Montag, 6. April 2015
Gardiner über Bach
Die BBC hat John Eliot Gardiners Dokumentation über Johann Sebastian Bach aus dem Jahr 2013 im eigenen Kanal auf YouTube veröffentlicht: Bach. A passionate life dauert eineinhalb Stunden und ist absolut sehens- und hörenswert (das Video war am 8. Juni 2015 nicht mehr online).
Angesichts der zahllosen Raubkopien ihrer Beiträge hat die BBC nun wohl sozusagen die Flucht nach vorn angetreten und stellt hochwertige Kopien selbst auf YouTube ein.
(via Philoblog)
Sonntag, 5. April 2015
Selbststeuerung, Morozov, Antville und MetaGer
Ein ostersonntäglicher Blick in den Feedreader: Joachim Bauer sagt in einem Interview, das der Deutschlandfunk heute morgen gesendet hatte, wer sich im Leben an längerfristigen Zielen orientiert, sei gesünder und werde leichter wieder gesund. Er redet der Compliance das Wort, aber auch den Selbstheilungskräften. Die „Selbststeuerung“ des Patienten sei zu stärken. Es komme für den Behandlungserfolg sehr viel stärker als bisher angenommen auf ein gutes Arzt-Patient-Verhältnis an. Im Hintergrund steht das Verständnis von Gesundheit und Krankheit als Kontinuum, das mal mehr zur einen, mal mehr zur anderen Seite hin ausschlägt, aber nie vollständig auf einer Seite steht.
Ich bringe das auch in Verbindung mit meinen Online-Gewohnheiten und denke an die bewußte Auswahl der Tools und Plattformen, die ich nutze, denn diese ist stets langfristig angelegt. Aber da ist Evgeny Morozov bei Futurezone heute anderer Ansicht: Wer meine, auf Google verzichten zu können, rede „Blödsinn“, sagt er. Die Meinung beruhe „auf der religiösen, protestantischen Annahme, dass wir uns alle ethisch zu verhalten haben. Das führt zu einer sehr eingeschränkten Vorstellung davon, was Macht ist. Wenn ich meine Zeit effizient nutzen, meine Arbeit erledigen und nicht als Idiot oder technikfeindlicher Freak gelten will, gibt es keine Alternative zu Google. Der Zeitdruck wird vom ökonomischen und sozialen System ausgeübt. Menschen, die mehrere Jobs brauchen, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten, werden nicht plötzlich Geld für minderwertige Technik ausgeben wollen, weil das aus ethischer Sicht Sinn macht.“
Der Gedanke geht ziemlich durcheinander. Schon der Ausgangspunkt, der die Auswahl von Tools in die protestantische Ethik einordnet, stimmt gar nicht. Es ist eher eine Frage der Achtsamkeit sowie der Selbstwirksamkeit. Beides kann zufriedener und damit auch in dem eingangs angesprochenen Sinne gesünder machen. Es ist auch nicht richtig, daß Alternativen zu Google eine „minderwertige Technik“ böten. Im Gegenteil habe ich über MetaGer viele Inhalte erst gefunden, die mir Google – „dank“ Filterbubble? – gar nicht mehr angezeigt hatte. Das gilt insbesondere für Themen aus dem Gesundheitswesen, aber auch für Nachrichten. Insoweit war das Googlen mit Google also sowohl ineffizient als auch nicht datensparsam und hat mir somit klar geschadet.
Auch die Auswahl der Bloggerplattform gehört übrigens in diesen Zusammenhang: WordPress.com oder Antville? Wenn man die jüngsten Eskapaden und die offizielle Reaktion der Mitarbeiterin, die bei Automattic als „Happiness Engineer“ tätig ist, angesichts von gut 3000 öffentlichen Petenten innerhalb weniger Tage sieht: Im Zweifel blogge ich lieber bei Antville.
Ich nehme die Vorgänge um den Post Editor bei WordPress.com zum Anlaß, mich von dort zu verabschieden und meine schneeschmelze nur noch zum Dokumentieren ausgewählter Beiträge zu verwenden, wie schon zu Anfang. Mein laufendes Blog wird albatros.antville.org sein. Damit greife ich eine Linie auf, die ich im Januar 2013 begonnen hatte. Dies auch als ein Zeichen dafür, daß die Selbstfindung und -vergewisserung, der die schneeschmelze gedient hat, in eine neue Phase übergeht.
Übrigens wurden sowohl Antville als auch MetaGer gerade einem Update unterzogen. Es ist schön, daß beide Plattformen gemeinnützig und aktiv weiterentwickelt werden und daß man hier noch direkten Kontakt zu den Entwicklern hat. Bei MetaGer wurde so im Laufe des letzten Jahres unter anderem eine Wiki- und eine Blog-Suche integriert. Auch eine eigene Nachrichtensuche gibt es wieder.
Donnerstag, 2. April 2015
Die Schrift wird zum Leben III
John Danaher zählte schon im September 2014 sieben Gründe auf, weshalb er als Wissenschaftler blogge.
Man bleibe dadurch am Schreiben. Man komme dadurch leicht in einen Zustand des Flow. Es helfe ihm als Wissenschaftler, sein Fach wirklich zu verstehen (das Argument ist eine Spielart des Lernen durch Lehren, LdL). Bloggen habe ihm auch dabei geholfen, seine Veröffentlichungen vorzubereiten. Er sei durch das Bloggen aber auch mehr oder weniger zufällig auf Themen aufmerksam geworden, die er durch systematische Studien so nicht gefunden hätte. Es helfe ihm, online Kontakt zu knüpfen. Und, last, but not least, helfe es ihm auch bei der Lehre – eine Variation des früher zu LdL Gesagten.
Der Bildungsblogger Stephen Downes kommentiert diese Argumente heute zustimmend. Downes bloggt täglich, auch als Newsletter OLDaily zu lesen.
Auch sie, zwei Blogger.
Montag, 30. März 2015
China blockiert weniger
Dank einem Hinweis in der Mailingliste Wikisouce-l fällt der Blick auf einen Schauplatz im fernen Osten. Die Internetzensur in der Volksrepublik China und die dortigen Sperrungen von Wikipedia sind ein Kapitel für sich. Bei der Wikimania in Hongkong gab es einen Vortrag zum Thema. Es gibt Neuigkeiten zum aktuellen Stand. Einer Anmerkung in einem Ticket auf Phabricator zufolge, würden derzeit „nur“ die chinesische Wikisource (sic!), die chinesische Wikinews (sic! sic!) und die uigurische Wikipedia blockiert, heißt es auf der Liste. Und auf Phabricator freut man sich, dass die englische mobile Wikipedia in China genutzt werden könne.
Zuerst im Wikipedia:Kurier, 29. März 2015.
Samstag, 28. März 2015
Die Schrift wird zum Leben II
Der Perlentaucher verlinkt heute einen Text von Arno Widmann über Heinrich von Kleists „Berliner Abendblätter, 1810–11“. Widmann schreibt: „Wer heute auf die ‚Berliner Abendblätter‘ zurückschaut, der sieht, dass sie ein Blog waren – vor der Erfindung, ja vor der Möglichkeit des Blogs. Kleist war freilich klug genug zu wissen, dass sein Blog nur erfolgreich sein konnte, wenn er ihn öffnete für Trivialitäten. Er wusste, dass nicht alles zu einem Artikel geformt werden muss. Die bloße Aufzählung von Ereignissen, der wortgetreue Abdruck eines Verhörs beflügelt die Fantasie eines Lesers manchmal mächtiger als die flammendste Rede. Kleist hat in den Berliner Abendblättern erbarmungslos nachgedruckt aus anderen Zeitungen, er hat jeden Tag eine kleine Welt zusammengestellt aus den Welten, die ihm zugänglich waren. Das reizte ihn, das machte ihm Spaß.“ Wie uns ja auch, deshalb dies lange Zitat. Auch Kleist, also, ein Blogger. Natürlich. Widmann findet ein Faksimile auf archive.org – man wähle PDF, die EPUB-Version läßt sich mit Calibre leider nicht öffnen.
Lieber nicht
Auf einer Website gibt es zwei Gruppen von Interviews und Interviewten. Man kann wählen zwischen: „Querdenker & Visionäre“ sowie „Mahner & Bewahrer“. – Nein, danke, ich möchte lieber nicht.
Mittwoch, 25. März 2015
Ende März
Nach dem übermütig-warmen Nachmittag verschwindet die Sonne brüsk hinter den Wolken, und das Zwitschern der Vögel verstummt im kalten Wind.
Dienstag, 24. März 2015
Wie in einer Zeitblase
In einem Interview mit Zeit Online hat Oliver Rohrbeck über die Produktion der Drei ??? erzählt, sie würden heute immer noch wie in den 1970er Jahren vorgehen. Er fühle sich dabei „wie in einer Zeitblase“. Die Drei ??? kenne ich nicht, aber ich erinnere mich an die Hörspiele der Fünf Freunde aus dieser Zeit, in denen Rohrbeck den Julian sprach. Seine Produzentin sei heute immer noch Heikedine Körting (!), und sie arbeiteten mit analogen Bändern. Alle Schauspieler seien gleichzeitig im Studio anwesend, die Geräusche kämen ebenfalls von Band. Und obwohl zwischen den ersten und den neuesten Aufnahmen ein Zeitraum von 35 Jahren liege, betrage die erzählte Zeit insgesamt nur fünf Jahre. Und auch ich fühle mich wie in dieser Zeitblase, wenn ich den Text lese, und denke zurück an die vielen Stunden, die ich mit den Hörspielen damals verbracht hatte. Denke an die Fünf Freunde und an die Science-Fiction-Serien um Mark Brandis und Commander Perkins, die ich teils gelesen, teils als Hörspiel gehört hatte. Auf Musik-Kassetten, die ich schon ganz lange nicht mehr habe. Auf Kassettenrekordern, die man sich heute rein technisch kaum noch vorstellen könnte. Aber in meiner Erinnerung gibt es sie noch, als wäre die Zeit stehengeblieben, als würde sie nie weitergehen, zieht es mich in die Vergangenheit, drehe ich mich beim Lesen des Beitrags wie in der Schneekugel einer nicht endenden Geschichte, die ja mein Leben ein Gutteil mit geschrieben hat.
Donnerstag, 12. März 2015
Kersch, Karsch, Korsch und Kirsch XVI
„Bemerken Sie, daß es kaum etwas Wichtigeres gibt, als auf sich selbst zu achten?“ fragte Karsch. „Aufzupassen, daß alles, was man tut, stimmig ist mit dem eigenen Gefühl und daß es zum eigenen Leben paßt. Daß es sich nicht anrät, Differenzen, wie klein auch immer sie sein mögen, unter den Teppich zu kehren und so zu tun, als gäbe es sie nicht.“ – Korsch nickte langsam und schaute lange aus dem Fenster. – „Daß man seinem Herzen folgt. Es ist wahr.“
Sonntag, 30. November 2014
Radfahren, um zu lesen
Gestern beim Joggen gesehen: Eine schon etwas ältere Dame überholt mich auf ihrem Fahrrad. In der rechten Hand, die sie von oben auf den Lenker drückt, hält sie ein Buch. So fuhr sie lesend, aber aufmerksam und routiniert durch den Wald.