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Mittwoch, 7. Dezember 2016

Analogisierung

Das erste Drittel des Advents ist schon vorbei, und obwohl es in dieser Saison gleich mehrere digitale Adventskalender in meinen Feedreader geschafft haben, freue ich mich über das Analoge. Das Öffnen kleiner Türchen, und das Blättern in einem kleinen Buch. Ich habe auch meinen Terminkalender seit etwa vier Wochen vollständig analogisiert. Einen DIN-A6-Timer und ein DIN-A5-Notizbuch sind alles, was ich brauche, und der Computer kann ausbleiben. Alle schon vereinbarten Termine habe ich übertragen. Die Lösung ist so klein, daß sie immer in meinem Rucksack Platz findet. Für Flexibilität beim Planen sorgen kleine bunte Klebezettel und ein weicher Bleistift mit Radiergummi, der in einer Schlaufe am Buchblock des Kalenders steckt. Und in das Notizbuch kann ich jederzeit einen kleinen Elefanten zeichnen. Nicht die immer weitergehende Digitalisierung, sondern die Analogisierung ist der richtige Weg für mich. Die Suche nach dem menschlichen Maß. Dieser Trend hatte sich schon während des laufenden Jahres immer mehr abgezeichnet. Er wird sich im kommenden Jahr fortsetzen.

Montag, 5. Dezember 2016

Eine andere Welt

Matthias Wittfoth spricht (mp3) in dem Podcast Inside Brains über eine Stunde lang mit dem Kriminologen Christian Pfeiffer über dessen Lebensweg, aber auch über Hintergründiges, was man aus den Massenmedien nur selten erfährt. Über den Zusammenhang von häuslicher Gewalt zwischen Eltern und Kindern und der späteren Gewalttätigkeit der Kinder erzählt Pfeiffer unter anderem von diesem Unterschied zwischen Europa und den USA:

…Nun war ich gerade in Amerika, deswegen, ein knappes Jahr in New York, und mußte mit Entsetzen realisieren, daß dort 85 Prozent der amerikanischen jungen Väter die These unterschreiben: Jedes Kind braucht ab und zu mal ne richtige Tracht Prügel. Und 65 Prozent der Mütter. Grauenhaft. So ist Amerika. Die sind auf einem Erziehungsniveau, das unserem in der Nazi-Zeit und in den 50er Jahren entspricht. Wenn ich das in den USA in meinen Vorträgen erzählt habe, waren die immer völlig schockiert. … Es gibt in Amerika nicht die Forschung von uns. Die Elternverbände verhindern, daß man Schulkinder als 15jährige fragen darf: Wie wars denn in Deiner Kindheit, im Alter von sechs bis zwölf?, was wir ständig tun, seit zwanzig Jahren. Also, dieses Defizit amerikanischer Forschung verhindert eine öffentliche Debatte, und in 19 Bundesstaaten dürfen ja auch die Lehrer noch mit dem Paddle schlagen. Über 200.000 Kinder werden pro Jahr dort öffentlich geschlagen … und dann wundern die sich über Trump. Trump ist die Folge davon, daß dieses ein repressiv erzogenes Volk ist mit viel unterdrückter Wut, mit Ohnmachtserfahrungen in der Kindheit, und wenn man immer ohnmächtig ist in der Kindheit, will man später Macht haben, Waffen verleihen Macht, und man hat so eine angestaute Grundaggression durch all das, was zuhause einem widerfahren ist. Und dann ist so ein Trompeter des gewaltsamen Durchsetzens wie Trump ein Mensch, der diesen Frust anspricht … Grundfrust … der hätte null Chancen in Schweden, dem Land mit der niedrigsten Schlagequote der Welt und der niedrigsten Gefängnisquote. Amerika hat in der westlichen Welt die mit Abstand höchste, die drittmeiste weltweit. Also, 60 Menschen im Gefängnis in Schweden, 720 pro 100.000 Bürger in USA. … New York ist wie Europa, aber Virginia oder Texas, das ist dann eine andere Welt…

Sonntag, 4. Dezember 2016

Don't believe the Fake

Die Diskussion um Fake News geht leider weitgehend am Thema vorbei. Anstatt sich zu fragen, ob und in welchem Umfang es solche Meldungen gegeben hatte oder noch gibt und welche Folgen sie gehabt haben könnten, sollte man sich eher die Frage vorlegen, warum sie überhaupt beachtet werden? Ausgangspunkt ist ihr Ort: Wie kommt es, daß Menschen meinen, auf Sozialen Netzwerken finde man noch mehr vor, außer heißer Luft und einer Gelegenheit, seine guten Daten abgeben zu dürfen? Daß man dort auch noch irgendetwas erfahren könne, etwas Neues und Richtiges noch dazu. Das ist eine wirklich drollige und insgesamt so abwegige Vorstellung, daß man schon daraus ersehen kann, daß die Ideen darüber, woher man sich informieren könne, völlig durcheinander gekommen sind. Das gleiche gilt für Suchmaschinen, die ebenso wie Soziale Netzwerke, Werbeplattformen sind und also auf Desinformation zugeschnitten wurden. Sie sind sozusagen der Fake an sich. Das gleiche gilt natürlich auch für die „Online-Ausgaben der Zeitungen“, die ihre Meldungen ganz anders anordnen als in der Print-Ausgabe, was sich ebenfalls nachteilig auf die Qualität auswirkt. Und überhaupt: Zeitungsenten gabs eigentlich schon immer.

Trotzdem hat das Nachdenken eingesetzt. Auf der anderen Seite des Informationsspektrums, sozusagen. Ein schönes Beispiel dafür ist der Tagungsbericht Der Intellektuelle in postfaktischen Zeiten – Das „Denk-Festival“ in Weimar, der am 1. Dezember 2016 im Deutschlandfunk ausgestrahlt wurde. Zwei Zitate:

  • Wer behält den Durchblick mit welchen Argumenten?

  • Wir haben doch einen Zerfall von Öffentlichkeit in User-Gemeinden. Wir kennen die Subjektivierung der Wahrheit, die Reduktion der Wahrnehmung auf das Passende. Und da spielen wir – gemeint sind Intellektuelle – einfach eine geringere Rolle, wir sehen das doch auch empirisch: Wo ist unser Platz geblieben, den wir noch vor zehn Jahren in der „Zeit“ gehabt hätten? Es sind nur noch wenige Presseorgane, in denen wir überhaupt noch mit unseren Auffassungen zur Geltung kommen können. Ich glaube, daß am Ende unserer Zukunfts-, unserer Fortschritts-, unserer Emanzipationserzählung es nicht mehr die Intellektuellen sind, sondern, um es brutal zu sagen, die Social Bots, also die Beeinflussungsalgorithmen, die ganz anderswo diskutiert werden als in dem, was wir aufrufen, wenn wir von Voltaire bis Gramsci sprechen.

Aber auch das ist nicht wirklich neu, sondern genaugenommen nur eine weitere Spielart der Dialektik der Aufklärung reloaded. Es ist der alte Konflikt zwischen Vernunft und Kulturindustrie, nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Donnerstag, 1. Dezember 2016

Wiedervorlage: Der Presseausweis

Der alte Presseausweis ist wieder da. Der Deutsche Presserat und die Innenministerkonferenz (IMK) haben sich darauf geeinigt, die Vergabe der Presseausweise wieder zu reglementieren. Eine ständige Kommission, die zu gleichen Teilen mit Vertretern des Presserats und der IMK besetzt sei, werde darüber entscheiden, welche Berufsverbände den neuen bundeseinheitlichen Ausweis vergeben dürften.

Die Kriterien für die Anerkennung eines Verbands, sozusagen „würdig“ zu sein, den Presseausweis zu erteilen, sind noch nicht bekannt geworden. Aber wenn es ein einheitlicher Ausweis sein soll, wird es mit der Vielfalt bei den Vergabekriterien dann wohl vorbei sein.

Die Kritiker nehmen die Richtung des Prozesses dementsprechend vorweg und mutmaßen, für nebenberufliche Journalisten und Blogger solle es wohl schwerer gemacht werden, einen Ausweis zu erhalten.

Ein Backlash also, wo anderenorts die Blogger Relations blühen. Ein weiteres analoges Rückzugsgefecht, das versucht, das Publizieren und die Angehörigkeit zu den Publizisten wieder exklusiv zu machen, was aber nicht gelingen kann, denn das ist es schon lange nicht mehr.

Folglich wird der neue Presseausweis durch so einen Kurswechsel nicht an Wert gewinnen, sondern, im Gegenteil, an Wert verlieren. In einer Welt ohne Gatekeeper ist am Ende nicht der Ausweis der Nachweis der publizistischen Tätigkeit, sondern das Blog, das Social-Media-Profil oder allgemein: die dementsprechende authentische Aktivität im Netz. Das sogenannte Soziale, für jeden unmittelbar nachvollziehbar, was schreibt er denn, ersetzt einen externen Beleg endgültig. Der Versuch, den Kontrollverlust wett zu machen und die entglittene Deutungshoheit zurück zu gewinnen, wird fehl laufen – wenn es so kommen sollte.

Mittwoch, 30. November 2016

Netzlese 2016-11-30

Le Monde erzählt heute (leider nur für Abonnenten bzw. in der gedruckten Ausgabe vom 1. Dezember 2016 auf Seite 2) von der 89-jährigen Gertrude aus Wien, die in einem Video zur Wahl Van der Bellens bei der österreichischen Bundespräsidentenwahl am kommenden Sonntag aufruft, weil sie die FPÖ aus vielen Gründen als nicht vertrauenswürdig durchschaut hat. Sie versuche, das Niedrigste aus den Leuten herausholen, nicht das Anständige … und das war schon einmal der Fall. Der Appell, der an die Intervention Empört Euch! erinnert, mit der der 93-jährige Stéphane Hessel 2010 zu mehr politischem Engagement aufgerufen hatte, sei auf mehreren Kanälen über drei Millionen mal abgerufen worden. Ursprünglich wurde er von der Kampagne Van der Bellens auf Facebook veröffentlicht. Im Abspann heißt es, Gertrude sei im Alter von 16 Jahren mit ihren Eltern und ihren beiden jüngeren Brüdern nach Auschwitz deportiert worden; sie habe als einzige überlebt. Sie sagt, es sei wahrscheinlich die letzte Wahl, an der sie teilnehmen könne.


Im Deutschlandfunk wies die Chefredakteurin des Standard Alexandra Föderl-Schmid auf die psychologischen Tricks der FPÖ-Politiker hin, die sich bei ihren Auftritten Verfahren aus dem Neuro-Linguistischen Programmieren (NLP) bedienten. Für österreichische Verhältnisse sei dieser Wahlkampf extrem schmutzig gewesen, sagte sie. Er habe Spuren hinterlassen.

Solchen Leuten muß man entgegentreten. Man muß zeigen, daß man sich gegen sie wendet. Und man muß sich dazu auch zusammentun. Christoph Kappes ruft in seinem Blog Gleichgesinnte zu einem Projekt Schmalbart auf, das sich der angekündigten deutschen Ausgabe des rechtsgerichteten Online-Magazins Breitbart entgegenstellen will. Er schreibt: Mein persönlicher Eindruck ist, dass es an Zivilcourage in der bürgerlichen Mitte fehlt – und zwar genau deswegen, weil man in der „Mitte“ eine Normalität von Gesellschaft empfindet, ohne ihre Fragilität zu sehen, und man seit Nine-Eleven und der Finanzkrise das ständige Mitlaufen einer Krise spürt und aus Angst lieber wegschaut.

Dienstag, 29. November 2016

Netzlese 2016-11-29

  • Das Gesetzgebungsverfahren für ein neues Urhebervertragsrecht ist vertagt worden, es wird also dieses Jahr nicht mehr abgeschlossen.

  • Der VGH Baden-Württemberg hat beschlossen, daß der Bürger keinen Anspruch auf Einsicht in die Fachliteratur hat, die in einer Gerichtsbibliothek vorhanden ist. Der Kläger hatte Prozeßkostenhilfe für eine dementsprechende Feststellungsklage begehrt, weil er einen juristischen Kommentar zum Verwaltungsvollstreckungsgesetz in der Bibliothek des Verwaltungsgerichts einsehen wollte. Der Sachverhalt trägt durchweg skurrile Züge: Ein Schriftsatz verschwand spurlos, so daß die Beschwerdefrist verstrich. Eine Abschrift wollte der Kläger aber nicht vorlegen, weil er „Verwechselungsgefahr“ befürchtete. Dann hatte er zwei Richter des erkennenden Senats – erfolglos, natürlich – wegen Befangenheit abgelehnt. Am Ende wird es slapstickhaft, denn der VGH versagt ihm den Zugang zur Gerichtsbibliothek ausgerechnet unter Rückgriff auf das Landesinformationsfreiheitsgesetz Baden-Württemberg, weil juristische Literatur, die im Buchhandel käuflich ist, keine amtliche Informationen seien, zu denen man auf diesem Wege Zugang erlangen könnte. Das ist zwar an sich richtig, das Urteil ist aber vor allem ein Musterbeispiel für den Umgang der Justiz und der Verwaltung mit vermeintlichen Querulanten geworden. Die Urteilsbegründung ist selbst ein Beispiel für ein über das Ziel hinausschießenden Staat, der die Verhältnismäßigkeit der Mittel nicht mehr wahrt. Richtig daher – wenn auch wiederum sprachlich unangemessen – die Anmerkung bei Archivalia: Unzählige Gerichtsbibliotheken sind ohne weiteres für die Öffentlichkeit zugänglich, ohne dass der Geschäftsbetrieb gestört wird. … Was vom Bürger bezahlt wird, muss ihm auch zur Verfügung stehen. (VGH Baden-Württemberg, Beschluss vom 11. Oktober 2016 – 1 S 1122/16, JurPC Web-Dok. 173/2016).

  • Der SPD-Wahlkampfberater Frank Stauss hat in seinem Blog die Narrative dekonstruiert, mit denen hierzulande versucht worden ist, den Wahlsieg Donald Trumps zu verarbeiten. Er macht schon seit Monaten auf allen möglichen Kanälen Stimmung für seinen Auftraggeber. Anscheinend auch auf Wikipedia: Sein Wikipedia-Artikel hat 2013 ein Benutzer angelegt, der so heißt wie seine Werbefirma: Butter pr. Er ist bis heute kaum geändert worden. Aber sei's drum – Stauss argumentiert: Nicht Trump habe die Wahl gewonnen, sondern Clinton habe sie verloren, und zwar weil sie die Rainbow-Coalition nicht ausreichend habe mobilisieren können. Das Konzept für Frauen, LGBT, Latinos, African Americans… habe am Ende nicht ausgereicht; es wäre möglich gewesen, diese Wählerschaft für die Demokraten zu gewinnen, aber nicht für die Clintons. – Stammt denn das Rätselspiel um den Spitzenkandidaten der 20-Prozent-Partei, das derzeit in den Nachrichten zelebriert wird, auch von Stauss? Wirklich kritisch wäre es gewesen darüber nachzudenken, wieviele Prozent der Wähler an dem Spektakel in Übersee überhaupt teilgenommen hatten.

  • Jens Milker greift in einem Beitrag auf JuWiss die Frage auf, ob der Betrieb von Social Bots in den Schutzbereich der Meinungsfreiheit falle. Die Unterschiede zwischen der amerikanischen und der deutschen Verfassungsdokmatik hatte schon Adrian Lobe in der Zeit beschrieben: Die Meinungsäußerungsfreiheit im amerikanischen Verfassungsrecht gehe so weit, daß es nicht auf den Grundrechtsträger ankomme – der Programmierer? der Betreiber? der von den Äußerungen des Bots Begünstigte? oder derjenige, der wirtschaftlich von dem Bot profitiert? –, sondern auf die Meinungsäußerung selbst abzustellen sei. Auch Maschinen käme demnach freedom of speech zu. Das ist auch in den USA nicht unbestritten, hierzulande würde man es erst recht nicht so ohne weiteres annehmen, und Milker referiert infolgedessen das bekannte Inventar des Staatsrechts zum Wettbewerb der politischen Parteien und zu Meinungsäußerungen im Wahlkampf – lesenswert, so knapp gefaßt wird man es kaum woanders finden. Mit dem Argument, das ist nicht von uns, das macht der Algorithmus!, war Google schon in der Autocomplete-Entscheidung des Bundesgerichtshofs 2013 gescheitert. Ärgerlich ist, daß Milker kritiklos bleibt, wo es heißt, Täuschungen und Lügen kann man mit Mitteln einer Gegendarstellung im Meinungskampf entgegentreten. Das ist ja gerade die Frage, ob man unter den Bedingungen der in jeder Hinsicht entgrenzten digitalen Öffentlichkeit so etwas noch kann, wenn Wahlkampf von – ggf. im Ausland sitzenden – Trolls und Hackern auf Facebook und Twitter geführt wird, für den normalen Bürger nicht mehr nachvollziehbar, der von seiner Plattform gewöhnt ist, die Filterblase seines Vertrauens vorgespiegelt zu bekommen. Wo soll hier eine Gegendarstellung erfolgen? Sie ist in der Filterblasen-Technik der sozialen Medien ja gerade nicht mehr vorgesehen. Das wäre demnach eine der ersten Vorkehrungen, die der Gesetzgeber sicherstellen müßte, um den Wettbewerb der politischen Meinungen im Wahlkampf sicherzustellen: Einen Gegendarstellungsanspruch, eine widersprechende und korrigierende Nachricht, die an alle ausgeliefert wird, die die monierte Botschaft vorher erhalten hatten. Also das Aushebeln des Geschäftsmodells dieser Plattformen: Daß es keinen Widerspruch mehr geben soll. Unvollstreckbar in den USA, weil das angesichts der Meinungsäußerungsfreiheit gegen die ordre public verstoßen würde. Obwohl das Ende des Widerspruchs gerade der Ausschluß jeglicher Diskussion ist, der sich selbst auf die Meinungsfreiheit berufen sollte? Die Entgrenzung, die mit den amerikanischen Plattformen Wikipedia und Google begonnen hatte, ist 2016 auch in Deutschland bis in den demokratischen Prozeß vorgedrungen. Der Geist ist aus der Flasche. Der Wettbewerb setzt aber aus technischer Sicht vor allem voraus, daß Meinungsäußerungen überhaupt noch transportiert werden und an den Rezipienten gelangen können. Wahrscheinlich kann bis auf weiteres keine Seite auf den Einsatz von Social Bots verzichten, um eine gewisse Waffengleichheit im Wettbewerb herbeizuführen – auch wenn es sich um eine in jeder Hinsicht regelwidrige und unfaire Technik handelt. Und das wird Rückwirkungen auf das Recht haben. Code is law.

Ich möchte lieber nicht II

Die Internetangebote der Presseverlage haben eine neue Runde eingeläutet: Sie beginnen damit, sehr viel mehr zu nerven als bisher. Die Website der Süddeutschen Zeitung (mit immerhin 25 eingebundenen Tracking-Diensten) läßt sich seit ein paar Wochen nur noch lesen, wenn der Werbeblocker oder Java-Script deaktiviert sind. Schaltet man den Werbeblocker ab, belästigt einen die Seite mit aufdringlichen Videos und großflächigen animierten Anzeigen, die den halben Bildschirm ausfüllen. Ähnliches findet man bei Axel Springers Welt (mit immer noch 8 Tracking-Diensten). Wie gelange ich dorthin? Über Links in der Presseschau des Verbraucherzentrale Bundesverbands. Hm. Man hört auf, solche Seiten zu nutzen. Es gibt Pressearchive, wenn es Journalismus sein soll. Es gibt NoScript und noch mehr Erweiterungen, um so etwas abzuschalten. Warum muß man das überhaupt abschalten, warum spielen unsere Browser, auch Firefox, solche Inhalte standardmäßig ab? Man merkt jedenfalls: Man ist darauf nicht angewiesen, um sich informiert zu halten. Anderes ist besser, und weniger ist mehr.

Sonntag, 13. November 2016

Der konservative Reflex III

Hintergrundbeiträge zur Präsidentschaftswahl in den USA und zu Trends im politischen Diskurs:

  • John Nichols: Der Anfang vom Ende? Demokraten, Republikaner und die Krise der US-Politik. Rosa-Luxemburg-Stiftung New York. November 2016. – Zeichnet den Wahlkampf nach und erklärt den Aufstieg von Donald Trump unter anderem damit, daß die amerikanischen Fernsehnachrichten ihn als Quotenbringer gebrauchen konnten, was wichtiger gewesen sei als eine umfassende Berichterstattung. Bernie Sanders habe deshalb seine Wähler währen der demokratischen Vorwahlen vor allem über soziale Netzwerke erreicht; die Über-50-Jährigen orientierten sich aber weiterhin am Fernsehen. Das relativiert den Einfluß der sozialen Medien auf die Meinungsbildung. Er resumiert, das derzeitige politische System der USA halte wirklich niemand mehr für akzeptabel.

  • Politische Kommunikation und Sprache der Rechtspopulisten. Postfaktisches Zeitalter, Framing und Desinformat. Moderator: Philip Banse. Diskutanten: Elisabeth Wehling, Anatol Stefanowitsch, Simon Hegelich. Deutschlandradio Kultur. Breitband. 12. November 2016. – Über die Bedeutung des Gebrauchs der Sprache und kognitiv-psychologische Tricks in der politischen Debatte.

  • Simon Hegelich: Social Bots. Invasion der Meinungs-Roboter. Analysen und Argumente 221/2016. Konrad Adenauer Stiftung. Sankt Augustin. 27. September 2016. – Beschreibt, wie der politische Diskurs in sozialen Netzwerken durch den Einsatz von Bots simuliert, inszeniert und manipuliert wird.

  • Mathias König, Wolfgang König: #MythosTwitter. Chancen und Grenzen eines sozialen Mediums. Otto Brenner Stiftung. OBS-Arbeitspapier 24. 6. Oktober 2016. – Auch in sozialen Netzwerken wirken die klassischen journalistischen Gatekeeper als Multiplikatoren für Themen und Beiträge.

Donnerstag, 10. November 2016

Der konservative Reflex II

Zwei Aspekte irritieren aus hiesiger Sicht:

  • Die Amerikaner wählen im Zweifel nicht das „kleinere Übel“.

  • Das amerikanische politische System ermöglicht wirkliche personelle Veränderungen, die hierzulande unbekannt sind. Eine Clique kann durch eine andere ausgetauscht werden, und zwar durch Wahlen.

Mittwoch, 9. November 2016

Der konservative Reflex

In dem Text wird eigentlich vom Klassenkampf in Amerika erzählt: Es gebe da Verlierer, die sich rächen wollten. Dazu wird ein doppelter Boden aus Tiefenpsychologie eingezogen (narzißtische Kränkung, Wut und Revanche). Schließlich kommt aber die reaktionäre Volte, zurück zur Elite, gegen das Volk, das aus irrationalen Gründen dem Demagogen nachlief, und die Autorin zieht einen ziemlich abwegigen Schluß:

Wählen, was einem gut tut, zerstört Demokratien. Die Wahl eines strongman wie Donald Trump zum mächtigsten Mann der Welt zeigt, von wem heute die grösste Gefahr für die Volksherrschaft ausgeht: vom Volk.

Aus: Sieglinde Geisel. Wir können auch anders! Die Gekränkten Amerikas haben sich einen starken Mann gewählt und die Welt damit schockiert. Was heißt das für die Zukunft der Demokratie? In: tell-review.de. 9. November 2016.

Das greift ganz sicherlich zu kurz. Wenn wir vom Narzißmus sprechen, so wäre zuerst vom Narzißmus des Kandidaten zu handeln, der noch in der acceptance speech ausschließlich von sich selbst inmitten lauter ehrenwerter Leute gesprochen hat. Das ist ein Vorgeschmack auf das Niveau, das in den nächsten vier Jahren aus dem Weißen Haus zu hören sein wird. Unreflektiert, phantasielos, machtfixiert und egozentrisch. Und das schien seinen Wählern attraktiv.

Wenn die westliche Demokratie derzeit ein Repräsentationsdefizit hat, dann ist es hier zutage getreten, denn es gab offensichtlich die Wahl zwischen zwei unfähigen Kandidaten, die keiner wirklich wollte. Am Ende wählten aber die meisten denjenigen, der sie – aus ihrer Sicht – noch am besten repräsentiert. Daß sie dazu in eine Schweigespirale eingetreten sind, mag dahinstehen. Es gibt viele Gründe, warum Meinungsumfragen heute nicht mehr so funktionieren wie einst.

Das ist aber kein Grund, sich gegen das Volk zu wenden und reaktionär von alten Zeiten zu träumen. Ein kritischer Ansatz wäre vielmehr zu fragen, warum nicht nur die Wählerschaft, sondern auch die Elite der USA gespalten ist, die ja selbst durch so verschiedene und allseits untragbare Kandidaten repräsentiert worden ist? Nicht nur zwischen den Wählern und den Gewählten, sondern auch innerhalb der Eliten gibt es ein Repräsentationsdefizit. Dieses Defizit ist sozusagen gestuft vorhanden, nicht nur zwischen „oben und unten“, sondern auch innerhalb des „Oben“. Die Führungsschichten zerreiben sich, desintegrieren sich, und sie offenbaren dabei selbst noch im Verfall eine absurde Unfähigkeit, ihre Rolle noch auszufüllen.

Keine gute Zeit, auf „das Volk“ herabzuschauen oder sich sonst von ihm zu distanzieren. Zumal die Wahlentscheidung der Amerikaner sicher nicht eine reine Bauchentscheidung war. Wer aus ökonomischen Gründen wählt, hat handfeste Gründe auf seiner Seite, verfolgt – in diesem Fall ganz klar – sogar dasselbe Kalkül wie der Kandidat. Die Wahl offenbart insoweit am ehesten noch ein Bildungsdefizit und einen Ausfall an weitergehender Urteilkraft, ist aber ansonsten deutlich von materiellen Interessen geleitet. Eine späte Folge der Finanz- und Wirtschaftskrise.

Man könnte aber auch, wenn man sich die Lage etwas näher betrachtet, an einen wie Berlusconi denken, der seinerzeit frank und frei erklärt hatte, er sei in die Politik gegangen, weil er nicht ins Gefängnis habe gehen wollen. Wir kennen die weitergehenden Motive des Wahlgewinners noch nicht näher. Um die amerikanische Präsidentschaftswahl erklären zu können, fehlt also noch ein Puzzle-Teil; ein missing link zwischen gesellschaftlichem Umfeld, privaten Ambitionen und dem resultierenden Rechtsruck, auf den man gespannt sein darf.

„Giacometti–Nauman“ in der Schirn Kunsthalle Frankfurt am Main

Giacometti geht immer, begann der Kollege vom Wiesbadener Kurier seinen lesenswerten Beitrag über die Giacometti-Nauman-Ausstellung, die derzeit in der Frankfurter Schirn zu sehen ist. Kein Besucher wird auf dem Absatz kehrtmachen, weil sich jetzt in der Frankfurter Kunsthalle Schirn die spindeldürren Plastiken des Graubündner Jahrhundertbildhauers den Platz mit Objekten, Skulpturen und Installationen des amerikanischen Multimediakünstlers Bruce Nauman teilen. Obwohl er im weiteren Verlauf seiner Rezension denn doch eine gewisse Fallhöhe zwischen den beiden bemerkt.

Zu Recht. Denn natürlich ist die Zusammenstellung vollkommen willkürlich und weder die übliche Kuratorenlyrik der Pressetexte noch die Demandtsche Mathematik (Das ist für mich die absolute Königsklasse im Kuratieren, wenn man so etwas hinbekommt … Dann wird aus zwei plus zwei eben nicht vier, sondern sechs, oder sogar acht) können darüber hinwegtäuschen, daß es hier gehörig knirscht im Gebälk. Man erinnert sich an die Letzten Bilder, die vor drei Jahren ebenso unvermittelt und beziehungslos an gleicher Stelle nebeneinander hingen.

Giacometti lohnte sich – für mich, weil ich bisher nur seine kleineren Arbeiten kannte und denn doch überrascht war ob der Wirkung der „Grande Femme IV“ oder des „Walking Man“, beide von 1960, die lebensgroß vor einem stehen, strahlend und energisch. Und nachdem ich mich vor ein paar Jahren auch noch einmal mit Beckett beschäftigt hatte, zu dessen „Godot“ Giacometti das klassische Bühnenbild beisteuerte, war ein Gang durch diesen Teil der Ausstellung eher mit bekannten Eindrücken verbunden.

Die Beschäftigung mit der Leere, die „nicht nichts“ sei, wie die Einführung Digitorial erzählt, gleich zu Anfang im ersten Raum der Schau, hinterläßt den meisten Nachdruck. Dort wird L'objet invisible (Mains tenant le vide) von 1934 dem Lighted Center Piece Naumans von 1967 gegenübergestellt. Einerseits die ruhige und aufrechte, fast thronende Figur, die in ihren Händen deutlich etwas hält, das man offenbar nicht darstellen kann, das aber gleichwohl vorhanden ist und das auch – ihrer Haltung nach zu urteilen – so kostbar ist, daß es gut geborgen und beschützt bleiben muß. Auf der anderen Seite vier 1000-Watt-Lampen, die unverhandelbar und sehr aggressiv eine kleine quadratische Fläche ausleuchten, auf der, um es mit Ror Wolf zu sagen, „plötzlich nichts geschieht“. Dieser Raum, der zunächst eher wie eine Notlösung wirkt und gleich zu Anfang den Besucher mehr kalt erwischt und verwirrt als ihn zu empfangen, ist genaugenommen die eindrücklichste Szene der ganzen Ausstellung, weil sie mich berührt und Auskunft fordert, die nicht erteilt werden kann – das spätere Godot-Motiv vorwegnehmend.

Giacometti–Nauman. Bis 22. Januar 2017 in der Schirn Kunsthalle, Frankfurt am Main. Kuratorin: Esther Schlicht. – Katalog (Schnoek, Köln, vor Ort: 35 Euro), Begleitheft (7,50 Euro). – Digitorial und eine recht gehaltvolle Broschüre (für Besucher kostenlos).

A tale told by an idiot, full of sound and fury, signifying nothing II

Das heißt, die sozialen Medien sind in diesem Wahlkampf zu virtuellen Megaphonen verkommen, durch die man sich gegenseitig anbrüllt, in der Hoffnung, damit sozusagen Resonanz in der Anhängerschaft zu finden. Bei Trump ist das relativ gut gelungen, aber es hat natürlich nichts mit der demokratischen Vielfalt und den Versprechen, die man einst mit sozialen Medien verbunden hat, zu tun. …

Ich würde nicht so weit gehen zu sagen, dass Bots wahlentscheidend sein können, aber ich gehe schon so weit zu sagen, dass der Einsatz von Technik, von ganzen Botsystemen durch Hacker oder auch durch gezielte Propagandisten Meinungsklimata oder Meinungswellen hervorrufen kann.

Aus: Miriam Meckel. „Virtuelle Megaphone, durch die man sich gegenseitig anbrüllt“. In: Deutschlandfunk. 9. November 2016.

A tale told by an idiot, full of sound and fury, signifying nothing

"Both the technology itself, and the way we choose to use the technology, makes it so that what ought to be a conversation is just a set of Post-it notes that are scattered," Kerric Harvey, author of the Encyclopedia of Social Media and Politics, said of Twitter. "Not even on the refrigerator door, but on the ground."

She argues that what we do on Twitter around politics isn't a conversation at all; it's a loud mess.

Aus: Sam Sanders. Did Social Media Ruin Election 2016?. In: npr.org. 8. November 2016.

Montag, 7. November 2016

Die ZDF-Mediathek im November 2016

Fortsetzung des Berichts: Der Livestream ist so schwach bemessen, daß es nicht möglich ist, darüber die 19-Uhr-Heute-Sendung zu verfolgen. Der Stream bricht immer wieder ab, auch bei schlechtester Qualität. Auch ansonsten keine Verbesserungen.

Haben wir schon alles gesagt?

Schriftsteller und Literaturwissenschaftler diskutierten im SWR2 Forum über das Tagebuch. Und erwähnen die Blogs erst drei Minuten vor Schluß der Sendung.

Blogs kommen und gehen, die Literatur aber bleibt? Ich greife auf meine Blogs zu und wundere mich mitunter, was für Texte man dabei findet. Also gerade nicht: wiederfindet oder erinnert. Habe ich das damals geschrieben? Offenbar, ja. Gerade das ist aber doch ein Tagebuch-Effekt? Ich bin nicht mehr derselbe, habe mich verändert und schaue mir beim Durchlesen der alten Texte sozusagen selbst über die Schulter.

Aber ändert sich da vielleicht mehr, greifen die Veränderungen über die einzelnen Blogs hinaus?

Meine digitalen Weggefährten der letzten etwa zwanzig Jahre haben sich ganz unterschiedlich entwickelt. Einige schreiben immer noch täglich (oder fast täglich), wie eh und je. Einige schreiben an anderem Ort als früher. Einige schreiben gar nicht mehr. Und einige, die früher auch viel schrieben, haben das Schreiben links liegenlassen und senden nur noch Photos.

Das kann man auch an den kommerziellen Formaten beobachten, dort ist es sogar besonderes auffällig: Denken wir aber auch an die Entwicklung, die das Blog der FAZ zur Buchmesse genommen hat, wo anstelle von Berichten über die Szene nur noch Photos der Abrechnungsformulare für den jeweiligen Auftrag zum „Nachtsatz“ gepostet wurden. Erst zum Schluß der Veranstaltung kamen etwas längere Texte.

Oder nehmen wir – eher aus dem Bereich „Community“ – ein neueres Blog, das über Frankfurt schreibt, Hallo Frankfurt – als Autorenblog bei Medium angesiedelt. Mehr ad hoc ginge wahrscheinlich nicht, denn bei Medium befindet man sich auf der Durchreise, man kommt nicht dorthin, um zu bleiben. Bilder dringen nach vorne, Bilder, die doch die Reflexion nicht ersetzen können. Nur noch Anstöße verbleiben, die nicht weiter nachvollzogen werden, denen dann nicht mehr weiter nachgegangen wird.

Haben wir schon alles gesagt? Produzieren wir heute einfach weniger selbst? Verbergen wir uns hinter den „geteilten“ Inhalten anderer? Oder ist das Netz, liegen die Kanäle der Datennetze, die dem Austausch dienen und der Herstellung von Öffentlichkeit, längst fast ausschließlich in den Händen der Marketing-Menschen, die dort nur noch ihren meist problematischen Geschäften und der Meinungsmache und Desinformation nachgehen?

Ist die Community schon längst durch bezahlte Kräfte ersetzt worden, wie in den Mailinglisten der Wikimedia Foundation, wo kaum noch einer ohne Wikimedia-E-Mail-Adresse postet, wo noch bis vor drei Jahren eine bunte Gemeinde zugange war, oder in den Twitter-Kanälen, wo fast nur noch angeworbene Blogger über „Events“ schreiben. Es gibt nicht nur die nervenden Trolls, sondern auch die Jubel-Diskutierer, die ausschließlich applaudieren und keine Ankündigung mehr einer kritischen Prüfung unterziehen, weil sie dazu nicht berufen wurden. Und je mehr diese Formen der organisierten und inszenierten Öffentlichkeit vordringen, desto mehr zieht sich die Community, die aus freien Stücken um sich und ihre Ziele warb, zurück und verstummt immer mehr.

Man muß sich das Web 2.0 doch zumindest zu großen Teilen als ein Potemkinsches Dorf vorstellen.

Vielleicht haben wir tatsächlich schon alles gesagt. Oder zumindest das meiste.

Sonntag, 6. November 2016

Von der Dyade zum Netzwerk

Sandra Uschtrin beschrieb (mp3) am 1. November 2016 im Gespräch auf hr2-kultur den Übergang von der Dyade Autor/Buchverlag zu Netzwerkstrukturen von Selbständigen, die gar nicht mehr im Verlag publizieren wollten, sondern ihren Content selbstbestimmt vermarkten würden. Nur beim Rechte-Verkauf für Übersetzungen sei der Verlag derzeitig noch notwendig, räumt sie ein. Die Gatekeeper-Funktion des Verlags werde von Bloggern übernommen, die nunmehr die Rolle innehätten, welche Rezensionen in Zeitungen und Zeitschriften früher zugekommen sei.

Sie hat nicht ganz unrecht, wenn sie auch davon lebt, so etwas zu erzählen. Die Bibliothek kommt in ihrer Erzählung nicht vor.

Montag, 31. Oktober 2016

Die ZDF-Mediathek im Oktober 2016

Die Ernüchterung über den Relaunch der ZDF-Mediathek ist doch ziemlich deutlich und umfassend zu spüren, man lese nur einmal die Kommentare unter dem voreiligen Jubelartikel bei netzpolitik.org.

Ein kurzer Test heute, also vier Tage nach dem Start des Portals, durchweg bei Eigenproduktionen des ZDF, für die die vollständigen Online-Rechte vorliegen sollten: Kein Download-Link mehr für die Videos; kein Link zum Streamen im externen Player; keine RSS-Feeds mehr und keine Podcasts mehr; die Seiteninformationen (via CMD-i) in Firefox zeigt nur eine ausgegraute Video-URL, daher auch auf diesem Weg kein Download; soweit aus der FAQ der Mediathek heraus weitere Hilfeseiten verlinkt sind, führen diese Links auf eine 404er-Seite; keine eigene Seite für die Programmvorschau mehr, sie wird unter der Seite mit dem Livestream versteckt und ist ohne diesen nicht aufrufbar.

Es hat also ausschließlich Verschlechterungen gegeben, keinerlei Verbesserungen.

Der ewige Ärger mit den Mediatheken hatte gerade schon den Entwickler des Download-Clients MediathekView dazu gebracht, das Handtuch zu werfen. Offenbar funktioniert derzeit kein Download-Client mehr beim ZDF. Auch vom Einsatz von DRM im HTML5-Player war schon die Rede. Dazu das eher peinliche Layout auf großen Bildschirmen.

In den Kommentaren bei netzpolitik.org wurde mediathekdirekt.de empfohlen. Dort erhält man, wie der Name schon sagt, weiterhin direkte URLs zu den Beiträgen in den öffentlich-rechtlichen Mediatheken im Format MP4.

Mittwoch, 26. Oktober 2016

Neue Ausgabe von mathmode.pdf

Herbert Voß hat eine neue Fassung seines E-Books zum Mathematiksatz mit LaTeX erstellt. Anders als die vorhergehende Version 2.37 von mathmode.pdf aus dem Jahr 2009, die auf CTAN verteilt worden war, kann die aktualisierte Ausgabe unter dem Titel Mathematical Typesetting with LaTeX in der TUG-Version 0.23 von der Website der TeX Users Group heruntergeladen werden. Dort findet man auch die Quelltexte aller Beispiele. Einige verbliebene kleinere Fehler werden in den kommenden Tagen noch behoben. Herbert Voß bittet gegebenenfalls um Bug-Reports an seine Adresse. Das E-Book wird nur für den privaten Gebrauch bereitgestellt und darf nicht über andere Server als tug.org weiter verteilt werden.

Voß, Herbert. Mathematical Typesetting with LaTeX. TUG-Version 0.23, 25. Oktober 2016.

Umfrageprobleme

Einem Beitrag in Nature zufolge gehen die Probleme beim Erstellen von politischen Meinungsumfragen in den USA unter anderem auf die Veränderungen beim Internetzugang zurück. Der Anteil von privaten Haushalten mit ausschließlich Festnetzanschlüssen sei von 2003 bis 2015 auf die Hälfte gefallen, während der Anteil derjenigen Haushalte, die ausschließlich mobilem Internetzugang haben, in derselben Zeit von null auf 50 Prozent gestiegen sei. Die meisten Benutzer nähmen auf dem Handy aber keine Anrufe von unbekannten Rufnummern entgegen. Deshalb sei es schwieriger geworden, Telefon-Umfragen durchzuführen. Es fehle somit an Daten, was auf Kosten der Repräsentativität und der Genauigkeit der Vorhersagen gehe. 1997 hätten noch 37 Prozent der Angerufenen geantwortet, derzeit seien es nur noch zehn Prozent oder weniger. Auch die Schätzungen der Wahlbeteiligung klappten deshalb nicht mehr. Im Fall der amerikanischen Präsidentschaftswahlen kämen noch die historisch niedrigen Zustimmungsraten zu den beiden Kandidaten hinzu, außerdem Effekte wie die Schweigespirale. Reine Online-Umfragen rekrutierten ihre Teilnehmer über Werbebanner auf Websites, was zu einer entsprechenden Schieflage führen könne. Einladungen zu Umfragen per SMS oder mit der Briefpost seien ebenfalls wenig erfolgreich.

Skibba, Ramin. "The polling crisis: How to tell what people really think." Nature News 538 , no. 7625 (2016): 304.

Sonntag, 23. Oktober 2016

MediathekView wird nicht weitergeführt (Update)

Entwickler Xaver W. hat vorgestern im Forum auf Sourceforge angekündigt, sein Programm MediathekView zum Jahresende einzustellen. MediathekView besteht aus einem Crawler, der die Mediatheken aller deutschsprachigen öffentlich-rechtlichen Fernsehsender durchforstet und deren Inhalte in eine Liste schreibt, sowie aus einem Frontend, über das man auf diese Liste dann zugreifen kann, um sie zu durchsuchen und ggf. Beiträge herunterzuladen oder in einem separaten Player live zu betrachten.

Ich habe MediathekView vor allem wegen der Volltextsuche genutzt. Aus unerfindlichen Gründen sind die Rundfunkanstalten nach wie vor nicht in der Lage, eine brauchbare Suche anzubieten (gleichzeitig wundern sie sich über die geringe Nutzung der Plattformen). Einzige Einschränkung: MediathekView lief in der neusten Version leider nicht unter El Capitan, trotz Installation des neuesten Java. :( Man kann aber die vorletzte Version weiter benutzen.

Der Grund für die Einstellung sei die hohe Arbeitsbelastung bei der Betreuung des Crawlers. Als nächstes müßte das Programm an die neue Mediathek des ZDF angepaßt werden. Außerdem seien immer mehr unerfreuliche Rückmeldungen hereingekommen. In einem zweiten Thread wird über Möglichkeiten für die Fortsetzung des Projekts diskutiert.

Update, 27. November 2016: Das Programm wird nun doch weitergeführt, heißt es im Forum. Es habe sich ein sehr engagiertes Team zusammengefunden, das das Programm und die Infrastruktur dahinter als Community-Projekt und in Teamarbeit weiterführen werde. Davon unabhängig, aber aus dem Umfeld während der Krise von MediathekView entstanden, ist mediathekdirekt.de, ein reines Web-Interface, von dem aus man Beiträge aus den Mediatheken durchsuchen und als mp4-Dateien herunterladen kann.

Die Frankfurter Buchmesse in zehn Jahren

Ich versuche mir vorzustellen, wie die Frankfurter Buchmesse in zehn Jahren sein wird.

Zunächst glaube ich, daß es sie in zehn Jahren auch noch geben wird. Es ist eher eine Frage der Größe.

E-Books laufen schlecht, und ich glaube nicht, daß sich bis dahin daran etwas ändern wird. Wenn es also in zehn Jahren noch eine Buchmesse geben sollte, wird es dort auch noch gedruckte Bücher geben.

Im Mittelpunkt steht die Veränderung der Öffentlichkeit durch die Digitalisierung. Die Öffentlichkeit fragmentiert sich immer mehr. Die Digitalisierung hat die Gatekeeper beseitigt: Jeder, der etwas publizieren möchte, kann das sofort tun, ohne daß er jemanden davon überzeugen müßte, daß der Content verkäuflich wäre, und ohne dafür prohibitiv hohe Kosten tragen zu müssen. Insoweit treten Buch, Wiki, Blog und soziales Netzwerk nebeneinander. Sie verdrängen einander nicht, haben auch nicht notwendigerweise etwas miteinander zu tun. Sie ergänzen sich, sind aber auch nicht gegeneinander austauschbar. Was heißt das?

Man kann den allgemeinen Trend im Zeitablauf als eine immer weiter zunehmende Kommerzialisierung des freien Netzes lesen. Es gibt aber auch eine entgegengesetzte Sichtweise, nämlich die Entkommerzialisierung des verlegerischen und korporativen Medienbetriebs.

Der Trend geht ziemlich klar in Richtung Entkommerzialisierung des Publizierens: Man findet einfach keinen Verlag mehr für sein Buch und muß es daher selbst erstellen, wenn man etwas veröffentlichen will. Die Verwertungskette Verlag – Buchhandel – Bibliothek – Antiquariat funktioniert immer weniger. Die Erträge lassen nach. Deshalb wird in den Verlagen immer mehr gängige Massenware produziert, alles, was als eine Nische erscheint, was sich „zu speziell“ ausnimmt und daher zu wenig einzuspielen verspricht, geht unter und muß hinter der Content-Mauer erst einmal gefunden werden. Es ist eine Art Hollywoodisierung des Buchgeschäfts.

Umgekehrt läuft der Vertrieb aus der Sicht des Autors rein online: Er inszeniert sich selbst als Experte und geht in Online-Communities, um seine Sachkunde zur Schau zu stellen. Wen das überzeugt, der wird seine Bücher kaufen. Das wird die primäre wirtschaftliche Funktion von sozialen Netzwerken und Blogs aus der Sicht des Publizisten sein.

Die Buchmesse wird daher in Zukunft vor allem noch sehr viel kleiner sein, denn die Selfpublisher brauchen sie nicht, bei ihnen läuft der gesamte Vertrieb online und in und aus virtuellen Netzwerken heraus. Ihr Publikum ist nicht mehr dort, sondern sitzt, wie es früher im Fernsehen hieß, „draußen an den Empfängern“, also an ihren Clients.

Die Verlage, die so eine Messe brauchen, und die Medien, die sich an sie dran hängen, werden sich also auf immer weniger substantielle Inhalte ausrichten. Dadurch wird die Messe einen immer kleineren Teil des Marktes abbilden. Alle Nischen fallen weg.

Am Ende wird sie kein gesellschaftliches Ereignis mehr sein, sondern nur noch eine Show von Massenmedien für Massenmedien, die von denen wahrgenommen wird, die überhaupt noch Massenmedien konsumieren – und das sind ja auch immer weniger.

Wie sich das anfühlt, kann man bei einem Nischenmarkt wie dem für Lehrbücher zu dem Textsatzsystem LaTeX heute schon sehen. Hier habe ich mal alle Lehrbücher und sonstigen Lehrtexte zusammengetragen, die seit 2005 erschienen sind. Jeweils nur die letzte Auflage, also das, was heute noch von Interesse ist auf dem jeweils letzten Stand. Wenn man die Jahrgänge durchgeht, sieht man, daß der Markt 2012 gekippt ist: Seitdem gibt es fast nur noch Bücher im Selbstverlag. Im darauffolgenden Jahr stellte Pearson die Produktion von IT-Büchern ein. Das alles findet auf einer Buchmesse also schon lange gar nicht mehr statt.

Eine untere Grenze für die Größe bzw. die Kleinheit der Messe ist nicht vorstellbar. Am Ende ist womöglich ein einziges Zimmer ausreichend. Oder das Blaue Sofa.

Mittwoch, 19. Oktober 2016

Eindrücke von der Frankfurter Buchmesse 2016

Auf die Frankfurter Buchmesse angesprochen, soll Marcel Reich-Ranicki einmal gesagt haben: „Das ist eine Verkaufsveranstaltung – damit habe ich nichts zu tun!“

Aber natürlich ist das Geschehen vielschichtig. Der Verkauf ist der treibende Anlaß, aber das Gut, das hier verkauft wird, ist sozusagen der Treibstoff der Informations- und Wissensgesellschaft, der im Kapitalismus natürlich auch eine Ware ist, und je länger ich die Messe besuche, desto mehr nähere ich mich ihr aus vergleichender Sicht.

Ganz klar war früher „mehr Lametta“, das ist überall so. Aber es war auch ingesamt „mehr los“. Heute war zum Auftakt doch ziemlich ruhiger Betrieb. Auch die Taschenkontrolle am Eingang war nicht so neu, wie der Newsletter vorab tat, das gabs auch früher schon, samt Polizeistreifen.

„Rund 10.000 anwesende akkreditierte Journalisten, darunter 2.000 Blogger“ zählt die PR-Abteilung der Buchmesse. Da haben sie wohl auch die Kameraleute und die Strippenzieher von 3sat und Arte noch mitgezählt?

Begonnen habe ich heute tatsächlich als Freebie-Sammler gegenüber vom Blauen Sofa: Das Deutschlandradio Kultur verteilt seine letzten orangenen Kugelschreiber mit dem alten Namenszug, bevor es bald ein neues Sendestudio bekommt und zu „Deutschlandfunk Kultur“ umbenannt wird. Also her mit den schönen Kugelschreibern, denn das ist ein langlebiges Modell. Ein Andenken zu Lebzeiten. Die mit Abstand schönsten Bleistifte gibts diesmal bei DeGruyter und bei Springer Nature.

Nach notwendigen Einkäufen und einem kleinen Mittagsmahl führt mich mein Weg natürlich in die Halle 4.2, und dort nach etwas Umsehen bei den ganz großen in ihren Standlandschaften, zu – ein Tusch! – Brockhaus. Vor einem Jahr wiederauferstanden, hat der schwedische Erwerber die Marke aus der Plattform von Munzinger gelöst, über die die ehrwürdige Enzyklopädie vermarktet worden war, und vertreibt seitdem ein Multimedia-Nachschlagewerk auf einer eigenen Website – die heute abend – wie bitte? – wegen Wartungsarbeiten offline ist. Hm.

Immerhin: Vor dem Hintergrund des Autorenschwunds bei Wikipedia wird die Brockhaus Enzyklopädie, auf die ich seit Jahresanfang dank unserer Stadtbibliothek zugreifen kann, um ein Kinder- und um ein Jugendlexikon erweitert. Das sind eigene Korpora, die auf dem früheren gedruckten Kinder-Brockhaus – den es nicht mehr gibt – aufbauen bzw. abgespeckte Inhalte aus der großen Enzyklopädie für die jugendlichen Leser. Außerdem gibt es neu ein Programm, in dem „Basiswissen“ zum Selbststudium didaktisch aufbereitet wird. Diese Module ergänzen die Enzyklopädie und richten sich speziell an Schüler, die Hilfe beim Nachbereiten des Unterrichts oder bei den Hausaufgaben suchen.

Und daneben steigt Brockhaus ins Schulbuchgeschäft ein und stellt Lehrmaterial bereit, das auf die Lehrpläne der Bundesländer abgestimmt ist. Bisher gibt es dazu einen PR-Bericht und eine Pressemitteilung. Angeboten wird der Zugriff auf den Content aus einführenden Modulen samt Aufgaben. Alles weitere – Internetzugang und Clients – liegt bei der Schule. Die Nutzung erfolgt plattformunabhängig in einem Webbrowser, also keine Apps, keine Einbindung in ein entsprechendes digitales Ökosystem, aber kein kollaboratives Arbeiten. Noch nicht.

Eine Lehrerin, mit der ich ins Gespräch kam, erklärte mir als Hintergrund zu solchen Angeboten, an den Frankfurter Schulen werde sich bis 2018 erst einmal gar nichts tun, was die Technik angeht. Als erstes würden jetzt die Toiletten saniert.

Und Duden legt beim „Klassenzimmer der Zukunft“ einen Flyer aus zur „Learn Attack“ mit WhatsApp-Nachhilfe vom „professionellen Nachhilfelehrer“, „sofort“. Man sprach über den „Nachmittagsmarkt“. Da ist viel Bewegung drin derzeit. Deutschland in der „Bildungspanik“ – so Heinz Bude schon 2011.

Auch über den Schülerduden via Munzinger sprach man. Aber Munzinger ist auf der Messe nicht vertreten.

Überhaupt, ist es ja mittlerweile viel spannender geworden, darüber nachzusinnen, wer alles nicht gekommen ist, als sich anzuschauen, wer diesmal erschien. O'Reilly Deutschland, sozusagen der Suhrkamp unter den Computerverlagen, war letztes Jahr noch da, dieses mal aber wieder nur noch O'Reilly UK.

Die „Verkaufsveranstaltung“ ist eben nicht mehr unbedingt notwendig fürs Marketing. Andererseits merkt man dem Betrieb aber auch die Klassengesellschaft stärker an als früher. Es gab immer schon die Einfamilienhäuser unter den Messeständen, an den großen Kreuzungen gelegen, und hinten raus die Nordsee, ebenso wie die Einzimmerwohnungen in den engen Nebenstraßen. Aber durch den Wegfall der früheren angelsächsischen Halle 8 internationalisiert sich die Szene, und die Kontraste werden härter.

Wie schon in den Vorjahren bloggen auch diesmal Café Digital, u. a. Andrea Diener bei der FAZ und Carmen Treulieb wieder nebenan.

Freitag, 23. September 2016

Büchermarkt II

Diese Woche ist bekannt geworden, daß das Kultur- und das Jugendprogramm ab April 2017 neue Namen erhalten sollen: Deutschlandradio Kultur wird zu Deutschlandfunk Kultur und DRadio Wissen wird zu Deutschlandfunk Nova.

Der Namenswechsel kostet eine Million Euro. Wissen Sie, das alte Briefpapier wird aufgebraucht und die alten Visitenkarten werden aufgebraucht, die sowieso alle paar Monate erneuert werden müssen. Aber das ist dann Normalgeschäft. Beides sind zudem wohl ziemlich unschöne Namen. Hinzu kommt die offizielle Begründung: Der Deutschlandfunk sei bekannter als das Deutschlandradio, deshalb sei es besser, die anderen Programme umzubenennen, dann würden sie auch von mehr Hörern eingeschaltet. Das ist nicht nachvollziehbar, angesichts des dort gleichzeitig erwähnten Zuwachses bei Deutschlandradio Kultur.

Eine Verschiebung der Kultur vom DLF zum Kulturkanal hat der Intendant Willi Steul in dem heutigen Gespräch dementiert. Trotzdem erscheint der Weggang Denis Schecks zum SWR in einem neuen Licht. Es wird wohl doch noch Pläne zum Umbau bei der Kultur geben. Einer wie Scheck gibt so eine Stelle nicht ohne Not auf.

Donnerstag, 22. September 2016

Noch lange nicht vorbei IX

Nach der Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus scheint es für schwarz-grün nicht mehr sicher zu reichen. Daher erstmals ganz offen die Diskussion über rot-rot-grüne Koalitionen.

Es ist ein Spiel mit verteilten Rollen, und die SPD bezieht Position für die Arbeithaber und überläßt die Arbeitslosen gerne der Linken. Erst haben sie die Löhne gedrückt und den „Niedriglohnsektor“ geschaffen, und jetzt sorgen sie dafür, daß die Regelsätze einen gehörigen Abstand zu diesen Hungerlöhnen aufweisen. So eben die „Sozialministerin“ in einem Beitrag im Deutschlandfunk. Und der Parteivorsitzende am Wahlabend live auf der Bühne. Nach oben buckeln und nach unten treten, das können sie, und dafür werden sie auch gewählt, von derzeit etwa zwanzig Prozent.

Welche Rolle die Grünen dabei spielen werden, hat sich ihr Geschäftsführer in der letzten Berliner Runde ausdrücklich offengehalten. Alles sei im Fluß, man wisse das heute noch nicht, es könne durchaus sein, daß es im Herbst 2017 am Ende dann doch für schwarz-grün reiche. Dann sei alles wieder ganz anders.

Und der Strom der ehemaligen Nichtwähler und der Linken-Wähler zu den ganz Rechten verweist auf einen völligen Ausfall an politischer Bildung.

So ungefähr.

Jörg Kantel hat gerade die Zustimmung zu CETA zum Anlaß genommen, nach 47 Jahren aus der SPD auszutreten – kaum zu glauben, daß er so lange dort Mitglied war! Claudia Klinger schrieb schon im vergangenen April über die gesellschaftliche Dimension hinter alledem. Über die Netzwerke, die mit dem Abbau der Volksparteien mit kaputtgehen.

Die Gesellschaft fragmentiert in 15-bis-20-Prozent-Partikel. Jeder kümmert sich nur noch um seine Klientel, aber niemand fühlt sich mehr fürs Ganze verantwortlich. Rette sich, wer kann.

So war die nicht vermeidbare Aufnahme der Fremden am Ende nur ein Anstoß, ein Tropfen, der das Faß zum Überlaufen brachte, um egoistische Stimmungen auszulösen und um ein Hauen und Stechen, alle gegen alle, zu triggern.

Und weil die Verteilungskämpfe aus dem ökonomischen Sektor jetzt in den politischen übergreifen, führen sie zu einem immer weitergehenden Auseinanderfallen. Vollkommen selbstreferentiell, als gäbe es die Welt da draußen gar nicht, als wäre sie bestenfalls ein Stichwortgeber. Der Blick über den Tellerrand hinaus fehlt. Vollkommen logisch daher das Nachdenken über das Schließen von Grenzen, die es schon ganz lange nicht mehr gibt und die es auch nicht wieder geben wird.

Klaus Harpprecht ist gestorben, er war ein Redenschreiber von Willy Brandt. Wie lange die Zeit schon her ist. Die „härteren Tage" sind da.