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Montag, 19. Oktober 2020

(K)ein Bericht von der Frankfurter Buchmesse 2020

Meine Berichte über die Frankfurter Buchmesse reichen bis ins Jahr 2009 zurück, meine Besuche noch viel länger. Die Eindrücke, die ich dabei gesammelt hatte, waren für mein Verständnis des Medienwandels prägend. Es war stets eine riesige Inszenierung, in der die alte Medienwelt für eine Woche noch einmal reproduziert wurde, mit Hörfunk und Fernsehen, die Zeitungen waren auch alle da, und überhaupt: Bücher. Die Buchverlage. International. Gedruckt. Merkwürdig, als sie E-Book-Reader ausstellten. In einem Regal. Und mich dann fragten, ob mir das Layout auf dem Reader gefalle.

Aber es wurde dann auch deutlich: Von Jahr zu Jahr fiel es schwerer, das Produkt „Buchmesse“ noch einmal zu erzeugen, wie man es kannte. Die Hallen wurden immer leerer. Schließlich wurden ganze Hallen unter Vorwand aufgegeben. Wo früher der Platz knapp war, wurde zwischenzeitlich der Raum verschenkt, damit es nicht so auffiel, wie alles schrumpfte. Beispielhaft: Die auffällig kleinen Stände von Springer Nature oder DeGruyter im letzten Jahr. Der Messebetrieb verschwand mehr und mehr aus den Hallen, der Rechtehandel wuchs dagegen kräftig. Wer das nicht vor Ort beobachten konnte, sondern nur die Berichterstattung in den Massenmedien sah, merkte davon allerdings weniger. Die Inszenierung „Buchmesse“ wurde stabil gehalten. Es bestand ein Interesse daran, dass es so blieb.

Als es auf die diesjährige Ausgabe zulief, herrschte business as usual. Die Pressemappe kam herein. Der Ausblick auf die nächsten Gastländer. Whitepapers wurden verteilt. Und dann kam Corona. Und die Leipziger Buchmesse wurde abgesagt. Und wir gingen alle ins Homeoffice. Auch der Internetauftritt des Börsenblatts wurde aus dem Homeoffice neu gelauncht. Angeblich deshalb fehlt die Suchfunktion dort bis heute. Und auch der RSS-Feed wurde nicht ordentlich eingebaut, so dass man ihn auch in der Adresszeile des Webbrowsers angeboten bekäme. Kein Kommentar zum Print-Stylesheet. Warum das aus dem Homeoffice nicht möglich sein sollte, entzieht sich derweil einer Begründung. Dann kam ein trotziges „Erst recht!“ aus Frankfurt. Bis man merkte, dass es gar nicht an den Organisatoren bei der Messe liegen würde, ob es eine Buchmesse geben würde. Wenn unter den bestehenden Umständen niemand mit vertretbarem Aufwand anreisen und arbeiten kann, stellen sich keine weiteren Fragen über eine Präsenzveranstaltung der bisherigen Größenordnung mehr. Also nur noch online. Von einer Insolvenz des ganzen Betriebs war bisher noch nicht die Rede, aber von einem „Millionenverlust“ sprach man. Vorsorglich.

Wie wackelig die Orga war, ahnt man anhand der Blogger Relations. In den neu gefassten Akkreditierungsrichtlinien hieß es im April noch:

NEU: Wir akzeptieren ab 2020 nur noch Blogger*innen mit mindestens 2500 Followern pro Kanal und lehnen Facebook-Seiten als alleinigen Nachweis ab.

Abgesehen davon, dass Blogger keine Follower zu haben pflegen, sondern Leser und Abrufe, merkte man viel zu spät, dass man in der PR der Buchmesse die Blogger gar nicht mehr über ihre Blogs, sondern nur noch über deren Ableger in den Sozialen Netzwerken wahrnahm. Und nun begann in letzter Minuten ein Umsteuern, denn, so Juergen Boos in der Online-Pressekonferenz, man brauche die Blogger doch. Also Kommando zurück:

NEU: Wir akzeptieren ab 2020 nur noch Blogger*innen mit mindestens 1000 Followern pro Kanal und lehnen Facebook-Seiten als alleinigen Nachweis ab. Diese Vorgabe gilt nicht für klassische Blogs (z.B. Wordpress) sondern NUR für die Akkreditierung mit einem Social-Media-Account, z.B. mit Instagram, Twitter, YouTube oder TikTok.)

Nehmen wir einfach mal an, dass ein einfaches Bibliotheksblog ein „klassisches“ Blog in dem vorstehenden Sinne ist. Weder die schneeschmelze noch den albatros gibt es schließlich auf TikTok und Co. Aber wenn alles nur noch im Netz stattfindet, braucht sich auch niemand mehr zu akkreditieren. Der Zweck der Akkreditierung bestand schließlich darin, die Pressekarte zu erhalten, um Zutritt zur Messe an allen Tagen zu haben. Wahrscheinlich haben sich das noch mehr gedacht, denn in der abschließenden Pressemitteilung der Buchmesse werden zum ersten Mal keine Zahlen mehr über die akkreditierten Pressevertreter und Blogger genannt. Es gab keine.

War da überhaupt etwas? Die Fachbesucherveranstaltungen, waren zwar frei abrufbar, nach Anmeldung, sie liefen aber während der Arbeitszeit, die nicht so ohne weiteres für jeden freigegeben wurde. Der einzige für mich interessante Beitrag wäre ein Vortrag der Direktorin der finnischen Nationalbibliothek zu Open Science gewesen, gefolgt von einem Input von DeGruyter zum Verlagsgeschäft in den Geisteswissenschaften. Aber dafür die Arbeit unterbrechen? Ich ließ es gut sein.

Zumal die Buchblogger ebenfalls auf dem Rückzug sind. Zuletzt nachzulesen beim Buchrevier und bei den Lesestunden. Sie sind einfach müde geworden.

Und das „Bookfest digital“ erreichte mich vor allem auf YouTube. Aber da ging es auch wieder vollständig unter, soviel wird dort gestreamt seit März… man ist dessen doch mittlerweile überdrüssig.

Wir sehen vor uns die Buchbranche bei dem Versuch einer nachholenden Digitalisierung. Während der Buchhandel noch immer hauptsächlich vom stationären Geschäft lebt, schwärmen die Verlage und einige Journalisten immer noch vom alten Messegeschehen, wie es früher einmal war. Das wird es aber nie mehr geben. Dass das neue digitale Modell noch nicht funktioniert, kann über das Wegbrechen des alten nicht hinwegtäuschen.

Das Alte funktioniert nicht mehr, aber das Neue funktioniert noch nicht.

Das gilt übrigens auch für die Bibliotheken. Die Ausleihe der Frankfurter UB schließt noch immer montags bis freitags um 18 Uhr. Wohl dem, der früh genug Feierabend hat, um noch rechtzeitig den Weg dorthin zu finden.

Sonntag, 23. August 2020

Unersetzlich ist nur das Funktionslose

In dem achtstündigen Podcast „Alles gesagt?“ von Zeit Online mit Juli Zeh kommt gegen Ende (ab 6 Stunden 59 Minuten) auch die Rede auf die Entwicklung des Buchhandels während des Lockdowns. Die Dominanz des gedruckten Buchs hat gezeigt, dass es nicht gelungen ist, das Buch nachhaltig zu digitalisieren. Das E-Book spielt weiterhin keine große Rolle am Büchermarkt. Juli Zeh bekennt, sie nutze den Amazon Kindle, erhalte darüber aber keine brauchbaren Leseempfehlungen. Während das bei Spotify für Musik klappe, sei sie weiterhin auf den Besuch von Buchhandlungen angewiesen, um Neues zu entdecken, das sich für sie zu lesen lohne. Der Schöffling-Verlag, bei dem sie früher unter Vertrag gewesen sei, bevor sie zu Bertelsmann usw. ging, habe immer darauf gedrungen, sie auf Lesereise zu schicken, weil die Präsentation ihrer Bücher schon im Vorfeld im Buchhandel wesentlich besser gewesen sei als sonst. Die Buchhandlungen und das gedruckte Buch sind bis auf weiteres nicht zu ersetzen. Wir erinnern uns: Unersetzlich ist nur das Funktionslose.

Mittwoch, 8. Juli 2020
Freitag, 15. Mai 2020

Mein Soundtrack

Es ist viel gestreamt worden in den letzten Wochen, und viel war die Rede von diesem oder jenem Online-Event. Für mich war Randy Crawford eine Wiederentdeckung aus den tiefen 1980er Jahren. Almaz. Und: Rainy night in Georgia. Und: One day I'll fly away. Der Jazz von Randy Crawford, live, wird mein Soundtrack des Lockdown gewesen sein, wenn ich mich daran zurückerinnern werde. Und sie sang vor ein paar Jahren immer noch so wunderbar leicht wie in den 1980ern und 1990ern.

Samstag, 25. April 2020

Übergänge X

Zum Beispiel weil immer wieder die Rede davon ist, dass sich durch die derzeitigen Verhältnisse auf Dauer etwas verändern werde. In den Massenmedien bekannt geworden ist die Debatte um den etwas blauäugigen Beitrag von Matthias Horx, dem Bazon Brock widersprochen hat: Aus der Geschichte habe noch niemand „einfach mal so“ etwas gelernt, und Optimisten seien „Volksverdummer“, meinte er ketzerisch.

Disruptive Momente bieten eine gute Projektionsfläche für alle möglichen Wünsche nach Veränderung. Die einen sehen derzeit das Bedingungslose Grundeinkommen heranziehen, tax the rich, das Comeback des Staates am Ende der neoliberalen Zeit sei gekommen. Rechte Reflexe hinken dem hinterher und wirken noch hilfloser als sonst. Solche Debatten haben vor allem die Funktion, von der großen Verunsicherung, die derzeit besteht, abzulenken und das jeweilige Lager zu beruhigen, weil sie Hoffnung geben, es gehe am Ende alles gut aus. Sie können auch den Blick auf die tatsächlichen Entwicklungen verstellen. In diesem Sinne sind sie Gegenaufklärung, es sind bloße Fluchtphantasien.

Die große Verunsicherung zeigt sich im Verlust von Vertrauen in eine Umgebung, in der man sich zwar nicht vollkommen gefahrlos, aber doch mit hinreichender Kompetenz einigermaßen bequem bewegen konnte. Man kam zurecht. Heute trauen sich manche Leute nicht einmal ohne Gummihandschuhe und Gesichtsmaske in den nächsten Supermarkt zu gehen. Die U-Bahn-Fahrt wird zur gefährlichen Expedition, bei der bisher unbekannte Gefahren drohen. Die leergekauften Supermärkte bleiben im Gedächtnis und treffen auf tieferliegende Erinnerungen an Notzeiten, die generationenübergreifend weitergegeben worden sind. Vertrautes schwindet, und Vertrauen schwindet.

Dem entspricht, dass alle Entscheidungen derzeit unter einer besonders großer Unsicherheit getroffen werden. Entscheidungen unter Unsicherheit hat es schon immer gegeben, aber nicht so eine große Unsicherheit wie in diesen Wochen. Es sind Unsicherheiten, gegen die man sich nicht versichern kann. Millionen Menschen sind auf das „Corona-Paket“ des Staates angewiesen, und die Zeitungen schreiben, von den 50 Milliarden Euro seien schon neun ausgegeben. Die Umverteilungsmaschine läuft also, aber sie erreicht gerade diejenigen ganz unten gar nicht. Wenn billige Produkte ausverkauft sind und wochenlang nicht mehr geliefert werden, steigen natürlich die Lebenshaltungskosten, und dabei handelt es sich dann auch nicht mehr um eine „kurzzeitige Spitze“, die der einzelne noch auffangen könnte und nach der Rechtsprechung auch selbst aufbringen müsste. Dass es unter diesen Umständen keine groß angelegte Diskussion um die unverzügliche Erhöhung des Regelbedarfs zur Grundsicherung gibt, zeigt, dass die Massenmedien, aber auch die Netzgemeinde sich wenig für die wirkliche soziale Bedürftigkeit interessieren. Die Umverteilung erfolgt von unten in die Mitte, wieder einmal.

Bei realistischer Betrachtung ergibt sich möglicherweise ein Spielraum für Veränderungen bei einigen praktischen Abläufen. Telefon- und Videokonferenzen ersetzen persönliche Begegnungen. Was wir schon ungefähr 20 Jahre lang als Netizens und Webworker gemacht haben – Hangouts, Chats und Skypos, Blogs und kollaboratives Schreiben in Wikis, Etherpads und Google Docs – die Distinktionsmerkmale der Digitalen Bohème, nennen sie jetzt „Homeoffice“. Wer ihm erfolgreich entfloh, findet sich unversehens dorthin zurückversetzt. In den Betrieben und in der öffentlichen Verwaltung werden dafür jetzt Infrastruktur und Kapazitäten aufgebaut, die mithin nicht mehr so bald verschwinden werden, auch wenn dieses oder jenes Virus wieder herdenmäßig gesehen beherrschbar sein wird. Und wenn die Technik einmal vorhanden ist, wird sie erfahrungsgemäß auch genutzt. Inwieweit sie ältere Medien oder Praktiken ersetzt oder verdrängen wird, bleibt freilich abzuwarten.

Spannend bleibt zu beobachten, wie das Schwinden des Dritten Orts im Sinne von Ray Oldenburg – die Bibliotheken, die Gastronomie, die Friseursalons, die Sportstätten, aber auch die Kirchen und dergleichen – sich gesellschaftlich auswirken wird. Die Virtualisierung dieser Orte wird sehr wahrscheinlich nicht funktionieren. Es braucht Empathie, und die entsteht nicht am Bildschirm. Und Dienstleistungen brauchen ebenfalls einen bestimmten Rahmen.

Gleichwohl ist ein Knacks entstanden, den man am Ende nur unvollständig mit digitalen Mitteln wird heilen können, so sehr sich die Nerds auch bemühen werden. Das ist die eigentliche Stelle, an der auszuloten sein wird, wieviel Luft für Neues vorhanden wäre oder ob es nach alledem nicht doch eher wieder zur Restauration gekommen sein wird. Ob man restaurativ denken wird oder ob es auch den Mut zu einem neuen, zu einem transformativen Denken geben wird. Das durchaus auch auf dem aufbaut, was wir in den vergangenen 20 Jahren als Netizens und als Webworker gemacht und damit vorbereitet haben. Denn unsere Generation sitzt heute in den IT-Abteilungen und richtet die gut ausgereifte Technik in den Betrieben und in den öffentlichen Verwaltungen ein. Während die Gesellschaft im übrigen weiterhin auf die kommerziellen Datenkraken angewiesen ist. Aber das ist ein anderes Thema und soll zu einer anderen Zeit besprochen werden.

Freitag, 10. April 2020

TeX Live 2020 veröffentlicht

TeX Live 2020 ist fertig und wurde jetzt auch offiziell veröffentlicht. Es wird noch bis zu einer Woche dauern, bis alle CTAN-Spiegelserver mit der neuen Version bestückt sind. Alle Neuigkeiten wurden hier zusammengefasst, der Link entlastet mich von einer Nacherzählung. Die meisten Anwender werden von den Neuerungen wahrscheinlich nichts bemerken, und diejenigen, die es angeht, sind mit dem Link gut informiert.

Speziell für den Mac ist zu beachten, dass MacTeX 2020 unter macOS 10.13 und höher läuft. Wie schon in den Vorjahren, werden nur die drei letzten von Apple noch gepflegten Plattformen von macOS unterstützt. Wer eine ältere Plattform einsetzt, muss also x86_64-darwinlegacy verwenden; die Binaries setzen Mac OS X 10.6 oder höher voraus.

Da die TeX Live Utility und BibDesk (noch) nicht notarisiert worden sind, sind sie nicht Teil von MacTeX, sondern müssen separat heruntergeladen werden (wir erinnern uns an Dick Kochs Posting vom letzten Sommer). Näheres dazu findet man im README von MacTeX und in der Datei MISSING APPS.pdf. Wer die beiden erwähnten Programme bereits von einer früheren Version von MacTeX in Applications/TeX installiert hatte, wird sie auch weiterhin dort vorfinden und benutzen können. Sie sollten, wie alle Bestandteile der Distribution, auf dem aktuellen Stand gehalten werden, und zumindest die Verwendung der TeX Live Utility ist für den teXnischen Unterbau dringend anzuraten, denn sie bedeutet eine enorme Erleichterung gegenüber dem Kommandozeilentool tlmgr als Paketmanager.

Wer sich längere Zeit nicht mehr mit der Entwicklung von LaTeX beschäftigt hatte, möge sich dringend die LaTeX News zu Gemüte führen, mindestens seit der Ausgabe Nr. 28, als UTF-8 zur Standardkodierung wurde. Vor zwei Monaten wurde das LaTeX3-Interface expl3 zu großen Teilen in den LaTeX-Kernel integriert. NFSS wurden schöne Erweiterungen spendiert. Und LuaTeX wurde mit HarfBuzz kombiniert.

Dienstag, 7. April 2020

Übergänge IX

Zum Beispiel die Latex-Handschuhe und der Mundschutz im Supermarkt. Seit Wochen kein Küchenpapier, kein Klopapier und die Nudeln rationiert, aber Latex-Handschuhe haben sie. Die Kassiererin hinter dem Schalter. Durchsagen, man möge mit der Karte anstelle von Bargeld zahlen. Alles sei sicher, der Markt bleibe geöffnet. Seit einer Woche schließt er zwei Stunden früher, und jetzt auch tagsüber mit Bewachung. Bei uns bekommen Sie alles für die bevorstehenden Osterfeiertage. Und wenn jemand nicht genug Abstand hielte? Dann musst du dich beschweren, sagt der Vater zu seinem kleinen Sohn, als gehe es ums Überleben im Dschungel. Er hat den Überblick. Das beruhigt den Kleinen. Wo sind die Bürgerrechtler, wenn man sie braucht? Diejenigen, die sonst auf ihre Freiheitsrechte pochen und Verfassungsbeschwerden erheben und das mit Spenden finanzieren. Die politisch korrekte Kleidung im Supermarkt. Und wenn einer „Halt“ riefe und den Arm dazu hochhielte und „alles ganz anders und wie immer“ riefe, würde er noch gehört durch die dicke Plexiglasscheibe, hinter der alle sitzen? Die Versorgung ist sicher. Es ist Frühling. Die Laster rollen durch die helle Nacht und bringen die Ware in die Märkte, wo sie sich verläuft wie die Butter schmilzt in der warmen Aprilsonne, getrieben von der Furie des Verschwindens im Albtraum der verbotenen Bazooka, ohne Helm und ohne Mundschutz. Die Latex-Handschuhe im Supermarkt am Lenkergriff des Einkaufswagens. Und alle sind auf einmal so unendlich brav und nehmen alles hin. Es hat keinen Zweck, in einer irrationalen Umgebung rational bleiben zu wollen. Was weiß ich von Bäumen.

Sonntag, 29. März 2020

Übergänge VII

Zum Beispiel weil das alles bisher nicht für möglich gehalten wurde. Von den Soziologen war schon einmal an anderer Stelle die Rede. Nach Heinz Bude im Deutschlandfunk nun also Armin Nassehi im Spiegel.

Noch zu Weihnachten hatte Nassehi in der „Welt“ über die Zeit zwischen den Jahren ein Loblied auf die Ruhe geschrieben:

In der Tat – alle Systeme außer den absolut lebenswichtigen wie Energie- und Krankenversorgung oder andere Notdienste werden heruntergefahren. Wenigstens das öffentliche Leben wird bis an seine Grenze bradykard. Der Gesellschaftskreislauf wird so weit wie möglich reduziert, und es gelingt tatsächlich für kurze Zeit, dass alles langsamer und ereignisloser wird – zumindest in den öffentlichen Räumen.

Diesen Gedanken hat er weiterentwickelt. Im Gegensatz zu Weihnachten ist das, was wir gerade erleben, nämlich kein kulturell determinierter „Ausnahmezustand“, sondern ein staatlich erzwungener. Und er funktioniere letzten Endes nur deshalb, weil er eine Ausnahme bleibe und auch weil selbst aus soziologischer Sicht mitgedacht werden müsse, dass es das eigentlich gar nicht geben dürfe:

Interessanterweise passiert gerade etwas, von dem wir Soziologen immer gesagt haben: Das geht nicht. In unseren komplexen Gesellschaften sei so etwas wie Durchregieren unmöglich, haben wir in den vergangenen Jahrzehnten geglaubt. Auch wenn sich das viele Menschen immer wieder gewünscht haben, nicht zuletzt Politiker. Dass es nicht möglich war, ist für mich sogar eine der größten zivilisatorischen Errungenschaften der Moderne - die großen Katastrophen der Moderne waren Katastrophen, in denen gewaltsam durchregiert wurde.

Eben. Und freilich ist es eine lang andauernde Ausnahme, deren Ende ebensowenig absehbar ist wie die Verhältnisse danach.

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