albatros | texte
Donnerstag, 30. Oktober 2014

Zeit zum Nachdenken

Harper's Weekly Review zitiert diese Woche eine Meldung über eine sechsundzwanzigjährige Chinesin, die eine Woche in einem Kentucky Fried Chicken am Bahnhof von Chengdu verbracht hatte. Nachdem ihr Freund sich von ihr getrennt hatte, reagierte sie mit einer akuten Depression und konnte nicht mehr zur Arbeit fahren, heißt es in dem Beitrag. Sie ging in das Fastfood-Restaurant und blieb dort eine Woche lang sitzen, bis sie dem Personal auffiel, so daß auch die örtliche Presse über sie schrieb. Wegen der Wechselschichten in dem rund um die Uhr geöffneten Laden habe man sie erst nicht bemerkt, aber nach ein paar Tagen sei sie ihnen irgendwie bekannt vorgekommen, hieß es. Eine Heimkehr in ihre Wohnung erschien ihr nicht gangbar, weil sie dort ständig an ihren Freund erinnert worden wäre. Also blieb sie sitzen, wo sie war, denn sie habe bemerkt, daß sie Zeit zum Nachdenken brauche. Schließlich entschloß sie sich, zu ihren Eltern zu fahren, und verließ den Imbiß.

Mittwoch, 23. Juli 2014

Tag, mitten in der Nacht

In der dunklen Renne-Bahn glimmt ein Licht, das Dir zeigt, wo der Weg hinführt. Auch wenn Du es erst nach sieben Jahren bemerkst, es war die ganze Zeit schon da. Mach es heller, lauf' darauf zu, mach es ganz hell jetzt, damit alle es sehen. Alles wird Licht. Und es wird noch einmal Tag, mitten in der Nacht.

Donnerstag, 19. Juni 2014

Unter dem Tor hindurch

Der Igel fiel mir auf, als ich die Straße entlang ging. Erst lief er unter das geparkte dunkle Auto, dann aber weiter, darunter hindurch und quer über den Fußweg, direkt auf das niedrige Tor zu. Als ich mich immer mehr näherte, nahm er kurz Maß und lief dann mit voller Geschwindigkeit zu dem Tor, machte sich so schlank es ging und schlüpfte unter dem Tor hindurch, von mir weg. Das dürfte ihm nicht leicht gefallen sein, er kam gerade noch so hindurch und brachte sich vor mir, dem gefährlichen Menschen, in Sicherheit in Richtung Rasen und dann hinüber zur Hecke, unter der er kurz darauf wieder verschwand.

Dienstag, 10. Juni 2014

Durch das Grau hindurch

„Der Morgen graut“: Dunkelmattes Grün. Bäume vor blauweißem Himmel, und die Vögel zwitschern genauso laut wie die A3. Kraftlose Farben – und ein Buch, fast ausgelesen am Ende der Nacht – als wolle die Natur die Sinne schonen mit der spärlichen Kraft. Oder als arbeite sich die Farbe erst noch durch das Grau hindurch oder hervor, immer mehr, immer heller, bis die Sonne zu sehen ist, die dann immer wärmer strahlt, bis das Grau fast ganz weg geht und die Farben die Welt zurück erobert haben. Und das Leben.

Mittwoch, 26. März 2014

Die Schrift wird zum Leben

Das Blog ist kein bloßes Tagebuch, denke ich beim Blättern in Sloterdijks „Zeilen und Tage“. Mit dem Tagebuch teilt es die Kurzlebigkeit: Wer greift schon auf ein Blog über den Kalender zu und sucht Beiträge aus einem bestimmten Monat vor x Jahren heraus? Man kann das machen, aber wer macht es? Und doch: Sloterdijk war auf seine Weise ein Blogger, wie auch Max Frisch in seinen Tagebüchern gebloggt hatte. Irgendwie, ja. Und früher schon Tucholsky, natürlich. Und Kafka? Kafka auch? – Beckett? Eher weniger. Aber Arno Schmidt – ganz sicher. Und Heine. Aber das Schreiben im Netz? Man schreibt am Ende nur für sich. Wer es liest, wenn überhaupt, kann dahingestellt bleiben. Ist nicht notwendig. Man schreibt Notizbücher voll und Blogs und Wikis, und dieser Strom aus Notaten und Gesängen und Empörung und Leiden und Hoffnung füllt am Ende die Welt. Die des Autors und die des Lesers, erst ein bißchen und dann immer mehr. Sie wird zur Wirklichkeit, und die Wirklichkeit wird zum Leben. Die Schrift wird zum Leben. Und das Leben wird wirklich durch das Schreiben. Auch durch das Bloggen.

Donnerstag, 20. März 2014

Kersch, Karsch, Korsch und Kirsch XV

„Hören Sie die Vögel, die die ganze Nacht hindurch zwitschern“, fragte Karsch. – „Als wollten sie die Nacht hingwegsingen und den Tag herbei“, überlegte Kersch. „Den Frühling herbeisingen, bis er endlich da ist.“ – „Den Frühling, und dann auch den Sommer, der auf den Frühling folgen wird. Folgen muß, wie in jedem Jahr.“ – „Ja. Wie schön das ist.“

Dienstag, 25. Februar 2014

Kersch, Karsch, Korsch und Kirsch XIV

„Bemerken Sie, wie das Licht sich geändert hat in den letzten Tagen?“ fragte Karsch. „Es ist jetzt sehr viel kräftiger geworden. Hell und klar. Noch kühl, aber die Kraft des Lichts dringt in die Menschen, und das fühlt sich gut an.“ – „Auch die Dämmerung dauert deutlich länger jetzt, und sie setzt schon später ein. Die Luft ist trocken und klar.“ Korsch schaute noch lange aus dem Fenster: „Noch sind die Zweige an den Bäumen kahl und wirken wie Scherenschnitte gegen den spätwinterlichen Himmel.“

Donnerstag, 26. Dezember 2013

Kersch, Karsch, Korsch und Kirsch XIII

„Haben Sie bemerkt, daß in diesem Jahr vieles zuende gegangen ist, ohne daß anstelle dessen etwas Neues begonnen hätte?“ fragte Karsch. — Kersch, nachdenklich: „Es ist aber noch nicht alles zuende. Das Jahr selbst ja auch noch nicht.“ — „Das stimmt. Und die ungewöhnlich milde Witterung zum Winteranfang scheint wie ein Signal zu sein, den Winter gar nicht erst beginnen zu lassen und direkt vom Herbst in den Frühling überzugehen.“ — „Der Sonne und dem Licht entgegen. In drei Monaten beginnt die Sommerzeit.“ — „Und die Zugvögel kommen dann auch wieder zurück.“ — „Beginnt dann etwas Neues?“

Mittwoch, 30. Oktober 2013

Begegnung im Stadtwald

Er sei jetzt über neunzig, sagt er, und er sei immer in Bewegung gewesen in seinem Leben. Mitglied im Alpenverein. Viele Berge habe er bestiegen. Den Großglockner zum Beispiel. Auch im Himalaya sei er gewesen. Immer nach oben. Immer selbständig gearbeitet, daher viel Zeit für Hobbies. Als er jung gewesen sei, habe er nicht viel über das Altsein nachgedacht. Und jetzt sei es eben so gekommen, sagt er. Herrn L. habe er schon lange nicht mehr gesehen. Aber wahrscheinlich lebe er noch. Wir sprechen über eine Vorsorgevollmacht. Und über Demenz. Ja, davon habe er gehört, vor kurzem erst in einer Fernsehsendung, und das habe es früher ja kaum gegeben. Früher seien die Leute nicht so alt geworden. Übrigens sei die Sonne schon hinter den Bäumen, sie stehe jetzt schon sehr schräg, zwei Stunden bevor sie untergeht.

Samstag, 5. Oktober 2013

Kersch, Karsch, Korsch und Kirsch XII

„Bemerken Sie eigentlich, wie man sich selbst blockieren kann, indem man nicht aufräumt, so daß kein Platz für Neues bleibt?“ fragte Karsch. „Bevor man dann wieder weitermachen kann, muß man natürlich das Alte erst einmal wegräumen, um Platz zu machen.“ Kersch blickte unter sich. Karsch wies auf einen Stapel mit altem Papier: „Das sind ungefähr fünf Jahre unaufgeräumtes, nicht abgeheftetes Leben, die Sie hier sehen.“

Kersch wiegte skeptisch den Kopf.

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