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Freitag, 1. Mai 2015

Übergänge II

Vera Bunse hat ein lesenswertes hintergründiges Stück über die Digital News Initiative von Google und einer Reihe größerer Verlagshäuser geschrieben. Deshalb nochmal ein paar Gedanken zum ganzen:

Die Verlage haben ihre Rolle als gatekeeper schon lange verloren. Auch politische Skandale werden nicht mehr über Veröffentlichungen in Zeitungen angezettelt, sondern im Web 2.0 inszeniert (wie hoch ist der authentische Anteil an einem Shitstorm und wie hoch derjenige der Spindoktoren und des Astroturfings?). Der Bedeutungsverlust der Zeitungen liegt klar auf der Hand und ist nicht mehr umkehrbar.

Die Verwertungskette Verlag–Handel–Bibliothek–Verwertungsgesellschaften ist unauflöslich und stellt vor allem die Bibliotheken vor ein Problem, weil deren Nutzer immer stärker auf Online-Angebote schielen. Daher die Onleihe, daher der Ausbau von Katalogen, die Anreicherung von OPAC-Inhalten um Weblinks zu Wikipedia und die bibliothekseigenen Dienste von Munzinger über Brockhaus bis zu Oxford und Britannica, auch hierzulande. Die Ausleihzahlen steigen stetig, was aber vor allem auf den steigenden Bildungsgrad und die daraus folgende intensivere Nutzung zurückgeht. Daneben werden aber auch andere Quellen immer intensiver angezapft als bisher, und ob diese Konkurrenz zugunsten der Bibliotheken ausgeht, wenn sie sich hier nicht anpassen und verstärkt auch auf self-publishing achten, wird sich schon bald zeigen.

Paywalls sind unattraktiv, weil sie zu teuer sind. Ich nutze gerne Pressedatenbanken für die Recherche, aber für die Portale von einzelnen Zeitungen zahle ich nicht und werde das auch nicht tun. Es lohnt sich auch für die Verlage nicht: Selbst für die NYT zahlt sich online nicht aus. Auf die Idee, ein verlagsübergreifendes aktuelles Zeitungsportal anzubieten, kommen sie nicht. Für 15–20 Euro im Monat würde ich da vielleicht sogar Kunde werden. Europaweit gesehen, versteht sich.

Die Suchmaschinen und die kommerziellen sozialen Netzwerke sind zu einem second-level gatekeeper geworden. Die Intermediäre lotsen die Leser dorthin, wo es etwas frei zu lesen gibt. Wer sich hier ausblendet, wird eben nicht mehr gefunden und also auch nicht gelesen. Daher die beiden Strategien: Kooperieren oder die „Selbstbedienung“ von Google und Facebook als Nutzung deklarieren und ein Leistungsschutzrecht geltend machen. Im ersten Fall, der Digital News Initiative, verkaufen sich die Verlage an Google, denn was soll denn dort technisch anderes herauskommen, als eine Ansammlung an neuen Schnittstellen für die Inhalte, die sie produzieren? Kennen wir von Wikipedia: Wikidata als Interface für die Weiterverwendung von Wikipedia mittels Semantic Web, auch das ja finanziert von Google und mittlerweile durch das Einpflegen von Freebase faktisch eine Plattform, die von Google betrieben wird. Der ehemalige Projektleiter von Wikidata arbeitet jetzt bei Google. Im zweiten Fall, dem LSR, wird versucht, eine Art Wegelagerei zu betreiben, die, obwohl politisch unterstützt, nur scheitern kann. Punkt.

Es bleibt das Web. Das in großen Teilen kommerzialisiert worden ist – teils zog es sie, teils sanken sie hin. Legion sind die Interessenten für das „Geldverdienen mit Blogs“. Wirklich interessant ist daher nur noch, wohin die Reise führt, woher neue Impulse kommen, welche Autoren zu lesen, sich tatsächlich noch lohnt. In meinem Feedreader sind derzeit etwa 450 Feeds mit schnell wechselnder Zusammensetzung. Was mich enttäuscht, lösche ich zügig wieder, neue Autoren und Quellen nehme ich aber auch genauso bereitwillig auf. Ich habe es hier mit soviel Text und Podcasts zu tun, daß ich sie niemals vollständig lesen, hören oder ansehen können werde. Und das meiste davon habe ich ohne Suchmaschinen und soziale Netzwerke aufgefunden. Von wegen gatekeeper.

Die Zeit der verlegerisch und intermediär formierten Veröffentlichtheit ist endgültig vorbei. Wenn wir noch weiter über Journalismus und Verlage und deren Konflikte mit den kommerziellen Suchmaschinen und sozialen Netzwerken diskutieren, betreiben wir deren Geschäft. Das aber schon längst nur noch ein röhrender Hirsch ist, den sich die Rückwärtsgewandten übers Sofa hängen, während die Trends ganz woanders hin laufen, die Impulse ganz woanders her kommen.

Öffentlichkeit fragmentiert sich im Netz und organisiert sich ständig neu, täglich, wie mein Feedreader auch. Immer auf der Suche nach Besserem, nach Passenderem, und das gibt es ja auch zuhauf. Radikaler denken und radikaler handeln. Jetzt.

Übergänge

Wir haben die Produktionsmittel, die man heute braucht, um „senden“ zu können – Blogs, Wikis, soziale Netzwerke; sie stehen allgemein zur Verfügung, auch sie werden geteilt, nicht nur die Inhalte. Wir sind gut ausgebildet, haben Erfahrung und sind überdurchschnittlich gut informiert. Was bei den Massenmedien die „Reichweite“ war, ist heute die „Vernetzung“. Blogger sind daher „Journalisten“. Die fehlende professionelle Ausbildung wird leicht durch ein Training on the job ersetzt. Der politische Kampagnen-Journalismus, der nur ein Transmissionsriemen für die Spindoktoren war, schwindet. Dadurch verändert sich die Öffentlichkeit. Das macht auch Spaß, aber es ist kein Spaß, sondern es ist schon ziemlich ernst. Es passiert jetzt. Wer weiterhin nach röhrenden Hirschen sucht, findet sie in den kommerziellen Blogs und Plattformen und bei denen, die sich noch kommerzialisieren lassen, aber der aufgeklärte Teil der Öffentlichkeit entfernt sich immer mehr davon und läßt die anderen ihres Wegs ziehen. Deshalb merken die Massenmedien, daß sie immer mehr im Abseits stehen. Sie versammeln immer weniger Leser, Zuhörer, Zuschauer, ihre Attraktivität hat nachgelassen. Die Öffentlichkeit fragmentiert und reflektiert dadurch die Vielfalt der Gesellschaft, die sich in ihr zeigt und ausdrückt.

Donnerstag, 30. April 2015

„Isa Genzken. New Works“ im Museum für Moderne Kunst, Frankfurt am Main

Was „spielen“ diese „Schauspieler“? In welchem Film treten sie auf? Spielen sie überhaupt miteinander oder eher mit den Besuchern der Ausstellung? Drei Kreise von Schaufensterpuppen, in der Süddeutschen Zeitung vom 14. März 2015 waren sie mit Familienaufstellungen verglichen worden. Sie tragen Spiegelbrillen und Schlafmasken, viel zu große Mützen und Hüte, tief und schief ins Gesicht gezogen, die Augen verbergend. Kinderfiguren mit Discman und Kopfhörer. Eine Männerfigur im schwarzen Ledermantel, ein Besen lehnt an ihr, daneben ein Sportler, die einbeinige Spielzeugpuppe steckt im engen roten Ringeranzug, das abgerissene zweite Bein hängt kaum sichtbar am Faden. Dem Kind wächst eine Blume aus dem Kopf. Im Kreis gegenüber eine Mädchenfigur, die ein rotes Gehirn auf dem Kopf balanciert. Fetische und Bondage tauchen auch immer wieder auf.

In einem anderen Raum stehen die Figuren mit sehr viel größerem Abstand zueinander. Eine trägt einen Lampenschirm auf dem Kopf und eine venzianische Maske im Gesicht. Davor der kleine Trommler in schwarz-rot-gold. „Ich bin Insasse einer Anstalt“, denkt man sich. Sind es tote Tiere, die am Fuß der Kinderfigur liegen, oder räkeln sie sich nur, schlafend? Dem Kind ist der Mund mit rosanen Klebebändern verbunden, und die Frauenfigur mit dem Lampenschirm trägt Schulterprotektoren aus dem American Football, die über ihre Arme geschnürt sind.

Ein Zimmer weiter eine Urszene: Die Männerfigur liegt unter der Frau und schaut unter ihren Rock, aber das Bild ist starr, es geht nicht weiter. Ein Kind mit Football-Helm schaut in ihre Richtung, es trägt eine leuchtend rote Rettungsweste, die – wiederum – über seine Arme gebunden ist, als würde es fixiert. Vor der Brust steckt ein rötliches Heft mit der Aufschrift: „Ihr Reisepaß“. Unter der Weste ein glitzerndes Aluhemd. Im Hintergrund eine Männerfigur, eine mehrschwänzige Peitsche in der Hand. Am Boden große Bilder mit ganz unterschiedlichen Motiven: Alte Meister, Fotos, die die Künstlerin zeigen, Blumen und die Szene einer Kopfuntersuchung tauchen da auf. Großflächig, auf dem Boden liegend, unter Glas.

Wenn man weiter geht, kommt man in einen Raum, in dem sieben identische Nofretete-Figuren mit mehr oder weniger modischen Brillen auf weißen Sockeln zu sehen sind. Das Altertum trifft auf die Gegenwart, Kunst auf Trash. Die Spiegel an der Wand sind matt, blind. Hier spiegeln nur die Brillen, und zu sehen ist der Betrachter, er sieht sich selbst.

„Ich will Skulpturen machen, die eine Filmszene darstellen, also Modellcharakter haben, nicht Skulpturen im traditionellen Sinne“, hat Isa Genzken über all dies gesagt. Und es ist ihr wohl gelungen, denn man kann diese Figuren nicht betrachten, ohne die stillstehenden Puppen in der eigenen Vorstellung in Bewegung zu setzen. Sinn wird konstruiert, Bezüge und Beziehungen werden hergestellt. Der Betrachter spielt fast automatisch in den skurrilen Ensembles mit, arbeitet gegen die Irritation an, die aus den Figuren spricht. Die Kleider und die Schuhe, die den Figuren angezogen wurden, hatte Genzken teilweise selbst getragen. Sie passen den Puppen meistens nicht.

Isa Genzken. New Works. Museum für Moderne Kunst, Frankfurt am Main. Im MMK1. Bis 31. Mai 2015. Kuratorin: Susanne Gaensheimer.

Spindoktoren

Robert Misik erklärt anhand zweier Beiträge aus dem Standard und aus dem Handelsblatt, wie die Spindoktoren aus Regierungen und Journalismus in den vergangenen Monaten systematisch ein unzutreffendes Bild über die Verhandlungen zwischen der griechischen Regierung und den übrigen europäischen Regierungen entworfen haben. Gerüchte werden gestreut, die von Personen stammen sollen, die angeblich nicht genannt werden möchten, und fast alles stellte sich im nachhinein als falsch heraus. Wie damit umgehen? Sein Fazit: „Nicht immer, wenn Sie in einer Zeitung Informationen lesen, die sich auf anonyme Quellen beziehen, muss die Information falsch sein. Oft ist die Anonymität die Voraussetzung, dass Funktionsträger überhaupt Klartext reden. Würden sie wissen, sie werden zitiert, würden sie nur Sprechblasen absetzen. Wenn aber der immer gleiche Spin aus den offenbar immer gleichen ‚anonymen‘ Quellen kommt, dann sollte Ihnen als Leser klar sein, dass hier Journalisten vorsätzlich instrumentalisiert werden, um eine ‚Storyline‘ unter die Leute zu bringen.“ Ein aktuelles Beispiel für fortgesetzte Desinformation. Stefan Krempl führt ein Blog über solche Vorgänge und die Mechamismen, die dahinterstecken, in Print und online (bis 2010 hier), leider schon lange nicht mehr aktualisiert, aber auch im nachhinein noch aufschlußreich. Zu den emotionalen Ursachen für die verzerrte Wahrnehmung der griechischen Politiker hatte sich unlängst auch Tobias Scholz geäußert.

Dienstag, 28. April 2015

Just good friends

Die Website des Internet Archive ist modernisiert worden. Man sieht jetzt besser, wohin sich solche Plattformen entwickeln: Die Usability wird von den Vorstellungen von Apple dominiert. Das Look-and-Feel ist iPad-tauglich geworden. Man sieht Symbole statt buchstabierter Beschriftungen. Flächige Felder wollen über den Bildschirm gescrollt, angetippt und gewischt werden. Und über allem thront die Wayback Machine, die bekanntlich jüngst eher problematische Züge angenommen hat. Das Archiv entwickelt sich auch immer mehr zur Mediathek. Während YouTube zehn Jahre alt geworden ist, ist auch archive.org ein bißchen wie YouTube geworden, es wirkt aber eher wie ein Kaufhaus mit eigenen Abteilungen für ein „Live Music Archive“, „Community Video“ und „Netlabels“. Wer etwas vermißt, kann endlos weiterscrollen. Etwa ein Drittel der Nutzer greifen derzeit mit mobilen Endgeräten auf die Inhalte zu, und es sei immer schwerer geworden, noch Entwickler zu finden, die die alte Seite hätten pflegen können, schreibt Alexis Rossi im Blog des Archivs.

Die Meldung kam am selben Tag, an dem bekanntgegeben wurde, daß Google acht Zeitungsverlage für 150 Millionen Euro sozusagen eingekauft hat, darunter den Guardian und die FAZ, deren „Medienjournalist“ im dunklen Tonfall von einem „auf drei Jahre eingebrachten Volumen“ raunt, mit denen ein „nachhaltiges Ökosystem für Nachrichten“ entstehen soll. Der Guardian-und-Google-Berater Jeff Jarvis nannte das einen Tag vorher schon auf Medium einen „Friendship Pact with Euro Publishers“. Und: „Google needs friends in Europe. It may have finally found some.“ Da friert's mich vor Gemütlichkeit.

Sonntag, 26. April 2015

Netz zerstört, geht aber trotzdem?

Der Bericht von Saprina Panday (aus Paris) auf Global Voices über das Erdbeben in Nepal wirft die Frage auf, warum dort das Internet anscheinend noch funktioniert, während „Telefonleitungen und Mobilfunknetze zusammengebrochen sind“? Wie funktioniert dort der Internetzugang und wie weit ist die Nutzung verbreitet? Wikipedia zufolge liege die Online-Nutzung in Nepal bei unter einem Viertel der Gesamtbevölkerung, vor allem über Internetcafés, ländliche Regionen per Funknetz, WLAN-Hotspots seien im Aufbau, wenn auch „growing rapidly“.

Zwei Notizen

Über den Verteiler des Solarenergie-Fördervereins Deutschland lief gestern der Bericht eines Teilnehmers an der Hauptversammlung von RWE, die tags zuvor in Essen stattgefunden hatte: „Man ist in einer Welt, in der andere Werte und andere Einstellungen gelten, als sie einem Immanuel Kants Sittengesetz eingibt.“

Der Soziologe Tobias Scholz, der 2011 an der Freien Universität Berlin mit einer Arbeit über „Distanziertes Mitleid – mediale Bilder, Emotionen und Solidarität angesichts von Katastrophen“ promoviert wurde, weist in einem Interview, das heute morgen im Deutschlandfunk gesendet wurde, auf einen Zusammenhang in der öffentlichen Debatte zwischen der brüsken Ablehnung der griechischen Regierung und der Zuwendung zu anderen Schauplätzen hin. Das Maß an Mitgefühl, das man aufbringen könne, sei begrenzt. „Das flegelhafte Auftreten griechischer Politiker etwa empöre mehr als das Leiden der Bevölkerung. ‚Da kam es gelegen, dass man sein Mitleid woanders loswerden konnte‘, sagte Scholz im DLF.“

Samstag, 25. April 2015

Römerberggespräche über den „Islam – Partner oder Gegner der Zivilgesellschaft?“

Bei dem Thema „Islam“ denke ich zurück bis zu den frühen 1990er Jahren. Ich erinnere mich an die Diskussionen zum Zweiten Golfkrieg von George „Vater“ Bush, wo es schon um den Konflikt mit der westlichen Moderne ging, die der islamischen Welt fehle – eine Fragestellung, die schon zeigt, wie egozentrisch die westliche Perspektive üblicherweise in solchen Dingen ist. Der Westen setzt sich wie selbstverständlich in die Mitte und moniert, daß es noch etwas anderes gebe als seine Sicht, als sein Modell von Gesellschaft, Kultur, Staat, Wirtschaft. Der Fortschritt, die gesellschaftliche Dynamik, die sich gegen ständische Strukturen wendet und die zum Widerspruch auffordert gegen das Verharren und alles Rückwärtsgewandte. Die universal gesetzten Menschenrechte werden für die ganze Welt gefordert – und das ist ja auch richtig und notwendig.

Vor allem aber: Der Islam macht Angst. Er erscheint heute fast genauso angstbesetzt wie zu Zeiten des Kalten Kriegs der Osten. Das merkt man auch in den Fragen, die an ihn gestellt werden: Etwa ob der Islam in die säkulare Moderne „passe“ – was aber, wenn dabei herauskommen sollte, daß dem nicht so wäre? Auch wenn er nicht „paßt“, er ist ja schon da, mitten in Frankfurt, wo an der Ampel vor mir ein Auto hält, eine verschleierte Frau auf dem Beifahrersitz. Der Islam ist ein Teil des Westens geworden, er findet auch hier statt, was es wiederum erschwert, das Fremde zu erkennen, weil wir es selbst sind, die wir dort sehen, und gerade nicht das andere. Die Projektionsfläche wird mit eigenen Inhalten bespielt.

Über die radikalisierten Jugendlichen, die aus Deutschland nach Syrien gehen, und über das Ausmaß des Salafismus gebe es keine unabhängigen Studien, heißt es. Allgemeine Gründe für die Attraktivität des Radikalismus gebe es nicht. Ausgrenzung und Diskriminierung, ein defizitäres Elternhaus seien förderlich. Allesamt religiös schlecht Gebildete, daher für diesbezügliche Propaganda anfällig. Etwa 300 seien bisher wieder nach Deutschland zurückgekehrt, 10–15 Prozent der Betroffenen seien Frauen. Der „Islamische Staat“ selbst habe keine religiösen Ziele. Es gehe um Geld und politische Macht.

Es war eine differenzierte Debatte heute nachmittag bei den Römerberggesprächen über den „Islam – Partner oder Gegner der Zivilgesellschaft?“ im Chagallsaal des Schauspiels Frankfurt, befördert durch ein homogenes Panel und ein stark grün gefärbtes Publikum mit weiterhin ziemlich hohem Altersdurchschnitt. Probleme seien der Jugendsozialarbeit zu übergeben, zur „Deradikalisierung“, das Land Hessen sei hierbei führend. Und die „islamische Tracht“ sei nur „eine Mode“ – das Bundesverfassungsgericht war jüngst anderer Ansicht –, wer dies trage, betreibe eine „Selbstexotisierung“. Toleranz sei vonnöten, die USA wurden als Beispiel hingestellt. Es war ein gutes Modell für den zeitgenössischen Multikulti-Diskurs, seine lichten Momente und seine blinden Flecken.

Donnerstag, 23. April 2015

E-Book und Book-Book II

Ein weiteres Beispiel für die Kluft zwischen Netz und real life ist der Gesetzentwurf der Bundesregierung für den weiteren Umgang mit E-Books, über den man heute im Börsenblatt lesen kann. E-Books werden demnach ab 2016 kraft gesetzlicher Regelung unter die Buchpreisbindung fallen. Eine Ausnahme soll es weiterhin für Flatrate-Modelle geben, bei denen Texte gegen ein pauschales Entgelt nur zeitweise zum Zugriff angeboten werden. Der Unterschied dürfte den meisten Benutzern gleichgültig sein, weil sie E-Books sowieso höchstens einmal lesen werden. Der Markt konsolidiert sich auch derzeit.

Crowdfunding

Während das Netz über „innovative“ Finanzierungsmodelle wie Crowdfunding im allgemeinen eine unkritische und eher diffuse Begeisterung an den Tag gelegt hat, war die öffentliche Anhörung zu dem Gesetzentwurf der Bundesregierung für ein Kleinanlegerschutzgesetz eher kontrovers verlaufen, wenn auch aus ganz unterschiedlichen Motiven der Beteiligten heraus. Diskutiert wurde unter anderem über neue Regeln für Anlageprospekte. Die Stellungnahmen bewegten sich zwischen den Positionen der Finanz-Platzhirsche, Belangen des Verbraucherschutzes und sozialen sowie genossenschaftlichen Bedürfnissen. Bei der Abstimmung im Finanzausschuß gab es nur geringfügige Änderungen zum ursprünglichen Entwurf, er wurde aber im wesentlichen angenommen und soll heute im Parlament beschlossen werden. Demnach wird es die von der Opposition geforderte Aufsicht über Crowdfunding-Plattformen weiterhin nicht geben. Die Diskussion zeigt vor allem, wie groß die Lücke ist, die weiterhin zwischen der eher liberal bis libertär geprägten, im Netz veröffentlichten Meinung und dem real life sich auftut.

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