Die Debatte geht weiter. Dave Winer zum Beispiel ärgert sich bloß darüber, daß er als Groß-Blogger nicht darf, was die großen Zeitungskonzerne jetzt bei Facebook dürfen. Er habe sich auch dort beworben, und, denk Dir, sie haben ihn abgelehnt. Es kann nur eine Frage der Zeit sein, da ist er sich sicher. Denn er wird wohl am Ball bleiben, nachdem er bemerkt hat, daß seine Texte auf Facebook wenigstens gelesen werden, bevor man sie kommentiert. Texte, die in dem neuen Modell nur unter iOS zu lesen sein werden. Pardauz. Während MG Siegler auf den Übergang vom Webbrowser hin zur App verweist. Der Browser, das Tool fürs freie Web: Heute viel zu langsam, die Technik von gestern, meint auch John Gruber.
Richard Gutjahr hatte ich schon länger wahrgenommen, sein Blog mag ich aber aus verschiedenen Gründen nicht. Immerhin schreibt er heute ein kleines Stück über die Einführung der Instant Articles bei Facebook. Die New York Times geht voran und zieht zwei Konsequenzen aus ihren eigenen Zahlen und aus der jüngeren Entwicklung: Ihre App, die früher acht Dollar im Monat gekostet hatte, verschenken sie jetzt. Außerdem veröffentlichen sie ihre Artikel direkt bei Facebook, um Leser zu erreichen, die schon lange keine Zeitungs-Webseite mehr besucht hätten. Dafür bekommt die Zeitung die gesamten Werbeeinnahmen. Vorläufig. Aber die große Zeitung sei letztlich nur wie ein Eisberg, zitiert Gutjahr einen ehemaligen Mitarbeiter der New York Times: Ein Eisberg, der immer mehr abschmelze. Sich an Facebook zu verkaufen, also ein weiterer Akt aus Verzweiflung über das verlorene Geschäftsmodell, was sich auch auf die Attraktivität als Arbeitgeber für Journalisten nachteilig auswirke. Selbstmord aus Angst vor dem Tod. Der Guardian, die BBC, die Bild-Zeitung und der Spiegel folgen bald. Stephen Downes fragt sich, wie man auf solche Artikel verlinken solle?
Stephen Downes befürwortet, daß Amazon bei Spielzeugen keine Suche mehr nach dem Geschlecht zuläßt. Das Merkmal „Junge/Mädchen“ wurde in der Suchmaske einfach abgeschafft. Verschwinden damit auch die Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen? If we want to do away with rampant gender-based stereotyping, this is how to do it.
Über die Nettime-List lief heute der Hinweis auf einen depressiven Kommentar von Irvine Welsh im Guardian, der nach dem Wahlsieg der Konservativen ein zerfallendes Großbritannien beschreibt. Das Bild, das dort gezeichnet wird, ist ziemlich komplex. Es beginnt bei der verfassungsrechtlichen Debatte über eine Reform des Parlamentarismus – Ed Miliband proclaimed, to party conference Groundhog Day cheers, that Labour would abolish the House of Lords – und gelangt dann einige Absätze weiter, eher beiläufig, zur Spaltung von Labour als eigentlichem Grund für deren Niederlage: Figures such as Nicola Sturgeon would have been natural Labourites a generation ago. Der Name Blair taucht zweimal auf in dem Text, und so gesehen, gibt es wahrscheinlich auch in Großbritannien eine ganz ähnliche Erosion der Sozialdemokratie wie hierzulande, wahrscheinlich auch dort ausgehend von den Verwerfungen in der Folge des Schröder-Blair-Papiers von 1999, das die Demontage des Sozialstaats eingeleitet und programmatisch gesetzt hatte. Und in der Folge Uneinigkeit darüber, wer links sei und wer nicht. Nur daß die Positionen dort sehr viel stärker geographisch verortet sind als hier.
Auch die fehlgegangenen Prognosen über den Wahlausgang kommen einem bekannt vor. Ein noch einmal davongekommener Cameron und eine Beteiligung von gerade einmal zwei Drittel der Wahlberechtigten werfen auch Zweifel am Mehrheits-Wahlsystem wieder auf, die sich vor allem an der Stimmgleichheit festmachen. Am Ende regiert nun eine Partei, die 63 Prozent der Wähler nicht gewollt hatten. Von den Nichtwählern einmal ganz abgesehen.
Der neuzigjährige Zygmunt Bauman hat einen Vortrag bei der re:publica 2015 gehalten: „From privacy to publicity: The changing mode of being-in-the-world“. – Man kann sagen: High end meets low end. Detlef Borchers berichtet darüber bei heise.
Die Wahlen in Großbritannien verweisen auf zwei ganz grundsätzliche Unterschiede zum deutschen politischen System: Gewählt werden dort nicht Listen der Parteien, sondern ausschließlich die Kandidaten in den Wahlkreisen. Das gilt auch für den Premierminister, auch er gehört dem nächsten Unterhaus nur an, wenn er als Abgeordneter persönlich gewählt wurde. Daher die größere personelle Flexibilität: Es ist leichter als hierzulande, eine politische Karriere zu beenden, weil sie nicht nur von Seilschaften, sondern vor allem von den Wählern abhängt. Wird er abgewählt, ist der Politiker aus dem Spiel und es entsteht Spielraum für neues Personal. Deshalb sind jahrzehntelange Karrieren nicht so häufig wie bei uns. Der zweite Unterschied betrifft den Umgang mit knappen Wahlergebnissen. Auf ein hung parliament kann nicht mit einer Großen Koalition reagiert werden. Die Idee wurde bisher noch gar nicht öffentlich diskutiert. Wahrscheinlich steht ihr die tiefe Spaltung in der britischen Klassengesellschaft entgegen: Labour plus Conservatives dürfte ziemlich unvorstellbar sein.
Adrienne Lafrance schreibt im Atlantic über eine Marktstudie des Meinungsforschungsinstituts Pew Research Center zur Entwicklung der Medien in den USA. Ein Viertel des gesamten Traffics im Web entfalle derzeit auf Facebook, während 61 Prozent der Werbeeinnahmen im Netz sich auf Facebook, Google, Microsoft, Yahoo und AOL verteilten, wobei Facebook wiederum seine Einnahmen in den vergangenen beiden Jahren verdoppelt habe. Auf mobilen Geräten gingen 37 Prozent aller Einnahmen an Facebook, während dort die Einnahmen um denselben Hebel stiegen, um den sie bei Desktop-Platzierungen abgenommen hätten. Die meisten Amerikaner läsen heute keine komplette Tageszeitung mehr, sondern begännen ihre Nachrichten-Lektüre mit Facebook und landeten von hier aus artikelweise auf verschiedenen Websites, wobei die absolut längste Verweildauer bei der New York Times im Januar 2015 bei 4,6 Minuten gelegen habe, währen der durchschnittliche Smartphone-Benutzer immerhin 42 Minuten pro Tag auf Facebook zugreife – das sind 20 Prozent der durchschnittlichen Online-Zeit insgesamt. Dementsprechend sei die Abhängigkeit anderer kommerzieller Websites von Facebook groß, sie erhielten von dort immer mehr Leser. Wieviele Nutzer wohin geleitet würden, hänge von dem Algorithmus ab, den Facebook für die Zusammensetzung ihrer Timelines zugrundelege. „Facebook is eating the Internet.“ (via Goldstein Report)
Die dominierende Rolle der vier großen Werbe- und Handels-Konzerne im Web – Google, Apple, Facebook, Amazon – „GAFA“ – hatte zuletzt auch Géopolitis aufgegriffen.
„Liebe Nutzerin, lieber Nutzer, mit diesem Schreiben wenden wir uns an Dropbox-Nutzer außerhalb der Vereinigten Staaten, Kanadas oder Mexikos. Wir haben unsere Allgemeinen Geschäftsbedingungen geändert, um Ihnen und der wachsenden Anzahl von Dropbox-Nutzern weltweit Rechnung zu tragen. Ab dem 1. Juni 2015 werden wir unsere Dienste Dropbox, Dropbox für Unternehmen, Carousel und Mailbox daher über Dropbox Irland anbieten.“ – Und tschüß. Ein Datensilo weniger, würde Jörg Kantel vermutlich dazu sagen. Als ich mein aktuelles System aufbaute, hatte ich nicht nur auf Flash verzichtet, sondern auch auf die Dropbox. Ich habe sie ein halbes Jahr lang nicht vermißt. Die Bestätigungsmail spricht Bände: „Diese E-Mail dient als Bestätigung dafür, dass Sie Ihr Dropbox-Konto gelöscht haben. Ihre Dateien befinden sich nicht mehr auf Dropbox, aber wir haben sie nicht von Ihren Computern entfernt.“ (sic!)
Ebenso wie Flash ist auch Google Chrome sozusagen eine Übergangstechnologie. Während ich aber schon vergangenes Jahr auf ein systemweites Flash verzichten konnte, brauche ich Google Chrome bisweilen weiterhin, um Videos auf Plattformen abspielen zu können, denen HTLM5 allein nicht ausreicht.
Bei einem der letzten Updates von Chrome wurde der Lesezeichen-Manager durch einen neuen ersetzt. Dabei wurde zwar die grundsätzliche Möglichkeit, Bookmarks ex- und importieren zu können, beibehalten. Der Austausch mit Safari und Firefox – jahrelang ohne Probleme – hakt aber seitdem erheblich, denn mit dem neuen Manager ist es nicht mehr möglich, sämtliche Bookmarks zu markieren und zu löschen, um sie komplett durch die Sammlung aus einem der anderen Browser zu ersetzen.
Abhilfe findet man ausgerechnet bei einem Fan des neuen Systems, der erklärt, wie man den neuen Manager einschaltet, falls er nicht schon standardmäßig vorhanden sein sollte. Umgekehrt kann man ihn glücklicherweise auf demselben Weg auch wieder abschalten: Eingabe von chrome://flags in der Adreßzeile, und in den daraufhin erscheinenden Einstellungen suche man nach allen Schlüsseln, die den Begriff „Lesezeichen“ enthalten – diese deaktivieren und Chrome neu starten. Damit hat der Spuk ein Ende, und alles ist wie früher.
Andreas Heinz von der Charité denkt nach über die Frage, was überhaupt eine psychische Erkrankung sei und wie moderne Therapie aussehen könnte (via Suhrkamp):
Barbara Taylor spricht in Late Night Live und bei 26 über ihre gerade erschienene Arbeit The last asylum. A memoir of madness in our time über das Ende des asylum, der großen psychiatrischen Klinik. Sie verarbeitet darin ihre eigene Krankengeschichte in Friern Hospital, in der sie wegen einer Angststörung unter anderem einundzwanzig Jahre in psychoanalytischer Therapie war – bis ihr Analytiker in Rente ging. Der historische Blick auf die Ereignisse eröffnet eine relativierende Perspektive auf die heute favorisierten therapeutischen Methoden, die keineswegs so „alternativlos“ sind, wie es häufig dargestellt wird („evidenzbasierte Medizin“): „Psychiatrists like my daughter are under a massive pressure just to keep handing out the pills.“ – „Yes, indeed. I mean, the real run-down here has been in psychotherapeutic services. The whole model on which therapy operates … We have cognitive behaviour therapy now which is a real 'patch 'em up and send them back out' kind of idea that's driving it. I'm not saying that can't be helpful for people. But the whole idea that mental illness is something that can be tackled through in-depth psychotherapeutic relationships and a supportive environment, a principle that underpinned a lot of post-war services, I mean, that's been swept away.“
Bei hypotheses.org entsteht derzeit ein Resilienz-Blog, in dem Mitglieder des bayerischen interdisziplinären Forschungsverbunds Fit for change ihre Working Papers und weitere Empfehlungen und Hinweise zum Thema vorstellen. Die ersten Veröffentlichungen sind aus wirtschaftswissenschaftlicher Sicht. More to come.