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Freitag, 9. Juni 2017

Neuerscheinungen zur Netzpolitik

Das Reden von der Digitalpolitik greift derzeit um sich bei solchen Broschüren und verdrängt etwas den Begriff der Netzpolitik, den wir hier aber beibehalten wollen… Jetzt haben sich die SPD-geführten Ministerium Wirtschaft, Arbeit und Justiz zu einer gemeinsamen Broschüre zusammengetan, die gerade erschienen ist.

Sie greifen u.a. den Schutz der Gesundheitsdaten bei Gesundheits-Apps und Wearables heraus (S. 50). Das Handelsblatt machte daraus vorgestern ein Positionspapier, versteckt seinen Artikel aber hinter einer Paywall…

Der Streit im Wahlkampfjahr dreht sich wohl um die Frage, ob es zukünftig ein zentrales Digitalministerium geben soll (das hätte die FDP gern) oder ob die Kompetenzen zu der Querschnittsmaterie Netzpolitik wie bisher in die Zuständigkeit der jeweiligen Fachministerien gehörten und zusätzlich eine neue beratende Digitalagentur geschaffen werden solle.

  • Bundesministerium für Wirtschaft und Energie, Bundesministerium für Arbeit und Soziales und Bundesministerium für Justiz und Verbraucherschutz, Hrsg. 2017. Digitalpolitik für Wirtschaft, Arbeit und Verbraucher. Trends – Chancen – Herausforderungen. Berlin: Bundesregierung. www.bmwi.de.
Donnerstag, 8. Juni 2017

Historiker im Neuland

Die Digitalisierung wird nun zunehmend auch von den Zeithistorikern beschrieben. Marcel Schmeer berichtet bei H-Soz-Kult über eine Tagung, die Ende März 2017 am Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam durchgeführt worden war.

Interessant dabei der Ansatz, inwieweit und – falls ja – mit welchen Markierungen die Computerisierung ganz verschiedener Bereiche der Gesellschaft zu periodisieren wäre:

… Entgegen der üblichen zeitgeschichtlichen Zäsurdebatte solle die EDV-Einführung vielmehr in längerfristige temporale Strukturen eingeordnet werden. Die in den 1980er-Jahren vorangeschrittene Computerisierung markiere so die endgültige Abkehr des seit dem 19. Jahrhundert kultivierten Glaubens an die gesellschaftsordnende Kraft (national-)staatlicher und wirtschaftlicher Akteure …

– das ist ein beinahe klassischer Topos der Netztheorie:

Governments of the Industrial World, you weary giants of flesh and steel, I come from Cyberspace, the new home of Mind. On behalf of the future, I ask you of the past to leave us alone. You are not welcome among us. You have no sovereignty where we gather,

schrieb schon 1996 Barlow in seiner Unabhängigkeitserklärung des Cyberspace. Der von den Historikern natürlich nicht zitiert wird. Worüber haben sie gleich nochmal konferiert?

Sie sprachen offenbar über Absichten und Ziele der Digitalisierung, über Entscheidungen und Methoden, über Verwaltung und Bürokratie, über Apparate (weniger im technischen als im gesellschaftlichen Sinn), aber auch über die Digitalisierung des Schachspiels seit den 1970er-Jahren. Oder über den Abschied von „Autodidakten, Bastlern und Quereinsteigern“ durch die Etablierung der Informatik an den Hochschulen und Universitäten seit den 1960er-Jahren. Andererseits: Die Computerisierung „von unten“ und Computer(sub)kulturen und dort kultivierte alternative Praktiken der Aneignung. Und weiter:

Auch der enggeführte Begriff des Computer-Nutzers müsse stärker hinterfragt werden, da die Digitalisierung schließlich die Lebenswelt(en) aller Zeitgenossen verändert habe, was Fragen nach spezifischen Generations- und Geschlechtererfahrungen aufwerfe.

Historiker im Neuland, auch dieser Begriff darf am Ende der Besprechung nicht fehlen. – Lesen!

  • Schmeer, Marcel. 2017. Wege in die digitale Gesellschaft. Computer und Gesellschaftswandel seit den 1950er Jahren. H-Soz-Kult. Kommunikation und Fachinformation für die Geschichtswissenschaften. 9. Juni. www.hsozkult.de (zugegriffen: 8. Juni 2017).
Mittwoch, 7. Juni 2017

Dreimal Netzgeschichte

Jürgen Plieninger weist (mit weiteren Nachweisen) darauf hin, daß der Bookmarkingdienst Delicious ab Mitte Juni 2017 eingefroren werde. Anders als DMOZ, das seit April nur noch als Communityprojekt im Archivzustand abgerufen werden kann, erhält der heutige Betreiber die Plattform selbst. Hätte AOL auch gut angestanden.

Martin Burkhardt erzählte in der Mai-Ausgabe des Merkur Eine kleine Geschichte der Digitalisierung – mit einem Umfang von immerhin 15 Seiten.

Und in der WIRED wird den Ursprüngen des Hashtags auf Twitter vor zehn Jahren nachgespürt. Sehr interessant zu sehen, wie sehr sich die Netzgeschichte der Amerikaner von der unseren unterscheidet und wie sie sich gleichzeitig überschneiden. Wenn ich zurückdenke, fallen mir aus meiner Twitter-Zeit eigentlich nur deutsche Hashtags ein – #zensursula, #freiheitstattangst oder #aufschrei.

Plieninger, Jürgen. 2017. Delicious wird eingefroren. netbib. 5. Juni. log.netbib.de (zugegriffen: 5. Juni 2017). – Burckhardt, Martin. 2017. Eine kleine Geschichte der Digitalisierung. Merkur 71, Nr. 5 (1. Mai): 47–61. volltext.merkur-zeitschrift.de (zugegriffen: 6. Mai 2017). – Pandell, Lexi, Chris Messina, Steve Boyd, Biz Stone, Nate Ritter und Heather Gautney. 2017. An Oral History of the #Hashtag. WIRED. 19. Mai. www.wired.com (zugegriffen: 6. Juni 2017).

Montag, 5. Juni 2017

Weitere Neuerscheinungen zur Netzpolitik

Thomas Wagner übt antikapitalistische Fundamentalkritik (sehr gut), schlägt aber am Ende ein öffentlich-rechtliches GAFA vor (sehr zweifelhaft). Die Diskussion über ein öffentlich-rechtliches Google hatten wir vor zehn Jahren zuletzt, als Google Books aufkam. Der Wunsch danach kam aus Frankreich, und das Euro-Projekt hieß Quaero, daraus wurde Exalead und am Ende die Europeana. Und das ist doch ein ziemlich trauriges Ergebnis?

Paul Buckermann liefert einen theoretischen Sammelband ab, der beim Freitag zustimmend besprochen worden ist.

  • Wagner, Thomas. 2017. Das Netz in unsere Hand! Vom digitalen Kapitalismus zur Datendemokratie. 1. Auflage. Neue kleine Bibliothek 243. Köln: PapyRossa Verlag. – Dazu: Freitag, ND, jW, literaturkritik.de, Ossietzky, LabourNet.

  • Buckermann, Paul, Simon Schaupp, Anne Koppenburger, Philipp Frey, Malena Nijensohn, Nikolaus Lehner, David Waldecker, u. a., Hrsg. 2017. Kybernetik, Kapitalismus, Revolutionen: Emanzipatorische Perspektiven im digital-technologischen Wandel. 1. Auflage, neue Ausgabe. Münster: UNRAST. – Dazu: Freitag.

Weitere Bücher zum Thema aus der letzten Zeit hier und hier. Siehe auch den Hinweis auf eine Reihe von neueren Audio-Beiträgen.

Aus dem Hörsaal der Netzkultur

In der Reihe Hörsaal auf Deutschlandfunk Nova gab es in den letzten Wochen lauter hörenswerte Vorträge zu netzpolitischen und netzkulturellen Themen, die es lohnt, weiter zu geben:

  • Hammel, Björn. 2017. Unsere Comics sind im Netz. Hörsaal. Deutschlandfunk Nova, 14. Mai. www.deutschlandfunknova.de (zugegriffen: 4. Juni 2017).

  • Alrifaee, Ahmad, Daniel Moßbrucker, Andreas May und Julia Eikmann. 2017. Darknet. Ort der Extreme. Hörsaal. Deutschlandfunk Nova, 20. Mai. www.deutschlandfunknova.de (zugegriffen: 4. Juni 2017).

  • Eckert, Svea, Andreas Dewes, Andreas Weigend, Ulf Buermeyer und Nora Markard. 2017. Privatsphäre als Illusion. Hörsaal. Deutschlandfunk Nova, 21. Mai. www.deutschlandfunknova.de (zugegriffen: 4. Juni 2017).

  • Meckel, Miriam und Elisabeth Wehling. 2017. Angriff auf unser Gehirn. Hörsaal. Deutschlandfunk Nova, 27. Mai. www.deutschlandfunknova.de (zugegriffen: 4. Juni 2017).

  • Helbing, Dirk und Dirk Roland Haupt. 2017. Manipulation der Massen. Hörsaal. Deutschlandfunk Nova, 3. Juni. www.deutschlandfunknova.de (zugegriffen: 4. Juni 2017).

  • Passig, Kathrin. 2017. Selbstgemachte Staaten. Hörsaal. Deutschlandfunk Nova, 4. Juni. www.deutschlandfunknova.de (zugegriffen: 4. Juni 2017).

Gespannt bin ich auf Kathrin Passigs neues Buch, an dem sie gerade schreibt. Es soll noch in diesem Jahr herauskommen und von selbstorganisierten Communities handeln und was sie von der Politik lernen können.

Dienstag, 30. Mai 2017

Digitale Agenda 2014 bis 2017

Ohne Kommentar:

  • Bräth, Eva. 2017. Legislaturbilanz zur Digitalpolitik. hib 335/2017. Deutscher Bundestag. 29. Mai. www.bundestag.de (zugegriffen: 30. Mai 2017).

  • Bundesministerium für Wirtschaft und Energie, Bundesministerium des Innern und Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur, Hrsg. 2014. Digitale Agenda 2014-2017. Berlin. www.bmwi.de (zugegriffen: 30. Mai 2017).

  • Bundesregierung. 2017. Legislaturbericht Digitale Agenda 2014 bis 2017. BT-Drs. 18/12130. Berlin: Deutscher Bundestag. dip21.bundestag.de (zugegriffen: 30. Mai 2017).

Montag, 29. Mai 2017

Was ist Content Marketing?

  • Baetz, Brigitte. 2017. Unternehmen machen Medien – Mit Inhalten auf Kundenfang. Hintergrund. Köln: Deutschlandfunk, 28. Mai. www.deutschlandfunk.de (zugegriffen: 29. Mai 2017).

  • Fröhndrich, Sina. 2017. Content Marketing – Wenn Unternehmen zu Medienmachern werden. @mediasres. Köln: Deutschlandfunk, 22. Mai. www.deutschlandfunk.de (zugegriffen: 23. Mai 2017).

  • Frühbrodt, Lutz. 2016. Content Marketing. OBS-Arbeitshefte. Frankfurt am Main: Otto Brenner Stiftung. www.otto-brenner-shop.de (zugegriffen: 29. Mai 2017).

  • Vetter, Johannes. 2016. Unabhängiger Journalismus: „Content-Marketing hat uns der Teifl gebracht“. derStandard.at. 27. November. derstandard.at (zugegriffen: 23. Mai 2017).

Etwas fluffig kann man sagen: Content Marketing ist alles, was unter den ersten zwanzig Treffern bei Google angezeigt wird, wenn man vom Wikipedia-Artikel und den journalistischen Angeboten absieht. Also das, was man nicht lesen will. Der Grund, weshalb Suchmaschinen für mich immer uninteressanter geworden sind, denn SEO spült den Kram unbarmherzig nach oben, egal in welcher Filterbubble man sich gerade befindet. Mein erster Zugriff auf ein Thema ist mittlerweile immer über einen Bibliothekskatalog oder über ein Archiv.

Sonntag, 28. Mai 2017

„Making Heimat – Germany, Arrival Country“ im Deutschen Architekturmuseum Frankfurt am Main

Über die Ausstellung Making Heimat, die derzeit im Deutschen Architekturmuseum gezeigt wird, ist schon viel geschrieben worden, und ich habe irgendwann einmal alles gelesen, was ich darüber finden konnte: Deutscher Pavillon bei der Architektur-Biennale 2016. Die Flüchtlingskrise 2015 und ihre Auswirkungen auf die Architetur und den Städtebau als Thema. Wenn man dann aber vor Ort ist, wirkt das alles doch ziemlich fern und man muß sich erst einmal durch die vielen, vielen Wandtexte hindurch lesen, lesen, lesen.

Die Website stellt die Ausstellung schon ganz gut vor: Im Erdgeschoß wird das Konzept der Arrival City von Doug Saunders erklärt, und im ersten Stock gibt es einen Überblick über die Gebäude und Wohnformen, die seit 2015 in Deutschland entstanden sind, um die Neuangekommenen unterzubringen: Teils sind es Provisorien, teils aber auch Gebäude, die noch länger stehenbleiben werden.

Saunders hat eine Handvoll Voraussetzungen formuliert, damit eine Integration vor Ort gelingen kann. Damit aus der Ankunft ein Nestbau werden kann: Die Arrival City ist eine Stadt in der Stadt. Die Arrival City ist bezahlbar. Die Arrival City ist gut erreichbar und bietet Arbeit. Die Arrival City ist informell. Die Arrival City ist selbst gebaut. Die Arrival City ist im Erdgeschoss. Die Arrival City ist ein Netzwerk von Einwanderern. Die Arrival City braucht die besten Schulen. – Das soll in Offenbach gelingen – meinen die Frankfurter aus dem Deutschen Architekturmuseum (DAM). Jedenfalls nicht an vielen Orten in Deutschland, denn es gibt offenbar nur wenige solcher Hotspots, wo ganz viele an- und zusammenkommen, um von dort aus dann weiter zu ziehen. Die hohe Fluktuation ist ein weiteres Merkmal der Arrival Cities. Man kommt nicht um zu bleiben, sondern um sich erst einmal ganz grundlegend zurechtzufinden.

Der Spiegel brachte vor drei Wochen eine Bestandsaufnahme zum Stand der Integrationsbemühungen. Wo liegen die Probleme derzeit?

  • Der Wohnungsmarkt ist durch die vielen Nachfrager nunmehr völlig überfordert – eine langfristige Folge des neoliberalen Rückzugs aus dem sozialen Wohnungsbau. Letzteres war absehbar, aber die Zuwanderung hat alles ins Groteske verschärft. Auf einem U- und S-Bahn-Plan in der Ausstellung sind Haltestellen mit den Mietpreisen für eine 70-qm-Wohnung beschriftet. Man sieht unmittelbar, wo die Arrival-Räume zu finden sind und wo auf keinen Fall. Nach Frankfurt zieht man erst, wenn man es sich leisten kann.

  • Der Deutschunterricht setzt voraus, daß man überhaupt einmal lesen und schreiben gelernt hatte. 70 Prozent der Afghanen, die zu uns gekommen sind, sind aber Analphabeten und müssen daher erst einmal alphabetisiert werden, bevor sie weiter beschult werden können. Wegen der schlechten Anerkennungsquote werden viele aber gar nicht oder erst sehr spät in Sprachkurse kommen.

  • Die Unternehmen wenden ihre exaltierten Vorstellungen über das Personal, das schon zum Ausschluß vieler Einheimischer geführt hatte, auch auf die Neuangekommenen an und stellen fest, dass natürlich auch sie ihren Maßstäben oft nicht genügen: Mehr als die Hälfte der Syrer über 18 Jahren haben keinen Schulabschluss. Aber auch Akademiker finden kaum etwas, weil die Ausschreibungen zu speziell formuliert sind. Der Spiegel verweist auf einen 35-Jährigen aus begüterten Verhältnissen, der trotz eines MBA, den er an der EBS in Oestrich-Winkel gemacht hat, überall abgelehnt werde. Früher war so ein Abschluß mal eine Freifahrkarte in die Wirtschaft, völlig unabhängig von der Herkunft. Das verweist auf Probleme am Arbeitsmarkt, die mit der Nationalität und den näheren Umständen der Flucht oder des Bildungswesens im Heimatland gar nichts zu tun haben.

  • Und die Schulen müssen ihre Vorbereitungsklassen mit pädagogischen Laien bestreiten, weil es schon lange viel zu wenige ausgebildete Lehrer gibt. Viele zugewanderte Kinder würden aber gar nicht unterrichtet, die meisten kämen erst nach langer Wartezeit in die Schule. Die Behörden stehen sich gegenseitig im Wege.

Davon erfährt man in der Ausstellung leider nichts. Dafür viele Details über die Containerbauwerke, vor allem die Kosten. Die Schau beschreibt, sie dokumentiert, was ist. Sie bleibt insoweit unkritisch. Dabei wären schon die vielen Holzbauten ein Anlaß zum näheren Hinschauen gewesen. Wir bauen gemeinhin in Stein, und auch der Container war – zumindest in unserer Stadt – bisher eher eine Unterkunft für Obdachlose, platziert am Stadtrand, in prekärer Lage, weit draußen, wo man sonst gar nicht hinkommt. Hier aber – und das ist das eigentlich Erstaunliche – mit einer Empathie und Wärme eingesetzt und gestaltet, von der man sich wirklich und dringend wünschen möchte, daß sie über den Tag hinaus bestehen bliebe, und bitte für alle. Dann wäre etwas erreicht.

Literatur: Saunders, Doug. 2016. Making Heimat: Germany, arrival country: La Biennale di Venezia, 15. Mostra Internazionale di Architettura, partecipazioni nazionali. Hg. von Peter Cachola Schmal, Oliver Elser, und Anna Scheuermann. 1. Auflage. Ostfildern, Germany: Hatje Cantz. – Baus, Ursula, Wilfried Dechau, Oliver Elser, Stefan Haslinger, Karen Jung, Laura Kienbaum, Doris Kleilein und Gerhard Matzig. 2017. Making Heimat. Germany, arrival country: atlas of refugee housing. Hg. von Peter Cachola Schmal, Oliver Elser, und Anna Scheuermann. Berlin: Hatje Cantz. – Saunders, Doug. 2011. Arrival city: über alle Grenzen hinweg ziehen Millionen Menschen vom Land in die Städte - von ihnen hängt unsere Zukunft ab. Übers. von Werner Roller. 1. Aufl. München: Blessing. – Saunders, Doug. 2013. Die neue Völkerwanderung - arrival city. Übers. von Werner Roller. 1. Aufl. München: Pantheon. – Djahangard, Susan, Katrin Elger, Christina Elmer, Miriam Olbrisch, Jonas Schaible, Mirjam Schlossarek und Nico Schmidt. 2017. Richtig ankommen. DER SPIEGEL, Nr. 19 (6. Mai): 34. (zugegriffen: 26. Mai 2017).

Making Heimat – Germany, Arrival Country. Deutsches Architekturmuseum, Frankfurt am Main. Kuratoren: Peter Cachola Schmal, Anna Scheuermann, Oliver Elser. – Pressemitteilung. – Bis 10. September 2017.

Freitag, 26. Mai 2017

Übergänge

Kathrin Passig schreibt im Techniktagebuch über das Verschwinden der Videotheken: Ich habe Videotheken seit 2008 nicht vermisst. Aber dieser Anblick erfüllt mich mit einer unbestimmten Trauer. Obwohl sich das Ende lange angekündigt haben muss, sieht es so aus, als sei da etwas schnell und unerwartet über die Welt hereingebrochen.

Was da passiert war, ist aber leicht zu bemerken: In der U-Bahn saßen mir heute zwei ältere Damen gegenüber, die sich auf der Fahrt vom Hauptbahnhof Richtung Seckbach ganz angeregt und sehr selbstverständlich über Pay TV einschließlich Netflix unterhielten. Auch mit Preisen und so. Und was man braucht und was nicht. Mit anderen Worten: Die Altersgrenze, ab der Senioren keine Ahnung von digitalen Medien haben, verschiebt sich zunehmend nach oben. Die nächste Generation wächst nach und ist kompetenter als die vorhergehende. Und jetzt ist es soweit, daß man im Sächsischen Archivblatt 1/2017 einen Aufsatz findet zum Thema: „Retten Sie Ihre Videokassetten!“ – Es lebe das Magnetband (via Archivalia).

Das Digitale für die Massen, also. Und die Digitalisierung hat auch hier Folgen.

Aber auch der Umgang mit der digitalen Öffentlichkeit hat sich mittlerweile gewandelt. Vor ein paar Wochen hatten wir eine Veranstaltung mit lauter Social-Media-Leuten, es wurde ein Hashtag genannt – aber keiner hat darüber aus der Veranstaltung heraus getwittert. Völlige Stille. Ich glaube, die Zeit des Privaten im Web ist vorbei. Und auch wenn Cem schon länger zwischen dem Privaten und dem Persönlichen (im Sinne von: the unedited voice of a person) unterscheidet – einen Übergang bemerkt auch er, bei sich selbst und in seinem Umfeld, wenn auch der Akzent jeweils ein bißchen anders liegen mag.

Sowohl das private als auch das persönliche Web sind aber so gut wie tot. Was bleibt, sind PR und Werbung. Das Geschäft hat die Geschäfte übernommen. Die Zeit, als einer noch einen ganzen Nachmittag lang seinen gesamten Gang über eine Messe live getwittert hatte, ist vorbei (und wir können sagen, wir sind dabei gewesen). Wer das heute macht, tut es fast immer mit freundlicher Unterstützung von (also: für), aber eben in der Regel nicht mehr aus seinem Selbstverständnis als Netizen heraus, just for fun.

Natürlich gibt es Ausnahmen von der Regel. Aber das sind sie eben: Ausnahmen. Manche kommen schnell und unerwartet, und manche, die Unzeitgemäßen, dauern einen langen Moment.

Donnerstag, 25. Mai 2017

Weitere Netzpolitik-Einführung

Die Uni Kassel gibt mehrere Schriftenreihen im Selbstverlag heraus, darunter nun eine neue Kleine Reihe – Digital. Politik. Kompakt. Band 1 beschäftigt sich mit der Netzpolitik:

  • Greef, Samuel. 2017. Netzpolitik – Entsteht ein Politikfeld für Digitalpolitik? Kleine Reihe - Digital. Politik. Kompakt 1. Kassel: Kassel University Press. www.uni-kassel.de (zugegriffen: 25. Mai 2017).

Das ist die zweite Neuerscheinung zum Thema in den letzten Wochen.

Sonntag, 21. Mai 2017

The Right to Repair

Jerri-Lynn Scofield beschreibt bei naked capitalism den Widerstand einiger Hersteller gegen den Fair Repair Act, der zurzeit in New York und zehn weiteren US-Staaten beraten wird. Darunter sind – natürlich – an erster Stelle Apple, aber auch die Unternehmen Verizon, Toyota, Lexmark, Caterpillar, Asurion und Medtronic (letzterer ist u.a. im Diabetes-Geschäft tätig und stellt Insulinpumpen und Blutzuckermeßgeräte her). Sie betreiben derzeit eine umfangreiche Lobbyarbeit.

Das Gesetz, gegen das man sich hier so vehement stellt, soll die Hersteller vor allem zu einer angemessen langen Versorgung ihrer Endkunden mit Ersatzteilen und entsprechenden Schaltungsplänen und Manuals verpflichten, damit man ein Gerät im Schadensfall auch von einer unabhängigen Werkstatt instandsetzen lassen kann. Apple stellt Ersatzteile nur eine bestimmte Zeit zur Verfügung. Meist ist schon nach drei, spätestens aber nach fünf Jahren Schluß mit dem Service, zumal die Teile nur an zugelassene Service Provider abgegeben werden. Viele Bauteile sind auch gar nicht austauschbar.

Interessant an dem Blogpost ist darüberhinaus zweierlei: Zum einen der weitere Hinweis, wonach sich das Vorgehen von Apple vollständig gewandelt habe, von dem einstigen Vorreiter zu einer Firma, die sogar ihre eigenen Innovationen wie den MagSafe-Netzteil-Stecker wieder zurücknimmt und damit komparative Vorteile gegenüber den Wettbewerbern ohne Not aufgibt. Das Ziel sei derzeit nur noch Märkte, die bisher noch unterdurchschnittlich mit den eigenen Produkten versehen sind, zu erobern – derzeit etwa Indien, wo erst etwa ein Drittel der Handy-Benutzer Smartphones haben. Deshalb wurde gerade ein Teil der iPhone-Fertigung aus China dorthin verlagert. Zum anderen ist die Auswahl der verlinkten Belege, auf die sich der Beitrag bezieht, bemerkenswert, denn sie ist Ausweis der weit entwickelten amerikanischen Blog- und Online-Magazin-Szene, die auch weiterhin abseits der Suchmaschinen und der Sozialen Netzwerke dicht vernetzt ist und kritische Informationen und Meinungen transportiert. Während die Blogs hierzulande schon wieder abgeebbt sind und durch Kommerzialisierung vor allem einen lebendigen Eindruck von den Grenzen der Aufklärung in der Kulturindustrie bieten.

Samstag, 20. Mai 2017

Noch lange nicht vorbei IX

Das Thema Migration beschäftigt auch die naturwissenschaftlichen Zeitschriften. Nachdem schon im März ein Sonderheft in Nature erschienen war, legt Science diese Woche nach.

Bei Nature lag ein Schwerpunkt auf der Statistik: Die Zahlen der Flüchtlinge würden mitunter mehrfach erhoben, es gebe daher Doppelzählungen in verschiedenen Auffanglagern, mithin also keine sicheren Daten über den genauen Umfang der großen Wanderung, auf die man sich stützen könne. Es seien letztlich politische Zahlen, von denen vor allem Mittelzuwendungen abhängig sind – umso problematischer, wenn hier so viel Unsicherheit im Spiel ist. Mehrfachzählungen habe es auch bei europäischen Stellen gegeben.

Demgegenüber stellt man in Science – trotz allem – die Normalität von Migration heraus und stellt die Frage, wie man gegen Vorurteile gegen Migranten vorgehen könne. Das Ausmaß der Migration unter Wissenschaftlern wird anhand der Daten aus ORCID beschrieben. Auch die Auswirkungen der Flucht auf die Herkunftsländer werden diskutiert.

Laut UNHCR habe sich Ende 2015 die Zahl der Menschen, die innerhalb ihrer Heimatländer auf der Flucht waren, weltweit auf eine Million belaufen, während sich 25 Millionen Menschen als Flüchtlinge oder Asylbewerber außerhalb ihrer Herkunftsländer befunden hätten – insgesamt drei Prozent der Weltbevölkerung.

Die Beiträge liegen Open Access vor.

Sonntag, 14. Mai 2017

Der konservative Reflex IX

Der Rechtsruck, der Ende März bei den Wahlen begonnen hatte, setzt sich fort. Die Wähleranteile sortieren sich etwas um, von rechtsaußen nach rechtsmitte. Aber im ganzen rechts. Und auf der linken Seite geht es von linksmitte nach linksaußen. Die Massenmedien machen daraus ein Opfer-Narrativ: Es habe nicht geklappt, sie verlören wieder nach einem steilen Anstieg zum Jahresanfang. Aber es läuft doch wohl alles so ziemlich nach Plan.

Update, 15. Mai 2017: Horst Kahrs und Benjamin-Immanuel Hoff schreiben in ihrem Wahlnachbericht für die Rosa-Luxemburg-Stiftung u.a.:

Auch ein im Vorfeld der Wahlkampfendphase diskutiertes rot-rot-grünes Bündnis verfehlte deutlich eine rechnerische Mehrheit. SPD, Grüne und Linke erhielten zusammen nur noch 42,5% der gültigen Stimmen nach 53% in 2012 und 52,2% in 2010. Die »kleine Bundestagswahl« bestätigt die bereits nach der Bundestagswahl 2013 hier vertretene Ansicht, dass es im Bundestag nur eine eher zufällige rechnerische Mehrheit links von der Union gibt, die sich allein dem knappen Scheitern von FDP und AfD verdankt, aber nicht durch politische Zustimmung in der Gesellschaft gedeckt ist. 2012 wählten 60,8% der Bürgerinnen und Bür- ger in Nordrhein-Westfalen Parteien, die sich links von der Union positionierten. Aktuell schrumpfte dieser Teil auf nur noch 43,5%. Von den riesigen Verlusten von SPD, Grünen und Piraten – 1,27 Mio. Zweitstimmen - kamen nur 17,4% als Zuwachs bei der Linkspartei an.

Der Trend geht nach rechts.

Europas fatale Abhängigkeit von Microsoft

Investigate Europe ist ein journalistisches Netzwerk, das von der Hans Böckler Stiftung, Fritt Ord, der Rudolf-Augstein-Stiftung und der Open Society Initiative for Europe finanziert wird und, wie der Name schon sagt, investigativ arbeitet. Mitarbeiter ist unter anderem Harald Schumann, der 1996 zusammen mit Hans-Peter Martin Die Globalisierungsfalle veröffentlicht hatte.

Der jüngste Beitrag der Gruppe droht derzeit etwas unterzugehen, deshalb sei auf ihn hingewiesen. Investigate Europe hat sich mit der Abhängigkeit der europäischen öffentlichen Verwaltungen von Microsoft beschäftigt. Die deutsche Fassung des Beitrags ist beim Tagesspiegel erschienen. Das Thema ist besonders aktuell angesichts der WannaCry-Attacke an diesem Wochenende (via TNW via Martin Steiger).

  • Schumann, Harald und Elisa Simantke. 2017. Europas fatale Abhängigkeit von Microsoft. Tagesspiegel. 13. Mai. www.tagesspiegel.de (zugegriffen: 14. Mai 2017).

OER, oder: Wenn man mitten im Wald ist

Die Bildungsbloggerin Lisa Rosa hat im Gespräch mit Tim Pritlove (via Felix Schaumburg) ein paar wahre Worte zu OER gesagt:

…Und natürlich muss auf der gesetzlichen Ebene eine ganze Menge geregelt werden wegen des Urheberrechts … Aber ich glaube, dass man das auch nicht überschätzen darf, weil … das Lernen im digitalen Zeitalter nichts mehr mit Lehrbuch zu tun hat. Viele Sachen … lernt man vernetzt. Die lernt man nicht, weil man ein Buch durcharbeitet … ein Lehrbuch diskutiert keine Probleme. Ein Lehrbuch macht lehrbuchartig oder in Lektionen aufbereitet sogenanntes Grundwissen. Diese freien educational resources, dieser Kampf dafür ist ja vor allen Dingen in den Ländern, wo die Lehrbücher sündhaft teuer verkauft werden, wie in den USA … es geht vor allen Dingen um den freien Zugang zu Wissen und zu Informationen und den habe ich in meinen Fächern immer gehabt … alles, was ich naturwissenschaftlich wissen will, finde ich im Netz. Alles … das Problem an diesen educational resources ist, dass sie didaktisch aufbereitete Materialien suchen und betreffen. Und ich bin kein Freund mehr von diesen didaktischen Aufbereitungen, die nicht von Lernenden selber gemacht wurden.

Damit berührt sie schon den Kern des Problems rund um OER. Es gibt kaum didaktisch aufbereitetes Material, das unter einer freien Lizenz veröffentlicht worden ist, auf Deutsch schon gar nicht. Wenige Leuchtturmprojekte sind entstanden (das ZUM-Wiki, das ab dem Sommer – vorläufig? – geschlossen und renoviert wird; SEGU Geschichte; rpi-virtuell und Serlo). Aber auf die hat eigentlich keiner hierzulande gewartet, denn das liberale deutsche Urheberrecht steht einer Verwendung proprietärer Materialien für Unterrichtszwecke nicht wirklich im Weg. Lehrbücher sind in ausreichender Zahl vorhanden. Und das Material, das an den Schulen und Hochschulen erstellt wird, ist aus urheberrechtlicher Sicht den Autoren zugewiesen, nicht den Einrichtungen, an denen sie es erarbeitet haben. Das ist ein weiterer wichtiger urheberrechtlicher Unterschied zur angelsächsischen Welt.

Das OER-Argument zu Kosten und Verfügbarkeit von didaktischen Materialien ist also auf den angelsächsischen Raum zugeschnitten. Und OER scheitern gerade, wo es keine ausreichenden digitalen Kanäle gibt, also ausgerechnet dort, wo das Material am dringendsten gebraucht würde, nämlich in den armen Ländern, wo das Internet kaum den Zugang zu Bildungsinhalten eröffnet, sondern wo es weiterhin teuer ist und wo Google und Facebook mit ihren Zero-Programmen bestimmen, was die Leute vor Ort auf ihren Handies für das Netz halten dürfen.

Und während sich eine mittlerweile schon deutlich in die Jahre gekommene Szene immer noch am Erstellen und Auffinden von OER abarbeitet, ist die Didaktik hierzulande schon ganz woanders:

…Das ist nach traditionellen Schulvorstellungen zugerichtetes Material, didaktisch zugerichtet. Das ist nicht, was meiner Vorstellung entspricht, wie das Lernen im 21. Jahrhundert aussieht. Aber vielleicht müssen wir diese Stufe haben, das weiß ich nicht. Das kann ich nicht beurteilen. Aber es ist nicht meine Vision von dem, wie es eigentlich geht und das hat mit meinem eigenen Unterricht auch nichts zu tun…

…Wenn wir ihnen die Sachen aus dem Netz rausschneiden und sagen, nimm das, das ist gut, alles andere lass weg, geh nicht selber ins Netz, ich gebe dir was du brauchst, das ist die Ressource, mit der du arbeitest, dann können sie es ja nicht lernen. Weil, dann bin ich als Autorität davor, der ihnen die Sachen schon vorsortiert hat. Was ich aber gemacht habe in meinen beiden großen Projekterprobungen mit einem Lehrer an der Stadtteilschule hier, ist, dass wir ein Weblog eingerichtet haben, jeweils. Einmal für das Thema Migration-Integration und beim zweiten Mal, Jahre später, für das Thema Postwachstum … Weblogs …, in denen unglaublich viel Material zu allen möglichen Fragen liegt. Und dann haben wir mit den Schülern projektartig die Fragen entwickelt. Das heißt wir haben sie begleitet dabei, wenn sie ihre Fragen entwickelt haben, nachdem wir einmal anfänglich einen Start gemacht haben, wo sie mit den Problemen konfrontiert wurden, und dann haben die Schüler in diesen Weblog … unglaublich viel Material gefunden … Was wir natürlich gemacht haben, ist, dass wir kein Blödsinnsmaterial da reingestellt haben. Das wäre ja echt absichtliche Irreführung, das gehört sich nicht. Sondern wir haben unterschiedlichste Materialien, auch von unterschiedlichstem Schwierigkeitsgrad und unterschiedlichen Fragestellungen, auch von unterschiedlichen Dokumentensorten, also auch Videos und Bilder und nicht nur Texte, da reingestellt, die sowieso frei im Netz waren.

Und dann wurde der kompetente Umgang mit diesem Material eingeübt und auf dieser Grundlage weiter gearbeitet.

Fazit: Der Zug fährt schon längst in eine andere Richtung. Freie Lizenzen und Wikis, die bisher in der OER-Szene zentral standen, interessieren nicht mehr. Diese Diskurse waren wahrscheinlich nur eine notwendige Passage. Kollaborativ wird in Netzwerken mit mobilen Clients gearbeitet. Und der Schwerpunkt liegt nicht auf der Plattform oder auf der Rechtsform, sondern auf dem Ergebnis. Der Weg dorthin führt über die didaktische Kompetenz des Lehrers und die Herstellung von flachen pädagogischen Netzwerken. Man bedient sich ad hoc aus dem Netz. Und das ist ein langer Weg, der noch lange nicht vorbei ist.

…Wir sind mittendrin. Ich weiß nicht, was für einen Revolutionsbegriff du hast, aber weißt du wie lange die industrielle Revolution gedauert hat? Oder die Zeit zwischen der Erfindung des Buchdrucks 1400-Schieß-mich-tot von Gutenberg über die Reformation, über die Akkumulation des Kapitals, über die industrielle Revolution bis zum ausgereiften Kapitalismus, mehrere hundert Jahre. Das ist die Revolution. Die Revolution ist nicht der Sturm aufs Winterpalais. Das gibt es auch als Revolutionsbegriff, natürlich, der in einer Stunde stattfindet. Wir sind mitten in dieser Transformation drin, nur sind wir halt mitten im Wald. Und weißt, wenn man mitten im Wald ist, sieht man den Wald vor lauter Bäumen nicht…

Donnerstag, 11. Mai 2017

Einführung in die Netzpolitik

Über Netzpolitik wird viel gebloggt, es gibt aber kaum systematische Einführungen zum Einstieg in das Thema. Wikimedia Deutschland und irights.info haben zur gerade zuende gegangenen re:publica eine Broschüre aufgelegt, die mit einem Umfang von 100 Seiten einen ersten Überblick über das Thema verschafft. Das Heft steht unter CC-by 3.0 und kann als PDF von Wikimedia Commons heruntergeladen oder bei Wikimedia Deutschland in gedruckter Form bestellt werden.

  • Jaume-Palasí, Lorena, Julia Pohle und Matthias Spielkamp, Hrsg. 2017. Digitalpolitik. Eine Einführung. Berlin: Wikimedia Deutschland e.V. und iRights.international, mit Unterstützung von ICANN. Wikimedia Commons (zugegriffen: 25. Mai 2017).
Mittwoch, 10. Mai 2017

Niemand

Niemand ist jemals auf einer Bananen-Schale ausgerutscht. Also lassen wir das.

Aus: Laura Naumann. In einer Küche sitzen und neue, bessere Regeln finden. In: Schauspiel Frankfurt (Hrsg.): WIR. Spielzeitheft 2017/18. S. 97.

Der konservative Reflex VIII

Die großen politischen Parteien fungieren nicht mehr als Agenturen zur Auswahl des Personals für Staat und Verwaltung. Auf En Marche ! und La France insoumise folgt jetzt wahrscheinlich ein Wiedergänger des linken Flügels der PS, die vor der Spaltung stehe, schreibt Rudolf Balmer heute in der taz. Das wäre dann aber schon die zweite Spaltung der Sozialisten, denn auch Macron kam ja daher. Also insgesamt eine Dreiteilung. Es heißt, die Wendehälse seien schon auf dem Weg. Wenig überraschend. Wie sich die Bilder gleichen.

Montag, 8. Mai 2017

Der konservative Reflex VII

Die Berichterstattung über den Wahlsieg von Emmanuel Macron bei den französischen Präsidentschaftswahlen ist undifferenziert und geht an den tiefgreifenden Problemen weitgehend vorbei.

  • Freilich ist es zu begrüßen, wenn die Rechtsextremisten gestoppt werden. Aber sie waren diesmal so weit gekommen wie niemals zuvor.

  • Die großen politischen Parteien fungieren nicht mehr als Agenturen zur Auswahl des Personals für Staat und Verwaltung. Zwar wurde in den „Elitehochschulen“ immer schon eine Vorauswahl getroffen, am Ende mußte man aber stets zusätzlich den Weg über die Partei gehen, um an die Spitze zu kommen. An deren Stelle trat diesmal eine „Bewegung“, die der Kandidat privat aufgezogen hatte, weil ihm die Sozialisten zu links waren, und der nun eine Art deep state gegenüber steht, den der neu gewählte Präsident jetzt erst einmal zur Durchsetzung seines Programms gewinnen muß. Das erinnert an den Aufstieg Trumps in den USA und ist insgesamt eher ein Krisenzeichen der Demokratie.

  • Darauf verweisen auch die geringste Wahlbeteiligung im zweiten Wahlgang seit 1969 und 12 % ungültige Stimmen.

  • Macron ist kein „Sozialliberaler“, wie es in den Nachrichten des Deutschlandfunks immer wieder heißt, sondern ein Neoliberaler. Seine sozialpolitischen „Reformen“, die mit der Agenda 2010 verglichen worden waren, hatten 2016 – erst ein Jahr ist das her – zu monatelangen Aufständen geführt. Da wird noch einiges auf Frankreich zukommen.

Dienstag, 25. April 2017

Digitale Unsterblichkeit

Die heutige Heise-Meldung bezieht sich zwar auf einen Blogpost aus der vergangenen Woche. Daß das Internet Archive die robots.txt nicht respektiert, war mir aber schon im März 2015 unangenehm aufgefallen.

Die „gemeinnützige“ Wayback Machine behandelt also ganz offiziell die Websites des amerikanischen Militärs genauso wie meine private Seite und stellt sich mit Google auf eine Stufe.

Bekanntlich hatte Eric Schmidt einmal gesagt, wenn man nicht wolle, daß Google etwas davon mitbekomme und es für alle Ewigkeit archiviere und für Dritte wieder auffindbar bereithalte, dann solle man es überhaupt nicht tun. Das nannte man damals Post-Privacy, und die einzigen, die davon profitierten, waren die Betreiber der großen Datenkraken. Es gebe keine Privatheit mehr, alles sei öffentlich und für jedermann einsehbar ohne zeitliche Begrenzung. Und damit kommen die sich auch noch gut vor. Es ist aber kein Merkmal nur der kommerziellen Datensammler. Code is law, die Ideologie ist fest und unwiderruflich einprogrammiert. Auch die Wikimedia Foundation veröffentlicht jährlich einen Transparency Report, in dem sie ihren Widerstand gegen das Recht auf Vergessenwerden dokumentiert und sich selbst auf die Schulter schlägt.

Datensparsamkeit beginnt beim Benutzer. Das Web kennt kein menschliches Maß. Es erzwingt den Rückzug der User. Auch Fake Accounts und Pseudonyme helfen nicht weiter, die Spuren, die wir alle online hinterlassen, sind längst so umfangreich und das Netz, das daraus gewebt worden ist, so engmaschig, daß man sich nicht mehr verbergen kann.

Auf die Tyrannei der Intimität (Sennett, Verfall und Ende des öffentlichen Lebens) folgt der Terror der Ewigen Digitalen Öffentlichkeit. Wieviele Max Schrems und wieviele Richter bräuchte es noch, um gegen diese private Überwachung vorzugehen?

In meinen WordPress-Kursen fragen mich die Anfänger schon lange, wie sie ihre Blogs jemals wieder werden schließen können. Ganz klar: Gar nicht mehr. Wer im Internet ist, wird dank dem First Amendment digital unsterblich.

Montag, 24. April 2017

Der konservative Reflex VI

Nach der ersten Runde in der französischen Présidentielle kam es zu Protesten gegen beide Gewinner. Dabei geht es schon nicht mehr um eine Entscheidung für das kleinere Übel. Wenn im Fall der USA noch die Hoffnung besteht, der deep state werde das Schlimmste verhindern, scheint es das in Frankreich nicht zu geben. Und Johanna Bussemer meint: Viele Linke werden unter Umständen ‚blanc‘, d. h. weiß und damit offiziell ungültig wählen. Denn für sie ist es in etwa so, als müssten wir deutschen Linken uns zwischen FDP-Lindner und AFD-Gauland entscheiden. Damit zeigt sich abermals eine Tragödie die tief im Herzen der 5. Republik verankert ist. Denn so gut in der Theorie der Ansatz sein mag, dass der Präsident oder die Präsidentin von der Bevölkerung direkt gewählt wird, so sehr zeigt sich in der Praxis, dass in der Stichwahl die meisten Wählenden eine Entscheidung gegen einen bestimmten Ausgang der Wahl treffen müssen und nicht für eine gewünschte Politik. – Das Gegenteil ist genauso falsch, sagte einst Antje Schrupp.

Dienstag, 18. April 2017

40 Jahre Radio Dreyeckland

In der neuen Ausgabe der iz3w gibt es einen Schwerpunkt zu Aktivismus in Freien Radios. Der Anlaß: Radio Dreyeckland aus Freiburg wird 40 Jahre alt. Freie Texte auf der Website der Zeitschrift:

  • Editorial: Dazwischenfunken.
  • Nichts als die Wirklichkeit“. Interview mit Jean-Marie Etter über Radios in Konfliktregionen.
  • Mühsam und zugleich großartig“: Radio Dreyeckland feiert dieses Jahr 40-jähriges Jubliäum. iz3w sprach mit fünf Aktiven über ihre Erfahrungen mit solidarischem Radiomachen und die Frage, wie die internationalistische Bewegung Radio Dreyeckland über vier Jahrzehnte mitgeprägt hat – im praktischen Alltag des Radiomachens und in der Themensetzung.
Samstag, 15. April 2017

TeX Live 2016 eingefroren

Karl Berry hat vergangene Nacht auf der TeX-Live-Mailingliste offiziell bekanntgegeben, daß TeX Live 2016 eingefroren worden sei. Es wird demnach keine weiteren Updates mehr über die eigene Paketverwaltung der Distribution geben. Die Roadmap für die kommende Version kann man auf der Website der TeX Users Group nachlesen. Demnach sollen die Pretests bald beginnen. Der Release ist dann für Ende Mai/ Anfang Juni vorgesehen.

Freitag, 14. April 2017

Thunderbird löst sich von Mutter Mozilla II

Im weiteren Verlauf der Diskussion geht es nicht mehr um technische, sondern um soziale Fragen des Neubaus von Thunderbird: Soll man wirklich ganz neu beginnen oder sich lieber einem anderen Projekt anschließen? Und welches wäre die richtige Lizenz – GPL, Mozilla, MIT oder BSD? Es besteht eine gewisse Chance, den Schwung der vergangenen Wochen aufs Spiel zu setzen, indem man die Unterschiede zu stark betont und sich auseinanderlebt. Sieht nicht gut aus soweit.

Donnerstag, 13. April 2017

Herwarth Walden: Betrieb

Es wird gewählt. Das deutsche Volk politisiert sich. Immer und nur, wenn gewählt wird. Da dieses Volksvergnügen seltener stattfindet als der Karneval, sind Vorbereitung und Stimmung um so größer. Namentlich die Intellektuellen machen von sich reden und reden. Sonst außerhalb der Karnevalszeit sind sie grundsätzlich unpolitisch. Grundsatz ist bekanntlich das Zeichen des Charakters. Von dem der große Dichter Paul Scheerbart die klare Erklärung gab: Charakter ist nur Eigensinn. Aber die Intellektuellen haben Charakter. Während des Karnevals. Unter Intellektuellen versteht man die klassenlose Klasse der Menschen, die andern den Geist einreden wollen, den sie nicht haben. Sie beschäftigen sich während dieses Schlafzustandes mit den freien Berufen. Das sind die Berufe, die viel Geld kosten, aber keins einbringen, wenn man keins hat. Dafür ist die Beschäftigung interessant. Das Leben Gottes, das Liebesleben Goethes, die Suche nach Bazillen, die Rechtsfindung im Unrecht, die Ausgrabung alter Steintöpfe, die Beschilderung der Natur nebst sämtlichen Lebewesen. Das sind so Berufe an sich, jetzt aber heißt es wählen. Alle sind Professoren. Kandidaten sind aufgestellt oder stellen sich auf und alle Professoren können prüfen. Sie wissen genau soviel von ihnen wie die Professoren, die es auch außerhalb des Karnevals sind. Man liest von ihnen, man hört von ihnen, sie werden von Künstlern oder Fotografen verunbildet. Kurz, man macht sich seine Meinung. Der eine Kandidat versprach und der andere verspricht. Gibt es eine schönere Zeit zu träumen, als Karneval oder Wahl? Vergangenheit und Zukunft werden lebendig. Zum Karneval gehört die Mode von gestern oder von morgen. Nur nicht die schale Gegenwart. Gestern und morgen sind die ewigen Parolen. Parolen müssen sein. Ein letzter militärischer Schimmer. Fahnen und Musik. Karneval.

Aus: Herwarth Walden. Betrieb. In: Der Sturm 21, Nr. 3, 1932, S. 65f, 65. [1]