albatros | texte

Kersch, Karsch, Korsch und Kirsch XVIII

„Haben Sie bemerkt, dass die Eichhörnchen dieses Jahr schon früher fertig sind als sonst? Sie haben ihre Nüsse und was sie sonst noch so für den Winter brauchen, gesammelt, und sie haben sich zurückgezogen in ihre Kobel, rechtzeitig, bevor der Winter kam“, bemerkte Kersch. „Jetzt sieht man sie schon nicht mehr.“ – „Ein Winter, der dieses Jahr immer wieder kommt und geht. Der immer wieder testet, ob der Schnee liegen bleiben könnte, der dann aber doch bald wieder schmilzt, als wolle er dann doch nicht so sehr stören.“ – – „Nur das Licht ist wirklich gegangen. Es hinterlässt eine tiefe Dunkelheit und Kälte.“ – Korsch hob den Kopf, wie von weit, und nickte sanft, bevor er wegging, als wäre es für immer.

Kersch, Karsch, Korsch und Kirsch XVII

„Bemerken Sie eigentlich, daß die Computer heute nachmittag und heute abend uns Rätsel aufgeben?“ – ? – „Der Kauf einer Sitzplatzreservierung für den ICE kommende Woche am Automat gelang erst im vierten Anlauf. Im PC-Pool funktionierte die Virtual Machine gar nicht, sowohl der Lehrer- als auch die Schüler-Rechner fuhren in Zeitlupe hoch und froren kurz darauf ein – mitten im April. Und in dem Raum, auf den wir auswichen, fiel dann das Internet für eine Dreiviertelstunde vollständig aus. Und nun noch der Fehler beim Layout auf Antville.“ – „Immerhin, der war zu beheben.“ – !

Kersch, Karsch, Korsch und Kirsch XVI

„Bemerken Sie, daß es kaum etwas Wichtigeres gibt, als auf sich selbst zu achten?“ fragte Karsch. „Aufzupassen, daß alles, was man tut, stimmig ist mit dem eigenen Gefühl und daß es zum eigenen Leben paßt. Daß es sich nicht anrät, Differenzen, wie klein auch immer sie sein mögen, unter den Teppich zu kehren und so zu tun, als gäbe es sie nicht.“ – Korsch nickte langsam und schaute lange aus dem Fenster. – „Daß man seinem Herzen folgt. Es ist wahr.“

Kersch, Karsch, Korsch und Kirsch XV

„Hören Sie die Vögel, die die ganze Nacht hindurch zwitschern“, fragte Karsch. – „Als wollten sie die Nacht hingwegsingen und den Tag herbei“, überlegte Kersch. „Den Frühling herbeisingen, bis er endlich da ist.“ – „Den Frühling, und dann auch den Sommer, der auf den Frühling folgen wird. Folgen muß, wie in jedem Jahr.“ – „Ja. Wie schön das ist.“

Kersch, Karsch, Korsch und Kirsch XIV

„Bemerken Sie, wie das Licht sich geändert hat in den letzten Tagen?“ fragte Karsch. „Es ist jetzt sehr viel kräftiger geworden. Hell und klar. Noch kühl, aber die Kraft des Lichts dringt in die Menschen, und das fühlt sich gut an.“ – „Auch die Dämmerung dauert deutlich länger jetzt, und sie setzt schon später ein. Die Luft ist trocken und klar.“ Korsch schaute noch lange aus dem Fenster: „Noch sind die Zweige an den Bäumen kahl und wirken wie Scherenschnitte gegen den spätwinterlichen Himmel.“

Kersch, Karsch, Korsch und Kirsch XIII

„Haben Sie bemerkt, daß in diesem Jahr vieles zuende gegangen ist, ohne daß anstelle dessen etwas Neues begonnen hätte?“ fragte Karsch. — Kersch, nachdenklich: „Es ist aber noch nicht alles zuende. Das Jahr selbst ja auch noch nicht.“ — „Das stimmt. Und die ungewöhnlich milde Witterung zum Winteranfang scheint wie ein Signal zu sein, den Winter gar nicht erst beginnen zu lassen und direkt vom Herbst in den Frühling überzugehen.“ — „Der Sonne und dem Licht entgegen. In drei Monaten beginnt die Sommerzeit.“ — „Und die Zugvögel kommen dann auch wieder zurück.“ — „Beginnt dann etwas Neues?“

Kersch, Karsch, Korsch und Kirsch XII

„Bemerken Sie eigentlich, wie man sich selbst blockieren kann, indem man nicht aufräumt, so daß kein Platz für Neues bleibt?“ fragte Karsch. „Bevor man dann wieder weitermachen kann, muß man natürlich das Alte erst einmal wegräumen, um Platz zu machen.“ Kersch blickte unter sich. Karsch wies auf einen Stapel mit altem Papier: „Das sind ungefähr fünf Jahre unaufgeräumtes, nicht abgeheftetes Leben, die Sie hier sehen.“

Kersch wiegte skeptisch den Kopf.

Kersch, Karsch, Korsch und Kirsch XI

Kersch freute sich über den Herbst, obwohl er dieses Jahr etwas zu früh begann, wie er meinte. Kühle Luft, in der Sonne war es aber weiterhin warm. Auf dem Rückweg hatte er mehrere schwarze Käfer, die mit zappelnden Beinen auf dem Rücken umherlagen, umgedreht – und dabei natürlich an Kafka gedacht. Die Käfer schienen dankbar zu sein für seine Hilfe. Sie krabbelten sofort weiter in Richtung Wegrand, um nicht länger auf dem Waldweg zu bleiben, wo schon viele von ihnen von Radfahrern und Spaziergängern überfahren und plattgetreten worden waren.

Kersch, Karsch, Korsch und Kirsch X

Bisweilen erinnerte sich Kersch an seine Zeit mit Karsch, von dem er schon länger nichts mehr gehört hatte. Aber manchmal dachte er auch an Kirsch zurück. Kirsch hatte sich anderweitig entschieden, man traf sich schließlich immer seltener, am Ende gar nicht mehr. Jeder ging seines Wegs. Zu Anfang war Kersch darüber auch ein bißchen traurig, aber es hatte schon seine Richtigkeit damit. Kirsch brauchte die ständige Veränderung zum Leben, die Kersch in diesem Umfang, in dieser Weise nicht ertrug. So zog Kirsch davon, und Kersch blieb zurück.

Kersch, Karsch, Korsch und Kirsch VII

„Sie sollten loslassen“, sagte Karsch nachdenklich. „Freitagnachmittag. Ganz große Pause. Es ist soweit.“ – Kersch sah es ganz genauso. „Reisende soll man nicht aufhalten. Wer lieber mit sich allein ist, möge das sein.“ Er wandte sich ab und schenkte sich noch einen Tee ein.

Kersch, Karsch, Korsch und Kirsch V

„Bemerken Sie, daß die Morgendämmerung jetzt schon wieder früher einsetzt?“ fragte mich Korsch bei seinem letzten Anruf. – „Natürlich.“ – „Auch die Vögel beginnen schon lange vor sechs Uhr morgens zu zwitschern, auch in der Stadt. Trotz allem.“ – – ?

Kersch, Karsch, Korsch und Kirsch IV

„Haben Sie bemerkt, daß die Uhr heute schneller geht als man erwarten würde? Auch wenn es jetzt schon 9 ist, meint man, es wäre erst 6.“ – „Stimmt“, sagte Karsch. „Ihnen fehlen gute drei Stunden. Wo haben Sie die denn hingetan?“ – „Ich?“ – „Wer sonst?“ – „Ich nicht. Das Leben.“ – „Aber Sie können nicht das Leben für alles verantwortlich machen.“ – „Tue ich auch gar nicht. Ich ziehe es nur in Erwägung“, sagte Kersch.

Kersch, Karsch, Korsch und Kirsch III

„Haben Sie gesehen, wie es heute nachmittag zum zweiten Mal Tag geworden ist?“ fragte Karsch. „Wie bei Edward Hoppers ‚People in the sun‘. Genau so war das Licht, und die Menschen haben sich der Sonne zugewandt und geträumt.“ – „Ja, so war es“, erwiderte Kersch nachdenklich. „Als hätten sie eine bessere Welt gesehen, die von außerhalb in unsere hineingeschienen hätte.“ – Sogar Korsch horchte auf. Wie schön. „Und die Blaumeisen spielten im mittagshellen Sonnenlicht auf dem Balkon.“ – „Aber im Odenwald lag an manchen Stellen noch Schnee.“

Der Entschluß

Kersch hatte sich schon im Mai 2010 von Facebook zurückgezogen. 2013 registrierte er sein neues Blog bei Antville. Nachdem er seinen Account bei Xing geschlossen hatte. Immer wieder dachte Kersch darüber nach, die sozialen Netzwerke ganz zu verlassen. Am Ende blieb er aber doch dabei, letztlich wegen Korsch.

Sie sind nicht angemeldet