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Der Bachmannpreis als Zoom-Konferenz

Es ist jetzt der zweite Durchgang des Bachmannpreises, den ich beruflich bedingt nicht live verfolgen konnte, und am Ende schaut man sich die Videos dann ja doch nicht mehr alle an. Man sucht Zuflucht bei den Zusammenfassungen in den Feuilletons oder beim Literaraturcafé-Podcast, wo Andrea Diener und Wolfgang Tischer auch in diesem Jahr tapfer nacherzählen, was passiert war. Andrea trotz Impfung in ihrer mollig warmen Frankfurter Dachgeschosswohnung, und Wolfgang dieses Jahr getestet vor Ort in Klagenfurt, wo sich die Getesteten, Geimpften und Genesenen beim Public Viewing in der Hitze trafen.

Risikogruppe, anyone? Der gerade verrentete Hubert Winkels ließ sich für seine Rede zur Literaturkritik aus der Ferne zuschalten. Und die Jury kam diesmal im Studio zusammen, nur die Schriftsteller wurden per ORF-iPad hinzugeholt. Der Bachmannpreis als Zoom-Konferenz und lokal. Sie nannten es „hybrid“. Vielleicht tut man sich dann leichter, in die Ferne hinaus auszuteilen?

Heike Geißler ließ jedenfalls ihrem Unmut über die teils ganz offen dilettantische Performance einiger Jurymitglieder im Deutschlandfunk Kultur freien Lauf – und ging danach natürlich bei den Preisen leer aus. Klar.

Ganz knapp gehaltene Berichterstattung in der taz, von einer Autorin, die nicht vom Fach ist, sich aber Mühe gibt, den dünnen Wettbewerb auf den Punkt zu bringen, was ihr am Ende auch gut gelingt:

In Julia Webers Wettbewerbstext sagt Protagonistin Ruth zur Erzählerin: „… manchmal käme ihr das ganze Leben vor wie das Abtrocknen feuchter Hände an einem bereits feuchten Handtuch.“ Vielleicht hat Weber damit ein treffendes Bild für Gegenwartsliteratur gefunden.

Übrigens lag ich mit meiner Prognose völlig daneben. Aber das wäre eine ganz andere Geschichte.

Eigentlich nicht

Es war ein langes, erwägendes Gespräch, das Serdar Somuncu heute in der Blauen Stunde auf radioeins mit Martin Werthmann geführt hat. Kunst als Alltag, Kunst als Sprache, als die maßgebliche Beziehung zur Welt. Und dann die Frage:

Kannst du mit deiner Kunst auch lügen?

Eigentlich nicht. Oder doch?

Natürlich führt uns das zu einer weiteren Frage:

Kann ich mit meinem Blog auch lügen?

Eigentlich nicht.

Der Wanderer LXII

Es ist ein bisschen still geworden um mein Blog. Vielleicht ist es zu still mittlerweile, denn das Blog war immer meine Stimme im Netz. Manch eine/r hat sich in letzter Zeit eher aus der öffentlichen Öffentlichkeit zurückgezogen und ist in das digitale Biedermeier entschwunden. Dafür gibt es sicherlich gute Gründe. Aber gibt es nicht auch ebenso gute für das Gegenteil?

Die Zeit des freien Webs ist noch nicht ganz vorbei. Es gibt sie noch, die alten Schnittstellen. Aber die Ver-Appung greift um sich, und es gibt nicht nur die großen Ökosysteme (im technischen Sinne, als Geschäftsmodell der Content-Industrie), sondern auch die kleinen, ganz praktischen. Manchmal hängen sie zusammen, manchmal auch nicht. Die alten Formate werkeln jedenfalls immer noch unter der Oberfläche, aber die Oberfläche verbirgt sie zunehmend vor den Benutzern, als gäbe es beispielsweise und insbesondere RSS nicht mehr. Aber was denn sonst? Wenn man nachfragt, wo denn der RSS-Feed geblieben sei, erhält man beispielsweise solche Antworten:

vielen Dank für Ihr Interesse an der ARD Audiothek. Zurzeit können wir Ihnen leider keinen RSS Feed für Sendungen bereitstellen, da bei der Bereitstellung des RSS Feeds uns ein Fehler unterlaufen ist. Wir sind bereits schon dabei dieses Problem zu beheben. Jedoch wird diese Fehlerbehebung noch ein wenig Zeit in Anspruch nehmen. Wir bitten daher um Entschuldigung und um etwas Geduld. Vielen Dank für Ihr Verständnis und wir wünschen Ihnen trotz dieser Einschränkung weiterhin viel Freude bei den Inhalten der ARD Audiothek.

Wir können auch nicht durchkoppeln. Aber das wäre ein weiteres Thema.

Überhaupt: Standards. Bei der E-Mail fing es an. Vor fünf Jahren gab es die info-Adresse beim CERN schon nicht mehr, als ich sie auf einen Fehler auf ihrer Website hinweisen wollte. Kam als nicht zustellbar zurück. Mail und Webmaster: dito. Wohlgemerkt: Beim CERN. Und mittlerweile fehlen immer öfter die rss+xml-Alternate-Links im Header. Ich fühle mich so alt. Ist es schon soweit?

Natürlich nicht nur hierzulande. Hörfunk-Livestreams sind auch so ein Thema. Die BBC hat gerade umgestellt. Könnten Sie mir bitte Ihre neuen Livestream-URLs mitteilen, damit ich weiter zuhören kann?

We do not provide the URLs to our streams.

Ja, dann: Auf zu GitHub! Übrigens nicht nur meine Sorge: Es gibt durchaus große Frustration in Großbritannien über diese Haltung der BBC, bitte die sendereigene App BBC Sounds, einen Smart Speaker(!) oder ein Webradio zu benutzen, das an einer proprietären Datenbank hängt. Soll man nicht tun.

I hope this has been helpful, and once again thank you for contacting us.

Zu den alten, bewährten Kanälen gehören auch Mailinglisten. Und Mozilla tritt doch für ein freies Internet ein – oder etwa nicht? Mozilla hat gerade alle seine Mailinglisten zu Google transferiert. Das heißt es gibt kein selbstgehostetes Archiv mehr, und auch die gesamte Infrastruktur wurde stillgelegt. Die Daten der Benutzer, die sich an den Listen beteiligt hatten, liegen jetzt bei Google in Form einer Google Group vor. Das Thunderbird-Projekt wurde mit einem Vorlauf von zwei Wochen davon in Kenntnis gesetzt, was für sich genommen schon mal recht sportlich war, und musste sich schnell entscheiden, wie es weitergehen sollte. Man erwog, die eigenen Listen zu Topicbox umzuziehen, sah davon aber wegen des Datenschutzes ab: Dazu fehlte nämlich die Einwilligung der Benutzer (was, wie gesagt, Mozilla überhaupt nicht interessiert hatte).

Wir stehen für ein Internet, das alle Menschen auf der Welt einbezieht…

Wer weiterhin an den Thunderbird-Listen teilnehmen möchte, muss diese nun auf Topicbox abonnieren. Was ich nicht möchte und nicht tun werde. Ein eigener Mailman kam für Thunderbird nicht infrage, denn:

Mailman and things like it are dinosaurs.

Was die E-Mail angeht, so gibt es auch Neues zur Überwachung beim Bezug von Newslettern anzumerken. Sowohl The Conversation als auch France Culture fragten nach einigen Wochen Empfang ihrer täglichen Mails nach, ob ich sie noch erhalten wolle, ich hätte schon so lange nicht mehr hineingesehen. Tatsächlich lese ich die Beiträge, klicke aber nicht auf die Links und habe auch das Nachladen von Grafikdateien abgeschaltet. Immerhin weiß man dadurch nun, dass das ausreicht, um ein Tracking zu verhindern.

Weitere Neuerungen: WordPress.com blendet nun einen Sponsored Post in englischer Sprache mit Werbung für Online-Bloggerkurse an zweiter Stelle in meinen Feed ein. Die Werbung bei WordPress.com wird also immer penetranter. Außerdem wird ist es schon wieder hakeliger geworden, noch mit dem klassischen Editor zu arbeiten. Man muss nun über ~/wp-admin/edit.php gehen, um noch ins alte Backend zu gelangen. WordPress.com kann mittlerweile wirklich nicht mehr empfohlen werden. Und den Wanderer führe ich jedenfalls hier weiter und nicht mehr nebenan.

Zum Schluss etwas Erfreuliches: Gestern, am Gründonnerstag, wurde TeX Live 2021 veröffentlicht. Das ist kein Aprilscherz. Alles weitere hier, wie gehabt, auch was die Release Notes angeht.

MacTeX kann man diesmal ab macOS 10.14 installieren. Ausgeliefert werden Universal Binaries für Intel64 und ARM. Für ältere Apple-Systeme muss man den Unix-Installer verwenden. Da ich weiterhin auf 10.13 bin, wird mir diesmal nichts anderes übrigbleiben als eben dies. Da ich das noch nie gemacht habe, sondern immer MacTeX installiert hatte, kann ich leider derzeit noch keine ersten Erfahrungen weitergeben. Muss mir das erstmal anschauen, wenn ich die Zeit dazu finde…

Danke an alle, die an der neuen Version ehrenamtlich mitgearbeitet und diese damit möglich gemacht haben!

Die TUG-Tagung 2021 wird übrigens vom 5. bis 8. August in Zusammenarbeit mit der Universität Adelaide als reiner Online-Event ausgerichtet. Die Teilnahme ist kostenlos nach Registrierung möglich. Spenden sind willkommen.

Vielleicht vertiefe ich den TeX-Teil noch einmal in einem weiteren Beitrag, wir werden sehen…

Die letzte Ausgabe der Machtdose und das Ende der Netzmusik

Nichts ist so endgültig wie die letzte Ausgabe einer Reihe, die man sich als unendlich vorgestellt hatte.

Roland Graffé hat in diesen Tagen die wirklich allerletzte Folge der Machtdose veröffentlicht.

Die Creative-Commons-Plattformen waren einst die Lösung für den Vertrieb an den großen Plattenlabels vorbei. Die Netlabels entstanden und bündelten den Markt. Aber nach 16 Jahren sei es immer schwerer geworden, noch CC-lizenzierte Musik im Netz zu finden. Denn heute verliert der lineare Hörfunk zwar ständig an Nutzern, während die Streamingdienste an seine Stelle treten, aber sie verdrängen eben auch die Netlabels, und die interessanteren Künstler bieten ihre Stücke eher bei Spotify zum Kaufen an als bei den CC-Plattformen. Jamendo ist schon länger nur noch ein Schatten seiner selbst, und WFMU hat sein Projekt Free Music Archive ziemlich lustlos und kaum bemerkt abgestoßen. So muss man es wohl sagen.

Die Machtdose lebte schon lange fast nur noch aus Bandcamp. Und Roland schreibt, seine Ausbeute beim Googlen nach neuer Musik sei immer schlechter geworden. Auch Bandcamp gebe derzeit kaum Neues her, jedenfalls sei es immer schwerer auffindbar. Ob das auch für die Creative-Commons-Suche gilt, möge offen bleiben. Denn zumindest Soundcloud scheint doch immer wieder Annehmbares bereitzuhalten. Von dort wird ja auch die Machtdose regelmäßig im Blog eingebunden.

Aber es ist schon richtig: Die Freie Musik (im Sinne von: free as in Freedom) verschwindet aus dem Netz, aus der Welt. Die musikalischen Commons entwickeln sich nicht mehr weiter. Die Idee des freien Remix, wie sie Lawrence Lessig vertreten hatte, kommt an ein Ende. Das Pendel schwingt aus, und es ist Zeit, einen Schlussstrich zu ziehen unter die alte Welt des Web 2.0 der 1990er und der frühen 2000er-Jahre.

Ich habe immer gerne und interessiert zugehört und sage deshalb Danke für den Fisch – an Roland und an die vielen Künstler/innen, ohne die es die Machtdose nicht hätte geben können!

Seit November 2005 gab es in der Machtdose 2610 Musikstücke zu hören, das Google-Docs-Spreadsheet, in dem sie alle verzeichnet sind, scheint riesig, und das ist es ja auch! Eine riesige kreative Allmende ist das, und alles kann man im Internet Archive auf Dauer nachhören – und remixen! Und wenn sich unsere Generation an ihre Musik erinnert, wird man keinen Radiosender mehr einschalten, sondern das Internet Archive ansurfen.

Es gibt Momente, in denen man traurig sein darf. Das Ende der Machtdose gehört dazu.

Zwanzig Jahre Wikipedia: Dokumentarfilm auf Arte

Das transnationale Medium Arte beschreibt in einem Dokumentarfilm, der am 5. Januar 2021 im linearen Programm läuft lief, das transnationale Projekt Wikipedia und nimmt dabei eine Position ein, die derjenigen der Wikimedia Foundation beim Blick auf ihre Operationen nicht unähnlich sein dürfte.

Aus den Interviews wurde nicht deutlich, welche der Wikipedianer, die dort gezeigt wurden, denn nun eigentlich je miteinander auf Wikipedia zu tun bekommen hätten. Immerhin zwei aus der deutschsprachigen Wikipedia waren darunter, aber die anderen sprachen jeweils nur über ihre eigene Sprachversion, und diese finden nicht zueinander.

Auf dieser globusdrehenden Metaebene verschwindet auch die Unzufriedenheit der Community an den Verhältnissen vollständig.

Was bleibt, ist ein Dilemma: Wikipedia als mächtiger information hub und zugleich als verletzlicher Gigant in einer Umwelt von Fake News. Viel genutzt, aber bis heute nicht alternativlos.

Die Rolle der Bibliotheken und vor allem der Verlage im Markt der Informationen fehlte ganz. Die Ökonomie der Inhalte, aus denen die Wikipedianer schöpfen, wenn sie sich bei ihrer Arbeit auf Literatur stützen.

Es ist kein kritischer Film.

Lorenza Castella, Jascha Hannover: Das Wikipedia Versprechen. 20 Jahre Wissen für alle? WDR. Deutschland. 2020. Verfügbar in der Arte-Mediathek bis 4. April 2021.

6. Januar 2020: Das Video des Films habe ich nachträglich in den vorstehenden Beitrag eingebettet, nachdem es auf YouTube eingestellt worden war.

Wie kann man auf wordpress.com weiter mit dem Klassischen Editor arbeiten?

Es begann 2015. Damals hatte wordpress.com angekündigt, den klassischen Editor schrittweise abzuschalten. Für mich war es das Signal zum Aufbruch – weg von wordpress.com, hin zu antville.org, wo seitdem mein albatros fliegt.

Nachdem ich im zurückliegenden Jahr als Blogger deutlich weniger aktiv war – weniger Blogposts, keine Bloggerkurse für Anfänger mehr gehalten –, muss ich aber doch staunen: Meine alten Bookmarks funktionieren nicht mehr, und ich werde beim Aufruf des Editors direkt in den Quelltext-Modus des neuen Block-Editors geleitet. Was ich gar nicht will.

Wer weiterhin den alten Classic Editor in wordpress.com benutzen möchte, kann möglichweise einen Button im Menüpunkt Alle Beiträge verwenden, um ihn aufzurufen:

Auswahl des Classic Editors bei wordpress.com im Jahr 2020

„Möglicherweise“, denn ich kann derzeit nicht überblicken, ob das bei allen alten Blogs noch geht oder nur bei meinen. Es scheint der einzige Weg zu sein, um weiterhin so arbeiten zu können wie zuvor. Wie lange das noch klappen wird, ist derzeit nicht absehbar, aber wir sollten es tun, solange es geht. Es gibt anscheinend keinen Schalter mehr im Dashboard, um den Editor zentral auszuwählen. Jedenfalls kann ich auf diese Weise weiterhin in Markdown bloggen.

Ebenfalls praktisch: Auch beim Nachbearbeiten von bereits gespeicherten Beiträgen kann man den Classic Editor im Ausklappmenü unterhalb des Blogposttitels aufrufen:

The future of text

Ein Lesetipp für die kommenden Wochen dürfte dieses Werk sein:

  • Hegland, Frode, Hrsg. 2020. The Future of Text. 1. Auflage. Future Text Publishing. doi:10.48197/fot2020a, (zugegriffen: 5. Dezember 2020).

Worum geht es?

Welcome to Future Text Publishing, producers of ‘The Future of Text’, the largest survey of the future(s) of text ever undertaken.

The book is a collection of dreams for how we want text to evolve as well as how we understand our current textual infrastructures, how we view the history of writing, and much more. The aim is to make it inspire a powerfully rich future of text in a multitude of ways today and to still have value in a thousand years and beyond. It should serve as a record for how we saw the medium of text and how it relates to our world, our problems and each other in the early twenty first century.

Und das ganze ist open end angelegt. Die zweite Auflage wird ab Februar 2021 vorbereitet.

Mein Soundtrack

Es ist viel gestreamt worden in den letzten Wochen, und viel war die Rede von diesem oder jenem Online-Event. Für mich war Randy Crawford eine Wiederentdeckung aus den tiefen 1980er Jahren. Almaz. Und: Rainy night in Georgia. Und: One day I'll fly away. Der Jazz von Randy Crawford, live, wird mein Soundtrack des Lockdown gewesen sein, wenn ich mich daran zurückerinnern werde. Und sie sang vor ein paar Jahren immer noch so wunderbar leicht wie in den 1980ern und 1990ern.

Übergänge X

Zum Beispiel weil immer wieder die Rede davon ist, dass sich durch die derzeitigen Verhältnisse auf Dauer etwas verändern werde. In den Massenmedien bekannt geworden ist die Debatte um den etwas blauäugigen Beitrag von Matthias Horx, dem Bazon Brock widersprochen hat: Aus der Geschichte habe noch niemand „einfach mal so“ etwas gelernt, und Optimisten seien „Volksverdummer“, meinte er ketzerisch.

Disruptive Momente bieten eine gute Projektionsfläche für alle möglichen Wünsche nach Veränderung. Die einen sehen derzeit das Bedingungslose Grundeinkommen heranziehen, tax the rich, das Comeback des Staates am Ende der neoliberalen Zeit sei gekommen. Rechte Reflexe hinken dem hinterher und wirken noch hilfloser als sonst. Solche Debatten haben vor allem die Funktion, von der großen Verunsicherung, die derzeit besteht, abzulenken und das jeweilige Lager zu beruhigen, weil sie Hoffnung geben, es gehe am Ende alles gut aus. Sie können auch den Blick auf die tatsächlichen Entwicklungen verstellen. In diesem Sinne sind sie Gegenaufklärung, es sind bloße Fluchtphantasien.

Die große Verunsicherung zeigt sich im Verlust von Vertrauen in eine Umgebung, in der man sich zwar nicht vollkommen gefahrlos, aber doch mit hinreichender Kompetenz einigermaßen bequem bewegen konnte. Man kam zurecht. Heute trauen sich manche Leute nicht einmal ohne Gummihandschuhe und Gesichtsmaske in den nächsten Supermarkt zu gehen. Die U-Bahn-Fahrt wird zur gefährlichen Expedition, bei der bisher unbekannte Gefahren drohen. Die leergekauften Supermärkte bleiben im Gedächtnis und treffen auf tieferliegende Erinnerungen an Notzeiten, die generationenübergreifend weitergegeben worden sind. Vertrautes schwindet, und Vertrauen schwindet.

Dem entspricht, dass alle Entscheidungen derzeit unter einer besonders großer Unsicherheit getroffen werden. Entscheidungen unter Unsicherheit hat es schon immer gegeben, aber nicht so eine große Unsicherheit wie in diesen Wochen. Es sind Unsicherheiten, gegen die man sich nicht versichern kann. Millionen Menschen sind auf das „Corona-Paket“ des Staates angewiesen, und die Zeitungen schreiben, von den 50 Milliarden Euro seien schon neun ausgegeben. Die Umverteilungsmaschine läuft also, aber sie erreicht gerade diejenigen ganz unten gar nicht. Wenn billige Produkte ausverkauft sind und wochenlang nicht mehr geliefert werden, steigen natürlich die Lebenshaltungskosten, und dabei handelt es sich dann auch nicht mehr um eine „kurzzeitige Spitze“, die der einzelne noch auffangen könnte und nach der Rechtsprechung auch selbst aufbringen müsste. Dass es unter diesen Umständen keine groß angelegte Diskussion um die unverzügliche Erhöhung des Regelbedarfs zur Grundsicherung gibt, zeigt, dass die Massenmedien, aber auch die Netzgemeinde sich wenig für die wirkliche soziale Bedürftigkeit interessieren. Die Umverteilung erfolgt von unten in die Mitte, wieder einmal.

Bei realistischer Betrachtung ergibt sich möglicherweise ein Spielraum für Veränderungen bei einigen praktischen Abläufen. Telefon- und Videokonferenzen ersetzen persönliche Begegnungen. Was wir schon ungefähr 20 Jahre lang als Netizens und Webworker gemacht haben – Hangouts, Chats und Skypos, Blogs und kollaboratives Schreiben in Wikis, Etherpads und Google Docs – die Distinktionsmerkmale der Digitalen Bohème, nennen sie jetzt „Homeoffice“. Wer ihm erfolgreich entfloh, findet sich unversehens dorthin zurückversetzt. In den Betrieben und in der öffentlichen Verwaltung werden dafür jetzt Infrastruktur und Kapazitäten aufgebaut, die mithin nicht mehr so bald verschwinden werden, auch wenn dieses oder jenes Virus wieder herdenmäßig gesehen beherrschbar sein wird. Und wenn die Technik einmal vorhanden ist, wird sie erfahrungsgemäß auch genutzt. Inwieweit sie ältere Medien oder Praktiken ersetzt oder verdrängen wird, bleibt freilich abzuwarten.

Spannend bleibt zu beobachten, wie das Schwinden des Dritten Orts im Sinne von Ray Oldenburg – die Bibliotheken, die Gastronomie, die Friseursalons, die Sportstätten, aber auch die Kirchen und dergleichen – sich gesellschaftlich auswirken wird. Die Virtualisierung dieser Orte wird sehr wahrscheinlich nicht funktionieren. Es braucht Empathie, und die entsteht nicht am Bildschirm. Und Dienstleistungen brauchen ebenfalls einen bestimmten Rahmen.

Gleichwohl ist ein Knacks entstanden, den man am Ende nur unvollständig mit digitalen Mitteln wird heilen können, so sehr sich die Nerds auch bemühen werden. Das ist die eigentliche Stelle, an der auszuloten sein wird, wieviel Luft für Neues vorhanden wäre oder ob es nach alledem nicht doch eher wieder zur Restauration gekommen sein wird. Ob man restaurativ denken wird oder ob es auch den Mut zu einem neuen, zu einem transformativen Denken geben wird. Das durchaus auch auf dem aufbaut, was wir in den vergangenen 20 Jahren als Netizens und als Webworker gemacht und damit vorbereitet haben. Denn unsere Generation sitzt heute in den IT-Abteilungen und richtet die gut ausgereifte Technik in den Betrieben und in den öffentlichen Verwaltungen ein. Während die Gesellschaft im übrigen weiterhin auf die kommerziellen Datenkraken angewiesen ist. Aber das ist ein anderes Thema und soll zu einer anderen Zeit besprochen werden.

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