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Thunderbird löst sich von Mutter Mozilla III

In dem Zusammenhang sollte man auf einen weiteren Thread hinweisen, der sich gerade auf tb-planning ereignet hat. Es ging um die Frage, warum Thunderbird für den Mac so schlecht gepflegt werde. Einige Antworten hierzu aus der Diskussion:

  • Es gebe schon seit Jahren gar keinen bezahlten Thunderbird-Entwickler mehr für Apple;

  • der einzige Volunteer, der sich noch ein bißchen dafür interessierte, habe sich irgendwann mal auf eigene Kosten einen uralten Mac gekauft; das sei jetzt der einzige im Projekt, auf dem ab und an mal was ausprobiert werden könne;

  • Mac-Anwender trieben sich auch nicht auf den entsprechenden Bugtracker-Plattformen herum, so daß es weniger CCs zu den Issues gebe, woraus auf niedrige Priorität der entsprechenden Probleme geschlossen werde;

  • cross-compiling sei nicht mit cross-testen zu verwechseln...;

  • macOS sei sehr viel schwerer zu virtualisieren als Linux, ganz davon abgesehen, daß die Lizenz den Einsatz auf Nicht-Macs untersage;

  • es gebe ja sowieso so wenige Mac-Anwender, die die Software einsetzten, also sei es nicht angezeigt, zuviel Arbeit in die Plattform zu investieren – wenn da mal nicht Ursache und Wirkung verwechselt werden.

Fazit:

It's actually amazing that Thunderbird on Mac still works, considering we have nobody to fix it when it breaks.

Und wenn jetzt jemand sagt: Ja, so ist das bei Thunderbird – möge er einen Blick auf LibreOffice werfen:

Die meisten macOS bugs werden aktuell eher über mindestens drei oder mehr Branchen rumgeschleppt, bevor sie beseitigt werden.

The Right to Repair

Jerri-Lynn Scofield beschreibt bei naked capitalism den Widerstand einiger Hersteller gegen den Fair Repair Act, der zurzeit in New York und zehn weiteren US-Staaten beraten wird. Darunter sind – natürlich – an erster Stelle Apple, aber auch die Unternehmen Verizon, Toyota, Lexmark, Caterpillar, Asurion und Medtronic (letzterer ist u.a. im Diabetes-Geschäft tätig und stellt Insulinpumpen und Blutzuckermeßgeräte her). Sie betreiben derzeit eine umfangreiche Lobbyarbeit.

Das Gesetz, gegen das man sich hier so vehement stellt, soll die Hersteller vor allem zu einer angemessen langen Versorgung ihrer Endkunden mit Ersatzteilen und entsprechenden Schaltungsplänen und Manuals verpflichten, damit man ein Gerät im Schadensfall auch von einer unabhängigen Werkstatt instandsetzen lassen kann. Apple stellt Ersatzteile nur eine bestimmte Zeit zur Verfügung. Meist ist schon nach drei, spätestens aber nach fünf Jahren Schluß mit dem Service, zumal die Teile nur an zugelassene Service Provider abgegeben werden. Viele Bauteile sind auch gar nicht austauschbar.

Interessant an dem Blogpost ist darüberhinaus zweierlei: Zum einen der weitere Hinweis, wonach sich das Vorgehen von Apple vollständig gewandelt habe, von dem einstigen Vorreiter zu einer Firma, die sogar ihre eigenen Innovationen wie den MagSafe-Netzteil-Stecker wieder zurücknimmt und damit komparative Vorteile gegenüber den Wettbewerbern ohne Not aufgibt. Das Ziel sei derzeit nur noch Märkte, die bisher noch unterdurchschnittlich mit den eigenen Produkten versehen sind, zu erobern – derzeit etwa Indien, wo erst etwa ein Drittel der Handy-Benutzer Smartphones haben. Deshalb wurde gerade ein Teil der iPhone-Fertigung aus China dorthin verlagert. Zum anderen ist die Auswahl der verlinkten Belege, auf die sich der Beitrag bezieht, bemerkenswert, denn sie ist Ausweis der weit entwickelten amerikanischen Blog- und Online-Magazin-Szene, die auch weiterhin abseits der Suchmaschinen und der Sozialen Netzwerke dicht vernetzt ist und kritische Informationen und Meinungen transportiert. Während die Blogs hierzulande schon wieder abgeebbt sind und durch Kommerzialisierung vor allem einen lebendigen Eindruck von den Grenzen der Aufklärung in der Kulturindustrie bieten.

Europas fatale Abhängigkeit von Microsoft

Investigate Europe ist ein journalistisches Netzwerk, das von der Hans Böckler Stiftung, Fritt Ord, der Rudolf-Augstein-Stiftung und der Open Society Initiative for Europe finanziert wird und, wie der Name schon sagt, investigativ arbeitet. Mitarbeiter ist unter anderem Harald Schumann, der 1996 zusammen mit Hans-Peter Martin Die Globalisierungsfalle veröffentlicht hatte.

Der jüngste Beitrag der Gruppe droht derzeit etwas unterzugehen, deshalb sei auf ihn hingewiesen. Investigate Europe hat sich mit der Abhängigkeit der europäischen öffentlichen Verwaltungen von Microsoft beschäftigt. Die deutsche Fassung des Beitrags ist beim Tagesspiegel erschienen. Das Thema ist besonders aktuell angesichts der WannaCry-Attacke an diesem Wochenende (via TNW via Martin Steiger).

  • Schumann, Harald und Elisa Simantke. 2017. Europas fatale Abhängigkeit von Microsoft. Tagesspiegel. 13. Mai. www.tagesspiegel.de (zugegriffen: 14. Mai 2017).

Thunderbird löst sich von Mutter Mozilla II

Im weiteren Verlauf der Diskussion geht es nicht mehr um technische, sondern um soziale Fragen des Neubaus von Thunderbird: Soll man wirklich ganz neu beginnen oder sich lieber einem anderen Projekt anschließen? Und welches wäre die richtige Lizenz – GPL, Mozilla, MIT oder BSD? Es besteht eine gewisse Chance, den Schwung der vergangenen Wochen aufs Spiel zu setzen, indem man die Unterschiede zu stark betont und sich auseinanderlebt. Sieht nicht gut aus soweit.

Fixing Thunderbird 52.0

Das gestrige Update auf Thunderbird 52.0 war eine erste bittere Pille mit entsprechenden Nebenwirkungen:

  • Aus dem Client heraus konnten danach keine Weblinks mehr geöffnet werden. Abhilfe verspricht das Löschen der Dateien places.sqlite, places.sqlite.corrupt, places.sqlite-shm und places.sqlite-wal im Benutzerprofil.

  • Außerdem funktioniert das Add-on MoreFunctionsForAddressbook nicht mehr. Das wollte man mal haben, um eine korrekte Unterstützung von vCard und eine bessere Sortierbarkeit des Adreßbuchs nachzurüsten. Nun hat es ausgedient und legt stattdessen die Adreßvervollständigung lahm – ein weiteres Feature, in das die Erweiterung eingreift. Man muß es daher deaktivieren.

Meine Prognose wäre, daß Thunderbird durch die Umbauarbeiten in der nächsten Zeit zu einer Dauerbaustelle werden wird. Ja, ich kann die Leute verstehen, die auf ihre Mail nur noch übers Webinterface des Providers zugreifen. Und nein, ich möchte meinen Workflow, nicht ändern…

Thunderbird löst sich von Mutter Mozilla

Sehr lesenswert derzeit: Die Diskussion um die Ablösung von Thunderbird von Mozilla Firefox auf der moderierten Mailingliste tb-planning. Firefox wird ab dem Herbst Add-ons in XUL nicht mehr unterstützen, sondern ausschließlich auf Web Extensions setzen (davon abgesehen gibts noch einen neuen Skin, der größtenteils von Google Chrome abgekupfert ist).

Nachdem alles, was sowohl Firefox als auch Thunderbird als Tool für die tägliche Arbeit auch weiterhin wirklich interessant macht, in Erweiterungen outgesourct worden war, ist so eine Veränderung natürlich ein Riesenproblem, denn viele Entwickler haben schon angekündigt, daß der Neuschrieb ihres Add-ons für sie zu aufwendig würde. Zur Erinnerung: Thunderbird ist bis heute an vielen wichtigen Stellen so rudimentär und vorläufig geblieben, daß weder die Anordnung der Konten noch der Ordner in der Liste zuverlässig funktioniert, wenn man dazu nicht die Erweiterung Manually sort folders installiert – und selbst dann kann es Ungereimtheiten und Probleme geben. Auch mehrere E-Mail-Signaturen kann der Client nur mit der Erweiterung Signature Switch handhaben. Vom Adreßbuch, das erst mit MoreFunctionsForAdressBook wirklich brauchbar wird, ganz zu schweigen. (Allerdings steht natürlich auch eine vollwertige Unterstützung fürs Arbeiten in Esperanto zur Verfügung – aber das nur am Rande).

Die Mutter Mozilla hatte bereits 2012 bekanntgegeben, daß man sich aus der aktiven Entwicklung zurückziehe. Seitdem verschwand der Mail-Client von der Startseite von Mozilla, und es gab nur noch regelmäßige Bugfixes und einige kleinere Veränderungen der Oberfläche, aber keine neuen Features mehr. Drei Jahre später gabs den zweiten Tritt von Mozilla-Chefin Mitchell Baker, die sich für die Trennung des Thunderbird-Projekts von Firefox aussprach, weil es das Voranbringen des Webbrowsers zu sehr behindere, weiterhin Rücksicht auf den Mail-Client zu nehmen.

Außerdem benutzen immer weniger, die überhaupt noch E-Mail verwenden, einen Mail-Client und weichen auf die Web-Oberflächen der Mail-Provider aus. Der Thunderbird-Support weiß von verwunderten Benutzeranfragen zu berichten, warum Thunderbird kein eigenes Konto bereitstelle, das sei man von den anderen Providern, die man bisher im Webbrowser benutzt habe, so gewöhnt gewesen…

Seitdem hält ein tapferes Team von Thunderbird-Entwicklern, das mitunter an das bekannte kleine gallische Dorf erinnert, den Quellcode am Leben und sorgt dafür, daß bei dem geschwinden Voranschreiten des Feuerfuchses der Donnervogel auch weiterhin überhaupt noch kompiliert werden kann. Die Diskussion im Heise-Forum Anfang dieses Jahres zeigte: Wir befinden uns technisch, personell und wohl auch, was die sonstigen Ressourcen angeht, in jeder Hinsicht am Limit. Und so nimmt es nicht wunder, daß die Einführung in das MozillaZine-Forum zu Thunderbird überschrieben ist: Is Thunderbird dead and other FAQ.

Thunderbird möchte in der nächsten Zeit zweierlei angehen: Sein Image-Problem (so gut wie scheintot zu sein, trotz einer deutlich achtstelligen Zahl von aktiven Installationen weltweit) und die durch die Abkoppelung von Firefox ab Ende 2017 notwendig gewordene Trennung der Codebasis vom einstigen Mutterprojekt. Ben Bucksch schlägt vor, Thunderbird in JavaScript neu zu schreiben und dabei den alten Client so gut wie möglich nachzubauen. Dafür veranschlagt er insgesamt ungefähr drei Jahre. Wir sprechen uns also wieder im Jahr 2020.

In der darauffolgenden Diskussion, die noch andauert, wurde schnell klar, daß es damit nicht getan sein wird. Auch das Portal für Add-ons, das sich Thunderbird bisher mit Firefox geteilt hatte, wäre zu klonen, zu sichten, kräftig auszumisten und anzupassen, denn dort sammeln sich inzwischen die Karteileichen, die nur noch mit längst veralteten Versionen funktioniert hatten, aber heute schon nicht mehr aktuell sind. Man wird also auch einen eigenen Review- und QS-Prozeß brauchen.

Daneben ist wohl eine Werbe- und PR-Kampagne angedacht, um das etwas angestaubte Image des E-Mail-Clients wieder aufleben zu lassen – der letzten Post im Thunderbird-Blog datiert vom Dezember 2015.

Nachdem ich jahrelang auf dem Mac ausschließlich mit Apple-Produkten gesurft und gemailt hatte, war ich in den beiden letzten Jahren sukzessive zu Tor-Browser, Firefox ESR und Thunderbird zurückgekehrt und finde dort eine Umgebung vor, die im wesentlichen immer noch derjenigen entspricht, die ich Mitte der 1990er Jahre auf meinem ersten richtigen Computer, einer AIX-Workstation an der Uni, im Netscape 3 kennengelernt hatte. Diese Tools sind für mich so unverzichtbar wie Emacs, LaTeX – und mit etwas Abstand auch LibreOffice. Insoweit wünsche ich natürlich auch den Mozilla-Produkten und ihren Nachfolgern ein langes Leben…

Sic transit gloria mono

Nur noch 60 Tage bis zur Buchmesse! meldet mir die Propaganda derselben. Die jährliche Bestandsaufnahme, the annual jamboree steht wieder bevor im Oktober. Ihr naht Euch wieder, schwankende Gestalten. Wie ist es also bestellt um die Verlage und das ganze Drumherum?

In der Arno-Schmidt-Mailingliste sickerte gerade durch, daß die traditionsreiche Reihe der rororo-Monographien ziemlich unbemerkt eingestellt worden sei. Was bleibt, sind demnach Restbestände.

Es war eigentlich absehbar, daß die monos irgendwann ganz verschwinden werden, denn unsere Bibliotheken bieten uns so viele biographische und literarische Informationen online, daß es eigentlich keinen Grund mehr gibt, sich noch eine mono zuzulegen. Sie liefen auch in den Bibliotheken nicht mehr gut, unsere Stadtbibliothek hat sie zunehmend ausgemuster. Vor etwa acht Jahren (?) verschwanden sie aus den Frankfurter Buchhandlungen, vor etwa zwei Jahren auch aus den Bahnhofsbuchhandlungen.

Der Verlag denke über eine Verwertung als E-Book nach, hört man. Aber ohne Bilder. rororo-monos ohne Bilder. Die mono als ein unbebildertes E-Book bliebe nicht nur weit hinter dem zurück, was technisch seit geraumer Zeit schon mit EPUB3 möglich wäre, es wäre auch sonst eine Bankrotterklärung, denn an die Stelle einer ordentlichen Backlist träte damit eine bloße Resteverwertung, ein digitaler Ramschtisch, der nach allem, was ich gerade aus der Diskussion der letzten Tage entnommen habe, zudem noch ganz lieblos bereitet würde.

Denn die monos waren aus drei Gründen attraktiv: Sie waren sorgfältig recherchiert (von Autoren, die ihr Sujet beherrschten), gut und interessant bebildert und zudem angenehm zu lesen. Wenn eines dieser Elemente wegfiele (die Bebilderung), ist fraglich, ob der reine Text noch trägt. Ich fürchte, nein. Ich verstehe auch nicht, warum man die Bildrechte nicht für das E-Book erwirbt und damit ein funktionierendes Konzept zerstört. Munzinger und Brockhaus und Kindler sind – zumindest bei uns im Rhein-Main-Gebiet – online allgemein verfügbar. Und den Rest besorgt Wikipedia: it’s free. And free trumps quality all the time.

Die Verlage haben den Schlag noch nicht gehört. Sie müssen sich schon etwas einfallen lassen, wenn sie weiterhin für Autoren attraktiv bleiben wollen. Sie haben die Gatekeeper-Rolle schon lange verloren. Ich glaube, das ist den meisten Verlegern noch gar nicht bewußt geworden. Wenn ich die Wahl habe, gehe ich doch schon heute den Weg über den Selbstverlag. Und in diesem Fall: Ohne Bilder kann jeder. Ob man damit etwas einnimmt, steht freilich auf einem anderen Blatt.

Und was die Herstellung angeht: Mit Pandoc ist es nun wirklich kein Hexenwerk mehr, einen Text in viele verschiedene Zielformate zu konvertieren. Dazu braucht man weder einen Mediengestalter noch eines der völlig überteuerten Adobe-Programme. Entsprechende Dienstleister bieten schon seit langem auch Lösungen auf Basis von XSL/XML/LaTeX an. Wer näheres erfahren möchte, möge sich auf der Frankfurter Buchmesse im Oktober mal in der Halle 4.2 umtun und die Vorträge besuchen.

Auf dem Olymp

Die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro sind nach denjenigen in London vor vier Jahren die zweiten, die ich rein online erlebe. ARD und ZDF senden abwechselnd rund um die Uhr. Da die Wettbewerbe aber parallel stattfinden, muß die Regie auswählen. Man schaltet hin und her, Übertragungen brechen mittendrin ab. Deshalb schaue ich mir das lineare Programm nicht mehr an, sondern weiche auf die Livestreams der Wettbewerbe aus. In London bediente ich mich auf der Website der Eurovision direkt, aus Rio reicht mir das, was die ARD auf sportschau.de anbietet. So sah ich am Wochenende das Tennisspiel Kerber/Puig und den Frauen-Marathon komplett. Für anderes gibt es Videoclips ebenda.

Die NZZ (17. August 2016, S. 1, 11) macht mit der Meldung auf, die Einschaltquoten im wichtigsten Fernsehmarkt seien „eingebrochen“: Der Zuschauerrückgang bei NBC bewege sich um 15 Prozent unter dem Vorjahr, bei den jüngeren Nutzern sogar bei 30 Prozent. Es heißt, diese Zuschauer seien zu Online abgewandert, aber für deren Nutzung werden wiederum keine Zahlen genannt.

In Zukunft soll alles anders werden: Das IOK hat einen eigenen Fernsehkanal gegründet, und die Rechte für die nächsten Winterspiele 2018 im südkoreanischen Pyeongchang sollen nicht mehr an die europäischen öffentlich-rechtlichen Anstalten, sondern an Eurosport gehen. Raider heißt jetzt also Twix, und die Content-Mauer betrifft nicht nur den Buchmarkt, sondern auch die Multimedia-Kanäle.

Stell Dir vor, sie streamen, und keiner schaut hin. Wenn es in dem NZZ-Kommentar heißt, auch angesichts des nachlassenden Interesses seien bei NBC immer noch Werbeclips für 1,2 Milliarden Dollar verkauft worden, 30 Millionen mehr als bei den Spielen in London, fragt man sich doch, wer da eigentlich wofür noch bezahlt hat? Die alte Medienwelt liegt im Sterben, und die Lemminge, die gestern ferngesehen haben, strömen heute zu den nächsten Vermarktern, um Menschen dabei zuzusehen, wie sie ihre Gesundheit ruinieren. Eurosport bietet derzeit eine App an für 7 Euro pro Monat. Und nebenan bloggt Jens Weinreich aus Rio. Noch immer frei lesbar (lesen!), aber in der Spalte links auch mit einigen Zusatzangeboten, die man kaufen kann. Das politische Rahmenprogramm bietet derweil das Neue Deutschland im E-Paper über die Onleihe und berichtet zum Beispiel ausführlich über Puerto Rico, wenn Puig gegen Kerber gewinnt. Das liest man bei keinem anderen „Anbieter“.

Wahrscheinlich ist Eurosport auch deshalb beim IOK besser gelitten als die ARD, weil die Privaten weniger über Doping berichten. Sehr viel weniger. Denn das ist schlecht fürs Geschäft. Und es bestand ein Interesse daran, daß Geld hereinkam, schrieb der große Dichter damals schon. Wenn auch in einem anderen Zusammenhang.

Aufschlußreich, übrigens, der Vergleich zwischen den Ländermedien: Briten schreiben über britische Sportler, Franzosen über französische, Niederländer über niederländische. Und Deutsche über deutsche. Niemand hat das Ganze im Blick.

Gesetzliches Verbot von AdBlockern?

Ziemlich unbemerkt bereiten die Bundes- und die Länderregierungen in Deutschland offenbar ein Verbot von AdBlockern vor. So scheint es zumindest, wenn man den Bericht der „Bund-Länder-Kommission zur Medienkonvergenz“ liest, der vorgestern veröffentlicht wurde. Deren „AG Kartellrecht/Vielfaltsicherung“ kam auf Seite 21f. zu dem Ergebnis:

„Die AG sieht das Geschäftsmodell von Ad-Blockern als rechtlich und mit Blick auf die Refinanzierung journalistisch-redaktioneller Angebote auch medienpolitisch als problematisch an. Sie hält daher die Prüfung gesetzlicher Regelungen für erforderlich. … Bei der Thematik Ad-Blocker ist eine zeitnahe Prüfung durch den Bund und die Länder erforderlich, ob im Hinblick auf die wirtschaftlichen Auswirkungen und damit verbundenen medienpolitischen Risiken ggf. eine gesetzliche Flankierung geboten ist.“

Auffällig ist, daß sich die Kommission nur mit den Interessen der Werbewirtschaft und der Verlage sowie des Rundfunks beschäftigt hat. Es ist nicht ersichtlich, ob auch Datenschützer beteiligt worden sind.

Bei der letzten re:publica hatten Frank Rieger und Thorsten Schröder zudem darauf hingewiesen, daß von Online-Werbung ein erhebliches Sicherheitsrisiko ausgehe. Die Inhalte würden nicht von den Werbetreibenden geprüft und könnten Malware enthalten. Sie empfahlen deshalb die Verwendung von AdBlockern zusätzlich zu sonstigen Vorkehrungen, um das eigene System bei der Nutzung des Internets zu schützen.

Das Hans-Bredow-Institut kam gerade zu dem Ergebnis, daß derzeit ein Viertel der Internetnutzer in Deutschland AdBlocker verwende. Unter den jüngeren Nutzern sei es etwa die Hälfte. Mehr als die Hälfte empfinde Online-Werbung außerdem als „lästig“.

(via Privacy-Handbuch)

Entdeckung hinter dem Haus XV

Früher gab es bei uns in der Stadt drei Buchhandlungen und eine ganze Reihe weiterer Geschäfte, die ebenfalls ein kleines Angebot an Büchern vorhielten – meist waren es kleine Schreibwaren- oder Spielzeuggeschäfte. Eine Buchhandlung war auf der Hauptstraße gelegen. Es gibt sie noch heute, nach einem Umzug ist sie sogar etwas günstiger zu erreichen als damals. Eine der beiden Buchhandlungen im Einkaufszentrum schloß vor langer Zeit schon. „Wenn ich wieder eröffne, schreie ich“, schrieb der Buchhändler damals auf einen Karton, den er zum Abschied hinter die Fensterscheibe geklebt hatte. Die andere Buchhandlung wechselte den Besitzer. Erst wurde die Kette moderner ausgestattet, man ging in die Fläche, vergrößerte das Angebot. Dann wurde der Laden übernommen von einem noch größeren Händler. Dann von einem noch viel größeren, der später aber ebenfalls in eine Krise kam, die mittlerweile überwunden scheint. Dann wurde das Einkaufszentrum umgebaut; der Laden zog damals in einen anderen Teil des Zentrums, später wechselte wieder der Name des Geschäfts.

Ich kam schon längere Zeit nicht mehr dort vorbei. Aber heute nachmittag mal wieder. Und, siehe da, der Laden war erneut umgezogen, diesmal hatte man sich verkleinert, gleich nebenan zu finden, ungefähr ein viertel des bisherigen Sortiments und der dazu erforderlichen Fläche. So klein wie noch nie. Die Aufteilung des Angebots: Am Eingang die Spiegel-Bestsellerliste und ein Tisch mit billigen Mängelexemplaren, dann ging es weiter mit „Spannung“, Kinderbüchern, Kochen und Lebensberatung, Sachbuch, in der Mitte ein paar CDs mit Hörbüchern und ein paar Geschenkartikel, die mit Büchern überhaupt nichts zu tun haben. Auf ein paar Sesseln saßen ein paar Leute, die etwas lustlos in Bildbänden blätterten. Nebenan quengelte ein Kind an der Hand seiner Oma. Ich fand nichts, was auf mein Interesse gestoßen wäre, und verließ das Geschäft wieder. Beim Hinausgehen fällt mein Blick am Eingang seitlich auf ein Schild mit dem Hinweis, „im Internet“ gebe es noch viel mehr Bücher zu kaufen, und zwar rund um die Uhr und unter derselben Marke, mit der nun auch dieser Laden versehen ist. Wehwehweh.

Mozilla II

Das Interesse an Thunderbird schwindet immer mehr. Vom 15. April datiert eine Meldung auf MacGadget (sic) über die Veröffentlichung von Thunderbird 45. Gestern traf dann die Mail von Bürgert-CERT ein, und heute bringt der Schockwellenreiter einen Hinweis. Die üblichen Technik-Portale, die ansonsten jeden Pieps von Microsoft oder Apple transportieren, schweigen sich aus.

Nachdenken über Sci Hub

Auf der Mailingliste Inetbib ist am Wochenende ein Beitrag über Sci Hub aus Archivalia kontrovers diskutiert worden. Klaus Graf hatte darin der derzeitigen Stand zum Verhältnis von Fernleihe und Open Access zusammengefaßt und dabei auch Portale einbezogen, die weitergehen, als nur Open-Access-Papiere im Rahmen der jeweiligen Lizenz weiterzuverteilen. Repositorien gibt es viele. Sci Hub bietet, wenn ich es richtig verstanden habe, so gut wie alles an, was im Format PDF daherkommt und nicht bei drei auf den Bäumen ist, ohne sich dabei um das Urheberrecht der Autoren und die davon abgeleiteten Verwertungsrechte von Verlagen zu kümmern.

Die Fernleihe, die von den Verlegern immer wieder gern gegen die Zeitschriftenkrise angeführt wird, sei, so Klaus Graf in seinem Beitrag, zumindest in ihrer nordamerikanischen Spielart ILL, nicht attraktiv genug und könne das Unvermögen der chronisch unterfinanzierten Bibliotheken, die Informationsflut zu den Lesern zu bringen, langfristig nicht ausgleichen. Zudem würde sie hierzulande subventioniert – das seien Kosten, die man genaugenommen mit einbeziehen müsse, wenn man ausrechne, wieviel Open Access den Steuerzahler letztlich koste. Wenn alle Wissenschaft Open Access wäre, entfielen auch diese Kosten, und allen wäre gedient. Bis es aber soweit sei, so könnte man es auf den Punkt bringen, müsse man wohl mit grauen Portalen wie Sci Hub leben. Und: Mit Sci Hub ist es wie mit dem Leben: Genießen wir es, solange es geht.

So dauerte es dann auch nicht lange, bis ein Listenteilnehmer den Vorwurf erhob, das sei im Grunde genommen eine Aufforderung, massenhaft Rechtsbruch zu begehen. Er genieße an seinem Leben, dass er aufrecht gehen kann und sich nicht wie ein Dieb wegschleichen müsse. Dagegen erhob sich substantiierter Widerspruch, zumal der damit angegriffene Blogpost mehrfach die Unrechtmäßigkeit der diversen Schattenbibliotheken betont.

Man kann die Diskussion als eine Fallstudie lesen, sowohl auf die Lage der Literaturversorgung als auch auf die Entwicklung des Netzes.

Die vorgenannten Kommentare liefen auf einer Mailingliste ein, der größten bibliothekarischen Liste im deutschsprachigen Raum zwar, aber auf einer Liste, die doch sehr viel enger daherkommt als die Öffentlichkeit, die die Archivalia finden – das Blog ist darüberhinaus für viele lesenswert, auch abseits der Bibliotheksszene. Es gab Widerspruch, aber nicht im Web 2.0, also in den Blogkommentaren, sondern in dem alten Medium der Mailingliste, in deren Archiv man das also nachlesen kann. Und zwar, weil der Blogpost von seinem Autor auch dort angekündigt worden war. Darin wird die fortwährende Fragmentierung der Datennetze deutlich. Zwar hatte Geert Lovink schon 2008, auf dem Höhepunkt des Blog-Booms, in seinem „Berliner“ Buch Zero Comments das Ausbleiben der Kommentare bemerkt. Sie sind aber auch nicht an einen neuen Ort „umgezogen“. Diskutiert wird in Diskutiermedien, und das sind weiterhin Mailinglisten. Jede Nachricht wird an die Teilnehmer persönlich versandt und zugestellt. Twitter spielte bei der Verbreitung des Posts eine gewisse Rolle, so gelangte der Beitrag auf Rivva; dort werden bisher aber nur drei Blogs erwähnt, die das Thema aufgegriffen haben – auch bei ihnen wurde bisher nicht kommentiert.

Man kann diese Diskussionsmüdigkeit im Web 2.0 mit mehreren Trends in Beziehung bringen: mit dem Ekel vor dem Netz im Zuge der Snowden-Affäre, aber auch mit dem allgemeinen Rückzug aus dem Netz infolge der Shitstorms, der Online-Kampagnen und der sonstigen nervtötenden Begleiterscheinungen. Die Blütezeiten des Netzes sind vorbei. Das Pendel schwingt in die andere Richtung, und die Gruppen der Intensivnutzer und der Zurückhaltenden scheiden sich immer deutlicher.

Zum anderen greift Archivalia aber auch einen sehr wesentlichen Trend auf, den man aufmerksam beobachten sollte. Denn Portale wie Sci Hub, von einer Studentin gegründet, und sonstige schwarze Kanäle verweisen auf die Einstellung der Menschen zum Recht.

Wenn es heißt, Sci Hub sei unrechtmäßig, so ist das wahrscheinlich richtig. Aber diese Wertung trifft auf eine Generation, der die Quellen, aus denen sie schöpft, egal geworden sind – und zwar gerade auch im Angesicht der allgemeinen Überwachung. Es wäre aus technischer Sicht überhaupt kein Problem, sie zu stellen, das hat man bei der Verfolgung der Software- und Musik-„Piraterie“ gesehen. Aber vielleicht wird es dazu bei der Literaturversorgung gar nicht kommen, denn die Verlage rudern ja schon lange zurück, etwa indem das „harte DRM“ bei E-Books zunehmend fallengelassen und durch bloße Wasserzeichen ersetzt wird. Den Rest besorgte bei der Musik der Übergang von Download zu Streaming. Dazu wird es auch hier immer mehr kommen. Gerade deswegen muten ja der PDF- und EPUB-Download bei der Onleihe und der Versuch des Marketings der Süddeutschen Zeitung so retro an, im Zuge ihrer Panama-Papers-Kampagne Abonnenten für ihr E-Paper zu gewinnen. Der direkte Zugriff auf Daten aus dem Web und die Flatrate sind die Zukunft, und zwar nicht die Flatrate für eine Zeitung oder Zeitschrift, sondern für so etwas wie Sci Hub, wo man alles aus einer Quelle bekommt. So wie man ja auch bei Google irgendwie alles finden kann. So nehmen die meisten Menschen eben das Internet wahr: Alles aus einer Hand. Verteilte Lösungen schwinden, zentralisierte wachsen. Ein Paradoxon im fragmentierten Netz mit seinen fragmentierten Öffentlichkeiten. Am Ende finden sie sich alle an einen Knoten im Netz wieder. Im Bibliothekswesen überschneidet sich das mit der Erzählung von der Bibliothek von Babel, die am Ende die ganze Welt ist. Und wenn die Verlage das nicht von sich aus einsehen und sich für die Vermarktung zusammentun, werden die Benutzer das eben ganz pragmatisch auf andere Weise herbeiführen.

Am Ende wurde die Pirate Bay kommerzialisiert und aus dem Reich der Schattenwirtschaft ins helle Licht geführt – bevor sie schließlich aus dem allgemeinen Bewußtsein verschwand. Heute kennt sie keiner mehr. So wird es auch mit Sci Hub und Co. kommen. Bloß die Fernleihe, die wird es ganz sicherlich auch neben der normalen Ausleihe und dem Verkauf von Texten weiterhin geben, und das würde ich doch auch hoffen.

Denn eine Welt mit 100-prozentigem Open Access ist wahrscheinlich nicht erreichbar. Und das liegt einfach daran, daß es mehr Prestige mit sich bringt, bei einem externen Verlag zu publizieren als auf dem OA-Server der universitätseigenen Unibibliothek. Nur der Dritte kann die Gewähr dafür bieten, daß der Autor und sein Text ausgewählt worden sind, dort zu erscheinen. Auch wenn das Lektorat mittlerweile vielfach ausfällt: Do-it-yourself und Selfpublishing werden nicht für alle Zwecke und auch nicht für alle Fächer eine gangbare Lösung sein. Bei den Juristen wird jedenfalls weiter ganz viel gedruckt. Es ist kein Zufall, daß sich die Konstanzer Juristen gerade gegen eine Verpflichtung zur Zweitveröffentlichung ihrer Texte gewandt haben. Und auch dieser Bedarf will weiterhin über Bibliotheken verteilt sein. Nur sie können sowohl eine Infrastruktur für proprietäre als auch für offene Medien organisieren und betreiben. Mit der Fernleihe auch ortsübergreifend.

Ob das eine billiger als das andere sein wird, ist am Ende übrigens geschenkt, denn beides wird nebeneinander bestehen. Das Verlagsprodukt wird man ebensowenig verdrängen können wie den Open Access. Die Autoren wie die Benutzer haben sich darauf eingestellt.

Entdeckung hinter dem Haus XIII

Ein kurzes Update: Die kritische Reflexion der Panama Papers findet in den sogenannten Leitmedien weiterhin nicht statt. Stattdessen in den Blogs, etwa durch Jens Berger oder Wolfgang Michal. Er weist auch darauf hin, daß es einen Vorläufer gab, nämlich eine Geschichte über die gleiche panamaische Firma von Ken Silverstein, 2014 in Vice veröffentlicht. Und die Fragen nach der Finanzierung und den Interessen hinter dem Scoop werden drängender. Diese Kritik wird vom Mainstream weiterhin nicht aufgegriffen. Die Medienmaschine läuft, als wäre nichts gewesen. Das Drehbuch wird abgearbeitet, und alle machen mit. Und jetzt ist erstmal Wochenende. Wenn es so weitergeht, werden die Panama-Papiere einen ähnlichen Weg nehmen wie einst die Tagebücher-Story des Stern.

Entdeckung hinter dem Haus XII

Die kritischen Anmerkungen an der Panama-Papers-Kampagne der Massenmedien reißen nicht ab. Der Corporate-Blogger Michael Firnkes fragt: Und wer kontrolliert den Datenjournalismus? Er zählt eine Reihe von Unwägbarkeiten bei dieser investigativen Arbeitsweise auf und endet: Normalerweise bräuchte jeder Verlag, jeder Medienschaffende eine oder mehrere unabhängige Instanzen, welche die Ergebnisse und die Folgeerscheinungen des Datenjournalismus kontrollieren und monitoren. Das ist aber angesichts der Geheimniskrämerei um die Daten, aufgrund deren der Hype erfolgt, nicht möglich. Die Unterlagen sollen auch nicht an die Staatsanwaltschaft gegeben werden, um Strafermittlungen anzustoßen. So stellt es sich die Süddeutsche Zeitung jedenfalls vor: Der Perlentaucher schreibt – wenn auch mit nichtzutreffender Quelle –, man fühle sich dort nicht als der verlängerte Arm der Staatsanwaltschaft. Als was aber dann? Alles also doch nicht so ernst gemeint? Und Ronen Palan bemerkt im Verfassungsblog, er habe bisher nichts Neues gelesen, was ihm nicht vorher schon bekannt gewesen wäre. So, what?

Das gewünschte Ergebnis ist erreicht: Die Nachrichten und die Sozialen Netzwerke werden auf Wochen hinaus mit dem Thema gefüllt sein. Ein bißchen Wind im Social Web ist günstig zu haben. Man kann das buchen. Bis in den privaten Raum hinein, greift das Thema um sich. Und da der Umfang der Nachrichten in den Massenmedien ein Nullsummenspiel ist – die Tagesschau hat jeden Abend nur 15 Minuten –, geht das auf Kosten sehr viel wichtigerer Themen, die schon jetzt viel zu kurz kommen. Die Initiative Nachrichtenaufklärung veröffentlicht jedes Jahr die Top-Themen, für die man sich eine angemessene Berichterstattung gewünscht hätte. Sie kommen damit noch kürzer. Ehrenwert wäre es gewesen, hunderte Leute dranzusetzen, wenn es um die nächste Hartz-IV-Reform und die Frage ginge, wie die armen Leute immer noch ärmer gemacht werden. Oder wie AfD und Pegida finanziert werden.

Es geht der SZ und den anderen Medien, die sich dieser Kampagne angeschlossen haben, nicht ums Thema, sondern um Werbung und PR in eigener Sache – und alle machen mit. So entsteht eine Neuauflage von Settings, die in den 1980er Jahren noch in Seifenopern wie Dallas oder Denver Clan daherkamen. Man soll sich also über die Machenschaften der Reichen aufregen, kann daran aber selbst nichts ändern. Die bunten Zeichnungen in der Zeitung zeigen es: Putin gibt diesmal den J.R. Ewing. So werden die Bürger am Ende nur abgelenkt von den Dingen, an denen sie tatsächlich politische Selbstwirksamkeit erleben könnten. Bei den Römerberggesprächen hatte Wilhelm Heitmeyer 2011 auf die Frage hin, wie man die Demokratie stärken könne, empfohlen, gerade diese Selbstwirksamkeit zu stärken, und zwar im möglichst kleinen Rahmen: Ich habe etwas Konkretes bewirkt durch die Stimmabgabe, durch mein politisches Engagement. Aber hier wird ausschließlich Ohnmacht deutlich. Es fängt bei der fehlenden Möglichkeit an, all das zu überprüfen, was in den Berichten erzählt wird, und es geht bei der fehlenden Möglichkeit einzugreifen weiter. Das lähmt, statt zu mobilisieren. Und es bedient nur alte Feindbilder.

Und das ist schlechter Journalismus, der mit einer riesigen PR- und Social-Media-Kampagne daherkommt, der nicht selbst Fragen nach seiner Finanzierung stellt. Der wichtigere Themen verdrängt, um sich selbst als Aufklärer zu inszenieren, obwohl dabei nur eine Show entsteht, die am Ende Desinformation bewirkt. Die Zweifel überwiegen deutlich. Der große Hype, der demonstrieren sollte, wozu die Presse doch noch gebraucht werde, kehrt sich ins Gegenteil: So eine Presse, die sich vor allem selbst in Szene setzt und die von den politischen Themen, die in den letzten Wochen bestimmend waren, möglichst wirksam ablenkt, braucht tatsächlich niemand.

Entdeckung hinter dem Haus XI

Während die Zeitungen und der öffentlich-rechtliche Rundfunk nur über die Panama Papers schreiben, statt sie selbst zu veröffentlichen (wer das wollte, hätte zu Wikileaks gehen müssen), ist das Web schnell mit kritischen Anmerkungen, sehr schnell sogar.

Man darf gespannt sein, ob aus der Information nicht doch am Ende ein Desinformationsprojekt wird. Was ist eigentlich passiert? Wo liegen die Probleme? Was sind die Folgen? Was sind die Rechtsfolgen? Die bisherigen Veröffentlichungen scheitern schon an dieser einfachen Frage. Wer nicht in der Lage ist, das in fünf Sätzen auf den Punkt zu bringen – weder die Süddeutsche Zeitung noch der öffentlich-rechtliche Rundfunk sind es offenbar –, der hätte besser noch eine Weile über den großen Datenfund nachdenken sollen. Datenbanken und Big Data sind eben nicht alles. Wer hat die ellenlangen Texte schon gelesen?

Auffällig bloß, daß es sofort Wikipedia-Artikel zu dem Thema gab, sofort, ohne Verzug, in derzeit über 30 Sprachen und in erstaunlich guter Qualität. Samt Logo auf Wikimedia Commons, Typeface used by Süddeutsche Zeitung in the original leak, angeblich soll es unter Public Domain stehen, because it is ineligible for copyright. Und dann heißt es da: Am 3. April 2016 präsentierten 109 Zeitungen, Fernsehstationen und Online-Medien in 76 Ländern gleichzeitig die ersten Ergebnisse. Stimmt. In einem Online-Medium sogar in mehr als 30 Sprachen, als Teil der begleitenden Social-Media-Kampagne.

Immerhin, auf SWR2 findet man ein Gespräch über die Krise des Qualitätsjournalismus. War da was?

E-Book und Book-Book IV

Sozusagen im Vorprogramm der Leipziger Buchmesse hat sich Birgit Zimmermann für die Nachrichtenagentur DPA mit dem Abklingen des E-Book-Hypes beschäftigt (via VÖBBLOG).

Zur Erinnerung: Der Hype-Zyklus nach Gartner beschreibt den Verlauf der öffentlichen Aufmerksamkeit für ein neues, innovatives Produkt: Die Kurve beginnt bei den early adopters, steigt dann steil an, bis sie den Gipfel der überzogenen Erwartungen erreicht hat, fällt bis auf ein absolutes Minimum und steigt dann, wenn die late adopters, also der Massenmarkt, endlich aufspringen, auf ein realistisches Niveau, auf dem sich die Nutzung des Guts stabilisiert. Entweder ist es bis dahin akzeptiert worden, oder es verschwindet wieder vom Markt, weil bis dahin allgemein bekannt geworden ist, daß es keinen zusätzlichen Nutzen gegenüber den ursprünglich geweckten Erwartungen bietet.

So ist es auch mit den E-Books gekommen. Der Börsenverein beziffert die Umsätze mit den Buch-Substituten im Zeitraum 2010 bis heute zwischen 0,5 und 4,5 Prozent vom Gesamtmarkt, nimmt davon aber Fach- und Schulbücher sowie Selfpublisher und Abo-Modelle aus. Wenn man diese einbezieht, gelangen die Verlage auf „niedrig zweistellige“ Umsatzanteile – im Vergleich zu einem Viertel in den USA. Als Hauptgrund für diesen Unterschied wird vor allem die Buchpreisbindung genannt, die auch weiterhin für ein dichtes Netz an Buchhandlungen in Deutschland sorge. Außerdem die schöne Ausstattung der Bücher hierzulande.

Das ist eine interessante Wasserstandsmeldung, denn sie deckt sich nicht mit meinem Eindruck als S-Bahn-Fahrer, wo in den letzten Jahren die E-Book-Reader und die Tablets, auf denen unterwegs sehr oft E-Books gelesen werden, zugenommen haben. Die gebrauchten Tablets, übrigens, denn wer möchte schon ein Gerät, das so teuer wie ein billiger Laptop ist, im öffentlichen Nahverkehr, abends gar, offen in der Hand halten, wenn er unterwegs ist. Und der billige Reader taugt nicht lang, wie man hört. Das E-Book – das wäre ein weiteres Monitum an dem Bericht – ist nicht nur zur Urlaubszeit in der Breite angekommen, sondern ganz offensichtlich ganzjährig. Nutzung und Absatz sind eben zwei Paar Schuhe.

Entdeckung hinter dem Haus VII

Er hatte seine Bibliothek verwachsen, so wie man eine Weste verwächst. Bibliotheken können überhaupt der Seele zu enge oder zu weit werden, schreibt Lichtenberg (112=S. 76). So geht es mir derzeit. Ordnen, sich beschränken, Abschluß und neu beginnen sind angesagt.

Satyajit Das erklärt bei Late Night Live, welche Folgen negative Zinssätze bisher hatten und warum ihre zunehmende Einführung der eigentliche Grund dafür sind, weshalb über die Abschaffung des Bargelds diskutiert wird. Jedenfalls hat das nichts mit der Finanzierung des Terrorismus zu tun. Die Japaner haben auf die negativen Zinssätze mit dem Kauf von Safes reagiert, so daß die Zinspolitik ins Leere lief. Auschlußreich dazu auch diese Folge von hr2 Der Tag vom 9. Februar 2016. Der Staat entzieht seinen Bürgern das Geld. Die Demokratie schlägt gerade um in eine autoritäre Herrschaft.

Im Deutschlandfunk begann heute eine dreiteilige Interview-Reihe mit Constanze Kurz über die Arbeitswelt 4.0 – zur digitalen Zukunft der Arbeit.

„Berührt – Verführt. Werbekampagnen, die Geschichte machten“ im Museum für Kommunikation, Frankfurt am Main

Der Titel der Ausstellung über „die populärsten und erfolgreichsten Werbekampagnen von der Nachkriegszeit bis in die Gegenwart“ in Deutschland erinnert an eine Regel des Schachspiels: Berührt – geführt – wer eine eigene Figur absichtlich berührt, muß mit ihr auch ziehen. Wird der Rezipient, der von einer Werbung berührt wird, also mit einer gewissen Notwendigkeit verführt? Skepsis ist angezeigt.

Zu sehen sind sowohl historisch bedeutsame Beiträge als auch bekannte Motive, an die man sich gerne wieder erinnern wird. Kurios etwa die erste Kampagne im Nachkriegsdeutschland „Lumpen her! Wir schaffen Kleider“, mit der für die Weiterverarbeitung alter „Lumpen“ zu neuen Kleidungsstücken geworben wurde. Dies inmitten von lauter Ware „in Friedensqualität“ – nicht nur die alten Nazis, auch die bekannten Waschmittel waren in dieser Zeit bald „wieder da“, und sie strahlten blütenweiß, natürlich. Neu war uns die Kampagne des Vereins Die WAAGE e.V., wenn man so will: einem frühen Vorläufer der „Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft“ in den 1950er und 1960er Jahren. Sie führte Kampagnen durch, um die Wähler daran zu erinnern, daß die „Soziale Marktwirtschaft“ auf Ludwig Erhard und nicht etwa auf die SPD zurückgehe. Dann wird die Ausstellung kommerzieller und konzentriert sich auf die „großen Kampagnen“ – die Drei-Wetter-Taft-Frau, deren „Frisur sitzt“, oder den Camel-Mann oder die Schock-Werbung von Benetton. Punktuell wird ihnen aber auch die politische Plakatkunst von Klaus Staeck oder die Pardon-Persiflage der Jägermeister-Serie zur Seite gestellt. Zahlreiche historische Exponate stammen aus der breit angelegten Sammlung von Richard Grübling.

Das Museum für Kommunikation feiert sie noch einmal: Die Werbung in drei Erscheinungsformen der Massenmedien, dem Werbespot, der ganzseitigen Anzeige in der Zeitung und dem Plakat, die ja gerade im Verschwinden sind. In den Zeiten der Filter Bubble und der zielgenauen Plazierung von Werbung in sozialen Netzwerken und Suchmaschinen gibt es die große Kampagne für die Massen schon lange nicht mehr. Das Verschwinden des linearen Fernsehprogramms tut ein übriges. Die Ausnahme bestätigt die Regel, z. B. beim amerikanischen Super Bowl, wo traditionell die Werbezeit besonders hoch dotiert ist und große Spots wie Apples 1984 noch lange in Erinnerung bleiben. Die Werbung, von der die großen Internet-Konzerne leben, ist mittlerweile dem Tode geweiht durch die AdBlocker, Reader-Stylesheets im Webbrowser und sonstige technische Gegen-Aufrüstung der Benutzer. Werbespots verbreiten sich heutzutage „viral“ über die sozialen Netzwerke. Das jüngste Beispiel dafür war gerade der Spot Heimkommen von Edeka, der zu Weihnachten 2015 vor allem über YouTube und Soundcloud bekannt wurde. Aus den Netzwerken entsteht eine kritische Masse, die noch in der Lage ist, eine Wahrnehmung zu erzeugen. Die legendäre Pose von Frau Sommer mit der „Krönung“ am sonntäglichen Kaffeetisch stammte tatsächlich aus einer anderen Welt.

So kann man die Ausstellung des MFK vor allem lesen als einen Abgesang sowie als Nachruf nicht nur auf die Werbung der alten Bundesrepublik (und übrigens am Rande auch der DDR), sondern generell auf die Werbung alten Stils, wie wir sie von früher her kannten und wie sie nie mehr sein wird – auch und gerade wenn in den Spots an der Hintergrund-Säule gegen Ende der Schau „Kreative“ aus den Agenturen genau das Gegenteil behaupten. Sie sollten es eigentlich besser wissen:


Berührt – Verführt. Werbekampagnen, die Geschichte machten. Museum für Kommunikation, Frankfurt am Main. Kuratorenteam: Katja Weber, Richard Grübling, Helmut Gogarten, Nassrin Sadeghi. Noch bis 28. August 2016.

Entdeckung hinter dem Haus IV

Der Blick von außen: Eine der hörenswerteren Radiosendungen ist ganz sicherlich Late Night Live auf Radio National, dem australischen Pendant zu Deutschlandfunk oder BBC Radio 4. Joan Smith wurde dort über die Vorgänge zu Silvester in Köln interviewt.

Der Blick von innen, eins: Die Heinrich-Böll-Stiftung hat ein Dossier zusammengestellt: Wie schaffen die das? Die Flüchtlingspolitik der Bundesländer.

Der Blick von innen, zwei: Heiner Geißler bleibt im Deutschlandfunk dabei: Angela Merkel habe für ihre Politik den Friedensnobelpreis verdient.

Bei uns in Hessen ist ja Kommunalwahlkampf. Seit vergangenem Samstag hängen die Wahlplakate. Darauf kein Wort zum Thema, als wäre nichts geschehen.

Das Vertrauen zu Google

Das Ausmaß der Manipulation, die von den Suchmaschinen ausgeht, zeigt eine Studie, die die amerikanische PR-Firma Edelman gerade veröffentlich hat.

Quartz zufolge glauben die Teilnehmer der Studie einer Nachrichten-Schlagzeile in Google News mehr als derselben Schlagzeile auf einer Nachrichten-Website. Diese Schere habe sich 2013 geöffnet. Unter 33000 Teilnehmern an der Untersuchung aus 28 Ländern hätten 63 Prozent erklärt, sie „vertrauten Suchmaschinen“. Das wird nur noch getoppt von Nachrichten, die man von Freunden erhält (78 Prozent). Wissenschaftler halten dagegen nur 65 Prozent für vertrauenswürdig. Am Ende stehen Journalisten mit 44 Prozent – also Journalisten, deren Beiträge die Leute nicht bei Google News lesen.

Die Unterschiede in den Vertrauensniveaus bei der Mediennutzung werden in der Studie in einem Zusammenhang mit dem Einkommen und den Zukunftserwartungen der Nutzer gesehen. Sie seien ein Zeichen zunehmender Ungleichheit in der Gesellschaft. Die Unterschiede bei der Wahrnehmung der Medien zeige eine sich vergrößernde Kluft zwischen der „informierten Öffentlichkeit“ und der allgemeinen Bevölkerung, die sich seit dem Beginn der Finanzkrise im Jahr 2007 kaum verändert habe. Diese Kluft sei am größten in den USA, in Frankreich und in Indien. Die größte Einkommensungleichheit – jeweils zweistellig – gebe es in den USA, in Frankreich und in Brasilien. Unter diesen Umständen vertraue man am ehesten „einer Person wie man selbst“.

Der Beitrag problematisiert das Ergebnis nicht, sondern meint, dies sei ein Zeichen für das „Marketing-Können“ von Google, das den amerikanischen Suchmaschinen-Markt zu 64 Prozent bediene. Er läßt auch viele weitere Punkte unerwähnt.

Der Text bei Quartz läßt leider auch offen, ob man der Studie selbst trauen kann, über die dort berichtet wird. Sie hat mich bisher nur über Online-Medien erreicht, und „online only“ vertrauen dort nur knapp die Hälfte der Befragten, 53 Prozent (via Newsletter von socialmediawatchblog.org).

Mozilla II

Man kann ja doch noch was bewegen als Blogger: Die Süddeutsche Zeitung hat meinen Beitrag über Mozilla als Steilvorlage zu einem längeren Text offenbar als Anstoß aufgefaßt ;), und anmut und demut hat diesen Text wiederum kommentiert. Ernsthaft: Lesenswert sind vor allem die Kommentare. Tenor: Wir sind mit Mozilla alt geworden, sind der Marke treu geblieben, und nun fühlen wir uns gemeinsam mit der Firma angesichts der Entwicklung ziemlich alt. Was kann man denn da machen? (via wirres.net).

Mozilla

Das freie Web schwindet in dreifacher Hinsicht: Zum einen, indem sich die Benutzer geschlossenen Plattformen zuwenden. Weiterhin, indem die Inhalte der Anbieter zunehmend in Datensilos landen; und schließlich, indem universell zu nutzende Programme durch Apps ersetzt werden. Letztere greifen nicht mehr auf frei verfügbare Ressourcen zurück, sondern auf einen walled garden, der nur für die jeweilige App geschaffen wurde. Jörg Kantel hat Ende des vergangenen Jahres darüber geschrieben.

Es gibt aber auch ein Sterben der freien Software zu beklagen. Das Paradebeispiel dafür ist Mozilla. Die amerikanische Stiftung hatte bisher im wesentlichen zwei Produkte am Markt, die plattformübergreifend eingesetzt werden konnten: Den Webbrowser Firefox und den Mail-Client Thunderbird. Letzterer ist von der Hauptseite des Unternehmens mittlerweile verschwunden. Dort findet man nur noch den Browser. Die Startseite von Thunderbird ist von dort auch schon längere Zeit nicht mehr verlinkt.

Wenn man sich auch bereits 2012 aus der aktiven Weiterentwicklung von Thunderbird zurückgezogen hatte, so gab es doch immer weiter Bugfix-Releases und Anpassungen an neue Betriebssystem-Versionen. Im November 2015 verkündete dann die Mozilla-Chefin Mitchell Baker in einer Mail auf der Governance-Liste des Projekts, die bezeichnenderweise bei Google archiviert wird, es sei überhaupt besser, Thunderbird gäbe es nicht. Jedenfalls nicht bei Mozilla. Der Webbrowser und der Mail-Client behinderten sich gegenseitig bei der Entwicklung. Die einen müßten auf die anderen immer Rücksicht nehmen. So könne das nicht weitergehen. Es wäre besser, man ginge getrennte Wege.

Die Reaktion der etwas kritischeren Szene im Netz war entsprechend verstört. Man brauche doch Thunderbird zum allseitigen Verschlüsseln von Mails. Man kann sagen, die Kombo aus Thunderbird, Enigmail und GnuPG ist die einzige Toolchain, die auf allen Rechnern von den meisten Menschen bedient werden kann – wenn man davon ausgeht, daß die PGP-Verschlüsselung ein allgemein durchzusetzendes und anzustrebendes Ziel sei. Die Zukunft all dessen ist aber offen. Bei einem Test Ende 2014 funktionierte die Verschlüsselung mit diesen Programmen in unserem Test (jeweils dieselben Versionen) nur zwischen zwei Macs (einer unter Mavericks, der andere unter Yosemite), nicht jedoch zwischen Mac und Windows. Da uns der Leidensdruck fehlte, gingen wir dem nicht weiter nach, sondern ließen es gut sein.

Auf der Mozilla-Governance-Liste berichteten jedenfalls Berater und Entwickler vom Rückzug ihrer Kunden angesichts der Unsicherheit, in der sich das Projekt bewegt. Am Rande dieser Diskussionen kam nebenbei zur Sprache, daß die Integration des Dienstes Pocket in Firefox wohl auch einen finanziellen Hintergrund gehabt haben dürfte, was Mozilla stets bestritten hatte.

Entscheidend wird aber sein, daß auch Firefox immer weniger Bedeutung im Web hat. Der Marktanteil ist insgesamt auf etwa 20 Prozent gesunken, nur auf deutschsprachigen Websites liegt er wohl etwas darüber. Viele Benutzer sind zu Google Chrome abgewandert. Es ist ihnen egal, an welches Zuhause der Browser ihre Daten telefoniert. Und eine mobile Nutzung ohne Nachhausetelefonieren gibt es sowieso nicht. Je mehr Traffic vom Desktop auf Smartphone und Tablet wandert, desto weniger relevant ist der Begriff der Privatsphäre beim Surfen überhaupt. Hauptsache, die Website, die man nutzen möchte, kann dargestellt werden. So wurden Google Chrome und Safari immer wichtiger. Mozilla reagiert, indem Firefox nun auch Webkit-Präfixe in CSS verstehen soll. Mittlerweile werden viele Websites für Firefox gar nicht mehr getestet. Man merkt es spätestens, wenn man eine Seite ausdrucken will, und sei es nur zur Archivierung eines Texts. Gerade die Zeitungs-Websites sparen sich ganz offenbar die Kompatibilität mit dem Mozilla-Browser. Jüngstes Beispiel heute abend: profil.at.

Das gilt zumindest auf dem Mac, wo die Erfahrungen mit Firefox ohnehin eher ernüchternd verlaufen sind. Der Browser hängt praktisch bei jedem Beenden, so daß der „Absturzmelder“ aufgeht. Kehrt der Rechner aus dem Ruhezustand zurück, ist Firefox erst einmal eingefroren und braucht als einziges Programm fast zwei Minuten, bis es überhaupt Eingaben entgegennimmt. Es ist auch nicht möglich, die Symbolleiste anzupassen. Spätestens beim nächsten Neustart der Anwendung sind alle Icons, die vom Standard abweichen, wieder woanders platziert oder sie sind ganz verschwunden und es verbleibt nur noch die Adreßzeile. Mit der ESR-Version für den Firmeneinsatz ist es nicht ganz so schlimm, deshalb bevorzuge ich diese seit einiger Zeit. Aber man kann festhalten, daß Firefox auf dem Mac offenbar nicht sorgfältig getestet wird. Hinzu kommt die merkwürdige Oberfläche, die sich nicht in den Desktop einfügt. Unter OS X gibt es zu jedem Fenster ein Drop-Down-Menü am oberen Bildschirmrand. Es ist daher nicht sinnvoll, eine Bedienung über das Menüfeld am rechten Rand der Symbolleiste zusätzlich vorzusehen, das man zudem erst aufklappen muß – und das man natürlich aus den eben erwähnten Gründen dort auch nicht entfernen kann.

Firefox als Browser, der vor Tracking schützt? Das war der jüngste Werbespruch. Auch hier: Fehlanzeige. Schützt vor Tracking, aber nicht so sehr. Denn von irgendwas muß ja Mozilla ja denn doch weiterhin leben, also arrangiert man sich mit der Werbewirtschaft, und die IT-Medien transportieren brav die Pressemitteilung und tragen zur Desinformation bei.

Der stabilste Firefox ist derzeit auf dem Mac der TorBrowser, also ausgerechnet ein Produkt, das in der kleinsten denkbaren Nische spielt. Ein echtes Außenseiter-Tool, so sehr man es bedauern mag.

So nutze ich Thunderbird vorerst weiter als lokales und plattformübergreifendes E-Mail-Archiv – aber wohl nicht mehr für die Langzeitarchivierung… Auch wenn ich nach jedem Update den kruden Kalender Lightning stets aufs neue abschalten muß. Das Add-on wird immer wieder aktiviert. Ein Add-on, das sage und schreibe den Speicherbedarf des Programms verfünffacht, was doch ziemlich grotesk ist. Auch hier offenbar keine ausreichenden Tests, wahrscheinlich Gleichgültigkeit der Entwickler, die sich möglicherweise gar nicht mehr vorstellen können, wie sorgsam der Mac mit dem Arbeitsspeicher gewöhnlich umgeht. Erst dadurch fällt das ja auf.

Und ich schaue Mozilla weiterhin beim schrittweisen Verschwinden in die Bedeutungslosigkeit zu.

Lohnt sich der Umstieg auf Linux, wenn es keine plattformübergreifenden Lösungen für Mail und Web mehr gibt, die nicht in der Konsole spielen – abseits von Google? Zweifel sind angebracht.

Ein Gegenentwurf

In einem Interview mit Studierenden der FH Groningen hat Geert Lovink seine Kritik an den kommerziellen sozialen Netzwerken erläutert. Grundlage ist sein Buch Das halbwegs Soziale aus dem Jahr 2012.

Lovink hält die alternativen sozialen Netzwerke, die es seit etwa fünf Jahren gibt – Lorea, Diaspora, Friendica, Crabgrass und andere –, für utopische Skizzen, in denen Künstler, Aktivisten und Programmierer versuchen, gemeinsam, durch den Aufbau von Netzwerken, die Gesellschaft zu verändern. Geändert habe sich zwischenzeitlich aber wohl vor allem, was man einen Seitenwechsel nennt. Wer heute die Seiten wechsele, gehe nicht zu den großen Wirtschaftskonzernen, die stillschweigend akzeptiert seien, sondern zur NSA. Insoweit beunruhigt ihn der konzeptuelle Stillstand von Linux und vielen Projekten der Freien Software, abgesehen von Ubuntu. Positiv bewertet er dagegen das zunehmende Interesse an Verschlüsselungstechnik und an der Anonymisierung mit dem Dienst Tor.

Veränderungen hält Lovink weiterhin für möglich. Das Internet sei immer noch eine sehr fließende Umgebung, Nutzerwechsel wie seinerzeit, als sie MySpace oder StudiVZ sehr schnell und in Scharen verließen, wären weiterhin möglich. Er sieht aber auch, daß Veränderungen beim Nutzerverhalten heutzutage eher Nebensächlichkeiten betreffen; so etwa, wenn Facebook-Nutzer den Messenger wählen, statt ihr Profil upzudaten. Die Gegenwart der sozialen Netzwerke sei eher durch etwas geprägt, was er the techno-subconcious nennt: Das Ziel seiner Kritik liege darin, den Social-Media-Konsens und die lähmenden Routinen der Menschen infrage zu stellen. Im den Cafés, in den öffentlichen Verkehrsmitteln, auf der Straße oder am Flughafen sieht man sie in Massen: Menschen, die in einen Aufzug treten und ihr Smartphone herausnehmen, um darauf zu blicken.

Lovink ordnet diese Trends in einen größeren Rahmen ein. Er habe noch zu einer Generation gehört, die für dezentrale Netzwerke, für ein offenes und freies Internet eingetreten sei, bei dem der Benutzer nicht nur ein Konsument irgendeines Produkts sein würde. In diesen Verlust an gesellschaftlicher und politischer Teilhabe durch das Netz reiht er schließlich auch den Rückgang der Autoren bei Wikipedia ein.

Die Ermittlung

„Wir haben ermittelt, dass rund 30 Prozent der Studenten heute 500 Euro und mehr im Monat fürs Wohnen ausgeben können.“

In: Felix Ehrenfried. Edelwohnheime. Studentenwerke kleckern, Privatinvestoren klotzen. Wirtschaftswoche. 30. November 2015. [1]