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Donnerstag, 6. April 2017

Claudia Andujar: „Morgen darf nicht gestern sein“ im MMK Museum für Moderne Kunst Frankfurt am Main

Eigentlich sollte Claudia Andujar die Yanomami Anfang der 1980er Jahre nur zur Durchführung einer Impfkampagne fotografieren. Die Indigenen starben an Krankheiten, die von Arbeitern eingeschleppt wurden, die aus dem Süden Brasiliens kamen: Grippe oder Masern. Weil Yanomami keine Namen tragen, sondern sich nur unter Rückgriff auf ihre Verwandtschaftsbeziehungen bezeichnen, hängte man ihnen Schilder mit Nummern um, um sie wiederzuerkennen, damit ihre Behandlung dokumentiert werden konnte. Dabei entstanden dokumentarische Aufnahmen, die aber auch darüberhinaus einen künstlerischen Wert haben, weil Andujar für manche einen ganzen Film verbrauchte, bis sie mit dem Ergebnis zufrieden war.

Die Bilder wurden erstmals 2006 bei der Biennale von São Paolo ausgestellt. Sie sind seitdem als Marcados bekannt geworden – die Markierten. Man erfährt: Andujars (jüdische) Verwandte väterlicherseits waren in Konzentrationslagern ermordet worden. Sie floh mit ihrer (protestantischen) Mutter zunächst in die Schweiz, wo sie auch 1931 geboren worden war, dann weiter nach Nordamerika und kam erst in den 1950er Jahren nach Brasilien, wo sie seitdem lebt. Die durchnumerierten KZ-Opfer waren für sie die mit dem Tod Markierten. Die Yanomami wollte sie mit den Nummern, die sie ihnen gab, für das Leben, für das Überleben markieren.

Das ist ein berührendes Projekt, und man stellt sich natürlich die Frage, warum man erst jetzt davon erfährt. Claudia Andujar ist in Lateinamerika ziemlich bekannt, Berichte über sie findet man dementsprechend vorwiegend in spanischsprachigen, aber auch in französischen Medien, so etwa die Biografie bei Photophiles. Ein Gespräch, das die Kuratorin Carolin Köchling für den Katalog der Ausstellung im Frankfurter MMK geführt hat, erschließt den Kontext für den deutschsprachigen Raum. So mag es zwar die erste umfassende Werkschau in Europa sein, es ist aber nicht ihre erste Ausstellung hier, Paris (Fondation Cartier, 2013) und Genf (Musée d'ethnographie, 2016) gingen voraus, das MoMa schon in einer Gemeinschaftsausstellung 2010.

Thierry Chervel vom Perlentaucher hatte es beim Relaunch 2014 beklagt: Die Zeitungen blicken kaum noch über den nationalen Tellerrand hinaus. Es wird immer wichtiger, aktiv sich umzuschauen, um neue Anregungen zu finden. Die Echokammer, die die Presse konstruiert, wird immer kleiner, immer enger. Durch die zunehmende Kommerzialisierung wird das von den Blogs kaum aufgefangen. Aber die Museen können dazu ein wirksames Korrektiv bilden.

Claudia Andujar. Morgen darf nicht gestern sein. MMK Museum für Moderne Kunst Frankfurt am Main. Katalog im Kerber Verlag, 25 Euro, im Buchhandel 28 Euro. Ein Kurzführer ist für Besucher kostenlos. Bis 25. Juni 2017.

Montag, 3. April 2017

„In die dritte Dimension. Raumkonzepte auf Papier vom Bauhaus bis zur Gegenwart“ im Städel Museum, Frankfurt am Main

Die Beschäftigung mit der Leere zieht sich bei den Frankfurtern schon etwas länger hin. Schon in der Giacometti-Nauman-Ausstellung in der Schirn zur letzten Jahreswende tauchte Heidegger auf, der in seinem Essay Die Kunst und der Raum geschrieben hatte: Die Leere ist nicht nichts. Sie ist auch kein Mangel.

Diesen Faden nimmt das Städel Museum nun auf und zeigt in sieben Räumen wie dreizehn Künstler mit dem Raum umgegangen sind – vom Blatt zur Skulptur, vom Blatt als Skulptur oder vom Raum an sich.

Die abstrakten Werke beginnen beim Bauhaus mit El Lissitzky und László Moholy-Nagy und enden als Höhepunkt bei eben jenem Heidegger und Chillidas Collagen, die tatsächlich eine hohe Meisterschaft zu dem Thema zeigen. Wer zum Schluß den raunenden Vortrag des Meisterdenkers zu alledem hören möchte, kann sich den Kopfhörer aufsetzen und der alten Schallplatte rund zwanzig Minuten lang lauschen.

Heideggers Essay liefert die Vorlage für eine Meditation über die Differenz zwischen dem Raum im naturwissenschaftlich-mathematischen Sinne und dem Raum in der Kunst. Der Raum ist immer ein wahrgenommener und damit auch ein konstruierter Raum, der als eine grundlegende Kategorie allem zugrundeliegt, was man denken kann. Die sparsamen Linienzüge, die Norbert Kricke auf Papier zeichnete, werden ohne weiteres als räumlich gesehen. Die dicken schwarzen Linien auf braunem Karton kreuzen sich nicht einfach nur, sie suggerieren Räumlichkeit, obwohl es dafür sonst keinen Anhalt gibt.

Das gilt auch für die Faltungen von Hermann Glöckner, der große Papierbögen mehrmals knickte und die Flächen, die dabei entstanden, mit Farbe gleichmäßig bestrich. Das Papier ist nicht ganz flach, es hat Vor- und Rückseite, es hat eine Dicke, es hat also schon auch eine dritte Dimension. Das Material wird ebenso zum Raum wie die Leere, die selbst ein Material und damit voller Leben ist.

Wer sich weiter mit dem Raum in der Kunst beschäftigen möchte, möge seinen Rundgang im Museum für Kommunikation fortsetzen, wo noch bis zum 23. Juli 2017 der Goldene Schnitt untersucht wird.

In die dritte Dimension. Raumkonzepte auf Papier vom Bauhaus bis zur Gegenwart. Städel Museum Frankfurt am Main. Kuratorin: Jenny Graser. Katalog im Museum: 9,90 Euro. Bis 14. Mai 2017.

Sonntag, 2. April 2017

TeX und Typographie

Zwei Neuigkeiten aus den letzten Tagen für TeX-Anwender und alle, die an Typographie interessiert sind:

  • Beim Project Gutenberg gibt es eine „Neuerscheinung“ zu vermelden: Edmund G. Gress. The Art & Practice of Typography. A Manual of American Printing etc.. Second Edition, Oswald Publishing Company 1917.
  • Dick Koch weist auf der OS-X-TeX-Mailingliste darauf hin, daß es wiederum ernste Probleme mit PDFKit unter Sierra gebe, die sich auf die Vorschau, TeXShop, Skim und wahrscheinlich noch weitere Programme auswirken. Vor allem die Benutzer des Präsentationspakets Beamer sollen betroffen sein. Er rät deshalb vom Update auf Sierra 10.12.4 nachdrücklich ab.

Frühling 2017

Und so ist die Welt auf einmal wieder warm und bunt und laut geworden. Schon die kleinen Blättchen an den Bäumen und an den Sträuchern füllen den Raum und machen ihn schwerer durch-schau-bar. Die Kröten sind schon gewandert, und die Vögel zwitschern, als hätten sie etwas ganz wichtiges zu erzählen, das jetzt keinen Aufschub mehr dulde. Zwischendrin rote, weiße und gelbe Tupfer von Blüten; die ersten fallen schon wieder ab. Und auch die Hummeln sind schon unterwegs und die Wespen – im März/April. Meine Hausspinne krabbelt einen Tick sportlicher als sonst an der Wand entlang und über den Boden weg. Und am Mainufer fängt sich die Sonne.

Samstag, 1. April 2017

DMOZ, 1998–2017 II

Aus den Augen, aus dem Sinn. DMOZ existiert weiter, sozusagen als Ausgabe letzter Hand, unter dmoztools.net. Im Footer der Seiten heißt es: This site is an independently created static mirror of dmoz.org and has no other connection to that site or AOL. Ein Archiv, also, und daran werde sich wohl bis auf weiteres auch nichts ändern, heißt es dazu im Forum. Auch der weitere Umgang mit der Vorlage auf Wikipedia ist ungewiß.

Montag, 27. März 2017

Der neue Gesandte VI

Und man fragt sich doch, warum das Ergebnis der jüngsten Wahl nicht als das bezeichnet wird, was es doch eigentlich war – wenn die linkeren Parteien jeweils Stimmen verloren und die rechten welche hinzugewonnen haben: Ein Rechtsruck.

Samstag, 25. März 2017

Thunderbird löst sich von Mutter Mozilla

Sehr lesenswert derzeit: Die Diskussion um die Ablösung von Thunderbird von Mozilla Firefox auf der moderierten Mailingliste tb-planning. Firefox wird ab dem Herbst Add-ons in XUL nicht mehr unterstützen, sondern ausschließlich auf Web Extensions setzen (davon abgesehen gibts noch einen neuen Skin, der größtenteils von Google Chrome abgekupfert ist).

Nachdem alles, was sowohl Firefox als auch Thunderbird als Tool für die tägliche Arbeit auch weiterhin wirklich interessant macht, in Erweiterungen outgesourct worden war, ist so eine Veränderung natürlich ein Riesenproblem, denn viele Entwickler haben schon angekündigt, daß der Neuschrieb ihres Add-ons für sie zu aufwendig würde. Zur Erinnerung: Thunderbird ist bis heute an vielen wichtigen Stellen so rudimentär und vorläufig geblieben, daß weder die Anordnung der Konten noch der Ordner in der Liste zuverlässig funktioniert, wenn man dazu nicht die Erweiterung Manually sort folders installiert – und selbst dann kann es Ungereimtheiten und Probleme geben. Auch mehrere E-Mail-Signaturen kann der Client nur mit der Erweiterung Signature Switch handhaben. Vom Adreßbuch, das erst mit MoreFunctionsForAdressBook wirklich brauchbar wird, ganz zu schweigen. (Allerdings steht natürlich auch eine vollwertige Unterstützung fürs Arbeiten in Esperanto zur Verfügung – aber das nur am Rande).

Die Mutter Mozilla hatte bereits 2012 bekanntgegeben, daß man sich aus der aktiven Entwicklung zurückziehe. Seitdem verschwand der Mail-Client von der Startseite von Mozilla, und es gab nur noch regelmäßige Bugfixes und einige kleinere Veränderungen der Oberfläche, aber keine neuen Features mehr. Drei Jahre später gabs den zweiten Tritt von Mozilla-Chefin Mitchell Baker, die sich für die Trennung des Thunderbird-Projekts von Firefox aussprach, weil es das Voranbringen des Webbrowsers zu sehr behindere, weiterhin Rücksicht auf den Mail-Client zu nehmen.

Außerdem benutzen immer weniger, die überhaupt noch E-Mail verwenden, einen Mail-Client und weichen auf die Web-Oberflächen der Mail-Provider aus. Der Thunderbird-Support weiß von verwunderten Benutzeranfragen zu berichten, warum Thunderbird kein eigenes Konto bereitstelle, das sei man von den anderen Providern, die man bisher im Webbrowser benutzt habe, so gewöhnt gewesen…

Seitdem hält ein tapferes Team von Thunderbird-Entwicklern, das mitunter an das bekannte kleine gallische Dorf erinnert, den Quellcode am Leben und sorgt dafür, daß bei dem geschwinden Voranschreiten des Feuerfuchses der Donnervogel auch weiterhin überhaupt noch kompiliert werden kann. Die Diskussion im Heise-Forum Anfang dieses Jahres zeigte: Wir befinden uns technisch, personell und wohl auch, was die sonstigen Ressourcen angeht, in jeder Hinsicht am Limit. Und so nimmt es nicht wunder, daß die Einführung in das MozillaZine-Forum zu Thunderbird überschrieben ist: Is Thunderbird dead and other FAQ.

Thunderbird möchte in der nächsten Zeit zweierlei angehen: Sein Image-Problem (so gut wie scheintot zu sein, trotz einer deutlich achtstelligen Zahl von aktiven Installationen weltweit) und die durch die Abkoppelung von Firefox ab Ende 2017 notwendig gewordene Trennung der Codebasis vom einstigen Mutterprojekt. Ben Bucksch schlägt vor, Thunderbird in JavaScript neu zu schreiben und dabei den alten Client so gut wie möglich nachzubauen. Dafür veranschlagt er insgesamt ungefähr drei Jahre. Wir sprechen uns also wieder im Jahr 2020.

In der darauffolgenden Diskussion, die noch andauert, wurde schnell klar, daß es damit nicht getan sein wird. Auch das Portal für Add-ons, das sich Thunderbird bisher mit Firefox geteilt hatte, wäre zu klonen, zu sichten, kräftig auszumisten und anzupassen, denn dort sammeln sich inzwischen die Karteileichen, die nur noch mit längst veralteten Versionen funktioniert hatten, aber heute schon nicht mehr aktuell sind. Man wird also auch einen eigenen Review- und QS-Prozeß brauchen.

Daneben ist wohl eine Werbe- und PR-Kampagne angedacht, um das etwas angestaubte Image des E-Mail-Clients wieder aufleben zu lassen – der letzten Post im Thunderbird-Blog datiert vom Dezember 2015.

Nachdem ich jahrelang auf dem Mac ausschließlich mit Apple-Produkten gesurft und gemailt hatte, war ich in den beiden letzten Jahren sukzessive zu Tor-Browser, Firefox ESR und Thunderbird zurückgekehrt und finde dort eine Umgebung vor, die im wesentlichen immer noch derjenigen entspricht, die ich Mitte der 1990er Jahre auf meinem ersten richtigen Computer, einer AIX-Workstation an der Uni, im Netscape 3 kennengelernt hatte. Diese Tools sind für mich so unverzichtbar wie Emacs, LaTeX – und mit etwas Abstand auch LibreOffice. Insoweit wünsche ich natürlich auch den Mozilla-Produkten und ihren Nachfolgern ein langes Leben…

Mittwoch, 15. März 2017

In der Elefantenschule

In der Elefantenschule kommen alle kleinen Elefanten jeden Tag zusammen und lernen, was man als Elefant so alles wissen muss: Wie man mit dem Rüssel trinkt und alles, was gut schmeckt, vom Boden aufliest und in den Mund steckt. Wie man mit den großen Ohren wackeln kann. Und wie man in den Fluss hinein und wieder heraus kommt, wenn die Herde, geführt von der ältesten Elefantin, umherzieht.

Das dauert nur ein paar Jahre, dann wissen alle Bescheid und sind am Ende, wenn sie die Schule durchlaufen haben, zwar noch keine ganz großen, aber schon etwas größere Elefanten geworden.

Samstag, 11. März 2017

Der neue Gesandte V

Aber man kann es ja mal mit einem anderen probieren, schrieb Stephan Lessenich gestern in der Süddeutschen Zeitung. Natürlich, das ist möglich. Sie sind alle austauschbar. Oder man stellt sich zumindest vor, sie wären es. Der eine so gut wie der andere. Und wenn das eine Fahrrad nicht mehr fährt, dann nehme ich eben das andere. Bloß daß ich es bin, der in die Pedale treten muß, beidesmal. Der eine statt der anderen – aus Angst vor wirklicher Veränderung und um weiter leugnen zu können, daß es doch nicht so weitergehen könne wie früher. Alles soll wieder so sein wie damals. Und so reichen sie ihm die Hand, von allen Seiten, auch von der linksgelegenen Seite, wo es heißt, man müsse sich jetzt darauf einstellen. Es könnte weitergehen, ohne daß es wirklich anders wird – auch für sie ein großes Versprechen. Und man müsse dabei sein, wenn es dazu käme. Unbedingt.

Freitag, 3. März 2017

„Wir hatten ‚unsere‘ Blogwelt“

Die Literaturkolumne von Ekkehard Knörer im Merkur vom März 2017 ist mehr als ein nostalgischer Text. Es ist zumindest auch ein melancholischer Beitrag zur Netzgeschichte, zum Untergang der Blogwelt, in die hinein ich ja auch in den 1990ern sozialisiert worden war und die jetzt ein Ding der Vergangenheit geworden ist angesichts der fragmentierten Teilöffentlichkeiten, die die Leute seit ein paar Jahren für das Netz halten.

Das Netz, das sich im Zuge seiner Fragmentierung aufgelöst und in die Gesellschaft hinein verloren hat – während – umgekehrt – diese Gesellschaft ins Netz geströmt ist wie die Lemminge, ohne kritischen Impetus, unter Verweigerung der Selbstfindung mit einem ziemlich klaren instrumentellen Verhältnis zum ganzen. Man ist nicht mehr im Netz, um zu sein und zu werden, sondern aus einem ziemlich banalen Kalkül heraus. So trivial, daß wir darauf oft gar nicht so ohne weiteres kommen würden – „wie, jetzt ist schon ‚jetzt‘?“

Allein die Rechnung, die Knörer unter Bezug auf Christian Buggischs Durchhalte-Blogpost von 2016 aufmacht – 200.000 Blogs in Deutschland, mehr Seitenabrufe als alle großen Traditionsmedien pro Monat zusammengenommen – findet keine rechte Stütze in der Medienforschung, wo das Lesen von Blogs mindestens einmal wöchentlich seit Jahren schon im deutlich einstelligen Prozentbereich bleibt. Während die großen Traditionsmedien immer noch ihre jeweilige Gemeinde sammeln, bleiben die Leser von Blogs und Wikis zerstreut, ebenso zerstreut wie die Blogs und die Wikis. Ihre Wirkung ist also diffus, schwer greifbar und daher auch kaum zu rekonstruieren.

Immerhin, von dem Beitrag habe ich als erstes über den Kutter erfahren, noch bevor der Merkur-Newsletter bei mir eintraf. Die alten Kanäle, sie funktionieren also noch.

Und selbstverständlich heißt es das Blog.

Knörer, Ekkehard. „Feuerzeug, du. Literaturkolumne.“ In: Merkur 71, Nr. 814 (2017): 62–68.

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