Zeit zum Nachdenken
Harper's Weekly Review zitiert diese Woche eine Meldung über eine sechsundzwanzigjährige Chinesin, die eine Woche in einem Kentucky Fried Chicken am Bahnhof von Chengdu verbracht hatte. Nachdem ihr Freund sich von ihr getrennt hatte, reagierte sie mit einer akuten Depression und konnte nicht mehr zur Arbeit fahren, heißt es in dem Beitrag. Sie ging in das Fastfood-Restaurant und blieb dort eine Woche lang sitzen, bis sie dem Personal auffiel, so daß auch die örtliche Presse über sie schrieb. Wegen der Wechselschichten in dem rund um die Uhr geöffneten Laden habe man sie erst nicht bemerkt, aber nach ein paar Tagen sei sie ihnen irgendwie bekannt vorgekommen, hieß es. Eine Heimkehr in ihre Wohnung erschien ihr nicht gangbar, weil sie dort ständig an ihren Freund erinnert worden wäre. Also blieb sie sitzen, wo sie war, denn sie habe bemerkt, daß sie Zeit zum Nachdenken brauche. Schließlich entschloß sie sich, zu ihren Eltern zu fahren, und verließ den Imbiß.
Tag, mitten in der Nacht
In der dunklen Renne-Bahn glimmt ein Licht, das Dir zeigt, wo der Weg hinführt. Auch wenn Du es erst nach sieben Jahren bemerkst, es war die ganze Zeit schon da. Mach es heller, lauf' darauf zu, mach es ganz hell jetzt, damit alle es sehen. Alles wird Licht. Und es wird noch einmal Tag, mitten in der Nacht.
Kersch, Karsch, Korsch und Kirsch XV
„Hören Sie die Vögel, die die ganze Nacht hindurch zwitschern“, fragte Karsch. – „Als wollten sie die Nacht hingwegsingen und den Tag herbei“, überlegte Kersch. „Den Frühling herbeisingen, bis er endlich da ist.“ – „Den Frühling, und dann auch den Sommer, der auf den Frühling folgen wird. Folgen muß, wie in jedem Jahr.“ – „Ja. Wie schön das ist.“
Kersch, Karsch, Korsch und Kirsch XIV
„Bemerken Sie, wie das Licht sich geändert hat in den letzten Tagen?“ fragte Karsch. „Es ist jetzt sehr viel kräftiger geworden. Hell und klar. Noch kühl, aber die Kraft des Lichts dringt in die Menschen, und das fühlt sich gut an.“ – „Auch die Dämmerung dauert deutlich länger jetzt, und sie setzt schon später ein. Die Luft ist trocken und klar.“ Korsch schaute noch lange aus dem Fenster: „Noch sind die Zweige an den Bäumen kahl und wirken wie Scherenschnitte gegen den spätwinterlichen Himmel.“
Kersch, Karsch, Korsch und Kirsch XIII
„Haben Sie bemerkt, daß in diesem Jahr vieles zuende gegangen ist, ohne daß anstelle dessen etwas Neues begonnen hätte?“ fragte Karsch. — Kersch, nachdenklich: „Es ist aber noch nicht alles zuende. Das Jahr selbst ja auch noch nicht.“ — „Das stimmt. Und die ungewöhnlich milde Witterung zum Winteranfang scheint wie ein Signal zu sein, den Winter gar nicht erst beginnen zu lassen und direkt vom Herbst in den Frühling überzugehen.“ — „Der Sonne und dem Licht entgegen. In drei Monaten beginnt die Sommerzeit.“ — „Und die Zugvögel kommen dann auch wieder zurück.“ — „Beginnt dann etwas Neues?“
Begegnung im Stadtwald
Er sei jetzt über neunzig, sagt er, und er sei immer in Bewegung gewesen in seinem Leben. Mitglied im Alpenverein. Viele Berge habe er bestiegen. Den Großglockner zum Beispiel. Auch im Himalaya sei er gewesen. Immer nach oben. Immer selbständig gearbeitet, daher viel Zeit für Hobbies. Als er jung gewesen sei, habe er nicht viel über das Altsein nachgedacht. Und jetzt sei es eben so gekommen, sagt er. Herrn L. habe er schon lange nicht mehr gesehen. Aber wahrscheinlich lebe er noch. Wir sprechen über eine Vorsorgevollmacht. Und über Demenz. Ja, davon habe er gehört, vor kurzem erst in einer Fernsehsendung, und das habe es früher ja kaum gegeben. Früher seien die Leute nicht so alt geworden. Übrigens sei die Sonne schon hinter den Bäumen, sie stehe jetzt schon sehr schräg, zwei Stunden bevor sie untergeht.
Kersch, Karsch, Korsch und Kirsch XII
„Bemerken Sie eigentlich, wie man sich selbst blockieren kann, indem man nicht aufräumt, so daß kein Platz für Neues bleibt?“ fragte Karsch. „Bevor man dann wieder weitermachen kann, muß man natürlich das Alte erst einmal wegräumen, um Platz zu machen.“ Kersch blickte unter sich. Karsch wies auf einen Stapel mit altem Papier: „Das sind ungefähr fünf Jahre unaufgeräumtes, nicht abgeheftetes Leben, die Sie hier sehen.“
Kersch wiegte skeptisch den Kopf.
Kersch, Karsch, Korsch und Kirsch XI
Kersch freute sich über den Herbst, obwohl er dieses Jahr etwas zu früh begann, wie er meinte. Kühle Luft, in der Sonne war es aber weiterhin warm. Auf dem Rückweg hatte er mehrere schwarze Käfer, die mit zappelnden Beinen auf dem Rücken umherlagen, umgedreht – und dabei natürlich an Kafka gedacht. Die Käfer schienen dankbar zu sein für seine Hilfe. Sie krabbelten sofort weiter in Richtung Wegrand, um nicht länger auf dem Waldweg zu bleiben, wo schon viele von ihnen von Radfahrern und Spaziergängern überfahren und plattgetreten worden waren.
Jetzt
Seit etwa drei Wochen wußte sie, daß sie eine andere Bibliothek brauchte, keine völlig andere als bisher, aber eine, die besser zu ihrem derzeitigen und ihrem künftigen Leben passen würde. Sorgsam sah sie jedes Bücherbord durch, prüfte die Bände auf ihre weitere Brauchbarkeit, las in das eine hinein, durchblätterte andere und sortierte aus, was sie nicht mehr benötigen würde auf ihrem Weg, den sie für sich gewählt hatte. Das Weglegen, Weggeben, Wegwerfen erleichterte sie. Sie fühlte sich leichter mit jedem Buch, mit jedem Leitzordner, dessen sie sich entledigte. Es erinnerte sie an einen Ballon, dessen Besatzung Sandsäcke abwarf, um leichter steigen zu können, und das gefiel ihr. Es fühlte sich gut an, leichter zu werden und sich darauf vorzubereiten, möglichst weit davonzufahren. Neue Ziele anzupeilen, die Segel zu setzen und neue Welten zu erfahren, die noch vor kurzem in unerreichbarer Weite schienen. Jetzt waren sie immer noch genausoweit weg wie je, aber sie schienen leichter erreichbar zu sein als bisher. Wer wollte sie noch festhalten, jetzt?
Kersch, Karsch, Korsch und Kirsch X
Bisweilen erinnerte sich Kersch an seine Zeit mit Karsch, von dem er schon länger nichts mehr gehört hatte. Aber manchmal dachte er auch an Kirsch zurück. Kirsch hatte sich anderweitig entschieden, man traf sich schließlich immer seltener, am Ende gar nicht mehr. Jeder ging seines Wegs. Zu Anfang war Kersch darüber auch ein bißchen traurig, aber es hatte schon seine Richtigkeit damit. Kirsch brauchte die ständige Veränderung zum Leben, die Kersch in diesem Umfang, in dieser Weise nicht ertrug. So zog Kirsch davon, und Kersch blieb zurück.