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Dienstag, 12. Juni 2018

Englische TeX-FAQ neu aufgesetzt

Die große Zeit der FAQs ist eigentlich vorbei. Ihr Ursprung lag in den Mailinglisten und im Usenet, wo die Regulars es leid waren, immer wieder dieselben Fragen zu beantworten. Deshalb stellten sie Listen zusammen von häufig gestellten Fragen und häufig daraufhin gegebenen Antworten. Sie werden noch heute bei faqs.org gesammelt, aber man sieht, das letzte Update liegt schon eine Weile zurück.

Die deutsche TeX-FAQ Fragen und Antworten (FAQ) über das Textsatzsystem TeX und DANTE, Deutschsprachige Anwendervereinigung TeX e.V. von Bernd Raichle, Rolf Niepraschk und Thomas Hafner wurde bis 2003 in elf Teilen in de.comp.text.tex gepostet, meistens sonntags, und das war aufgrund der langen Haltezeiten auf den Newsservern ein zentraler Informationskanal. Daneben gab es Fassungen als PDF auf CTAN und in HTML für das Web.

Mit dem Aufkommen der Wikis in der ersten Hälfte der 2000er-Jahre ließ das Interesse an den FAQs nach. Gleichzeitig sank die Bedeutung des Usenets. Die Blogs und die Webforen traten an seine Stelle, später auch die Sozialen Netzwerke. Außerdem wurde nun gegoogelt; das Suchen ersetzte die Diskussion. Seit Ende der 2000er-Jahre gab es wieder einen regelmäßigen Pointer in de.comp.text.tex, der aber keine Inhalte mehr bereitstellte, sondern, wie der Name schon sagt, nur auf Ressourcen im Web verweist. Die Einführung in dctt wurde wohl bis Dezember 2015 gepostet.

Nach einem Intermezzo im Vereinswiki von DANTE kam es zum vollständigen kollaborativen Neuschrieb der deutschen FAQ auf texfragen.de, begonnen von Patrick Gundlach und seit 2017/2018 fortgeführt von Stefan Kottwitz. Ein PDF-Export aus dem Dokuwiki steht auf CTAN bereit, derzeit allerdings auf dem Stand von 2013. Das Wiki ist also aktueller als der auf CTAN verfügbare Export.

Daneben gab und gibt es die umfangreiche und – ich glaube, man kann es mit Recht so sagen – bis heute nicht erreichte UK TeX FAQ, in der Robin Fairbairns zuletzt 469 Fragen und Antworten nicht nur gesammelt, sondern auch in eine sehr lesbare Form gebracht hatte. Aus Robins FAQ hatte auch ich über die Jahre immer wieder einiges gelernt. Leider stammt die letzte Fassung in der Version 3.28 aus dem Sommer 2014, was in der heutigen Zeit auch in der TeX-Welt schon ein ziemlich langer Moment ist. Robin Fairbairns hat zudem, seit er den Ruhestand angetreten hatte, seine Mitarbeit im CTAN-Team und seine Beiträge für die FAQ eingstellt.

Zum vierten Jahrestag der Veröffentlichung der letzten Fassung haben nun David Carlisle, Stefan Kottwitz, Karl Berry und Joseph Wright bekanntgegegen, dass sie die englische FAQ weiter pflegen möchten – die Liste der bisherigen Beiträger aus früheren Tagen ist freilich etwas länger. Um die Textsammlung weiter bearbeiten zu können, wurden die Quellen nach Markdown konvertiert und in ein Repository auf GitHub übetragen. Mittels GitHub Pages kann die FAQ von dort aus unmittelbar und ohne einen weiteren Zwischenschritt gehostet und unmittelbar als Website gelesen werden. Die kanonische URL ist von nun an texfaq.github.io bzw. texfaq.org. Und auch der Name wurde leicht geändert: Aus UK TeX FAQ wurde The TeX Frequently Asked Question List.

Und obwohl, wie eingangs erwähnt, die FAQs durch die Webforen und die Suchmaschinen, die heutzutage fast alle Fragen direkt und schnell beantworten, etwas an den Rand gedrängt worden sind, ist dies alles ganz sicherlich eine gute Nachricht, denn eine freie und aktuelle Referenz zu TeX & Friends ist weiterhin sehr wünschenswert und auch notwendig. Ein längerer Text, der Grundlagen erklärt, Zusammenhänge herstellt und der auch gut lesbar ist.

Kritisch angemerkt sei die Frage, ob man für das Hosting tatsächlich auf die Infrastruktur eines kommerziellen Dienstes zurückgreifen sollte oder ob es nicht doch vorzugswürdig wäre, die Web-Version auf einem eigenen Hosting zu betreiben? Oder gleich auf CTAN? Es sollte heute eigentlich kein Problem mehr sein, zumindest tägliche Snapshots aus einem Repositorium auf CTAN für das Web zu spiegeln.

Update 13. Juni 2018: Ich vergaß ja ganz, dass es auch etwas wirklich Neues in Bezug auf die englische FAQ anzumerken gibt: Sie wurde nunmehr unter eine CC-0-Lizenz gestellt.

Montag, 11. Juni 2018

Yahoo Messenger, 1998–2018

Nach 20 Jahren schließt Yahoo seinen Instant-Messaging-Dienst.

In der Diskussion dazu beschreibt ein Teilnehmer am Heise Forum die Entwicklung:

Als Urgestein würde ich IRC bezeichnen und das lebt immer noch, auch wenn es nicht mehr sehr verbreitet ist.

Sterben tun nicht die Standards, sondern proprietäre Dienst unter Kontrolle einer einzelnen Firma werden abgeschaltet, wenn sie keine Gewinne mehr einfahren. Ein offener Standard ohne zentrale Verwaltung kann nicht abgeschaltet werden. Es können höchstens die Nutzer ausbleiben.

Er empfiehlt Matrix zum Chatten; kann aber noch mehr.

Samstag, 9. Juni 2018

Kaum einen Hauch VI

Es sind ja nicht nur Blogs, auch im Journalismus ändert sich etwas. Der ORF zieht sich weitgehend von Facebook zurück, schreibt der Standard: Die derzeit rund 70 ORF-Auftritte auf Facebook sollen auf rund 15 eingedampft werden, wegen „Datenmissbrauch und Intransparenz“ des Netzwerks. Man schalte keine Werbung mehr auf Facebook und YouTube, und es solle auch keine Uploads von Videos auf YouTube geben. Stattdessen Links auf die eigene TVThek.

Ein Paradigmenwechsel. Im besten Fall werden wir uns einmal an die Zeit der Datenkraken erinnern wie wir heute an die Zeit zurückdenken, als es sie noch gar nicht gab. Man darf gespannt sein, welchen Weg die heutigen Benutzer wählen werden – diejenigen, die dort noch immer aktiv sind. Es kann alles nur besser und freier werden.

red. 2018. Teilrückzug: ORF dampft seine Facebook-Auftritte um 80 Prozent ein. derStandard.at. 7. Juni. derstandard.at (zugegriffen: 9. Juni 2018).

Freitag, 8. Juni 2018

LaTeX lebt

Dear TeXers,

Summer with its conferences is upon us. I am writing this text after a full day at the Joint Conference on Digital Libraries at Fort Worth, TX. As befits JCDL, at registration we were given the proceedings volume in digital form. By the way, I've run pdfinfo on the files and found out that of 102 papers presented there, 68 were typeset in TeX. I think the rumors of the imminent demise of TeX in the academic world are somewhat exaggerated. […]

Boris Veytsman, TeX Announce Mailing List, 7. Juni 2018.

Mittwoch, 6. Juni 2018

Kaum einen Hauch V

Natürlich legt Jörg Kantel den Finger in die Wunde, wenn er darauf hinweist, dass die kommerziellen und durch Datenhandel finanzierten Datensilos nicht so einfach zu ersetzen sein werden, wie die Freie-Software-Gemeinde es sich mitunter wünscht. Es ist pragmatisch, sie trotz allem zu nutzen. Und er legt heute noch einmal nach und entwirft ein Szenario für ein Web ohne Server und ohne Browser. Das wäre natürlich ein veritabler Pradigmenwechsel.

Der Content läge dann nicht mehr im Web, begraben in Datensilos, sondern lokal auf den Rechnern der Benutzer. Er wäre dort auch frei im Sinne von: jederzeit weiter zu verarbeiten, denn er läge in einem Metaformat wie Markdown – oder m.E. sympathischer: Org-mode – vor, reduziert auf die Elemente, die man zur Auszeichnung von Text tatsächlich braucht. Und der Content wäre in diesem Sinne auch dezentral vorhanden, denn man könnte ihn leicht in mehrere Clouds als Backup spiegeln. Das Web verbliebe als öffentlicher Spiegel des lokalen Archivs, bereitgestellt als Quelle, als (X)HTML zum Surfen, zum Drucken, zum Forken, Kopieren usw. Und damit es einfach und praktikabel bleibt (siehe oben), könnte dieser letzte Schritt der Veröffentlichung dann auch auf kommerziellen Plattformen spielen, damit es handhabbar und einfach und möglichst hoch verfügbar wäre.

Aber warum denn nun noch den letzten Schritt bei der Krake ansiedeln? Weil es in diesem Bild immer noch einfacher erscheint, statische Seiten zu erzeugen, die man der Krake übergibt, nur zum Weiterreichen an andere, als die Krake selbst zu ersetzen.

Und gerade das überzeugt mich nicht. Denn etwas fehlt in diesem Bild, nämlich Der Ekel vor dem Netz, wie Günter Hack es genannt hatte – ja, ich wiederhole mich bisweilen. Dieser Ekel sorgt nämlich für Stress, weil man ja die ganze Zeit hinweg dann doch wieder etwas tut, was man eigentlich gar nicht will: Im Datensilo, bei der Datenkrake oder in einem „sozialen“ Netzwerk für Content sorgen und damit seine Leser der dortigen Schnüffelei aussetzen. Jeder Blogpost bei WordPress.com nährt das Ökosystem aus Datensammelei und Datenhandel – man lese sich nur einmal die sogenannte Datenschutzerklärung von Automattic an. Jedes Repositorium bei GitHub (hab da ja auch eines) nährt nunmehr Microsoft.

Was wir wirklich bräuchten, wäre eine genossenschaftliche Struktur, um diese „letzte Meile“ im Publikationsprozess auch noch sauber und appetitlich abzudecken, um den Ekel aus der Kette endlich ganz zu tilgen. Wenn es so schwierig ist, das selbst zu machen, wäre das doch ein Ziel: Unabhängig werden von den Konzernen. Basisdemokratisch und so. Ist das schon zu lange her? Geht das heute nicht mehr? Ich dachte, die Windräder wären so im Kommen. Wo ist der Wind für das Web ohne Konzerne? Sonst hat das doch alles am Ende keinen Sinn.

Ich glaube nicht, dass es statische Seiten sein müssen. Die Entscheidung für statische Seiten ist für mich vor allem eine Frage der Wartbarkeit und der Langzeitarchivierung. Ich möchte eine Quelle haben, die auch langfristig funktionieren wird, so wie meine LaTeX-Dokumente von vor achtzehn Jahren heute auch immer noch lesbar sind und größtenteils kompilierbar. Ob Markdown dafür die richtige Wahl ist, bezweifle ich, denn es ist zu sehr an die großen kommerziellen Lösungen wie GitHub angedockt. Ein richtiges Nerd-Format wie Org-mode ist wohl doch eine bessere Wahl auf lange Sicht.

Das Für und Wider von datenbankbasierten Bloggersystemen wie WordPress und statischen Systemen wie Hugo oder Jeckyll erinnert mich eher an die Glaubenskriege zwischen CLI und GUI, wie sie in dem Essay In the beginning was the command line von Neal Stephenson beschrieben wurden – ein Text, der übrigens derzeit wohl nur noch in dezentralen Archiven zu finden ist, wenn man das so nennen will. Glücklich, wer noch eine lokale Kopie davon hat.

Dienstag, 5. Juni 2018

On the track III

Die Übernahme von GitHub durch Microsoft erinnert an das – rein fiktive – Startup My beloved pet dot com, das Constanze Kurz und Frank Rieger einst in ihrem Buch Die Datenfresser auftreten ließen, um zu demonstrieren, wie Datenhandel funktioniert. Das sympthische kleine Unternehmen wird von dem riesigen Weltkonzern geschluckt, um die Benutzerdaten weiterzureichen und zu verwerten. Es zeichnet sich ab, dass zumindest ein Teil der Community neue Wege gehen wird. Das Web ist in ständiger Re-Organisation, es verteilt sich immer wieder neu, und der Name Microsoft ist nicht gerade vertrauensstiftend. Ob GitLab ein Ausweg ist? Eher nein. Dezentrale Lösungen für Offene Daten würden gebraucht. Sowas sollte zur Grundausstattung einer Zivilgesellschaft gehören.

Demgegenüber meldet der Verbraucherzentrale Bundesverband einen kleinen Erfolg: Apple hat laut VZBV eine Unterlassungserklärung abgegeben, der zufolge die Teilnahmebedingungen für Schülerkurse in den Apple Stores geändert werden müssen. Der Verband hatte die Bedingungen fast vollständig als rechtswidrig kritisiert.

Was macht die Schule in einem Apple Store?

Apple bot in seinen Verkaufsläden „Entdeckungsreisen“ für Schülergruppen an. In den Kursen konnten die Kinder unter Anleitung und mithilfe von Geräten des Konzerns ihre Projekte gestalten.

Und was war dabei rechtswidrig?

Apple behielt sich das Recht vor, die Kinder während der Kurse zu fotografieren und zu filmen und die Aufnahmen umfassend zu verwerten. Außerdem lehnte das Unternehmen jegliche Haftung ab. Das sollten die Eltern mit ihrer Unterschrift auf einer Einverständniserklärung bestätigen.

Über das Eindringen der Konzerne in die Schulen wird viel zu wenig berichtet. Apple liefert coole iPads, und Google hat einen Einplatinen-Computer, den empfiehlt die Internetbotschafterin der Bundesergierung. Eine ganze Generation von Schülerinnen und Schülern wird erfasst und auf ihrem weiteren Weg „begleitet“ und vermarktet. Und das ist modern.

Samstag, 2. Juni 2018

William Kentridge, „O Sentimental Machine“ im Liebieghaus, Frankfurt am Main

In der Mitte des dunklen Raums steht eine phantastische Maschine. Ein großer, unentwegt atmender „Elefant“ als Holz und Metall, der vor sich hin arbeitet, ohne Pause, ohne Anfang, ohne Ende, ohne Ziel, aus sich heraus und für sich. Große Hebel, schiebende Flügel. Es dreht sich und es hebt sich etwas. Und trotz der Bewegung ruht er doch in sich. Ich glaube, es liegt an dem warmen Material Holz. Rundherum nicht weniger phantastische Filmszenen aus fünf Projektoren, die teils auf Holzplatten, teils auf die Reliefs im Rom-Saal des Liebieghauses leuchten und Szenen zeigen, Fragmente aus der Kunst, aus der Wissenschaft, Szenen einer Ehe, die Prozession einer politischen Bewegung. Und Metronomen, immer wieder. Vieles wird vorbeigetragen. Das ganze zu nicht weniger phantastischer Musik. Sie ist das schwächste Element von allen und kann sich nur deshalb gegen die Optik behaupten, weil sie über vier mächtige Lautsprecher gespielt wird, die in den Ecken ziemlich an der Decke platziert sind, vermehrt um vier Megafone, die frei im Raum verteilt sind und über die immer wieder gesungene, deklamierte oder gemurmelte Texte zu hören sind. Die Zuschauer können sich frei im Raum bewegen oder sich auf ein paar um den „Elefant“ verteilte Stühle – einfache Holzstühle und Drehstühle – setzen. Man muss sich immer wieder hin und her drehen, man bleibt in Bewegung, ist Teil der Bewegung, der Dynamik.

The refusal of time von William Kentridge, das zurzeit im Liebieghaus zu sehen ist, ist ein wahres Spektakel. Es dauert eine halbe Stunde, aber man meint, es wäre ein ganzes Leben. Ich habe schon lange nicht mehr in so kurzer Zeit so viel Zeit erlebt. Der „Elefant“ relativiert die Zeit und macht sie bewusst. Und es ist nur eines von 80 Werken in der Ausstellung, aber es ist bei weitem dasjenige, das mich am meisten angeregt hat. In der gestern neu eröffneten Kunsthalle Mannheim sei es auch zu sehen. Es gibt also mehrere davon. Wie beruhigend.

In diesem Interview im Louisiana Channel erzählte Kentridge 2017 – ebenfalls eine halbe Stunde lang – über das Werk, das zuerst 2012 bei der documenta 13 gezeigt worden war:

William Kentridge. O Sentimental Machine. Bis 26. August 2018 im Liebieghaus, Frankfurt am Main. Kuratoren: Vinzenz Brinkmann und Kristin Schrader. Katalog im Kerber Verlag, im Museum 39,90 Euro.

Donnerstag, 31. Mai 2018

Kaum einen Hauch IV

Schon wieder zwei Blogs weniger in meinem Feedreader. Aber nicht alle Blogs, die derzeit geschlossen werden, werden wegen des Inkraftretens der Datenschutz-Grundverordnung geschlossen. Das ist auch kein Anzeichen einer Entdigitalisierung. Es ist einfach eine Bereinigung der Kommunikationskanäle, die man unterhält. Too much information.

Es ist ein Bewusstwerden über die allgemeine Verzettelung. Man konzentriert sich auf das, was wirklich wichtig ist. Ein Anlass zur Beschränkung. Was wertvoll ist, erhält man, was entbehrlich ist, kann weg.

Und man vergewissert sich der dunklen Seite des digitalen Lebensstils. Bloggen heißt Publizieren und damit Ansprüchen Dritter ausgesetzt zu sein. Die Sozialen Medien haben einen sozialen, und das heißt auch: einen rechtlichen Bezug.

Das alles vor dem Hintergrund des Ekels vor dem Netz und des Rückzugs aus der Öffentlichkeit in private Grüppchen bei privaten Datenkranken seit 2013/14.

Natürlich verändert sich damit die digitale Öffentlichkeit. Allzu Privates schwindet, das Kommezielle tritt noch mehr hervor als bisher schon. Es ist eben ein Umbruch, aber weil er mit einer Selbstvergewisserung verbunden ist, ist es ein Umbruch zum Besseren hin.

Sonntag, 27. Mai 2018

„Frank Auerbach und Lucian Freud. Gesichter“ im Städel Museum, Frankfurt am Main

Es ist eine kleine Ausstellung von meist sehr eindrücklichen Radierungen und Zeichnungen. Die Blätter werden in einem betont ruhigen Umfeld gezeigt, gedämpftes Licht – der Raum temperiert durch eine ziemlich kühle Klimaanlage. Lucian Freud und Frank Auerbach teilen die Emigration als Kinder aus Nazi-Deutschland nach Großbritannien. Sie waren befreundet, die gegenseitige Beeinflussung fühlt man förmlich, aber auch die jeweils eigene Handschrift. Ein Blickfang ist das Selbstbildnis Auerbachs in Graphit auf Velin: Überdimensionaler Kopf in groben Zügen, schwarze und graue Linien, grob und unruhig und doch plastisch und lebendig im guten Sinne. Freud dagegen: detailreich, und alles andere als modelhafte Modelle aus irritierendem Blickwinkel. Was beide Künstler eint ist, dass sie uns das genaue Hinsehen lehren, die Suche nach dem, was hinter der Linie liegt und was die gar nicht leicht skizzierten und in die Druckplatte geritzten Striche auf Dauer miteinander verbindet. Eine absolut sehenswerte Ausstellung. Zum Schluss ein Blick auf die handwerkliche Seite der Radierung. Leider fehlt Francis Bacon, der dritte der „Londoner Schule“, derzeit in der Gegenwartskunst.

Frank Auerbach und Lucian Freud. Gesichter. Kuratorin: Regina Freyberger. Städel Museum, Frankfurt am Main. Bis 12. August 2018. Katalog: 15 Euro. – Einführung von Regina Freyberger im Städel-Blog: „Wie ein Ungeheuer, das in die Welt hinausstolziert“.

Samstag, 26. Mai 2018

Kaum einen Hauch III

Wie eine Furie des Verschwindens entgleitet uns die netzpolitische Diskussion aus den Händen. Der Anlass: Ein Schnelllöschantrag auf die Weiterleitung 0zapftis in Wikipedia. Leitet weiter zu Online-Durchsuchung. Da war doch was? Aber was? Der Bayerntrojaner – vom CCC im Jahr 2011 beschrieben. Aber weder spiegel.de noch zeit.de liefern: null. Heise: Nur zehn Treffer, davon die Hälfte aus WWWW (also nicht zu gebrauchen) und einmal c't (also nicht frei abrufbar). Genios: Nur ein ziemlich schwacher Beitrag aus der Welt und ein Kommentar aus der Rhein-Zeitung. Archive.org: Fehlanzeige. Netzpolitik.org verlinkt dann endlich die alten Beiträge bei der Zeit und bei der FAZ. Auf GitHub via dieser Notiz zum 28C3. Via WorldCat zu diesem Paper. – Aber meine Güte: Wo ist unsere Geschichte geblieben? Sie verrinnt vor unseren Augen und verschwindet im Netz, das angeblich nichts vergisst. Alle reden von Snowden, und keiner erinnert sich mehr an die hausgemachten Skandale.

  • Biermann, Kai. 2011. Onlinedurchsuchung: CCC enttarnt Staatstrojaner. Die Zeit, 8. Oktober, Abschn. Digital. www.zeit.de (zugegriffen: 26. Mai 2018).
  • Carbone, Richard und Canada. 2013. Malware memory analysis for non-specialists: investigating publicly available memory image Ozapftis (R2D2). Place of publication not identified: Defence Research and Development Canada. publications.gc.ca (zugegriffen: 26. Mai 2018).
  • N.N. 2011a. Chaos Computer Club analysiert Staatstrojaner. Chaos Computer Club. 8. Oktober. www.ccc.de (zugegriffen: 25. Mai 2018).
  • ---. 2011b. Addendum Staatstrojaner. Chaos Computer Club. 9. Oktober. www.ccc.de (zugegriffen: 25. Mai 2018).
  • Rieger, Frank. 2011. Ein amtlicher Trojaner: Anatomie eines digitalen Ungeziefers. FAZ.NET, 9. Oktober, Abschn. Feuilleton. www.faz.net (zugegriffen: 26. Mai 2018).
Freitag, 25. Mai 2018

Kaum einen Hauch II

Wer zählt die E-Mails, wer die Klicks, die angeblich notwendig waren gestern und heute, angeblich um dem Datenschutz zu genügen? Wo wäre der Datenschutz heute ohne sie?

… Daher bitten wir Sie um Rückmeldung, falls Sie in Zukunft keine E-Mails mehr von uns erhalten möchten …… Wenn Sie weiterhin Informationen vom uns erhalten möchten, müssen Sie nichts weiter tun. Möchten Sie jedoch aus unserem Verteiler entfernt werden, bitten wir Sie um eine kurze Nachricht per E-Mail, dass Ihre Daten gelöscht werden sollen …… benötigen wir nun Ihre ausdrückliche Zustimmung, wenn wir Ihre E-Mailadresse weiterhin elektronisch speichern wollen und Ihnen über die Mailingliste weiterhin den Newsletter mit unseren Informationen zukommen lassen möchten …… aktualisieren wir zzt. unsere Daten. Vor dem Hintergrund der am 25. Mai 2018 in Kraft tretenden Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) bitten wir Sie daher um eine (nochmalige) Bestätigung Ihrer Newsletter-Anmeldung – ansonsten werden wir Ihnen nach dem 25.5. keinen Newsletter mehr zusenden …… Um auch dann weiterhin diese Newsletter rechtssicher an Sie versenden zu können, ist an dieser Stelle (evtl. nochmals seufz, aber das ist vorgeschrieben) Ihre Einwilligung erforderlich …

Bei einem Berliner Verein taucht die neue Datenschutzerklärung tatsächlich drei Stunden vor Ablauf der Frist noch auf der Website auf. „Unser Unternehmen“. Ah. Und entschuldige bitte den langen Brief, ich hatte keine Zeit, dir einen kurzen zu schreiben.

Endzeitstimmung macht sich breit. Blogs schließen ihre Kommentare (ich ja auch). Newsletter werden abbestellt oder nicht verlängert. Mailinglisten wechseln den Admin aus, weil sich der alte nicht mehr traut weiterzumachen. Und ganz viele Accounts werden geschlossen.

Es ist abzuwarten, wie es weitergeht mit dem Internet, das nichts vergisst. Mit ewigen Archiven, vollständig und unverrückbar, eigentlich nur mit Bibeln zu vergleichen.

In den letzten Wochen trennte ich mich von meinen letzten Nur-Lese-Accounts bei Facebook und Twitter. Flickr hatte ich schon seit 2015 nicht mehr verwendet. Das ist ein Teil von Yahoo. Man glaubt es gar nicht, wo man überall noch Konten hatte. Ein Anbieter schreibt mir auf Englisch, als ich den Zugang schließen möchte, eine Right-to-be-forgotten-Anfrage könne nur bearbeitet werden, wenn eine Kopie eines amtlichen Dokuments beigebracht werde, auf dem der Name des Betroffenen und die E-Mail-Adresse zu lesen sei, unter der man sich registriert habe. – Schnell weg da, weg da, weg!

YouTube ist unter folgender Anschrift zu erreichen: YouTube LLC, 901 Cherry Ave., San Bruno, CA 94066, USA. Die Datenschutzerklärung findet man unter policies.google.com

Dienstag, 22. Mai 2018

Blogroll

Die Frage, welche Blogs man lesen sollte oder wie man überhaupt lesenswerte Blogs finde, wird öfter gestellt. Vor allem Anfänger im Bloggen stellen sich das Lesen von Blogs als eine regelmäßige Lektüre vor, wie man eine Zeitung abonniert hat oder wie jeden Abend um 20 Uhr die Tagesschau in der ARD ausgestrahlt wird.

Natürlich ist das nicht ganz fernliegend – man kann das so machen. Aber das Lesen im Netz ist doch etwas anders als das lineare Lesen auf Papier. Es ist eben ein Lesen im Netzwerk – von Hypertexten im Netzwerk – und ein Schreiben von Hypertexten – im Netzwerk.

Die Blogroll ist seit je eine Liste der Blogs, denen man folgt, die man liest, mit denen man sich verbunden fühlt. Aber im Laufe der Zeit verschwand sie immer öfter, die Blogroll, ziemlich zu der Zeit, als die Sidebar in den Blogs immer seltener zu sehen war, als das responsive Weblayout häufiger wurde.

Nachfolgend also eine Liste von Blogs, auf einer eigenen Seite. Die Liste ist thematisch geordnet, aber sie ist nicht abschließend, sie ist bis auf weiteres in Bewegung und ich werde sie in der nächsten Zeit noch öfter bearbeiten. So, stay tuned …

Datenschutzerklärung

Verantwortlich im Sinne von Art. 4 Ziff. 7 DSGVO: Dr. Jürgen Fenn, Friedensallee 174 / 20, 63263 Neu-Isenburg, Deutschland. E-Mail: juergen.fenn@gmx.de .

Rechtsgrundlage für die Datenverarbeitung ist Art. 6 I 1 lit f DSGVO.

Beim Betrieb dieses Blogs werden keine personenbezogenen Daten erhoben. Es sind keine Tracking-Dienste eingebunden, es werden keine Webfonts verwendet und auch keine Cookies gesetzt. Die Kommentarfunktion ist deaktiviert.

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Für die Suchfunktion ist eine Abfrage bei DuckDuckGo integriert. Das Unternehmen DuckDuckGo ist erreichbar unter der Anschrift: Duck Duck Go, Inc., 20 Paoli Pike, Paoli, PA 19301. Die Datenschutzerklärung von DuckDuckGo findet man unter duckduckgo.com.

In manchen Blogbeiträgen sind Videos eingebunden, die auf der Plattform Vimeo gehostet werden. Das Unternehmen ist unter folgender Anschrift zu erreichen: Vimeo, Inc., 555 West 18th Street, New York, New York 10011, USA. Die Datenschutzerklärung findet man unter vimeo.com.

In manchen Blogbeiträgen sind Videos eingebunden, die auf der Plattform YouTube gehostet werden. Das Unternehmen ist unter folgender Anschrift zu erreichen: YouTube LLC, 901 Cherry Ave., San Bruno, CA 94066, USA. Die Datenschutzerklärung findet man unter policies.google.com.

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Zuständige Aufsichtsbehörde für Beschwerden ist: Der Hessische Beauftragte für Datenschutz und Informationsfreiheit, Postfach 3163, 65021 Wiesbaden, E-Mail über das Kontaktformular; eine E-Mail-Adresse zur Kontaktaufnahme ist zum Zeitpunkt der Abfassung dieser Erklärung (Mai 2018), soweit ersichtlich, nicht veröffentlicht worden.

Im übrigen verweise ich auf den 18. Erwägungsgrund zur Datenschutz-Grundverordnung.

Montag, 21. Mai 2018

(La)TeX auf Wikidata

Über die Wikidata-Query-Abfrage kann man sich die Liste der (La)TeX-Befehle für Sonderzeichen ausgeben lassen, die in Wikidata einen eigenen Eintrag haben. Damit sich in dem Formular etwas tut, muss man dann noch auf das blaue Dreieckssymbol links klicken. Es werden 67  Items ausgegeben (via Wikidata Status Update 312).

Mittwoch, 16. Mai 2018

ZoteroBib

ZoteroBib ist eine Web-Lösung, die auf der Literaturverwaltung Zotero aufsetzt und sich wohl an Anwender richtet, die Zotero (noch) nicht installiert haben. Der Blogpost aus der vergangenen Nacht gibt eine etwas ausführlichere Einführung. Einträge können per URL, ISBN oder DOI erstellt und im lokalen Browser-Cache gesammelt werden (wenn man das zulässt). Man kann also weitersurfen und immer wieder zu der Seite zurückkehren. Jeder Eintrag kann händisch nachbearbeitet werden, was z.B. notwendig wird, wenn das Tool Probleme mit Umlauten hat. Die Formatierung erfolgt über das bekannte Reservoir an den in Zotero verfügbaren Zitierstilen (derzeit sind es über 9000, wie man liest). Am Ende können sowohl einzelne Einträge als auch die komplette Literaturliste formatiert exportiert werden, entweder in die Zwischenablage, als Datei (RTF, RIS, BibTeX, HTML) oder direkt zur Übernahme ins lokal installierte Zotero. – Eine Notlösung, natürlich, wohl vor allem für mobile Anwender, die neugierig machen will in einem hart umkämpften Markt, in dem man bekanntlich nicht zimperlich ist, wenn es um Gratis-Varianten und Campus-Lizenzen geht.

Montag, 14. Mai 2018

Kaum einen Hauch

Das ist ein Umbruch, den wir erleben, und ich merke, dass ich in den letzten Wochen ein bisschen wehmütig geworden bin. Ist es tatsächlich schon über zehn Jahre her, dass die Netzgemeinde aufbrach, um aus dem Nest, das sie sich gebaut hatten, das „Neuland“ zu vertreiben? Dreizehn Jahre ist es her, dass der AK Vorrat gegründet wurde? Zwölf Jahre: die Piratenpartei? Acht Jahre seit der Einrichtung der Enquète-Kommission Internet und digitale Gesellschaft? Fünf Jahre seit der Snowden-Affäre? Drei Jahre seit der Safe-Harbor-Entscheidung des EuGH? Zwei Jahre seit dem Inkrafttreten der Datenschutz-Grundverordnung?

Ihr naht euch wieder, wankende Gestalten, und einige haben einen eigenen Wikipedia-Artikel bekommen, andere nicht. Nicht mehr; die Karawane war schon weitergezogen, als sie endlich relevant gewesen wären, denn irgendwann haben wir aufgehört, Dinge ins Internet zu schreiben. Ich merke, dass es mich anrührt, wenn ich sehe, dass sich auch heute noch Lücken auftun, und habe deshalb nach der letzten Sendung von Scobel auf 3sat von der re:publica Jeanette Hofmann und Judith Simon zwei Artikel geschrieben. Wie soll es denn je weiter vorangehen, wenn wir unsere Themen und Akteure nicht an dem Ort einbringen, wo der Mainstream stattfindet? Überhaupt: die re:publica gibts auch schon seit elf Jahren, und sie ist im Vergleich zu damals heute nicht mehr wiederzuerkennen.

Und jetzt: die DSGVO. Auch sie ein Umbruch, nicht so sehr für die Internetkonzerne und die Datenhändler – die nehmen das ganz cool, Google My Activities und so –, sondern vor allem für die Netzkultur. Gilt die DSGVO überhaupt für Blogger? Darüber würde ich mir weniger Sorgen machen, denn das echte Bloggen gibt es mittlerweile so selten, dass die Teilnehmer an meinen WordPress-Kursen, die einfach nur so drauflos schreiben wollen, die absolute Ausnahme geworden sind. Der Schwerpunkt liegt heute ganz klar im Bereich Werbung und PR, auch das ein großer Unterschied zu damals(TM), so dass man als Blogger erst einmal darzulegen hätte, dass man noch zur alten Schule gehört, so wie du oder ich. Was damals der Normalfall war, ist heute ein Geheimtipp, den man wie ein Trüffelschwein im dunklen Wald erst suchen muss.

Immerhin, auch die Arbeitsgemeinschaft für juristisches Bibliotheks- und Dokumentationswesen (also die Vereinigung der Rechtsbibliothekare) nimmt die Einführung der DSGVO zum Anlass, ihren Newsletter einzustellen. Ach, sie verweisen auf ihren RSS-Feed – mon amour. Und Tacheles schließt sein Hartz-IV-Forum – wenn auch zumindest auch aus anderen Gründen (Die „Qualität“ in der Beratung ist deutlich den Bach runter gegangen, und deswegen ziehen wir jetzt die Reißleine.). Ja, das war mal Kult. Herr Larbig, um nochmal auf die Blogger zurückzukommen, entfernt Twitter- und Instagram-Buttons aus seinem Blog und lässt die Google-Webfonts weg. Das muss ihm weh getan haben. Sei der Erste der einen Kommentar abgibt!

Über allen Blogs ist Ruh, – über allen Plattformen spürest du – kaum einen Hauch.

Das ist ein Umbruch, den wir erleben, und ich merke, dass ich in den letzten Wochen ein bisschen wehmütig geworden bin.

Samstag, 28. April 2018

TeX Live 2018 veröffentlicht

Installation von MacTeX 2018 PretestKarl Berry hat in der vergangenen Nacht den Release von TeX Live 2018 bekanntgegeben. Das Projekt ist früh dran – in den Vorjahren kam die neue Version der Distribution meist erst im Spätsommer heraus. Diesmal also rechtzeitig zur TeX-Tagung im polnischen Bachotek.

TeX Live 2018 ist die erste Version, die mit dem neuen LaTeX-Kernel ausgeliefert wird, der UTF-8 als Standard-Eingabekodierung auch für die Engine pdfTeX einführt – wer XeTeX oder LuaTeX verwendet, musste schon bisher direkt in UTF-8 arbeiten, alle anderen können es nun ebenfalls. Die meisten Benutzer sollten davon nichts bemerken, weil sie für alles, was über 7bit hinausging, schon immer auf das Paket inputenc angewiesen waren, das natürlich immer noch funktioniert, aber es ist doch ein Einschnitt in der TeX-Welt und kam auch erst recht kurzfristig vor dem Release der Distribution herein. Der Issue auf GitHub datiert vom 25. März, kurz darauf kamen die LaTeX News 28 mit der offiziellen Ankündigung heraus.

Soweit die Theorie. In der Praxis ruckelt es dagegen bisweilen noch heftig. Beispielsweise funktioniert derzeit das Paket csquotes für die Formatierung von Zitaten noch nicht ganz reibungslos mit UTF-8-kodierten Quelltexten. Davon sind auch Klassen und Pakete betroffen, die csquotes hinzuladen, wessen sich der Anwender bisher ggf. noch gar nicht bewusst war. In diesen Fällen kann ein beherztes \UseRawInputEncoding ganz zu Beginn eines LaTeX-Dokuments dafür sorgen, dass der Text dann doch noch kompiliert werden kann. Das ging auch früher schon, ist aber nur ein kruder Hack, denn LaTeX wählt dann wirklich genau das, was im Quelltext steht, und wendet keinerlei eigenes Mapping mehr an. An Abhilfe an den Paketen wird derzeit gearbeitet. Falls ein Dokument dagegen wegen einer Änderung im LaTeX-Kernel nicht mehr kompiliert, kann man mit dem Paket latexrelease immer eine frühere Version des Kernels auswählen.

Das obige Zitat hat es schon gezeigt: Die LaTeX-Entwicklung ist mittlerweile auf GitHub umgezogen, was zu einem sehr viel lebhafteren Kontakt mit der Nutzergemeinde geführt hat als das alte Repository plus Mailingliste.

Die übrigen Neuerungen von TeX Live 2018 gegenüber der Vorjahresversion halten sich dagegen in Grenzen: Für die meisten Diskussionen hatte bisher eine Änderung in der Bibliothek Kpathsea gesorgt, in deren Folge auf unixoiden Systemen einschließlich macOS bei erfolglosen Suchvorgängen eine weitere case-insensitive Suche durchgeführt wird. Im Manual wird beschrieben, wie man das abschalten kann. Bei LuaTeX wird der Umstieg auf Lua 5.3 vorbereitet; die Binary luatex53 ist auf den meisten Plattformen vorhanden, muss aber zu luatex umbenannt werden, damit man sie nutzen kann. Es gibt neue grafische Bedienoberflächen für den Paketmanager tlmgr, die auf die Namen tlshell und tlcockpit hören – ersteres funktioniert mit Tcl/Tk, das Cockpit dagegen mit einem möglichst rezenten Java. Auf dem Mac wurde es nicht getestet (und läuft bei mir auch nicht), wer mit macOS arbeitet, benötigt aber beide neuen Lösungen nicht, denn hier gibt es seit je die TeX Live Utility in MacTeX.

MacTeX 2018 enthält außerdem einige plattformspezifische Anpassungen und zusätzliche Anwendungen. Unterstützt werden in der aktuellen Version macOS 10.10 bis 10.13 (also Yosemite, El Capitan, Sierra und High Sierra). Für ältere Apple-Plattformen gibt es Binaries als x86_64-darwinlegacy. Mac OS X 10.5 Leopard fiel diesmal weg (dazu übrigens ein länglicher Thread in der macports-users-Liste, to whom it may concern), wie auch Windows XP erstmals nicht mehr unterstützt wird. (Update 29. April 2018: Windows XP wird schon seit 2014 in TeX Live nicht mehr berücksichtigt.)

Download von TeX Live 2018 in den nächsten Tagen von CTAN. Es empfiehlt sich, mit dem Herunterladen noch etwas abzuwarten, denn es wird definitiv ein paar Tage dauern, bis alle Spiegelserver auf dem neuesten Stand sind.

TeX Live 2018 ist dem polnischen TeX-Freund Staszek Wawrykiewicz gewidmet, der im Februar verstorben war. Norbert Preining hat in seinem Blog an ihn erinnert. – R.I.P.

Mittwoch, 25. April 2018

Thunderbird löst sich von Mutter Mozilla V

Einer der nächsten Schritte bei der Entwicklung von Thunderbird ist die Frage, was aus den Adblockern wird. Während die Browser-Hersteller dazu übergagengen sind, Content-Blocker in ihre Produkte zu integrieren, deren Funktion für die Benutzer kaum durchschaubar ist, zeigen sich die Entwickler von Adblock Plus und uBlock origin derzeit wenig geneigt, bei der Umstellung der Add-ons auf Webextensions auch Thunderbird weiterhin zu unterstützen. Aber ohne Werbeblocker sei es kaum mehr möglich, RSS-Feeds (mon amour) noch in Thunderbird zu lesen – schreiben diejenigen, die das derzeit tun. Deshalb wird auf der Mailingliste tb-planning darüber diskutiert, ob angesichts dessen ein Werbeblocker direkt in Thunderbird integriert werden sollte. Ob also Thunderbird in den Konflikt mit der Werbeindustrie einsteigen und – wie Google Chrome und Safari – ebenfalls Content blockieren sollte.

Dienstag, 24. April 2018

Geschichte der Suchmaschinen

Das Poster zur Geschichte der Suchmaschinen ist im Rahmen eines studentischen Projektseminars unter der Leitung von Prof. Dr. Dirk Lewandowski entstanden. Es beschreibt die Geschichte der Suchmaschinen auf unterschiedlichen Ebenen, von technischen bis hin zu gesellschaftlichen Entwicklungen. Der Fokus der Darstellung ist international; besonders berücksichtigt wird aber die Entwicklung in Deutschland.

via InetBib, 23. April 2018.

Freitag, 20. April 2018

RSS, mon amour

Man redet so viel von RSS in der letzten Zeit, von der Wiederkehr der klassischen Technik des Web 2.0, von der Rückkehr der Feedreader angesichts des Facebook-Cambridge-Analytica-Skandals (war da was? – anscheinend, ja). Und prompt liefert der MDR (sic!) für das von evangelisch.de (sic! sic!) geerbte Journalisten-Watchblog Altpapier einen ebensolchen Feed nach. Eine Website, die bis dato das RSS scheute wie der sprichwörtliche Teufel das Weihwasser und allerhöchstens einen Newsletter bediente und ansonsten natürlich die datenkragigen Sozialen Netzwerke. Bei einer Zunft als Zielgruppe, die eigentlich nur noch twittern mochte, wollte man meinen. Und sie bewegt sich also doch, auch diese Zunft. Da war wohl doch was.

Interessant auch die Nachweise bei Jörg Kantel zur Debatte um ein neues Web, angesichts von Walled Gardens, von Plattformökonomie und gar nicht so abwegigen Gedanken von Christian Hauschke zum kürzlichen Ende von Twingly. Aber das nur am Rande. GitHub Pages werden das Web übrigens nicht retten. Aber GitHub lebt, wie früher mal die Bloggerplattformen, vor dem Aufkommen der sozialen Netzwerke und der Zeit, als wir aufhörten, Dinge ins Internet zu schreiben.

Freitag, 13. April 2018

R.I.P. Twingly Blog Search, 2018

Und schon wieder ein Nachruf: Vier Jahre nach Google hat nun auch Twingly seine Blog-Suche geschlossen:

The Twingly Blog Search is closed. If you are interested in API access to the widest coverage of Blog Data in the world, other social data or News, please have a look at our different API offerings.

Gegen cash, natürlich. Keine freien Angebote mehr.

Die Blogosphäre als solches verschwindet zunehmend aus dem Blickfeld. Sie wird nicht mehr abgebildet, sondern vermischt sich mit anderen Angeboten. Der Begriff des Blogs wird diffuser, verliert an Kontur gegenüber Nachrichtenwebsites und Social Media. Die Suchmaschine als eine Konstruktion des Webs zeigt die Blogs nicht mehr als eigene Kategorie, die es wert wäre, gesondert wahrgenommen zu werden. So folgen die Blogs den Wikis, die – mit Ausnahme der Wikipedia – ja auch schon lange nicht mehr in den Suchmaschinen auftauchen. Nach oben gespült wird das, was mit Suchmaschinenoptimierung gepusht wird, ganz unabhängig von Format und Qualität.

Mittwoch, 21. März 2018

Technik-Tagebuch

Es ist Zeit geworden, zwei Updates zur Technik aus der letzten Zeit zusammenzufassen. Vielleicht wäre ein Technik-Tagebuch ein passendes Format, um solche Beiträge zu sammeln. Ich beginne heute jedenfalls einmal damit.

Die Diskussion um die Zukunft von Thunderbird dreht sich weiter. Ohne auf die zahllosen E-Mails einzugehen, die seit meiner letzten Zusammenfassung über den Verteiler gelaufen sind, kann man sagen, dass es grob zwei Diskussionsstränge gibt: Zum einen eine große Unzufriedenheit mit dem Adressbuch und damit zusammenhängend die Frage, ob das Add-on Cardbook, das Thunderbird für den Standard VCard fit macht. Einige würden Cardbook am liebsten gleich in Core aufnehmen, und der Entwickler scheint auch nicht abgeneigt, aber das ist wohl etwas verfrüht derzeit. Eine weitere Debatte, die in den letzten Wochen abgeebbt ist, drehte sich um die Frage, ob Thunderbird eine Desktop-Anwendung bleiben solle oder ob es parallel eine mobile App geben würde. Und wenn ja, in welcher Sprache sie zu programmieren wäre. Die Mehrheit war wohl doch geneigt, ganz auf dem Desktop zu bleiben, der Aufwand für eine zusätzliche App wurde als zu groß bewertet. Seit heute sorgt sich die Gemeinde darum, dass die jüngsten 32-Bit-Builds für Windows kaputt seien, den betroffenen Benutzern wird empfohlen, bis auf weiteres ab der nächsten Version auf 64-Bit umzusteigen. Als nächstes steht ja nun erst einmal die Anpassung an die Neuerungen an, die bei Firefox vor ein paar Monaten erfolgt waren.

Etwas Sorgen macht mir derzeit die Zukunft des VLC media player, den ich immer gerne neben iTunes eingesetzt hatte, vor allem auch um Radio-Livestreams aufzunehmen, was mit Bordmitteln von Apple nicht geht. Dazu gab es einen etwas schwer verständlichen, aber letztlich doch funktionalen Assistenten, mit dem ich eine Stream-URL aus meiner Playlist für Radio-Livestreams auswählen und die aktuelle Wiedergabe in eine Raw-Datei umlenken konnte. Dieser Assistent wurde gerade beim Übergang zu Version 3 gestrichen, und das soll wohl auch so bleiben, wenn ich den Entwickler richtig verstehe, der mir auf meine Frage im Videolan-Webforum geantwortet hatte. Es gibt zwar weiter ein convert and save panel, damit kann man aber den Livestream, den man speichern will, nicht mehr mithören, man kann also dem Programm nicht folgen und man weiß daher auch nicht, wann die Aufnahme zu beenden wäre. Die Aufnahme läuft stumm; das kann es ja nun nicht sein. Die Folge ist, dass man entweder auf Dauer, also so lange es funktioniert, bei Version 2.2.8 bleiben muss – in der Hoffnung, dass die öffentlich-rechtlichen Streams, die man damit abspielt, keine Exploits ausnützen werden (hahaha), oder dass man zum Mitschneiden von Livesendungen, die es ggf. später nicht mehr zum Download in irgendeiner Mediathek geben wird, auf den Radio-Recorder von Phonostar ausweicht, den beispielsweise das Deutschlandradio immer noch anbietet. Noch. Oder es gibt doch noch eine andere praktikable Lösung. Vorschläge sind willkommen. Aber vielleicht überlegen es sich die Entwickler bei Videolan doch noch einmal und bringen den alten Wizard wieder zurück.

Freitag, 23. Februar 2018

Neuerscheinungen zur Netzpolitik XIV

Eine Auswahl an Beiträgen seit dem 28. Januar 2018, darunter auch ein paar noch ältere Titel aus dem Verlag der Universität Kassel, die mir auch neu waren.

  • Boes, Andreas, Tobias Kämpf, Barbara Langes und Thomas Lühr. 2018. »Lean« und »agil« im Büro: Neue Organisationskonzepte in der digitalen Transformation und ihre Folgen für die Angestellten. 1. Auflage. Forschung aus der Hans-Böckler-Stiftung 193. Bielefeld: transcript. www.transcript-verlag.de.

  • Borchers, Detlef. 2018. Er kam aus dem Cyberspace. Zum Tode von John Perry Barlow. heise online. 8. Februar. www.heise.de (zugegriffen: 8. Februar 2018).

  • Deylen, Wiebke von. 2018. Open Access-Publizieren in der Romanistik – Ergebnisse des FID-Workshops an der SUB Hamburg. ciberaBlog. 9. Februar. blog.cibera.de (zugegriffen: 10. Februar 2018).

  • dpa. 2018. Studie der Uni Mainz: Lügenpresse-Hysterie ebbt ab, seitdem Journalisten ihre Arbeit besser erklären. 31. Januar. meedia.de (zugegriffen: 2. Februar 2018).

  • Ebner, Martin. 2018. Brauchen die Studierenden von morgen noch E-Learning? - ... oder E-Learning im Jahr 2034. In: Lehre und Digitalisierung - 5. Forum Hochschullehre und E-Learning-Konferenz, 9–12. Bielefeld: UVW UniversitätsVerlagWebler. www.academia.edu (zugegriffen: 12. Februar 2018).

  • Fiebig, Peggy. 2018. Resozialisierung durch Digitalisierung - Vernetzt im Knast. Länderreport. Deutschlandfunk Kultur. Berlin: Deutschlandfunk Kultur, 2. Februar. www.deutschlandfunkkultur.de (zugegriffen: 5. Februar 2018).

  • Gill, Harsimran. 2018. ‘The ebook is a stupid product: no creativity, no enhancement,’ says the Hachette Group CEO. Text. Scroll.in. 17. Februar. scroll.in (zugegriffen: 22. Februar 2018).

  • Graber-Stiehl, Ian. 2018. Science’s pirate queen. Alexandra Elbakyan is plundering the academic publishing establishment. The Verge. 8. Februar. www.theverge.com (zugegriffen: 15. Februar 2018).

  • Hoffmann, Gerd E. 1988. Deutschland 1988 (3/4) - Trüffelschweine im Datendickicht - Die Hacker: Volkssport oder Computer-Kriminalität? Feature. Deutschlandfunk. Köln: DLF/WDR. www.deutschlandfunk.de (zugegriffen: 30. Januar 2018).

  • Holland, Martin. 2018. Wikipedia Zero: Ende für kostenlosen Mobilfunkzugriff in Dutzenden Ländern. heise online. 19. Februar. www.heise.de (zugegriffen: 19. Februar 2018).

  • Höller, Heinz-Peter und Peter Wedde. 2018. Die Vermessung der Belegschaft. Mining the Enterprise Social Graph. Mitbestimmungs­report, Nr. 10. Mitbestimmungspraxis (1. Januar): 38. www.boeckler.de

  • Johannes, Paul C. und Alexander Roßnagel. 2016. Der Rechtsrahmen für einen Selbstschutz der Grundrechte in der digitalen Welt. Interdisciplinary research on information system design Band 3. Kassel: Kassel University Press. nbn-resolving.de.

  • Jurkiewicz, Sarah. 2018. Blogging in Beirut: An Ethnography of a Digital Media Practice. 1. Auflage. Kultur und soziale Praxis. Bielefeld: transcript.

  • Monroy, Matthias. 2018. Was steckt hinter der Twitter-Amnestie der Frankfurter Polizei? netzpolitik.org. 3. Februar. netzpolitik.org (zugegriffen: 6. Februar 2018).

  • Morozov, Evgeny. 2018. Silicon Valley oder die Zukunft des digitalen Kapitalismus. Blätter für deutsche und internationale Politik, 1. Januar. www.blaetter.de

  • Muuß-Merholz, Jöran. 2018. Freie Unterrichtsmaterialien finden, rechtssicher einsetzen, selbst machen und teilen: Mit Online-Materialien und E-Book inside. 1. Auflage. Weinheim: Beltz. www.was-ist-oer.de.

  • N.N. 2018a. Münchner Note. Museen, Bibliotheken und Archive fordern dringend notwendige politische Unterstützung zur Sichtbarmachung ihrer Sammlungsbestände im digitalen Raum. diverse deutsche Museen und Archive, 15. Februar. www.pinakothek.de (zugegriffen: 23. Februar 2018).

  • ---. 2018b. Einwilligung als Fiktion: Studie zeigt geringes Wissen über Datenschutz bei Facebook auf. idw-online.de. 20. Februar. idw-online.de (zugegriffen: 21. Februar 2018).

  • Pachali, David und Ute Schwens. 2018. Internet-Archivierung: Was bleibt vom Web? iRights - Kreativität und Urheberrecht in der digitalen Welt. 31. Januar. irights.info (zugegriffen: 31. Januar 2018).

  • Reinhardt, Jörn. 2017. Konturen des europäischen Datenschutzgrundrechts. Zu Gehalt und horizontaler Wirkung von Art. 8 GRCh. Archiv des oeffentlichen Rechts 142, Nr. 4 (1. Oktober): 528–565. doi:10.1628/000389117X15151513970355, .

  • Schumann, Harald und Arpad Bondy. 2018. Das Microsoft-Dilemma. Reportage & Dokumentation. rbb, 19. Februar. www.daserste.de (zugegriffen: 19. Februar 2018).

  • Schwetter, Holger. 2015. Teilen – und dann? kostenlose Musikdistribution, Selbstmanagement und Urheberrecht. Kassel: Kassel university press. nbn-resolving.org.

  • Stadler, Thomas. 2018. Der Staatstrojaner: Überwachung von Smartphones direkt beim Nutzer. Internet-Law. 29. Januar. www.internet-law.de (zugegriffen: 30. Januar 2018).

  • Sucker, Joachim. 2018. Next Level – VHS. allesauszucker. 12. Februar. allesauszucker.wordpress.com (zugegriffen: 14. Februar 2018).

  • Weizsäcker, Franz von. 2018. Globaler Handel per Mausklick: Die granulare Revolution der Plattformökonomie. Die aktuelle Kolumne. Bonn: Deutsches Institut für Entwicklungspolitik. www.die-gdi.de (zugegriffen: 30. Januar 2018).

  • Welchering, Peter. 2018. Die Enthüllungsplattform Wikileaks: Rasanter Aufstieg, tiefer Fall. Hintergrund. Deutschlandfunk. Köln: Deutschlandfunk, 3. Februar. www.deutschlandfunk.de (zugegriffen: 5. Februar 2018).

  • Young, Nora. 2018. Modern libraries innovate to better serve their communities. CBC Radio: Spark. 4. Februar. www.cbc.ca (zugegriffen: 18. Februar 2018).

Samstag, 17. Februar 2018

„Basquiat: Boom For Real“ in der Schirn Kunsthalle Frankfurt am Main

Die Schirn empfängt mit großen Bildern, mit Wänden voller Text, auf Mauern und auf Bretter und auf Leinwände geschrieben, geschmiert, gesprüht in den 1980er Jahren in New York. Als hierzulande über die Graffiti des Sprayers von Zürich diskutiert wurde: Darf man das, zivilrechtlich, strafrechtlich, und ist das Kunst?

Es war eine enorm politische Zeit damals: Post-68, Umweltbewegung, Frauenbewegung, Friedensbewegung, stell' dir vor, es ist Krieg, und keiner geht hin, die sogenannte geistig-moralische Wende in Deutschland-West, in den USA und in Großbritannien vor allem, das Volkszählungsurteil, der NATO-Doppelbeschluss, AIDS, das Privatfernsehen und das Kabelfernsehen, ein Atomkraftwerk in der Ukraine, und am Ende ein Börsenkrach, ein explodiertes Space Shuttle und das Ende des Kalten Kriegs. Eine Ahnung der bevorstehenden transnationalen Verflechtung wurde sichtbar am Horizont. Von alledem ist diese deutsch-britische Ausstellung ganz weit entfernt, so weit, weiter geht es nicht mehr. Ahistorisch und hermetisch wird eine New Yorker Künstlerszene in Clubs und sonstiger Bohème vorgeführt, die sich selbst genug ist und die sich um sich selber dreht, als gäbe es die Welt da draußen gar nicht. Oder nur als Drogenlieferant. Ich glotz' TV.

Jean-Michel Basquiat schrieb Tagebuch und begann zu kritzeln – und immer mehr zu malen. Er war modern, denn – und hier überschneiden sich unsere und seine Welt einmal – er bediente sich moderner Technik (Farbkopierer, Polaroid) und er nutzte moderne Technik zu seiner Inspiration bei der Arbeit (Fernsehen, Videorekorder). Kein Internet, natürlich, obwohl es das damals ja auch schon gab. Der Hip-Hop aus den New Yorker Ghettos, und immer wieder der Jazz. Und Texte. Pop-Texte. Eine merkwürdig krude und derbe Typografie, die man schwer vergisst. Wiederholungen. Taggen und rappen. Ein Remix aus Popkultur, der über elektronische Medien verbreitet wird und der seitdem nicht mehr aufgehört hat. Geschwindigkeit und leuchtende Bildschirme und Musik. Und bei uns kommt der Strom aus der Steckdose.

Man muss das nicht mögen. Es ist ist einfach da. Und es ist unerbittlich und laut und hart und schwer erträglich. Und es geht nicht mehr weg.

Die Schirn, nach den Worten von Jean-Christophe Ammann „die längste Kegelbahn der Welt“, ist für diese Ausstellung nochmal länger gemacht worden. Wie ein dunkler, warmer Darm voller Musik und Bewegung mäandert sich der Weg zwischen den eng gestellten Wänden von Eingang bis zum Ende der Schau, wo dann noch ein Film läuft, alles sehr akut und heute, am ersten Tag, gedrängt voller Menschen, die diese millionenschwere Show sehen wollten. Es soll sich um die teuerste Ausstellung handeln, die die Schirn jemals hatte versichern lassen, und das geht natürlich nicht ganz geräuschlos vonstatten: Man darf keine Taschen mit in die Ausstellung nehmen, und die Garderobe ist so belastet, dass Absperrbänder den Weg weisen und auch die Schließfächer nicht allgemein zur Verfügung stehen, sondern von den Garderobièren belegt werden. So die Auflagen. Die spinnen, die Amis, um nochmal einen Begriff aus den 1980ern aufzugreifen.

Die Bilder sind übrigens erstaunlich schlecht. Sie sind handwerklich schlecht gemacht, sie lassen jeden Ausdruck vermissen, und sie sind ganz schlicht scheußlich – wie die 1980er Jahre eben waren, ein Jahrzehnt, das reaktionär war wie man es sich heute kaum noch vorstellen kann. Damals begann der große Reichtum der wenigen, des einen Prozents, maximal, das sich heute diese Bilder für Millionen Dollar ersteigert. Dekadent und peinlich war das und ist es heute immer noch. Der lange Sommer der Bourgeoisie.

Darf man das, und ist das Kunst?

Man muss das nicht mögen. Es ist ist einfach da. Und es ist unerbittlich und laut und hart und schwer erträglich. Und es geht nicht mehr weg.

Geht nicht mehr weg, wie einem das Krönchen nicht aus dem Sinn geht, das im Spätwerk auftaucht, in verschiedenen Größen, mal schwarz auf braun, mal weiß auf schwarz. Oder der kleine Origami-Elefant beim Saxophon.

Und ist das Kunst? Man muss das nicht mögen. Es ist ist einfach da.

Mir hat es nicht gefallen.

Basquiat. Boom For Real“. Bis 27. Mai 2018 in der Schirn Kunsthalle Frankfurt am Main. Eine Ausstellung des Barbican Centre, London, in Kooperation mit der Schirn Kunsthalle Frankfurt. Kuratiert von Dr. Dieter Buchhart und Eleanor Nairne, Barbican Art Gallery, London. Katalog im Prestel-Verlag, München. Digitorial und Pressetext.

Dienstag, 13. Februar 2018

Twoday.net, 2003–2018

Die Bloggerplattform Twoday.net schließt zum Ende des Monats Mai 2018, und man sieht mit einem Blick auf Twingly, dass immer noch ein tiefer Riss durch das Web geht – zwischen den Netizens und den Geschäftemachern.

Als vor etwa einem Jahr das Open Directory Projekt DMOZ zumachte, waren es die Werbe-Spammer, die es als erste kühl und auch ein wenig herablassend vermeldeten. Nun, da es Twoday.net trifft, sind es dagegen die kleinen Blogger, die in meist recht emotionalen Blogposts ihrem liebgewonnenen Hoster nachtrauern.

Beispielhaft etwa dieser deftige Beitrag von Bonanzamargot in Anlehnung an Charles Bukowski (weiß eigentlich heute noch jemand, wer das war?): Lange genug ließ man uns Blogger im Ungewissen. Bukowski würde wahrscheinlich sagen: Das war ein verdammt langer Schiss! Sie hätte sich gewünscht, dass die Betreiber von Twoday.net Gründe angegeben hätten für ihre Entscheidung: Wenn man sich überlegt, mit wie viel Herzblut die Blogger auf Twoday unterwegs waren, über Jahre einen kahlen, vorgegebenen Raum mit ihren Inhalten auskleideten und mit Leben füllten…, da stimmt mich dieses Ende nicht nur traurig, sondern es macht mich gewissermaßen auch wütend! Aber auch in den LitBlogs wird des Endes von Twoday.net gedacht, und es werden auch schon die ersten Umzüge angezeigt.

Twoday.net war die erste Adresse, als man bei Antville.org in der Hochzeit des Web-2.0-Booms wegen Überlastung kein neues Blog mehr einrichten konnte. Und bis 2008 wurden dort 46353 Weblogs (sic! so sagte man damals) gehostet. Innerhalb von nur fünf Jahren, wohlgemerkt, waren sie eröffnet worden.

Und jetzt diskutiert die Antville-Gemeinde, ob sie sich um die verbliebenen Twoday.net-Blogger kümmern könne. Ich fände das schön, denn es ist wichtig, die idealistischen Nischen des Netzes zu pflegen und lebendig zu erhalten.

DMOZ hat übrigens ein Nachfolgeprojekt erhalten: Curlie, ein süßes rotes Eichhörnchen, sammelt jetzt die URLs in einem Web-Verzeichnis. Und statische Kopien des letzten Stands von DMOZ gibt es hier und hier.

Totgesagte leben länger.

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