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Etwas passiert

Jetzt liest man von dem neuen Buch von Varoufakis.

Ich habe das Gefühl, als wäre das alles schon halbe Ewigkeiten her, dabei sind es erst drei Jahre. Sommer 2015. Ich dachte damals wirklich, es könnte etwas passieren, aber es waren nur Bilder und Texte und Reden und Sitzungen. Und am Ende blieb alles, wie es vorher schon war. Vielleicht etwas trauriger als zuvor, weil man ja wirklich dachte, es könnte etwas passieren. Es hätte etwas passieren können. Es hätte passieren sollen. Es wäre besser gewesen, wenn etwas passiert wäre.

„Wie war das damals zu Blog-Opas Zeiten?“

Robert Basic erinnert sich in einer auf drei Beiträge angelegten Serie an die alten Zeiten, wie das mit dem Bloggen hier im deutschsprachigen Raum so alles begann, wie die Blogs um 2008 ihren Höhepunkt erlebten und wie es seitdem, angesichts der Kommerzialisierung der Blogosphäre und der Dominanz der Sozialen Netzwerke, weitergegangen ist. Er war damals rechtzeitig abgesprungen und verkaufte sein Blog, in dem er heute Gastbeiträge schreibt. Die beiden weiteren Folgen sollen im wöchentlichen Abstand folgen, und natürlich hat mir Robert mit einem Absatz aus der Seele gesprochen:

Ich soll eine Story schreiben? Hier, auf meiner alten Wirkungsstätte? In drei Teilen auch noch? Zu Blogs? Was gewesen war, was ist und was wird? Ach Gottchen, ich werde all die neuen Leser nur irritieren, die mich erstens nicht kennen und zweitens meine Art zu schreiben nicht gewohnt sind. Einige werden dabei sein, die gar froh waren, dass ich hier nicht mehr herumwirble. Da müsst ihr jetzt leider durch. Denn genauso wie ich damals zu Bloggen angefangen hatte, einfach ins kalte Wasser springend, ohne allzu lange überlegend, mache ich hier einen auf Gastblogger. Basic Thinking eben. Daher auch der Name. Beim Bloggen denken, manchmal auch nachher. Das war mir zumindest die natürlichste, unredigierteste und ehrlichste Form des rohen und unverbrauchten Bloggens. Wer als Blogger seine Texte schleift und redigiert, hat Angst vor der Bühne, ringt um Ruhm, Glanz und Gloria, pffft sage ich nur dazu.

Echtes Bloggen, eben. Blogger sind sozusagen die Rock 'n' Roller im Web, mit den Selbstgedrehten, ohne Filter. Das Blog als the unedited voice of a person, schrieb Dave Winer 2015 bzw. 2003.

Und auch an anderer Stelle denkt man an früher zurück: Fefe hatte alte Erinnerungen an das Usenet in den 1990er Jahren herausgekramt, und Hans Bonfigt schrob (sic) zurück, und zwar nicht irgendwie, sondern auf einer veritablen alten IBM-Tastatur, auf demselben Modell, auf dem ich damals meine ersten Schritte ins Netz unternommen hatte. Foto siehe dort. Ohne Windows-Tasten, mit laut vernehmbarem Klick und hartem Anschlag, hing sie damals – in meinem Fall – an einer AIX-Workstation im „Grapool“ unserer Uni, und ich werde das nie vergessen. Der erste Computer, den ich ernst nehmen konnte. Windows kam mir immer wie Spielzeug vor, endlich hatte ich was Richtiges[tm] gefunden. Das System lief damals schon stundelang so ruhig wie mein Mac später (und heute noch ;). Und natürlich gab es darauf keine Textverarbeitung, sondern Emacs und LaTeX, und die Floppys wurden mit dcopy und dergleichen aus dem Terminal angesprochen.

Und was imponiert dem Hans an Fefe nun heute noch? Dies vor allem:

Ein wirklich gutes Beispiel dafür ist „fefes blog“, welches, zu meiner eigenen Überraschung, mehrere hunderttausend Zugriffe pro Stunde hat und dennoch nur auf einem Miniatur-Mietserver läuft. Und zwar rattenschnell … Effizienz muß man, wenn man auch nur einen Funken Ehre im Leib hat, als Feind anerkennen: Wäre „fefes blog“ mit „IBM Websphere“ realisiert worden, müßte man wohl oder übel einen Großrechner hinstellen …

Real programmers, eben. Und doch, je länger ich die heutigen Beiträge von Fefe und Hans lese, merke ich, warum das Usenet und die Welt der IBM-Tastaturen rückläufig ist: Robert hat Recht. Menschen lieben es einfach. Und selbst die meisten dieser Nerds sind letztlich – Menschen. ;)

Die Zeit der vielen kleinen Abschiede

Black is the colour of my true love's hair. Ein Klassiker von Nina Simone. So tief und traurig wie der endende Sommer, dessen große Fracht schon längst verladen ist. Ein Endspiel aus Sonne und Licht und noch einmal Wärme. Die gelben und braunen Tupfen in der Natur nehmen zu, sie werden größer und kräftiger, bis auch das letzte Grün gegangen sein wird. Eine Jahreszeit der vielen kleinen Abschiede – die letzten Wespen, die letzten wilden Rosen, bald schon die letzten Zwetschgen. Weggehen und gehen lassen. Und immer stirbt ein bißchen Welt mit jedem Tag. Jeder Tag ein bißchen kürzer als der vorhergehende. Bis es wieder aufwärts geht?


Vorträge zur Hirnforschung bei der „Night of Science“ 2015

Ich suche den Hörsaal B im Otto-Stern-Zentraum auf dem Campus Riedberg der Frankfurter Goethe-Unversität. Keine Beschilderung innerhalb des Gebäudes, Ortskenntnis wird vorausgesetzt. Also den anderen Besuchern nach. Die Räume sind alle durchnumeriert. An einer Tür hängt ein Zettel. Hier, also. Hörsaal B ist ganz überwiegend mit Studierenden der einschlägigen Fachrichtungen besetzt, wahrscheinlich auch viele Studieninteressierte. Sehr niedriges Durchschnittsalter, ganz anders als bei Veranstaltungen zur Literatur oder zur Politik, die ich sonst besuche. An der Tafel: „5.2.2 Die Lorentz-Transformation“. – „Bin ich hier richtig zum Eröffnungsvortrag?“ – „?“ – „!“

16.45 Uhr. Es wird voll, und es ist laut. Die mittlerweile zehnte „Night of Science“ beginnt am Nachmittag. Am Wochenende der Sommersonnenwende, der kürzesten Nacht des Jahres. Sehr steile Neigung des Hörsaals, der, wie ich einer Unterhaltung in der Reihe hinter bzw. über mir entnehme, „extra für die Gäste“ und nur heute mit Buchstaben bezeichnet worden sind, „damit sie sich besser zurechtfinden.“

Es ist 26 Jahre her, daß ich mit einem naturwissenschaftlichen Leistungskurs Abitur gemacht hatte, und es hat sich schon einiges geändert seit damals. Der Laborwasserhahn auf der Bühne hat einen Hebelmischer. Später merke ich, wie der Hörsaal mit Kameras versehen ist, die die Veranstaltungen aufnehmen. Sie sind im Gestühl des Hörsaals fest montiert und dreh- und schwenkbar ausgelegt. Fernsteuerung. Die Beamer sind eigentlich ganz nett. Von der „Hirnforschung“ sprach damals noch keiner. Also drei Stunden Hirnforschung: Wahrnehmung aus philosophischer Sicht, der aktuelle Stand der Hirnforschung und Diskussion.

Boris Kotchoubey aus Tübingen hielt den Eröffnungsvortrag zur Philosophie der Wahrnehmung und vertrat darin im Anschluß an die Kritik an von Holst, daß objektive Erkenntnis nicht aus der Sensorik, sondern aus der Motorik hervorgehe. Leben strebe nach Konstanz, nach der Beseitigung von Störungen. „Was mich stört, das ist wirklich.“ Dem will ich abhelfen, dagegen arbeite ich an, um mein Leben ungestört fortführen zu können. Und aus diesem Anarbeiten gegen die Umwelt erfahre ich, wie diese Umwelt beschaffen ist. Die subjektive Erkenntnis a priori habe die objektive Erkenntnis a posteriori zur Folge. Das heißt aber auch, es gibt keine besondere „Erkenntnistätigkeit“, sondern nur Anpassung an die Umwelt. Mit anderen Worten: Kognition gebe es nicht objektiv, sondern nur als soziale Praxis und als soziales Produkt.

Das wollte Wolf Singer vom MPI für Hirnforschung natürlich nicht so stehenlassen. Er beschrieb Wahrnehmung und Handeln aus der Sicht der Neurobiologie, und er begann bei den grundlegenden Prämissen: Alles, was das Gehirn tue, beruhe auf Naturgesetzen, auf biochemischen Reaktionen und auf den Strukturen der Hirnzellen. Man könne das Gehirn untersuchen und die Zellen zählen (60.000 seien es pro Kubikzentimeter, entsprechend 6 km Leiterbahnen), man könne die Vernetzung beschreiben und auch mit bildgebenden Verfahren darstellen, aber man sei noch weit davon entfernt, die Funktion und die Informationsverarbeitung in den sehr komplexen Netzwerken zu verstehen und wie daraus höhere Leistungen entstehen. Im ganzen folge man einem konstruktivistischen Ansatz: „Wir legen uns die Welt zurecht. Auch das Selbstbild ist konstruiert.“ Das Gehirn reife langsam, komplexe Strukturen entständen erst spät, zwischen der Pubertät und dem 25. Lebensjahr.

Das Gehirn sei nicht zentral gesteuert, sondern arbeite als selbst-organisierendes Netzwerk, in dem Kompetenzen nicht konkret verortet sind. Das Netzwerk sei dynamisch und komplex, welcher Teil welche Funktionen wahrnehme, sei zwar grundsätzlich verteilt, aber nicht von vornherein starr festgelegt. Eine Neuordnung sei daher auch später noch möglich, wobei Neuronengruppen als „zeitlich kohärente Assemblies“ darstellbar im gleichen Takt schwingen, oszillieren. Jedem Folgezustand sei in der Regel nur ein Folgezustand zugeordnet, sonst wäre das Gesamtsystem nicht kohärent. Wahrnehmen und Entscheiden beruhten auf denselben Prinzipien: Das „wahrscheinlichste Ensemble“ setze sich durch.

Entscheidend sei, daß die Dynamik der Hirnfunktion nicht-linear sei. Die Folgezustände seien zwar determiniert, aber nicht vorhersagbar, was die Frage nach der Freiheit von Entscheidungen aufwerfe. Grundsätzlich könne sich jeder immer wieder neu und damit auch anders entscheiden. Es gebe keine physiologisch begründete Bindung an frühere eigene Entscheidungen. Bewußte Entscheidungen unterschieden sich von unbewußten dadurch, daß sie seriell abliefen, während letztere multiple Faktoren parallel verarbeiten könnten. Bei Konflikten zwischen unbewußt getroffenen „Bauchentscheidungen“ und dem Verstand komme es häufig im nachhinein zu Rationalisierungen, bei denen sich das Unbewußte am Ende vollständig durchsetze. Im Anschluß an Schiller beschrieb Singer daher die Willensfreiheit als einen Zustand, bei dem es zur „Konkordanz von bewußter und unbewußter Entscheidung“ komme, frei von Zwängen bei der Auswahl zwischen mehreren Möglichkeiten. Letztlich müsse die Frage aber offenbleiben, ob die Willensfreiheit nur ein soziales Konstrukt sei.

Die folgende Diskussion ergab keine grundlegend neuen Aspekte. Als Fazit bleibt, daß die Naturwissenschaften sich aus dem einfachen Newtonschen Folge-Wirkungs-Zusammenhang mit den Ansätzen der Hirnforschung, wie sie in Frankfurt an diesem Abend vertreten wurden, schrittweise lösen, um sich immer mehr in ein Netzwerk- und Komplexitätsdenken hinein zu begeben. Das aber nicht mehr ergibt, als Sigmund Freud vor hundert Jahren schon wußte, daß nämlich der Mensch „nicht Herr im eigenen Hause“ sei. Es sei daher mit der Hirnforschung so ähnlich wie mit der Elektrizität, meinte Singer denn auch: Um einen Blitz zu erklären, brauche man heute nicht mehr den Gott Thor anzuführen. Das wäre sogar mit dem naturwissenschaftlichen Weltbild ganz unvereinbar. Über das Wesen des Blitzes wisse man dadurch aber noch nicht mehr als früher. Und insoweit erinnert die Hirnforschung, mag man hinzufügen, in etwa an die Systemtheorie in der Soziologie, die ebenfalls auf der empirischen Ebene stehenbleibt, ohne Gründe und Motive zu untersuchen, die sie außerhalb der Systeme verortet – weshalb ihr ja auch jeglicher Erkenntniswert für die Gesellschaft abgesprochen worden ist.

Eine absolut empfehlenswerte Veranstaltungsreihe für den interdisziplinären Austausch auf hohem Niveau. Ab 5.15 Uhr hätte es ein „kostenloses Frühstück“ gegeben, aber das wäre mir denn doch zu spät geworden – bzw. zu früh.

Vgl. die Website der Night of Science.

Ungleiche Archivierung

Dave Winer denkt nach über die Veränderungen beim Publizieren im Web. Während Yahoo Pipes im September eingestellt werden soll, stehen auch Veränderungen bei Medium an. Winer denkt weiter: …Medium is not a very future-safe place to post. But even sites like Tumblr and WordPress.com that look stable are still subject to corporate changes or disappearance. What we need, and still don't have, is a systematic way of publishing to the future. Einen long-lived content wünscht er sich. Er denkt sogar darüber nach, sein Blog nach seinem Tod auf testamentarischer Grundlage auf Dauer online zu halten. Und merkt, daß auch archive.org hierfür keine Lösung wäre, weil die Plattform – trotz aller Änderungen in neuerer Zeit – keine Netzwerke abbildet, sondern in der (urheberrechtlich mittlerweile problematisch gewordenen) Wayback Machine nur Snapshots von Content abbildet. Da fehlt also ein wesentlicher Teil.

Man sieht, daß im Umfeld von Facebooks Instant Articles – bisher nur Testballons – noch mehr in Bewegung gekommen ist. Blogger werden sich darüber klar, daß das Publizieren im Web, vor allem auf sozialen Netzwerken und Bloggerplattformen (hosted services) der Zeitlichkeit unterliegt. Es ist kein Zufall, wenn Dave Winer als einer der dienstältesten Blogger überhaupt sich Gedanken über seinen „digitalen Nachlaß“ macht – wobei unter dem Begriff ja gemeinhin eher das Auffinden und Verschwindenlassen von Nutzerprofilen Verstorbener verstanden wird, weniger das Erhalten ihrer Hinterlassenschaft. Die diesbezügliche Diskussion ist also bisher eher von den Problemen der Spießer geprägt.

Klar ist, daß auch die letztlich nur ephemer bestehenden Datensilos kein Ausweg sein werden. Vielleicht wären gemeinnützige oder genossenschaftliche Organisationen eine Lösung, auch wenn die meisten heutigen Nutzer bisher vollständig auf die Kommerzialisierung des Web 2.0 beschränkt sind. Auch das Selberhosten führt insofern nicht weiter, denn gerade der Betrieb des eigenen Blogs endet ja spätestens, wenn das hinterlassene Erbe aufgebraucht ist. Also das Blog bei der Deutschen Nationalbibliothek als Netzpublikation abliefern? Dagegen sträuben sich mir nun wieder die Nackenhaare, wenn ich mir vorstelle, daß meine schneeschmelze oder mein albatros am Ende bei den Frankfurter Beamten im Archiv landen.

Schon manches Blog ist zwischenzeitlich verschwunden. Ich erinnere mich zum Beispiel an Kristian Köhntopps Blog „Isotopp“; er postet seit langem nur noch auf Google+, was ja nun wirklich keine Lösung ist, in keiner Hinsicht. Er wird nicht der letzte sein, dessen Content für immer verschwunden ist. Ist das aber schlimm? Sind die Archive zurück bis anno olim nicht irgendwie auch merkwürdig, weil sie uns die Vergänglichkeit und das Älterwerden demonstrativ vor Augen führen? Hat schon mal jemand einen Blogpost von vor zehn oder fünfzehn Jahren wieder ausgegraben? Ist das überhaupt von Interesse außerhalb der Szene? Die Leserschaft, die „Reichweite“ ist absolut auf die Gegenwart bezogen, sie kennt kein Gestern.

Andererseits: Es entsteht eine Ungleichheit in der Archivierung, die wir aus der Geschichtsschreibung bereits kennen: Es zeichnet sich ab, daß sehr langfristig nur diejenigen self-publisher im Web verfügbar bleiben werden, die in irgendeiner Weise institutionalisiert veröffentlicht haben und daß kommerzielle Angebote jedenfalls keine Lösung sind, um die Verzerrungen, die sich für die Nachkommen aus diesem Bild ergeben werden, aufzufangen. Allemal wäre es falsch zu sagen, das Netz vergesse nichts.

Selbststeuerung, Morozov, Antville und MetaGer

Ein ostersonntäglicher Blick in den Feedreader: Joachim Bauer sagt in einem Interview, das der Deutschlandfunk heute morgen gesendet hatte, wer sich im Leben an längerfristigen Zielen orientiert, sei gesünder und werde leichter wieder gesund. Er redet der Compliance das Wort, aber auch den Selbstheilungskräften. Die „Selbststeuerung“ des Patienten sei zu stärken. Es komme für den Behandlungserfolg sehr viel stärker als bisher angenommen auf ein gutes Arzt-Patient-Verhältnis an. Im Hintergrund steht das Verständnis von Gesundheit und Krankheit als Kontinuum, das mal mehr zur einen, mal mehr zur anderen Seite hin ausschlägt, aber nie vollständig auf einer Seite steht.

Ich bringe das auch in Verbindung mit meinen Online-Gewohnheiten und denke an die bewußte Auswahl der Tools und Plattformen, die ich nutze, denn diese ist stets langfristig angelegt. Aber da ist Evgeny Morozov bei Futurezone heute anderer Ansicht: Wer meine, auf Google verzichten zu können, rede „Blödsinn“, sagt er. Die Meinung beruhe „auf der religiösen, protestantischen Annahme, dass wir uns alle ethisch zu verhalten haben. Das führt zu einer sehr eingeschränkten Vorstellung davon, was Macht ist. Wenn ich meine Zeit effizient nutzen, meine Arbeit erledigen und nicht als Idiot oder technikfeindlicher Freak gelten will, gibt es keine Alternative zu Google. Der Zeitdruck wird vom ökonomischen und sozialen System ausgeübt. Menschen, die mehrere Jobs brauchen, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten, werden nicht plötzlich Geld für minderwertige Technik ausgeben wollen, weil das aus ethischer Sicht Sinn macht.“

Der Gedanke geht ziemlich durcheinander. Schon der Ausgangspunkt, der die Auswahl von Tools in die protestantische Ethik einordnet, stimmt gar nicht. Es ist eher eine Frage der Achtsamkeit sowie der Selbstwirksamkeit. Beides kann zufriedener und damit auch in dem eingangs angesprochenen Sinne gesünder machen. Es ist auch nicht richtig, daß Alternativen zu Google eine „minderwertige Technik“ böten. Im Gegenteil habe ich über MetaGer viele Inhalte erst gefunden, die mir Google – „dank“ Filterbubble? – gar nicht mehr angezeigt hatte. Das gilt insbesondere für Themen aus dem Gesundheitswesen, aber auch für Nachrichten. Insoweit war das Googlen mit Google also sowohl ineffizient als auch nicht datensparsam und hat mir somit klar geschadet.

Auch die Auswahl der Bloggerplattform gehört übrigens in diesen Zusammenhang: WordPress.com oder Antville? Wenn man die jüngsten Eskapaden und die offizielle Reaktion der Mitarbeiterin, die bei Automattic als „Happiness Engineer“ tätig ist, angesichts von gut 3000 öffentlichen Petenten innerhalb weniger Tage sieht: Im Zweifel blogge ich lieber bei Antville.

Ich nehme die Vorgänge um den Post Editor bei WordPress.com zum Anlaß, mich von dort zu verabschieden und meine schneeschmelze nur noch zum Dokumentieren ausgewählter Beiträge zu verwenden, wie schon zu Anfang. Mein laufendes Blog wird albatros.antville.org sein. Damit greife ich eine Linie auf, die ich im Januar 2013 begonnen hatte. Dies auch als ein Zeichen dafür, daß die Selbstfindung und -vergewisserung, der die schneeschmelze gedient hat, in eine neue Phase übergeht.

Übrigens wurden sowohl Antville als auch MetaGer gerade einem Update unterzogen. Es ist schön, daß beide Plattformen gemeinnützig und aktiv weiterentwickelt werden und daß man hier noch direkten Kontakt zu den Entwicklern hat. Bei MetaGer wurde so im Laufe des letzten Jahres unter anderem eine Wiki- und eine Blog-Suche integriert. Auch eine eigene Nachrichtensuche gibt es wieder.

Ende März

Nach dem übermütig-warmen Nachmittag verschwindet die Sonne brüsk hinter den Wolken, und das Zwitschern der Vögel verstummt im kalten Wind.

Wie in einer Zeitblase

In einem Interview mit Zeit Online hat Oliver Rohrbeck über die Produktion der Drei ??? erzählt, sie würden heute immer noch wie in den 1970er Jahren vorgehen. Er fühle sich dabei „wie in einer Zeitblase“. Die Drei ??? kenne ich nicht, aber ich erinnere mich an die Hörspiele der Fünf Freunde aus dieser Zeit, in denen Rohrbeck den Julian sprach. Seine Produzentin sei heute immer noch Heikedine Körting (!), und sie arbeiteten mit analogen Bändern. Alle Schauspieler seien gleichzeitig im Studio anwesend, die Geräusche kämen ebenfalls von Band. Und obwohl zwischen den ersten und den neuesten Aufnahmen ein Zeitraum von 35 Jahren liege, betrage die erzählte Zeit insgesamt nur fünf Jahre. Und auch ich fühle mich wie in dieser Zeitblase, wenn ich den Text lese, und denke zurück an die vielen Stunden, die ich mit den Hörspielen damals verbracht hatte. Denke an die Fünf Freunde und an die Science-Fiction-Serien um Mark Brandis und Commander Perkins, die ich teils gelesen, teils als Hörspiel gehört hatte. Auf Musik-Kassetten, die ich schon ganz lange nicht mehr habe. Auf Kassettenrekordern, die man sich heute rein technisch kaum noch vorstellen könnte. Aber in meiner Erinnerung gibt es sie noch, als wäre die Zeit stehengeblieben, als würde sie nie weitergehen, zieht es mich in die Vergangenheit, drehe ich mich beim Lesen des Beitrags wie in der Schneekugel einer nicht endenden Geschichte, die ja mein Leben ein Gutteil mit geschrieben hat.

Radfahren, um zu lesen

Gestern beim Joggen gesehen: Eine schon etwas ältere Dame überholt mich auf ihrem Fahrrad. In der rechten Hand, die sie von oben auf den Lenker drückt, hält sie ein Buch. So fuhr sie lesend, aber aufmerksam und routiniert durch den Wald.

Tag, mitten in der Nacht

In der dunklen Renne-Bahn glimmt ein Licht, das Dir zeigt, wo der Weg hinführt. Auch wenn Du es erst nach sieben Jahren bemerkst, es war die ganze Zeit schon da. Mach es heller, lauf' darauf zu, mach es ganz hell jetzt, damit alle es sehen. Alles wird Licht. Und es wird noch einmal Tag, mitten in der Nacht.

Begegnung im Stadtwald

Er sei jetzt über neunzig, sagt er, und er sei immer in Bewegung gewesen in seinem Leben. Mitglied im Alpenverein. Viele Berge habe er bestiegen. Den Großglockner zum Beispiel. Auch im Himalaya sei er gewesen. Immer nach oben. Immer selbständig gearbeitet, daher viel Zeit für Hobbies. Als er jung gewesen sei, habe er nicht viel über das Altsein nachgedacht. Und jetzt sei es eben so gekommen, sagt er. Herrn L. habe er schon lange nicht mehr gesehen. Aber wahrscheinlich lebe er noch. Wir sprechen über eine Vorsorgevollmacht. Und über Demenz. Ja, davon habe er gehört, vor kurzem erst in einer Fernsehsendung, und das habe es früher ja kaum gegeben. Früher seien die Leute nicht so alt geworden. Übrigens sei die Sonne schon hinter den Bäumen, sie stehe jetzt schon sehr schräg, zwei Stunden bevor sie untergeht.

Kersch, Karsch, Korsch und Kirsch XII

„Bemerken Sie eigentlich, wie man sich selbst blockieren kann, indem man nicht aufräumt, so daß kein Platz für Neues bleibt?“ fragte Karsch. „Bevor man dann wieder weitermachen kann, muß man natürlich das Alte erst einmal wegräumen, um Platz zu machen.“ Kersch blickte unter sich. Karsch wies auf einen Stapel mit altem Papier: „Das sind ungefähr fünf Jahre unaufgeräumtes, nicht abgeheftetes Leben, die Sie hier sehen.“

Kersch wiegte skeptisch den Kopf.

Jetzt

Seit etwa drei Wochen wußte sie, daß sie eine andere Bibliothek brauchte, keine völlig andere als bisher, aber eine, die besser zu ihrem derzeitigen und ihrem künftigen Leben passen würde. Sorgsam sah sie jedes Bücherbord durch, prüfte die Bände auf ihre weitere Brauchbarkeit, las in das eine hinein, durchblätterte andere und sortierte aus, was sie nicht mehr benötigen würde auf ihrem Weg, den sie für sich gewählt hatte. Das Weglegen, Weggeben, Wegwerfen erleichterte sie. Sie fühlte sich leichter mit jedem Buch, mit jedem Leitzordner, dessen sie sich entledigte. Es erinnerte sie an einen Ballon, dessen Besatzung Sandsäcke abwarf, um leichter steigen zu können, und das gefiel ihr. Es fühlte sich gut an, leichter zu werden und sich darauf vorzubereiten, möglichst weit davonzufahren. Neue Ziele anzupeilen, die Segel zu setzen und neue Welten zu erfahren, die noch vor kurzem in unerreichbarer Weite schienen. Jetzt waren sie immer noch genausoweit weg wie je, aber sie schienen leichter erreichbar zu sein als bisher. Wer wollte sie noch festhalten, jetzt?

Als es anfing II

In der kalten Sonne ein Paddelboot, das ruhig seine Kreise zieht und dann wieder heimkehrt. Der Tisch gedeckt mit Krustenbibeln. Matschig und tiefrot in Salami getränkt. Niemand kennt den Weg zu der großen Bar, aber alle wollen ihn gehen. Was kann man denn da machen? Die Brücke ist wackelig, und sie schwankt im Wind der blaubemoosten Lupinen. Wer es besser wüßte, würde er anders laufen als wir? Tanzen oder stolpern? Am Ende doch wieder schön, nicht wahr. Sehr schön. Aber was kann schon passieren, wenn man die Aufkleber mitnimmt? Wozu? Wenn man ankreuzt, was man für richtig hält? Und wer reitet schließlich mit der Schönen um das große blaue Haus herum, das am See steht, bevor der große Zug abfährt?

Als es anfing

Man muß sich diese Schwelle als etwas Hügeliges vorstellen, das sich leicht erhebt, um dann gleich wieder sich abzusenken. Als einen Übergang in eine Enge hinein, dunkel und stickig. Draußen graue Wolken. Und Kaffeetassen zum Teetrinken. Kerzenlicht aus Projektoren fließt samtartig an den Wänden herab. Aufkleber und so. Als eine Enge, die sich dann wieder weitet am dritten Tag. Gut geerdet beginnt der Morgen mit einem Müsli aus Glasscherben und dem Blick auf den zugefrorenen See, vom Morgenwind bewegt, schlagen die Wellen gegen den Steg. Keine Reise zu weit, kein Weg zu holprig. Immer nur nehmen? Warum nicht, sagt die Schlange, die nichts zu geben hat. Der letzte Tisch ist sparsam gedeckt. Wenn Marie das gewußt hätte, hätte sie ganz bestimmt die Flamme für sich behalten. Ein Kartenhaus aus lauter Backsteinen errichtet, mitten im November, als der Frühling gerade einsetzte. Die kalte Sonne brennt auf die bewollte Haut, und der Sand weht überall hin, wo eben noch die Krokusse saßen und strickten.

Und meine Traurigkeit zerreißt den Himmel

Dreizehn Grad im Januar und Dämmerung. Sie nennen es Transfer. Über den Fluß, über die große Straße über den anderen Fluß, hinter den sieben Bergen liegt die kleine Stadt. Schnelle Reiter auf dem Weg überholen den Kutscher mit den dreizehn Eseln. Wolken zerteilt von einem Meer von Riesen, getrieben von einem nicht endenden Strom, der heimwärts weist. Taghell, doch kein Sonnenstrahl. Das Tor stand offen, als ich kam und als ich ging. Der weiche Hügel zeigt nach Süden. Odysseus und Medea auf der Hochzeitsreise zum Schafott. Elektrisch endet alles und stirbt auch immer ein bißchen mehr. Schlechter als je. Deutlicher denn je erweist sich der Weg als Problem, wo sich alles teilt, ohne Rücksicht, ohne Sinn. Allison Crowe im iPod. Und meine Traurigkeit zerreißt den Himmel.

Aufheben

Älterwerden bedeutet, daß der Jahresablauf immer mehr Erinnerungen wachruft an Erlebnisse, die Wendepunkte waren. Daß es überhaupt so etwas wie Wendepunkte gibt, an denen sich etwas grundlegend geändert hat. „Das war Ende Januar.“ – „Als das passierte, war es Anfang November.“ So erhält das Leben eine Prägung. Es wird einzigartig durch die Erinnerung, durch die Erfahrung. Die Vergangenheit wird aufgehoben, und die Aufgabe, die sich damit stellt, besteht darin, beim Älterwerden nicht zu erstarren. Das Aufheben des Gestern im Heute soll dem Fortschreiten nicht im Weg stehen. Es soll nicht zur Kette werden, an die man sich selber legt, sondern es soll zum Leben hin führen, indem es der eigenen Reifung dienlich gemacht wird. Sonst führt es in den Tod. „He not busy being born is busy dying.“ Das gelingt mir heute nicht so recht. Heute ist ein trauriger Tag.