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Firefox bald ohne OpenSearch

Der folgende Kommentar wurde im Blog von Sören Hentzschel leider nicht freigeschaltet. Ich veröffentliche ihn deshalb hier, zur besseren Verständlichkeit um eine Einführung ergänzt.

Mozilla hat angekündigt, die Unterstützung für OpenSearch zu entfernen. Ab Anfang Dezember 2019 werden Suchmaschinen aus addons.mozilla.org entfernt. Suchmaschinen können über diese Plattform dann nur noch als WebExtensions verteilt und auf dem neuesten Stand gehalten werden. OpenSearch-Suchmaschinen werden auch nach diesem Zeitpunkt weiterhin funktionieren, und der Zeitpunkt, zu dem der Standard endgültig fallengelassen wird, steht noch nicht fest. Er wird aber aufgegeben.

Ich glaube, wir sehen hier ein Problem, das wir schon einmal diskutiert hatten, als der RSS-Reader aus Firefox entfernt wurde.

Überspitzt kann man sagen: Mozilla sind die Bedürfnisse der Benutzer, insbesondere der kompetenten Benutzer, also der Power-User, und die offenen Webstandards mittlerweile reichlich egal geworden, Hauptsache, der Browser kann Netflix. :(

Man darf sich nichts vormachen: Wenn Firefox OpenSearch nicht mehr unterstützt, wird das kein Anlass für die Betreiber von Websites sein, stattdessen eine WebExtension bereitzustellen, denn Firefox hat nicht mehr die große Bedeutung, die er früher einmal hatte, jedenfalls für den deutschen Markt.

Firefox ist derzeit noch ein Tool, das für Information Professionals eine große Bedeutung hat – weil man damit gut Information Retrieval machen kann. Das ist eine Benutzergruppe, die Mozilla schon gar nicht mehr auf dem Schirm hat. Den ganzen Bildungsbereich.

Wir dürfen nicht davon ausgehen, dass es in Zukunft für jeden Bibliothekskatalog und für jede Datenbank, die das bisher angeboten hatten, eine eigene WebExtension geben wird. Der Aufwand ist viel zu groß, sowohl für die Anbieter als auch für die Benutzer, die eben nicht mehr mit einem Klick in die Suchleiste nebenbei eine Suchmaschine ergänzen können, sondern extra ein Add-on installieren müssen mit – aus der Sicht eines wenig geübten Benutzers – fünf Warnmeldungen, die erst einmal gelesen und abgenickt werden müssten.

Wir sehen es bei der Druckansicht; die meisten Websites werden schon lange für Firefox gar nicht mehr getestet. Die Druckvorschau im Browser war ein Workaround, der mehr schlecht als recht funktioniert. Alles ist mittlerweile auf Webkit ausgerichtet. Es ist nicht ganz so schlimm wie bei Opera, aber es geht mit großen Schritten in diese Richtung. Mozilla platziert sich im Abseits.

Eindrücke von der Frankfurter Buchmesse 2019

Nachdem ich letztes Jahr nicht dabei war, diesmal also wieder einmal die Buchmesse. Was hat sich verändert im Vergleich zu früher, wo liegen die Trends?

Die Frankfurter Buchmesse schrumpft. Als ich zum ersten Mal dorthin kam (dazu hatte ich damals noch nicht gebloggt, meine Eindrücke gehen nur bis ins Jahr 2009 zurück), erstreckte sie sich fast über das ganze Messegelände. Die Halle 8, früher ganz in angelsächsischer Hand, war dann schon 2015 aufgegeben worden. Vergangenes Jahr zog das Blaue Sofa von dem Durchgang zwischen Halle 5 und 6 weg und belegt seitdem einen erheblichen Teil der Halle 3.1. Dort war früher der Deutschlandfunk in einer kleinen Insel beheimatet, heute ist es eine Bühne wie bei den großen Zeitungen geworden. Nächstes Jahr sollen dann die Sanierungsarbeiten an den Hallen 5 und 6 weitergehen, und dann reicht bei der geringen Nachfrage die ganz kleine Halle 1, die während meiner Zeit noch nie genutzt worden war, für die Auslagerung völlig aus. Wenn das so weitergeht, hat die ganze Buchmesse in wenigen Jahren bequem in einer Hutschachtel Platz.

Wie wirkt sich das aus? Wo weiland aus- und einladende regelrechte Stand-Landschaften platzgreifend zu sehen waren, traut man seinen Augen nicht. Springer Nature auf etwa einem Drittel der Fläche von früher, DeGruyter noch kleiner. Juris war gar nicht erst da. Google übrigens auch nicht (nach über zehn Jahren, erst für Google Books, dann für Google Play). Aber Scientology – die Geschäfte gehen offenbar gut. Die Bildungsverlage in Halle 4.2 waren nur noch ein Schatten dessen, was es da mal gab. Wikipedia kam dieses Jahr auch nicht mehr, jedenfalls nicht mit einem Stand, Wikipedianer waren natürlich vor Ort, wie man an den hochgeladenen Bildern auf Wikimedia Commons sehen kann. O'Reilly war durchaus da, man denkt an die Buchreihen, schön ausgestattet, aber nur das Online-Learning war gekommen, und nur O'Reilly U.K. „Thank you, I will hand on your card to a colleage.“ Zurück zu Springer Nature: „Reicht Ihnen die Fläche?“ – „Ja, doch.“ Nicht nur weniger Tische für Vertragspartner, auch weniger Standpersonal wird gebraucht. Und es wird auch weniger verschenkt. Keine Papiertüten mehr, sondern nur noch Stoffbeutel. Bleistifte, Kugelschreiber und Blöcke kriegt man am besten beim Rundfunk.

Überhaupt füllen Hörfunk- und Fernsehsender nicht nur frei gebliebene Flächen aus, wo früher Buchverlage ihre Ware feilboten. Sie sorgen auch dafür, dass die Daheimgebliebenen ein Bild von der Messe zu sehen und zu hören bekommen, das mit dem tatsächlichen Geschehen vor Ort nur noch wenig zu tun hat, denn man könnte meinen, es sei alles wie früher, immer noch der Büchermarkt im Deutschlandfunk live von der Frankfurter Buchmesse – ist es aber nicht. Die früher mittleren Stände sind heute kleine, manchmal ganz kleine. Und Langenscheidt und Pons gibts an einem halb gelben, halb grünen Stand zu sehen. Patchwork. Von zwei früher einmal konkurrierenden Verlagen sind nur noch zwei Marken geblieben, die beide Klett gehören und deren zukünftiges Profil ungewiss ist.

Interessant, dass der Internet-Radiosender detektor.fm sich zu seinem zehnjährigen Bestehen auf den eigenen Roll-ups als „Podcast-Radio“ bezeichnet. Vom Podcast wieder zurück zum Livestream? Antizyklisch denken, in Zeiten, in denen der Podcast boomt? Scheint so, verspricht aber auf Nachfrage auch bessere Auffindbarkeit der meist höherwertigen Beiträge im linearen Programm. Am besten laufe der Brand-Eins-Podcast mit einer gerade sechsstelligen Zahl an Abonnenten. Merke: Blogs und Podcasts sind Nische. Aber diese Nische ist so groß, dass mancher Kultursender versunsichert aufblicken dürfte.

Die Gastland-Halle von Norwegen war etwas merkwürdig. Weißer Plastikboden, als wäre es Schnee. Zu zwei Seiten, links und rechts vom Eingang her gesehen, durch riesige Spiegel scheinbar ins Unendliche erweitert, und zentral an der hinteren Wand eine etwas zu große Bühne, auf der Interviews geführt werden. Dazwischen immer wieder kleine Bücher-Inseln, als wären es Kostproben, aber die Stimmung ist viel zu unkonzentriert, als dass man diese Häppchen zu sich nehmen könnte. Man flottiert zwischen diesen Inseln und geht am Ende ungefähr so hinaus, wie man hereingekommen war. Immerhin: An der Theke mit Infomaterial gibt es einen kleinen, aber schön gestalteten Prospekt der norwegischen Nationalbibliothek.

Die Frankfurter Bloggerin und Journalistin Andrea Diener erzählte einmal in einem Podcast von einer Redaktionssitzung bei der FAZ, bei der Marcel Reich-Ranicki über die Buchmesse gesagt haben soll: „Das ist eine Verkaufsveranstaltung, damit habe ich nichts zu tun!“ Deshalb sei sie dann am Ende dorthin geschickt worden. Nachdem die Buchmesse-Zeitung eingestellt worden war, bloggte sie seit 2014 bei der FAZ über die Messe, aber das schenkt sich die Zeitung dieses Jahr zum ersten Mal. Das Buchmesse-Blog der FAZ gibt es nicht mehr. Vielleicht auch das ein Zeichen – für die Rolle von Blogs, die Rolle der kommerziellen Blogs der Zeitungsverlage oder für die Buchmesse? Diese alte Welt, die gerade vor unseren Augen untergeht?

Marie Sophie Hingst lebt nicht mehr

Der Tod der Historikerin und Bloggerin Marie Sophie Hingst wirft ernste Fragen auf. Hingst war für ihr Blog Read on my dear, read on von den Goldenen Bloggern im Jahr 2017 zur Bloggerin des Jahres ausgezeichnet worden. Sie hatte auch journalistisch gearbeitet. Im Mai 2019 war ihr in einem Beitrag im Spiegel vorgeworfen worden, sie habe ihre jüdische Familiengeschichte ganz oder teilweise erfunden und dabei auch gegenüber der Forschungs- und Gedenkstätte Yad Vashem falsche Dokumente vorgelegt. Im Fahrwasser der Relotius-Affäre des Spiegels waren auch ihre Beiträge bei der Zeit und bei der FAZ in Zweifel gezogen worden.

Ein Nachruf in der Irish Times zeichnet nun ein etwas anderes Bild der Betroffenen. Sie sei psychisch krank gewesen und habe in mehreren Realitäten gelebt, wird ihre Mutter in dem Beitrag zitiert. Getroffen habe sie gerade der Verlust ihrer Online-Reputation. In der deutschsprachigen Wikipedia war ein Artikel über sie angelegt worden, in dem sie noch nach ihrem Tod als „Bloggerin und Hochstaplerin“ bezeichnet worden war (Link auf die letzte Version mit diesem Wortlaut, der zwischenzeitlich geändert worden ist). Der Blogger Klaus Graf war intensiv eingestiegen und hat den Verlauf der Affäre eingehend nacherzählt, unter anderem weil Hingst promovierte Historikerin war und Graf sich schon früher für Plagiate und für wissenschaftliches Fehlverhalten interessiert hatte. In der Folge war der Betroffenen schließlich die Auszeichnung als Bloggerin des Jahres aberkannt worden, und sie hat ihr Blog offline genommen.

Da war viel Häme und viel Böses im Spiel. Die seit Jahren in der Krise befindlichen Zeitungen versuchten angesichts der erneuten Fake-Geschichten ihr Gesicht zu wahren und gingen zu einer Art von Aufklärung über, als hieße es: „Rette sich, wer kann!“ Aber niemand warf die Frage nach den Gründen für das Geschehene auf. In einem Umfeld aus Storytelling und sozialen Netzwerken, in dem die journalistischen Standards weder auf der Produzenten- noch auf der Rezipientenseite noch von angemessenem Interesse wären und in dem jeder jederzeit alles publizieren kann – und dann auch mit den Konsequenzen leben muss. Das Mitmachweb der Amateure bildet die gesamte Gesellschaft ab und gibt jedem eine Plattform – auch psychisch beeiträchtigten Menschen, die möglicherweise für ihr Handeln nicht oder nicht immer im vollen Umfang verantwortlich sind. In einem Klima, in dem Auftritte in Videokanälen völlig normal geworden sind, die man früher bestenfalls in geschlossenen Abteilungen sich vorgestellt hätte, wird der Ernst des Gesehenen oder Gelesenen und die persönliche Geschichte dahinter kaum noch wirklich denkbar. Sie ist aber der eigentliche Text, und die Leser müssen möglicherweise erst lernen, ihn zu lesen und zu verstehen. Das Menschliche hinter den bunten Inszenierungen im Netz.

Darauf ist, wie man sieht, weder das Web-2.0-Umfeld (Wikipedia) noch der Journalismus eingestellt. Die anonymen Autoren der Online-Enzyklopädie haben eine erhebliche Reichweite mit ihren Beiträgen, gerade in dem Bereich, der intern als Newsticker bezeichnet wird; der Wikipedia-Artikel über Marie Sophie Hingst wird etwa 100 mal am Tag aufgerufen. Gleichzeitig gehört der Umgang mit den Biografien lebender Personen zu den problematischsten Feldern bei Wikipedia überhaupt. Zwar gibt es eine ziemlich klare Richtlinie dazu, in der zum Schutz des allgemeinen Persönlichkeitsrechts der Betroffenen gemahnt wird, eine aktuelle und noch nicht abgeschlossene Anfrage beim Schiedsgericht der deutschsprachigen Wikipedia zeigt aber, dass diese Fragen zu den schwierigsten überhaupt gehören, angesichts der weitgehenden Selbstverwaltung des Projekts in inhaltlichen Dingen. Es sind Zusammenhänge, die erklärt werden müssen. Auch das also ein Aspekt des „Neulands“ Internet.

Der Spiegel hat es gegenüber der Irish Times abgelehnt, den Fall zu kommentieren, bedauert aber den Tod der Journalistin und Bloggerin. Sie war am 17. Juli 2019 tot in ihrem Bett aufgefunden worden. Eine Fremdeinwirkung im engeren Sinne sei nicht ersichtlich gewesen. Die Autopsie steht noch aus. In einem Beitrag bei Spiegel Online hieß es heute: „Die sachliche Richtigkeit der in dem SPIEGEL-Artikel beschriebenen Tatsachen ist unumstritten.“

Die Arno-Schmidt-Mailingliste (ASml) wird wiederhergestellt

Giesbert Damaschke hat heute auf Twitter bekanntgegeben, dass er die Website gelehrtenrepublik.de versehentlich gelöscht habe. Dabei ist auch der Verteiler für die Arno-Schmidt-Mailingliste untergegangen. Die ASml gehört so ziemlich zum Kernbestand dessen, was „mein Internet“ ausmacht. Es war, WIMRE, die zweite Mailingliste, die ich damals abonniert hatte, als das Internet zu mir nachhause kam. Wer sich also wundert, dass nun keine Mails mehr über den Verteiler kommen, wende sich per Mail an Giesbert Damaschke und bitte ihn um Aufnahme in den neuen Verteiler. Auf dass die ASml weiter bestehe wie gehabt. Sollte eigentlich kein Problem sein, die üblichen Schmidt-Aficionados werden sicher weitermachen. ;)

Konflikt zwischen Community und Betreiber-Stiftung in der englischsprachigen Wikipedia

Nachdem die Wikimedia Foundation am 10. Juni 2019 den Administrator Fram gesperrt und „gebannt“ hatte, ist es in der englischsprachigen Wikipedia unruhig geworden. Eine zweistellige Zahl von Administratoren, Oversights und Bürokraten haben im Protest ihre erweiterten Benutzerrechte zurückgegeben. Die wochenlangen Diskussionen, vorwiegend auf der Seite Community response to the Wikimedia Foundation's ban of Fram, sind von den Portalen Buzzfeed und Slate aufgegriffen worden. Der Wikipedia Signpost brachte dazu vergangenes Wochenende mehrere Beiträge, davon ist einer, der die Abläufe dokumentiert hatte, schon wieder gelöscht worden.

Vergangene Nacht kam ein reitender Bote mit einem Statement des Boards der Wikimedia Foundation zu alledem, heute Morgen folgte eine weitere Stellungnahme der Geschäftsführerin Katherine Maher (jeweils Permalinks, die Seite wird weiter bearbeitet).

Bei dem Konflikt geht es wesentlich um den Grad der Autonomie, der den lokalen Communities im Rahmen ihrer Selbstverwaltung von dem Betreiber von Wikipedia belassen wird. Die Stiftung beansprucht das letzte Wort beim Umgang mit schweren Belästigungen von Benutzern untereinander, rudert in dem konkreten Fall aber nun teilweise zurück, indem jetzt doch das Schiedsgericht der englischen Wikipedia eingeschaltet werden soll. Das Verhältnis zwischen Community und Stiftung beim Umgang mit solchen Vorgängen bleibt aber vorerst im einzelnen unklar, es sind viele Nachfragen gestellt worden.

Die bisherige Kritik bezieht sich vor allem auf die Einmischung in Community-Angelegenheiten sowie auf das intransparente Verfahren ohne Anhörung des Betroffenen, das auch für Dritte nicht nachvollziehbar ist, weil dazu keine Einzelheiten veröffentlicht werden. Der Vorfall ist nicht abgeschlossen und wird die Aufmerksamkeit der Wikipedianer auf längere Zeit hinaus in Anspruch nehmen, insbesondere bei der bevorstehenden Wikimania, die vom 14. bis 18. August 2019 in Stockholm stattfinden wird.

Bücher abschalten

Die Süddeutsche Zeitung berichtet über die Schließung der Buch-Sektion im Microsoft App-Store. Die erworbenen E-Books werden Anfang Juli 2019 gelöscht. Auf den Lesegeräten der Benutzer werden sie nicht mehr angezeigt. Die Kunden erhalten ihr Geld zurück. Die Nutzung der Dateien war per Digital Rights Management an den Anbieter gebunden. Die Inhalte sind aber auch für das kollektive Gedächtnis verloren. Nur die Ausgaben, die als Netzpublikationen bei der Deutschen Nationalbibliothek abgeliefert worden waren, bleiben erhalten – für Benutzer der DNB als Archivdatei im Lesesaal. Wer in Büchern von Microsoft Notizen gemacht hatte, verliert auch diese übrigens auch und erhält dafür eine weitere Gutschrift von 25 US-Dollar.

Ein Blick zurück: Die Online-Ausgabe von Meyers Taschenlexikon und die Microsoft Encarta waren 2009 ebenfalls kurzfristig vom Netz genommen worden und sind seitdem verloren. Im selben Jahr kam es zu einem Vorfall, bei dem die Kindle-Ausgabe des Romans 1984 von George Orwell von Amazon ferngelöscht wurde, angeblich versehentlich.

Digitales Wissen ist vergänglich und bedeutet Kontrollverlust.

Wo itzund Städte stehn
wird eine Wisen seyn
Auff der ein Schäfers-Kind wird spilen mit den Herden.

(via InetBib)

Zum Nachdenken für Bachmannpreisträger

Beim Durchlesen meine Feedreaders bemerkt, dass das Interesse am Bachmannwettbewerb bzw. -bewerb sich dieses Jahr in deutlichen Grenzen hält. Angestaubtes Prozedere, schreibt Claudia, und die Zeit hat den Klagenfurtblues. Ich archiviere die Texte wie jedes Jahr und finde kaum einen darunter, in dem ich mich auf Anhieb verliere, der mich in sich hinein zerrt. Der Volltext erinnert in seinem Newsletter an einen Text von Kathrin Passig, die 2016 in Bezug auf Klagenfurt feststellte:

Jeder darf hinein in den Literaturbetrieb und zuschauen, wie die Wurst hergestellt wird.

Aber keiner darf fehlen, alle machen mit. Von den Bachmannpreisträgern hat man selten später noch etwas gehört. Die Bestseller schreiben ganz andere, und auch die Literaturwissenschaft beschäftigt sich selten mit ihnen. Und die mediale Inszenierung der Literaturkritik ist auch unglaubwürdig, denn die Juroren kennen die Texte, die sie auseinandernehmen, schon lange vor den Lesungen und sind dadurch freilich dem Publikum um mehrere Schritte voraus. Aber wie gelehrt sie erzählen können. Kafka hatte wohl doch Recht:

Nichts, wenn man es überlegt, kann dazu verlocken, in einem Wettrennen der erste sein zu wollen.

Suchmaschinen ade

In meinem letzten Beitrag hatte ich – zugegeben: etwas flapsig formuliert – mehr Wissenschaft und Literatur gefordert. Was meine ich damit konkret? Zunächst zur Wissenschaft (später mehr zur Literatur):

Ich habe ziemlich weitgehend bereits die Suchmaschinen durch OPACs und insbesondere durch Discovery-Dienste mehrerer Bibliotheken ersetzt. Das heißt, ich gebe einen Begriff, der mir fremd ist oder allgemein: über den ich mehr erfahren möchte, in das Suchfenster meines Webbrowsers ein und frage mehrere OPACs ab. Der nächste Schritt ist dann ein Klick auf „Artikel und mehr“. Es ist eigentlich egal, wo man das tut, auch ein paar Fachportale der Fachinformationsdienste beziehe ich mit ein, das Ergebnis ist immer gehaltvoller als das, was mir die Suchmaschinen anzubieten haben, und sei es nur, weil durch die Sacherschließung ein brauchbarer Einstieg in neue Themen erleichtert wird und weil durch den Zugang zu Ressourcen, auf die ich Zugriff habe, Informationen direkt verfügbar sind und nicht als zweiter Aufguss.

Die Suchmaschinen sind mittlerweile so kaputtoptimiert worden, dass immer der suchmaschinenoptimierte Content ganz nach oben gespült wird und die eigentlich interessanten Websites darunter verschwinden. Suchmaschinen lohnen sich nur noch, wenn man sehr gezielte Abfragen macht. Wie das geht, wurde im März in der c't auf aktuellem Stand erklärt. Da ging schon mal mehr, viel mehr, wurde alles abgeschafft (ich glaube, ich werde alt, kann das sein?). Das gilt übrigens auch für Bibliothekskataloge, auch dort wird es zunehmend schwieriger, gezielte Abfragen durchzuführen. Aber faktisch leisten die OPACs und die Discovery-Dienste zum Lernen heute das, was früher bei mir auch die Suchmaschine konnte, heute aber nicht mehr kann.

Es ist etwa ein Jahr her, dass mir gar nichts anderes mehr übrig blieb, als mich darauf einzustellen. Und die Entwickler der OPACs wären sicherlich gut beraten, einmal darüber nachzudenken, wieviel „Suchmaschine“ in einem OPAC stecken sollte. Weniger ist mehr. Trust me.

Auch diese Veränderung in meinem Such- und Informationsverhalten ist ein ganz praktisches Indiz für die Zunahme der Ungleichheit bei der Bildung, also für die digitale Spaltung, was den Zugang zu Information angeht. Das bessere Angebot verdrängt das schlechtere, aber mit dem „besseren“, also mit dem qualitativ hochwertigeren Werkzeug muss man ja erst einmal umgehen lernen. Wenn man jetzt noch bedenkt, dass Recherche-Kurse in der Erwachsenenbildung so gut wie nicht mehr stattfinden, seit die meisten meinen, googlen reiche aus, mehr brauche es nicht, deshalb buchen sie solche Kurse nicht mehr, so mag man daraus ersehen, wie schwer es ist, in einer Medien- und Informationsgesellschaft gegen diese Form der Bewusstseinsindustrie anzuarbeiten. Sisyphos lebt.

Mit der Paywall in die Ungleichheit

In der letzten Zeit bemerke ich mehrere Veränderungen bei den Kanälen, auf denen mich Nachrichten erreichen:

  • Mein Feedreader ist nicht mehr für alle Themen die erste Wahl. Er lohnt sich weiterhin für relativ eng angelegte Bereiche, vor allem für Fachblogs zu bestimmten Themen.

  • Gleichzeitig haben aber journalistische Websites ganz breit deutlich nachgelassen. Es lohnt sich nicht mehr, sie als Feed mitzulesen. Man merkt, dass die Presseverlage kein Geld mehr in die Online-Ausgaben ihrer Zeitungen stecken. Stattdessen haben sie in Paywalls investiert und ihre Seiten zu einer Art Webshop umgebaut. Wer die interessanteren Beiträge lesen will, muss zum E-Paper greifen, was sich tatsächlich manchmal lohnt, meist aber nicht. Einzige Ausnahme, dank taz zahl ich, ist eben die taz, die weiterhin alle Texte frei auf ihre Seite stellt.

  • Der dritte Kanal, auf dem ich mich informiert hatte, war ganz lange Zeit hinweg Wikipedia, und zwar die Beobachtungsliste meiner Interessengebiete. Wikipedia schwächelt schon seit längerem, zum einen, weil, wie man weiß, immer weniger Benutzer aktiv mitmachen, zum anderen, weil die verbliebenen Autoren aktuelle Themen ausgerechnet anhand der – siehe oben – qualitativ immer schlechteren und immer rarer werdenden offenen Presse-Websites bearbeiten. Bibliotheken existieren, Fachportale gibt es auch, Open Access gibts ebenfalls, sie werden aber nicht genutzt. Man reagiert also nicht angemessen auf den Niedergang der Zeitungs-Websites und wendet sich zur Recherche Besserem zu. Die Autoren, die daran interessiert waren, sind zumindest in diesem Bereich schon länger nicht mehr zugange. Man hat damit aufgehört, Dinge ins Internet zu schreiben.

Die Entscheidung der Presseverlage für die Paywall ist zugleich eine Entscheidung gegen Reichweite. Tendentiell ist es eine Entscheidung für einen Weg in die Bedeutungslosigkeit. Man merkt hier aber auch, wie sich die künstliche Verknappung digitaler Güter auch über die Massenmedien hinaus im Netz und in der Gesellschaft auswirkt. Damit ist ein erheblicher Verlust von Qualität verbunden, bei den Presse-Websites und bei denjenigen, die an ihren Tickern und Meinungsbeiträgen hängen. Die Folge ist die zunehmende Ungleichheit beim Zugang zu Informationen. Wer hat worauf noch Zugriff? Und wer entscheidet darüber? Die Gatekeeper sind wieder da.

Welche Konsequenzen kann man daraus ziehen? Derzeit versuche ich, jeden Informationskanal so umzugestalten, dass die jeweiligen Stärken besser zum Tragen kommen:

  • Die Anzahl der Feeds im Reader verringern und diejenigen Websites weglassen, die man besser von Zeit zu Zeit mal ansurft – und wenn man das nicht tut, dann ist es ein deutliches Zeichen dafür, dass es auch ohne sie ganz gut geht.

  • Zeitungen, wenn überhaupt, lieber als E-Paper oder aus Archiven lesen. Einzige Ausnahme: Die taz, siehe oben. Besonders gern lese ich in letzter Zeit historische Zeitungen aus den vielen Archiven, die es mittlerweile gibt. Der Vergleich der heutigen Nachrichten mit denjenigen vor zwanzig, fünfzig oder hundert Jahren relativiert die Nervosität der „großen Gereiztheit“ (Bernhard Pörksen). Und natürlich: Wissenschaft und Literatur statt Zeitungen.

  • Keine Artikel mehr über laufende Ereignisse in Wikipedia lesen, denn sie werden meist – siehe oben – aus minderwertigen Online-Quellen zusammengetragen und als zweiter oder dritter Aufguss erstellt. Solange das so ist.

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