wollte – was bliebe dann noch übrig? Dann doch lieber ein publizistisches Potemkinsches Dorf.

Montag, 13. Februar 2017

Der konservative Reflex V

Eine interessante Entwicklung: Naomi Klein arbeitet bei The Intercept mit. Von ihren Büchern schien mir die Schock-Strategie, worin sie die Hintergründe und die Auswirkungen der neoliberalen Ideologie beschreibt, am aufschlußreichsten. Relativ neu dort auch: Der Podcast Intercepted mit Jeremy Scahill, der 2013 den Film Dirty Wars gemacht hatte. The Intercept, von Laura Poitras, Glenn Greenwald und Jeremy Scahill betrieben, ist ein Beispiel für den Widerstand gegen den Rechtsruck in den USA, den man allerdings von der europäischen USA-Kritik unterscheiden sollte.

Samstag, 11. Februar 2017

Der konservative Reflex IV

Hans Ulrich Gumbrecht faßt in einem Blogpost seine Eindrücke nach den ersten drei Wochen der Regierung Trump zusammen. Er beschreibt die für ihn täglich spürbaren Auswirkungen der sozialen Spaltung, die sich dahingehend auswirken, daß ihm seit der Wahl nur drei begegnet seien, die für die neue Regierung Position ergriffen hätten. Das ist das wahre Maß der Entfremdung, die man erst einmal aushalten können muß.

Gumbrecht sieht Trump auf einem energischen Weg ohne Richtung, unterwegs von irgendwo – nicht einmal eindeutig auf „die Rechte“ zuzuordnen – nach – man weiß es nicht, wohin. Er zeichnet ein bizarres Patchwork aus einem ziemlich plumpen Konservatismus und einem provozierenden Kurzschlußdenken, das jeden verwirren muß, der auch nur ein bißchen theoretisch vorgebildet ist. Es folgt eine Pathologisierung, der neue Präsident sei narzißtisch belastet und so weiter. Eine langfristige Konfrontation zwischen Exekutive und Judikative zeichne sich ab, für die es bisher kein Beispiel gebe. Eine blei-schwere Stimmung breite sich aus. Nur der Präsident twittert hysterisch-heiter weiter, als sei nichts gewesen. Er sitzt allein im Weißen Haus, seine Frau ist nicht mit eingezogen und lebt weiterhin in New York.

Bei alledem ist zu bedenken, daß Gumbrecht mit seinem Beitrag zwischen den Stühlen sitzt. Auf der einen Seite der kalifornische Elfenbeinturm, der ihn trägt, auf der anderen seine europäische Herkunft, zu der gewandt er berichtet.

Die Irritation der Europäer – oder vielleicht doch konkreter: der Deutschen über die Ereignisse der ersten drei Wochen der Amtsführung ist aber eine ganz andere als die der Amerikaner. Die Reaktion der amerikanischen Öffentlichkeit, die sich beispielsweise im Women's March on Washington zeigte, verweist auf eine andere Form von Betroffenheit, die sehr viel existentieller ist als unsere aus der großen Entfernung. Deshalb kommt das auch hierzulande in der Berichterstattung kaum vor.

Das deutsche Bürgertum hatte sich seit jeher als „Atlantiker“ mit den USA verbunden. Selbstverständlich waren die leitenden Redakteure der Zeitungen und der Rundfunkanstalten Mitglied in der Atlantik-Brücke oder in noch abwegigeren Zirkeln. Und diese Connections laufen nun leer, weil dortzulande das Führungspersonal gegen Militärs und Milliardäre ausgetauscht worden ist, die hier vorher keiner kennen mußte, weil das früher nichts genützt hätte. Wäre es anders gewesen, hätte man das selbstverständlich berücksichtigen können. Dumm gelaufen, also. Außerdem wurde für die falsche Partei und für die falsche Stiftung gespendet, und nicht zu knapp, das macht sich im nachhinein auch nicht so gut. Immerhin hat das aber eine andere Qualität als der Protest in Amerika, nämlich diejenige einer narzißtischen Kränkung: Man ist enttäuscht über den Weg des großen Bruders und gleichzeitig ärgert man sich sehr, daß man es nicht besser gewußt hatte, weil man einer realistischen Einschätzung selbst im Wege stand, und jetzt ist das Kind in den Brunnen gefallen, und einer der Herausgeber der „Zeit“, die ja schon immer auf der Seite des alten amerikanischen Establishments gestanden hatte, dachte schon öffentlich über das politische Attentat als Lösung nach.

So eine Grenzüberschreitung setzt voraus, daß der andere „keiner von uns“ ist. Sie vertieft die Gräben, statt sie zu schließen. Und sie zeigt, wie selektiv das Amerikabild ist, auf dem hierzulande meistens aufgebaut wird. Denn der Apparat, der nun in der amerikanischen Bundesverwaltung eingesetzt worden ist, 4000 Neubesetzungen immerhin, ist ja nicht über Nacht entstanden, er war die ganze Zeit schon vorhanden und steht jetzt zur Übernahme bereit. Das reaktionäre, xenophobe, antisemitische Amerika wird hier meist geflissentlich übergangen. Es existiert gleichwohl.

Ob der Deep State alledem etwas entgegenzusetzen hat, bleibt abzuwarten. Einer Anekdote zufolge soll der Einfluß der Führungsspitze letztlich begrenzt sein. Der ehemalige Bundesforschungsminister Rüttgers erzählte einmal Journalisten über sein erstes Treffen mit den Grundsatzreferenten: „Sie sind jetzt der vierte Minister, den ich in diesem Hause begrüßen darf.“

Donnerstag, 9. Februar 2017

Neu beim Project Gutenberg: Ocean Steamships

Das Buch, bekannt aus dem Zauberberg von Thomas Mann, ist seit heute auf Project Gutenberg verfügbar. Dank an Chris Curnow, Brian Wilcox and the Online Distributed Proofreading Team.

Donnerstag, 2. Februar 2017

Ein Apfelbäumchen

Ist RSS am Sterben? Falls ja, beginnt es bei der deutschen Tochter von Transparency International. Nachdem ich gestern morgen den inaktiven Feed gerügt hatte, wurde dort am gleichen Tag – nicht der Feed repariert, sondern eine neue Nachricht eingestellt, nur im Feedreader zu lesen…, die da lautet: Liebe Abonnentinnen und Abonnenten des Transparency Deutschland RSS-Feed, leider haben wir im vergangenen Jahr die Pflege des RSS-Feeds vernachlässigt. Wir stehen nun vor der Entscheidung, ob wir die Aktualisierung in Angriff nehmen oder den Feed gänzlich schließen sollen. Für diese Entscheidung benötigen wir Ihr Feedback. Schicken Sie uns hierfür bitte eine E-Mail an … – So laßt und denn ein Apfelbäumchen pflanzen!

Mittwoch, 1. Februar 2017

His theories still generate controversy

Die Library of Congress hat heute Dokumente aus dem Sigmund-Freud-Archiv erstmals online gestellt. Es handelt sich um 20.000 Dokumente aus dem Bestand des Archivs, die bei der LOC verwahrt werden – persönliche Papiere der Familie Freud, Briefe und Postkarten, Kalender und Notizbücher, aber auch die Manuskripte von Freuds Schriften, außerdem über hundert Interviews von Kurt R. Eissler, die zum ersten Mal veröffentlicht werden, schreibt Margaret McAleer im Blog der Bibliothek, während man auf deren Website die lakonische Einordnung liest: His theories still generate controversy. Die Digitalisierung wurde von der britischen Polonsky Foundation getragen.

Das Orwellnet

Was man derzeit in den USA sieht, ist der Weg in einen autoritären Staat, der sogar noch den Militarismus, auf den Joseph Weizenbaum immer hingewiesen hatte, übertrifft. Und das geht jetzt sehr schnell. Die Nutzung von Tor soll noch weiter zugenommen haben, aber das sind letztlich nur Pflaster in einem Netzwerk, das ja aus der militärischen Nutzung entstanden war und in dem so etwas wie Privatheit und Grundrechte schon technisch nicht vorgesehen waren. Code is law, und dieser Code ist nicht geeignet, die Rechte der Benutzer zu wahren. Dagegen wird man nicht angehen können, indem man sich neue Regeln ausdenkt, denn die gibt es ja schon. Man muß beim technischen Code ansetzen, nicht beim rechtlichen Code. Und solange es kein Internet ohne Misere gibt, das technisch vollständig vom NSA- und Trump-Netz getrennt ist, wird es beim Orwellnet bleiben. Die Staaten werden die Freiheit ihrer Bürger im technischen Bereich nicht verteidigen, denn daran haben sie kein Interesse, auch in Europa nicht. Was die großen Konzerne angeht, ist es ebenso. Die Bürger werden sich ihr Netz selbst aufbauen müssen, um ihre Rechte zu wahren. Freiheits- und Gleichheitsrechte mußten immer erkämpft werden, sie wurden nicht kampflos vom Staat gewährt, sondern in langwierigen gesellschaftlichen Aushandlungsprozessen und Kämpfen errungen. Ich wäre skeptisch, ob es in zehn Jahren noch ein einheitliches Internet geben wird oder ob nicht der Weg in eine Vielfalt an Netzwerken gerade noch beginnt. Es geht um die ganze Hardware und um die Software. Vielfalt statt Ökosysteme. Sollte das nicht gelingen, wäre die Utopie vom Cyberspace als gesellschaftlichem Raum verlorengegeben.

Sonntag, 29. Januar 2017

Der neue Gesandte

Der neue Gesandte hat sich heute abend zum ersten mal in Gesellschaft begeben. Man parlierte und versuchte good sport zu sein. Alle sehr in Bewegung, man gab sich spielerisch, obwohl schon spät. Und die ganze Zeit über standen mehrere Elefanten im Raum, um die herum alle sorgsam Slalom liefen, ganz egal, wie laut sie trööteten und wie eng sie sich stellten. Einmal taten sich sogar zwei Elefanten mit ihren Rüsseln zusammen und schwangen sie, einem ganz langen Sprungseil ähnlich. Aber auch das brachte die Gesellschaft nicht zum Ausweichen. In der Art der jungen Advokaten, die neu sind am Barreau, sprang der Neuling darüber hinweg, hoch die Schenkel hebend und unter Applaus. Dabei schwang er die kleine rote Fahne mit dem goldenen Sternenkranz, die er an einem langen schwarzen Stab mit sich führte, den ganzen langen Tag schon. Alles in allem waren es sogar mehr als fünf, ich glaube, es waren am Ende sogar sechs Elefanten, von denen keiner sprechen durfte eine ganze Stunde lang. Und niemand stellte die Frage, warum er so lange dort verweilte, auf der Stelle springend, immer mehr und mehr, bis dann schließlich alle gingen gingen gingen.

Netzlese 2017-01-29

Geert Lovink kommt demnächst nach Frankfurt, kommenden Samstag, den 4. Februar, hält er bei der Langen Nacht der Sozialforschung im Rahmen der Frankfurter Positionen einen Vortrag im MMK1 zum Thema Das Selbst im digitalen Netz, neben räusper Mercedes Bunz, Kai Dröge und Olivier Voirol, Tanja Gojny, Olga Goriunova, Rembert Hüser, Eva Illouz, Julika Rudelius, Christina Schachtner sowie Uwe ­Vormbusch. Beginn ist um 19 Uhr, Eintritt frei. Zuletzt hatte Geert Lovink bei La Repubblica ein Interview über Social Media zu Zeiten von Trump gegeben. Das Museum zeichnet seine Vorträge üblicherweise auf und stellt sie auf YouTube, hoffentlich auch diesmal.

An dem Abend wird von Solisten des Ensemble Modern auch For Philip Guston von Morton Feldman aufgeführt. Dauer: Fünf Stunden.

Die documenta14 findet dieses Jahr statt, ab April in Athen, ab Juni dann in Kassel, jeweils hundert Tage lang. Sie landet nicht wie ein Raumschiff in Athen, bevor sie nach Kassel weiterzieht. Sie ist vielmehr eine gewollte Verfremdung von einer Stadt zur anderen und in allem, was bei diesem Projekt zwischen beiden hin- und hertreibt, heißt es auf der Website zur Kunstvermittlung der Ausstellung. Athen und Kassel? Die Regierungsübernahme durch SYRIZA in Griechenland war im Januar 2015, ist also nun auch schon wieder zwei Jahre her. Und Varoufakis Superstar, dieses Drama begann am 27. Januar 2015. Das Referendum, wonach er als Finanzminister zurücktrat, fand am 5. Juli 2015 statt. Er bleibt in Kontakt mit seiner zweiten Heimat Australien und gibt bisweilen Interviews im dortigen Rundfunk, in denen er die europäischen Verhältnisse erklärt, zuletzt vergangene Woche den Populismus in Europa.

Antje Schrupp hat dazu aufgerufen, im September zur Bundestagswahl zu gehen und dort, bitte, eine Partei zu wählen, die auch Aussichten darauf hat, ins Parlament einzuziehen. Wer kleinere Parteien wählt, stärkt den politischen Gegner, die Rechtsextremisten stehen bekanntlich wieder vor dem Berliner Reichstag, ganz ähnlich wie vor 84 Jahren. Das Bundesverfassungsgericht hat die NPD gerade mit einer etwas sonderbaren Begründung nicht verboten, und auch die anderen dürfen weitermachen. Antje kritisiert derweil die Rückwärtsgewandtheit der LINKEN, die weiterhin mehrheitlich auf eine Arbeits- und Vollbeschäftigungsgesellschaft und auf ganz viel Staat setzten. Christoph gegen das Grundeinkommen Butterwegge als Bundespräsidentenkandidat passe in dieses Bild. Stimmt. Aber wenn ich nur die Wahl habe zwischen denjenigen, die über fünf Prozent kommen, ist die Auswahl am Ende nicht mehr so groß.

Politisch getrieben ist auch Eric Bonse, der Brüsseler Europakorrespondent der taz, der immer noch leidenschaftlich gegen Martin Schulz anschreibt, der Linksblinker und Rechtsabbieger, der gerade von der ehemaligen Schröder-Truppe auf den Schild seiner Partei gehoben worden ist. Man hat rochiert – Außenminister wird BuPrä, Wirtschaftsminister wird Außenminister, ehemalige Justizministerin wird Wirtschaftsministerin – und die Massenmedien gehorchen aufs Wort und machen sofort ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit Angela Merkel daraus. Klar, es würde einem nicht einmal auffallen, wenn Schulz Mitglied bei der CDU wäre. Daß die Leute hierzulande meinen, es sei nicht bekannt, welche Positionen er vertrete, zeigt nur, wie wenig Aufmerksamkeit man den Vorgängen auf der europäischen Ebene beimißt. Gut, es stand nicht alles in den Zeitungen. Aber alles war jahrelang in den europapolitischen Blogs zu verfolgen. Unter anderem bei lostineurope.eu. Siehe aber dort auch die dortige Blogroll. Schulz ist bei weitem kein unbeschriebenes Blatt.

A propos Europa. Zum Beispiel die Schweiz. Da gab es zu Anfang des Jahres eine Sendung des Schweizer Radios SRF2 Kultur zur Urheberrechtsreform, die dort demnächst ansteht. Zur Erinnerung: Die Reformen, die es bei uns gab, gingen allesamt auf EU-Recht zurück. Und was sind die Themen, die nun aktuell(!) in der Schweiz diskutiert werden? An der Spitze steht die Pirateriebekämpfung, also Raubkopien, die über Tauschbörsen verteilt werden. Gefolgt von der Bibliothekstantieme, die es in der Schweiz noch nicht gibt. Und schließlich: Bildrechte. Ja, wirklich, die Sendung wurde am 6. Januar 2017 veröffentlicht. Aber auf einen Blick über die Grenzen hinweg wird man in dem Programm ebenso vergeblich warten wie auf den Begriff der Freien Lizenz oder der Freien Inhalte.

Deshalb zum Schluß ein Link zum WikiMOOC, den Wikimédia France ab März bei fun-mooc.fr durchführt. Alles, was man als neuer Autor über Wikipedia wissen sollte. Leider nur auf Französisch, aber vielleicht demnächst auch auf Deutsch, wer weiß? Ich bin dran.

Montag, 16. Januar 2017

Der Weg

Es ist schwierig, sich mit dem Rücktritt von Andrej Holm als Staatssekretär in Berlin auseinanderzusetzen. Der Fall ist komplex und verweist auf die unterschiedlichen Erfahrungen in Ost und West.

Ich kenne die Ost-Verhältnisse nicht aus eigener Anschauung, nur aus Erzählungen, also aus einer entsprechend großen Distanz. Ich erinnere mich an das Ende der 1980er Jahre. Keiner hätte je mit dem Ende der DDR gerechnet. Aber die Generation Golf war nicht damit beschäftigt, sich vom Staat abzugrenzen, wir waren auf dem Weg zu uns selbst. Natürlich gab es welche, die an der Stelle, wo andere ein Gehirn haben, einen Zettel aufbewahrten, auf dem stand: „Bin auf Reisen.“ Zwanzig Jahre später fand man sie auf Xing wieder mit ganz sonderbaren Porträt-Photos und noch seltsameren Berufsbezeichnungen. Der Anpassungsdruck im Kapitalismus und die daraus folgende Deformation waren doch beträchtlich.

Immerhin: Auch das war ein Weg, und er wird mir stets genauso fremd bleiben wie derjenige des Andrej Holm, über den die Presse nun berichtet und der es beinahe in die Berliner Landesregierung geschafft hätte, wenn er nicht kurz davor noch verhindert worden wäre. Der ausgewiesene Gegner der nicht nur in Berlin um sich greifenden Gentrification als Staatssekretär fürs Wohnen. Vor zehn Jahren Opfer einer kafkaesken Strafverfolgung.

Aber Holms Umgang mit seiner Biografie ist eben auch problematisch. Das kommt mir in den linken Quellen leider zu kurz.

Ich glaube dennoch, seine Absetzung sagt am Ende wohl mehr über die grundlegende Unvereinbarkeit von rot-rot-grün aus als über den Gegensatz von Ost und West. Sowohl hellrot als auch grün halten sich damit den Weg für (noch) bürgerlichere Koalitionen anderenorts offen. Und nur darum ging es ihnen.

Mittwoch, 7. Dezember 2016

Analogisierung

Das erste Drittel des Advents ist schon vorbei, und obwohl es in dieser Saison gleich mehrere digitale Adventskalender in meinen Feedreader geschafft haben, freue ich mich über das Analoge. Das Öffnen kleiner Türchen, und das Blättern in einem kleinen Buch. Ich habe auch meinen Terminkalender seit etwa vier Wochen vollständig analogisiert. Einen DIN-A6-Timer und ein DIN-A5-Notizbuch sind alles, was ich brauche, und der Computer kann ausbleiben. Alle schon vereinbarten Termine habe ich übertragen. Die Lösung ist so klein, daß sie immer in meinem Rucksack Platz findet. Für Flexibilität beim Planen sorgen kleine bunte Klebezettel und ein weicher Bleistift mit Radiergummi, der in einer Schlaufe am Buchblock des Kalenders steckt. Und in das Notizbuch kann ich jederzeit einen kleinen Elefanten zeichnen. Nicht die immer weitergehende Digitalisierung, sondern die Analogisierung ist der richtige Weg für mich. Die Suche nach dem menschlichen Maß. Dieser Trend hatte sich schon während des laufenden Jahres immer mehr abgezeichnet. Er wird sich im kommenden Jahr fortsetzen.

Montag, 5. Dezember 2016

Eine andere Welt

Matthias Wittfoth spricht (mp3) in dem Podcast Inside Brains über eine Stunde lang mit dem Kriminologen Christian Pfeiffer über dessen Lebensweg, aber auch über Hintergründiges, was man aus den Massenmedien nur selten erfährt. Über den Zusammenhang von häuslicher Gewalt zwischen Eltern und Kindern und der späteren Gewalttätigkeit der Kinder erzählt Pfeiffer unter anderem von diesem Unterschied zwischen Europa und den USA:

…Nun war ich gerade in Amerika, deswegen, ein knappes Jahr in New York, und mußte mit Entsetzen realisieren, daß dort 85 Prozent der amerikanischen jungen Väter die These unterschreiben: Jedes Kind braucht ab und zu mal ne richtige Tracht Prügel. Und 65 Prozent der Mütter. Grauenhaft. So ist Amerika. Die sind auf einem Erziehungsniveau, das unserem in der Nazi-Zeit und in den 50er Jahren entspricht. Wenn ich das in den USA in meinen Vorträgen erzählt habe, waren die immer völlig schockiert. … Es gibt in Amerika nicht die Forschung von uns. Die Elternverbände verhindern, daß man Schulkinder als 15jährige fragen darf: Wie wars denn in Deiner Kindheit, im Alter von sechs bis zwölf?, was wir ständig tun, seit zwanzig Jahren. Also, dieses Defizit amerikanischer Forschung verhindert eine öffentliche Debatte, und in 19 Bundesstaaten dürfen ja auch die Lehrer noch mit dem Paddle schlagen. Über 200.000 Kinder werden pro Jahr dort öffentlich geschlagen … und dann wundern die sich über Trump. Trump ist die Folge davon, daß dieses ein repressiv erzogenes Volk ist mit viel unterdrückter Wut, mit Ohnmachtserfahrungen in der Kindheit, und wenn man immer ohnmächtig ist in der Kindheit, will man später Macht haben, Waffen verleihen Macht, und man hat so eine angestaute Grundaggression durch all das, was zuhause einem widerfahren ist. Und dann ist so ein Trompeter des gewaltsamen Durchsetzens wie Trump ein Mensch, der diesen Frust anspricht … Grundfrust … der hätte null Chancen in Schweden, dem Land mit der niedrigsten Schlagequote der Welt und der niedrigsten Gefängnisquote. Amerika hat in der westlichen Welt die mit Abstand höchste, die drittmeiste weltweit. Also, 60 Menschen im Gefängnis in Schweden, 720 pro 100.000 Bürger in USA. … New York ist wie Europa, aber Virginia oder Texas, das ist dann eine andere Welt…

Sonntag, 4. Dezember 2016

Don't believe the Fake

Die Diskussion um Fake News geht leider weitgehend am Thema vorbei. Anstatt sich zu fragen, ob und in welchem Umfang es solche Meldungen gegeben hatte oder noch gibt und welche Folgen sie gehabt haben könnten, sollte man sich eher die Frage vorlegen, warum sie überhaupt beachtet werden? Ausgangspunkt ist ihr Ort: Wie kommt es, daß Menschen meinen, auf Sozialen Netzwerken finde man noch mehr vor, außer heißer Luft und einer Gelegenheit, seine guten Daten abgeben zu dürfen? Daß man dort auch noch irgendetwas erfahren könne, etwas Neues und Richtiges noch dazu. Das ist eine wirklich drollige und insgesamt so abwegige Vorstellung, daß man schon daraus ersehen kann, daß die Ideen darüber, woher man sich informieren könne, völlig durcheinander gekommen sind. Das gleiche gilt für Suchmaschinen, die ebenso wie Soziale Netzwerke, Werbeplattformen sind und also auf Desinformation zugeschnitten wurden. Sie sind sozusagen der Fake an sich. Das gleiche gilt natürlich auch für die „Online-Ausgaben der Zeitungen“, die ihre Meldungen ganz anders anordnen als in der Print-Ausgabe, was sich ebenfalls nachteilig auf die Qualität auswirkt. Und überhaupt: Zeitungsenten gabs eigentlich schon immer.

Trotzdem hat das Nachdenken eingesetzt. Auf der anderen Seite des Informationsspektrums, sozusagen. Ein schönes Beispiel dafür ist der Tagungsbericht Der Intellektuelle in postfaktischen Zeiten – Das „Denk-Festival“ in Weimar, der am 1. Dezember 2016 im Deutschlandfunk ausgestrahlt wurde. Zwei Zitate:

  • Wer behält den Durchblick mit welchen Argumenten?

  • Wir haben doch einen Zerfall von Öffentlichkeit in User-Gemeinden. Wir kennen die Subjektivierung der Wahrheit, die Reduktion der Wahrnehmung auf das Passende. Und da spielen wir – gemeint sind Intellektuelle – einfach eine geringere Rolle, wir sehen das doch auch empirisch: Wo ist unser Platz geblieben, den wir noch vor zehn Jahren in der „Zeit“ gehabt hätten? Es sind nur noch wenige Presseorgane, in denen wir überhaupt noch mit unseren Auffassungen zur Geltung kommen können. Ich glaube, daß am Ende unserer Zukunfts-, unserer Fortschritts-, unserer Emanzipationserzählung es nicht mehr die Intellektuellen sind, sondern, um es brutal zu sagen, die Social Bots, also die Beeinflussungsalgorithmen, die ganz anderswo diskutiert werden als in dem, was wir aufrufen, wenn wir von Voltaire bis Gramsci sprechen.

Aber auch das ist nicht wirklich neu, sondern genaugenommen nur eine weitere Spielart der Dialektik der Aufklärung reloaded. Es ist der alte Konflikt zwischen Vernunft und Kulturindustrie, nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Donnerstag, 1. Dezember 2016

Wiedervorlage: Der Presseausweis

Der alte Presseausweis ist wieder da. Der Deutsche Presserat und die Innenministerkonferenz (IMK) haben sich darauf geeinigt, die Vergabe der Presseausweise wieder zu reglementieren. Eine ständige Kommission, die zu gleichen Teilen mit Vertretern des Presserats und der IMK besetzt sei, werde darüber entscheiden, welche Berufsverbände den neuen bundeseinheitlichen Ausweis vergeben dürften.

Die Kriterien für die Anerkennung eines Verbands, sozusagen „würdig“ zu sein, den Presseausweis zu erteilen, sind noch nicht bekannt geworden. Aber wenn es ein einheitlicher Ausweis sein soll, wird es mit der Vielfalt bei den Vergabekriterien dann wohl vorbei sein.

Die Kritiker nehmen die Richtung des Prozesses dementsprechend vorweg und mutmaßen, für nebenberufliche Journalisten und Blogger solle es wohl schwerer gemacht werden, einen Ausweis zu erhalten.

Ein Backlash also, wo anderenorts die Blogger Relations blühen. Ein weiteres analoges Rückzugsgefecht, das versucht, das Publizieren und die Angehörigkeit zu den Publizisten wieder exklusiv zu machen, was aber nicht gelingen kann, denn das ist es schon lange nicht mehr.

Folglich wird der neue Presseausweis durch so einen Kurswechsel nicht an Wert gewinnen, sondern, im Gegenteil, an Wert verlieren. In einer Welt ohne Gatekeeper ist am Ende nicht der Ausweis der Nachweis der publizistischen Tätigkeit, sondern das Blog, das Social-Media-Profil oder allgemein: die dementsprechende authentische Aktivität im Netz. Das sogenannte Soziale, für jeden unmittelbar nachvollziehbar, was schreibt er denn, ersetzt einen externen Beleg endgültig. Der Versuch, den Kontrollverlust wett zu machen und die entglittene Deutungshoheit zurück zu gewinnen, wird fehl laufen – wenn es so kommen sollte.