Donnerstag, 25. Juni 2015
Es wird eng II
Brent Simmons denkt nach über die Ankündigung von Mozilla sowie von Apple, bald nur noch https zu unterstützen. Er habe bisher vorwiegend an Programmen gearbeitet, die alle Feeds verarbeiten, die man ihnen vorsetzt. Wer vollständig auf https setze, richte sich gegen das offene Web. Mozilla und Apple arbeiten in Richtung auf ein Web, das von den großen Konzernen beherrscht wird, ein Web der geschlossenen Gesellschaften, und ein Konzern spielt den Gatekeeper und bestimmt, wer und damit auch was reinkommt und draußen bleiben muß. Letztlich, meint er, werde der vollständige Umstieg auf https aber noch lange auf sich werten lassen, denn es sei teuer, und: To cut off http is to cut off the arms of the body of free speech.
Der Blogpost war eher ein Zufallstreffer, denn Brent Simmons hat sich auch den aktuellen Markt für Newsreader Feedreader angeschaut – via Schockwellenreiter.
Montag, 22. Juni 2015
Brave New E-Book World
Was hat man alles gehört über die wunderbare neue Welt der Selfpublisher, die ihre Bücher über Apple und Amazon veröffentlichen, statt bei einem richtigen Verlag. Wir gingen herrlichen Zeiten entgegen, hat man gehört. Geht zu den großen amerikanischen Konzernen, hat man gehört, sie zahlen mehr als die anderen, viel, viel mehr. Und jetzt dies: Mit einer Frist von zwei Wochen kündigt Amazon einseitig eine Änderung seiner Vertragsbedingungen an: Die Autoren, deren Werke über Kindle unlimited vertrieben werden, würden fortan nicht mehr nach den von den Lesern im Rahmen der Pauschale genutzten Büchern, sondern nach den tatsächlich gelesenen Seiten vergütet. Denn die Kindle-Lesegeräte schaffen ja den gläsernen Leser. Amazon ist live dabei, wenn die Datei durchblättert und dabei möglicherweise auch gelesen wird. Und man wundert sich, daß es überhaupt Leser gibt, die bei sowas mitmachen. Und Autoren, natürlich, auch. Aber es gibt ja auch Leute, die Google für eine Suchmaschine halten und die meinen, bei Facebook gehe es vor allem um „Kommunikation“ und um „Nachrichten“. If you're not paying for it, you are the product. Aber hier bezahlen sie ja sogar dafür, und deswegen wird bestimmt keiner umdenken. Sie zahlen einen hohen Preis, Autoren wie Leser.
Sonntag, 21. Juni 2015
WordPress nach EPUB und weiter
WordPress und andere Blogsysteme haben zwar eine Exportfunktion, bieten aber sonst keine komfortablen Exportmöglichkeiten. Heraus kommt eine WordPress-XML-Datei, mit der man erst einmal wieder etwas anfangen können muß. Mit anderen Worten: WordPress ist ein Datensilo, das auch mit den üblichen Tools wie wget nicht mehr zu befreien ist.
Zehn Jahre lang Texte im Web an unterschiedlichen Stellen: Darunter war soviel Gutes, daß man daraus getrost ein E-Book machen könnte. Aufgabenstellung: WordPress-XML nach EPUB/PDF.
Für WordPress gibt es Plugins, Konverter für die Kommandozeile gibt es anscheinend nicht. Ein interessanter Weg führt jedoch über das Schweizer Taschenmesser für E-Books, Calibre: Man kann damit nämlich beliebige RSS-Feeds als Nachrichtenquellen abonnieren, timer-gesteuert einlesen und nach EPUB konvertieren. Diese Python-Lösung ist eigentlich für den E-Book-Reader für unterwegs, fernab der Datennetze gedacht. Damit geht aber noch mehr, denn aus EPUB geht es direkt aus Calibre per Export weiter in viele andere Formate. Eine Alternative zur Weiterverarbeitung ist dann Pandoc, das auch von EPUB nach LaTeX, OpenDocument-Text (ODT) und MediaWiki umsetzt. Und natürlich nach MarkDown. Beziehungsweise mit Sigil – zur Not redigiert man den EPUB-Quelltext direkt mit irgendeinem fähigen Editor.
Die Grenze dieses Workflows liegt in der Zahl an Artikeln, die per RSS auf einmal ausgeliefert werden können, hier wird man ggf. über spezielle Export-Kategorien oder -Tags nachhelfen müssen, für die es ja jeweils eigene Feeds gibt. Und natürlich müssen es Volltext-Feeds sein. ;) Just a work-around. Still diggin'.
Samstag, 20. Juni 2015
Vorträge zur Hirnforschung bei der „Night of Science“ 2015
Ich suche den Hörsaal B im Otto-Stern-Zentraum auf dem Campus Riedberg der Frankfurter Goethe-Unversität. Keine Beschilderung innerhalb des Gebäudes, Ortskenntnis wird vorausgesetzt. Also den anderen Besuchern nach. Die Räume sind alle durchnumeriert. An einer Tür hängt ein Zettel. Hier, also. Hörsaal B ist ganz überwiegend mit Studierenden der einschlägigen Fachrichtungen besetzt, wahrscheinlich auch viele Studieninteressierte. Sehr niedriges Durchschnittsalter, ganz anders als bei Veranstaltungen zur Literatur oder zur Politik, die ich sonst besuche. An der Tafel: „5.2.2 Die Lorentz-Transformation“. – „Bin ich hier richtig zum Eröffnungsvortrag?“ – „?“ – „!“
16.45 Uhr. Es wird voll, und es ist laut. Die mittlerweile zehnte „Night of Science“ beginnt am Nachmittag. Am Wochenende der Sommersonnenwende, der kürzesten Nacht des Jahres. Sehr steile Neigung des Hörsaals, der, wie ich einer Unterhaltung in der Reihe hinter bzw. über mir entnehme, „extra für die Gäste“ und nur heute mit Buchstaben bezeichnet worden sind, „damit sie sich besser zurechtfinden.“
Es ist 26 Jahre her, daß ich mit einem naturwissenschaftlichen Leistungskurs Abitur gemacht hatte, und es hat sich schon einiges geändert seit damals. Der Laborwasserhahn auf der Bühne hat einen Hebelmischer. Später merke ich, wie der Hörsaal mit Kameras versehen ist, die die Veranstaltungen aufnehmen. Sie sind im Gestühl des Hörsaals fest montiert und dreh- und schwenkbar ausgelegt. Fernsteuerung. Die Beamer sind eigentlich ganz nett. Von der „Hirnforschung“ sprach damals noch keiner. Also drei Stunden Hirnforschung: Wahrnehmung aus philosophischer Sicht, der aktuelle Stand der Hirnforschung und Diskussion.
Boris Kotchoubey aus Tübingen hielt den Eröffnungsvortrag zur Philosophie der Wahrnehmung und vertrat darin im Anschluß an die Kritik an von Holst, daß objektive Erkenntnis nicht aus der Sensorik, sondern aus der Motorik hervorgehe. Leben strebe nach Konstanz, nach der Beseitigung von Störungen. „Was mich stört, das ist wirklich.“ Dem will ich abhelfen, dagegen arbeite ich an, um mein Leben ungestört fortführen zu können. Und aus diesem Anarbeiten gegen die Umwelt erfahre ich, wie diese Umwelt beschaffen ist. Die subjektive Erkenntnis a priori habe die objektive Erkenntnis a posteriori zur Folge. Das heißt aber auch, es gibt keine besondere „Erkenntnistätigkeit“, sondern nur Anpassung an die Umwelt. Mit anderen Worten: Kognition gebe es nicht objektiv, sondern nur als soziale Praxis und als soziales Produkt.
Das wollte Wolf Singer vom MPI für Hirnforschung natürlich nicht so stehenlassen. Er beschrieb Wahrnehmung und Handeln aus der Sicht der Neurobiologie, und er begann bei den grundlegenden Prämissen: Alles, was das Gehirn tue, beruhe auf Naturgesetzen, auf biochemischen Reaktionen und auf den Strukturen der Hirnzellen. Man könne das Gehirn untersuchen und die Zellen zählen (60.000 seien es pro Kubikzentimeter, entsprechend 6 km Leiterbahnen), man könne die Vernetzung beschreiben und auch mit bildgebenden Verfahren darstellen, aber man sei noch weit davon entfernt, die Funktion und die Informationsverarbeitung in den sehr komplexen Netzwerken zu verstehen und wie daraus höhere Leistungen entstehen. Im ganzen folge man einem konstruktivistischen Ansatz: „Wir legen uns die Welt zurecht. Auch das Selbstbild ist konstruiert.“ Das Gehirn reife langsam, komplexe Strukturen entständen erst spät, zwischen der Pubertät und dem 25. Lebensjahr.
Das Gehirn sei nicht zentral gesteuert, sondern arbeite als selbst-organisierendes Netzwerk, in dem Kompetenzen nicht konkret verortet sind. Das Netzwerk sei dynamisch und komplex, welcher Teil welche Funktionen wahrnehme, sei zwar grundsätzlich verteilt, aber nicht von vornherein starr festgelegt. Eine Neuordnung sei daher auch später noch möglich, wobei Neuronengruppen als „zeitlich kohärente Assemblies“ darstellbar im gleichen Takt schwingen, oszillieren. Jedem Folgezustand sei in der Regel nur ein Folgezustand zugeordnet, sonst wäre das Gesamtsystem nicht kohärent. Wahrnehmen und Entscheiden beruhten auf denselben Prinzipien: Das „wahrscheinlichste Ensemble“ setze sich durch.
Entscheidend sei, daß die Dynamik der Hirnfunktion nicht-linear sei. Die Folgezustände seien zwar determiniert, aber nicht vorhersagbar, was die Frage nach der Freiheit von Entscheidungen aufwerfe. Grundsätzlich könne sich jeder immer wieder neu und damit auch anders entscheiden. Es gebe keine physiologisch begründete Bindung an frühere eigene Entscheidungen. Bewußte Entscheidungen unterschieden sich von unbewußten dadurch, daß sie seriell abliefen, während letztere multiple Faktoren parallel verarbeiten könnten. Bei Konflikten zwischen unbewußt getroffenen „Bauchentscheidungen“ und dem Verstand komme es häufig im nachhinein zu Rationalisierungen, bei denen sich das Unbewußte am Ende vollständig durchsetze. Im Anschluß an Schiller beschrieb Singer daher die Willensfreiheit als einen Zustand, bei dem es zur „Konkordanz von bewußter und unbewußter Entscheidung“ komme, frei von Zwängen bei der Auswahl zwischen mehreren Möglichkeiten. Letztlich müsse die Frage aber offenbleiben, ob die Willensfreiheit nur ein soziales Konstrukt sei.
Die folgende Diskussion ergab keine grundlegend neuen Aspekte. Als Fazit bleibt, daß die Naturwissenschaften sich aus dem einfachen Newtonschen Folge-Wirkungs-Zusammenhang mit den Ansätzen der Hirnforschung, wie sie in Frankfurt an diesem Abend vertreten wurden, schrittweise lösen, um sich immer mehr in ein Netzwerk- und Komplexitätsdenken hinein zu begeben. Das aber nicht mehr ergibt, als Sigmund Freud vor hundert Jahren schon wußte, daß nämlich der Mensch „nicht Herr im eigenen Hause“ sei. Es sei daher mit der Hirnforschung so ähnlich wie mit der Elektrizität, meinte Singer denn auch: Um einen Blitz zu erklären, brauche man heute nicht mehr den Gott Thor anzuführen. Das wäre sogar mit dem naturwissenschaftlichen Weltbild ganz unvereinbar. Über das Wesen des Blitzes wisse man dadurch aber noch nicht mehr als früher. Und insoweit erinnert die Hirnforschung, mag man hinzufügen, in etwa an die Systemtheorie in der Soziologie, die ebenfalls auf der empirischen Ebene stehenbleibt, ohne Gründe und Motive zu untersuchen, die sie außerhalb der Systeme verortet – weshalb ihr ja auch jeglicher Erkenntniswert für die Gesellschaft abgesprochen worden ist.
Eine absolut empfehlenswerte Veranstaltungsreihe für den interdisziplinären Austausch auf hohem Niveau. Ab 5.15 Uhr hätte es ein „kostenloses Frühstück“ gegeben, aber das wäre mir denn doch zu spät geworden – bzw. zu früh.
Vgl. die Website der Night of Science.
Freitag, 19. Juni 2015
Facebook Farewell Party
Es gibt Nachrichten, die muß man einfach weiterreichen: Das Institute of Networked Cultures von Geert Lovink beteiligt sich an der Facebook Farewell Party, die für den 23. Juni 2015 vorgesehen ist, und kündigt in seinem heutigen Newsletter an, von nun an vor allem über ebendiesen Newsletter und seine Website mit der Öffentlichkeit kommunizieren zu wollen – sowie über Twitter. Hm. Aber es ist ein erster Schritt.
Mein Abschied von Facebook datiert übrigens vom 29. Mai 2010, als ich mich – ebenfalls auf Anregung von Geert Lovink – am damaligen Quit Facebook Day beteiligt hatte.
Samstag, 13. Juni 2015
Empörung
Felix Stalder meint auf Nettime, es werde ein „heißer Sommer in Europa“ werden und zeichnet ein bewegtes Bild: Madrid folge Barcelona und wählte eine indignada zur Bürgermeisterin, Griechenland sei kurz davor, auf dem Altar der Orthodoxie geopfert zu werden, der Krieg in der Ukraine ziehe sich hin, und überhaupt erinnere ihn Europa 2015 an Europa 1913. Simona Levi weist derweil darauf hin, daß die Opposition in den armen südeuropäischen Ländern kein einheitliches Lager sei, sondern vielfältig und bunt zusammengesetzt. Gleichwohl habe Podemos die Wahlsiegerin von Madrid für sich vereinnahmt und sie etwa auch gegen ihren Willen auf der eigenen Website gezeigt. Und überhaupt: openDemocracy – lesen und sich empören!
Troubleshooting TeX Live 2015
Die Installation von MacTeX 2015 dauerte auf einem MacBook Pro Mid 2012 etwa fünf Minuten. Danach sollte man das Setup-2015.pkg aus dem Verzeichnis /Applications/TeX ausführen, das noch ein paar Bugfixes einspielt. Ein erster Test der Installation unter Mavericks verlief unauffällig. Auch das Preference Pane in den Systemeinstellungen und die TeX Live Utility funktionierte, vorausgesetzt, man wählt ein Repositorium, das schon auf die neue Version von TeX Live aktualisiert worden ist. In meinem Fall war es der Server der Fernuni Hagen: No updates available.
Auf der OS-X-TeX- und der TeX-Live-Mailingliste war gestern zu verfolgen, was für ein Drama bei der Veröffentlichung dieses Mal abgelaufen sein muß, denn der Release erfolgte während der WWDC, bei der die neue Version von OS X 10.11 El Capitan vorgestellt worden ist. Dick Koch berichtet, es habe deshalb eine Änderung in letzter Minute gegeben: Auf den älteren Versionen von OS X erzeugt das Setup zwei Symlinks zu den Binaries unter /usr/texbin und /Library/TeX/texbin. Unter El Capitan wird dagegen nur der letztere Link erzeugt. Deshalb sollte man auf dieser Plattform die Einstellungen der GUI-Anwendungen, mit denen man arbeitet, dementsprechend anpassen, wenn man später auf das neue Betriebssystem umsteigt. Weitere Probleme bei El Capitan seien derzeit nicht bekannt.
Grund für diese Änderung ist ein neues Feature in System 10.11, mit dem standardmäßig und kernelseitig verhindert wird, daß ein Benutzer (auch ein Admin) in das Verzeichnis /usr schreibt (was man beim Booten sowie über das Terminal deaktivieren kann). In die Verzeichnisse /usr/local und /usr/local/texbin hätte man schreiben können, die Entwickler entschieden sich aber letztlich für /Library/TeX/texbin, weil ihnen das längerfristig sicherer erschien. Der Entscheidung war zumindest bei Dick Koch eine schlaflose Nacht vorausgegangen, in der diese Änderungen buchstäblich in letzter Minute vorgenommen wurden.
Trotz aller Sorgfalt kam es aber wohl doch zu einem Problem mit dem TeX-Live-eigenen Paketmanager. Nachdem ein Anwender beim Aufruf von tlmgr unter Windows die Fehlermeldung Cannot determine release erhalten hatte, wies Adam R. Maxwell, der Entwickler der TeX Live Utility, darauf hin, daß die Datei /usr/local/texlive/2015/release-texlive.txt diesmal leider fehle – ein Fehler, den Karl Berry später zugab. Betroffen sei aber nur die derzeit noch aktuelle Internet-Version von TeX Live und MacTeX 2015, die spätere DVD-Fassung sollte die Datei enthalten. Wie eingangs bemerkt, trat der Fehler beim Test unter Mavericks nicht auf, obwohl die erwähnte Datei auch hier fehlt. Schaden kann es allerdings nicht, dieser Empfehlung von Adam R. Maxwell trotzdem zu folgen. ;)
Ach ja, Mavericks. Warum eigentlich immer noch Mavericks? Aus Gründen. Vielleicht mache ich irgendwann mal ein Upgrade auf El Capitan. Der schnelle Abgang von Yosemite nur ein Jahr nach der Markteinführung (!) ist ein deutliches Signal an die Benutzer für einen konservativeren Umgang mit OS X. Derzeit funktioniert hier eigentlich alles.
Und warum habe ich eigentlich die ganze Zeit auf das OS-X-TeX-Archiv bei Gmane verlinkt? Weil das Archiv bei der TUG derzeit auf dem Stand vom Mai 2014 und das kanonische Listen-Archiv offline ist. Aber das Interface von Gmane gefällt mir eigentlich sehr gut, muß ich sagen… ;)
Zuerst bei TeX & Friends, 13. Juni 2015.
Dienstag, 9. Juni 2015
GAFA IV
Es gibt einige Nachrichtenströme, die es auseinanderzuhalten gilt, und andere, die zusammenzuführen wären. Neues zu den GAFA – Google, Apple, Facebook, Amazon.
Apple Music: Ein Musikstreamingdienst, der auch moderierte Radioprogramme anbieten werde. Nicht frei zu empfangen, sondern gegen eine monatliche Gebühr von zehn Dollar. Das sind 120 Dollar pro Jahr. Der Mehrwert liegt nicht im Radio, sondern in dem Zugriff auf einen sehr großen Katalog der Musikindustrie, der für diese Pauschale wiedergegeben werden kann. Mit den eigenen Radiokanälen wird Apple erstmals zu einem Content-Anbieter, das ist neu.
Apple News und Facebook Instant Articles: Nachdem Google News als Makler zum Content den Weg bereitet hatte, machen sich diese beiden Konzerne nun an eine neue Form der Verwertung, die die exklusive Verbreitung der Inhalte einschließt. Man wird zum Verleger, zum Diensteanbieter. Die Zeitung bietet ihre Inhalte nicht mehr über ihre eigenen Kanäle an, die eigene Website, die eigene App, sondern wird abhängig von diesen Plattformen. Gleichzeitig spaltet sich das Internet in diesen kommerziellen Teil und den ganzen Rest. Die Paywall ist das Mittel hierzu, sie wird als Normalfall gedacht. Wer darauf zugreifen will, braucht den richtigen Zugang oder das richtige Abo. Mit den entsprechenden Folgen für die Demokratie durch die kaufkraft- und technisch bedingte Aufspaltung der politischen, künstlerischen Diskurse.
Die Plattform, auf der man arbeitet, spielt endgültig keine Rolle mehr. Wie schon bei iTunes, das es natürlich auch für Windows gab, wird heute mobil neben iOS auch Android bedient. Einer fehlt bei alledem aber völlig: Microsoft.
Welche Verbreitungswege für die elektronischen Medien genutzt werden, entscheiden nicht mehr Politiker, die beschließen, beispielsweise UKW einzustellen und auf DAB+/DVB-T2 umzustellen, sondern Konzerne in gottesdienstähnlichen, quasi-kultischen Inszenierungen, die weltweit live verfolgt und kommentiert werden. Die Priester tragen Jeans und Turnschuhe. Die „Benutzer“ folgen ihnen. Wer ihnen nicht „folgt“, ist schon älter, hat im Schnitt einen geringeren Bildungsgrad, ist deswegen aber nicht notwendigerweise blöder als die anderen.
Apple Pay: Der Zugriff aufs Bankkonto erfolgt bald ebenfalls durch das Handy. Und im Gegensatz zum elektronischen ÖPNV-Ticket, das es zwar gibt, das aber bis heute so gut wie keiner benutzt, gibt es dafür angeblich auch Interesse von Benutzern. Und: Aldi macht mit.
Kein Wort vom Datenschutz, von der umfassenden Überwachung, nirgends.
Montag, 8. Juni 2015
Ungleiche Archivierung
Dave Winer denkt nach über die Veränderungen beim Publizieren im Web. Während Yahoo Pipes im September eingestellt werden soll, stehen auch Veränderungen bei Medium an. Winer denkt weiter: …Medium is not a very future-safe place to post. But even sites like Tumblr and WordPress.com that look stable are still subject to corporate changes or disappearance. What we need, and still don't have, is a systematic way of publishing to the future. Einen long-lived content wünscht er sich. Er denkt sogar darüber nach, sein Blog nach seinem Tod auf testamentarischer Grundlage auf Dauer online zu halten. Und merkt, daß auch archive.org hierfür keine Lösung wäre, weil die Plattform – trotz aller Änderungen in neuerer Zeit – keine Netzwerke abbildet, sondern in der (urheberrechtlich mittlerweile problematisch gewordenen) Wayback Machine nur Snapshots von Content abbildet. Da fehlt also ein wesentlicher Teil.
Man sieht, daß im Umfeld von Facebooks Instant Articles – bisher nur Testballons – noch mehr in Bewegung gekommen ist. Blogger werden sich darüber klar, daß das Publizieren im Web, vor allem auf sozialen Netzwerken und Bloggerplattformen (hosted services) der Zeitlichkeit unterliegt. Es ist kein Zufall, wenn Dave Winer als einer der dienstältesten Blogger überhaupt sich Gedanken über seinen „digitalen Nachlaß“ macht – wobei unter dem Begriff ja gemeinhin eher das Auffinden und Verschwindenlassen von Nutzerprofilen Verstorbener verstanden wird, weniger das Erhalten ihrer Hinterlassenschaft. Die diesbezügliche Diskussion ist also bisher eher von den Problemen der Spießer geprägt.
Klar ist, daß auch die letztlich nur ephemer bestehenden Datensilos kein Ausweg sein werden. Vielleicht wären gemeinnützige oder genossenschaftliche Organisationen eine Lösung, auch wenn die meisten heutigen Nutzer bisher vollständig auf die Kommerzialisierung des Web 2.0 beschränkt sind. Auch das Selberhosten führt insofern nicht weiter, denn gerade der Betrieb des eigenen Blogs endet ja spätestens, wenn das hinterlassene Erbe aufgebraucht ist. Also das Blog bei der Deutschen Nationalbibliothek als Netzpublikation abliefern? Dagegen sträuben sich mir nun wieder die Nackenhaare, wenn ich mir vorstelle, daß meine schneeschmelze oder mein albatros am Ende bei den Frankfurter Beamten im Archiv landen.
Schon manches Blog ist zwischenzeitlich verschwunden. Ich erinnere mich zum Beispiel an Kristian Köhntopps Blog „Isotopp“; er postet seit langem nur noch auf Google+, was ja nun wirklich keine Lösung ist, in keiner Hinsicht. Er wird nicht der letzte sein, dessen Content für immer verschwunden ist. Ist das aber schlimm? Sind die Archive zurück bis anno olim nicht irgendwie auch merkwürdig, weil sie uns die Vergänglichkeit und das Älterwerden demonstrativ vor Augen führen? Hat schon mal jemand einen Blogpost von vor zehn oder fünfzehn Jahren wieder ausgegraben? Ist das überhaupt von Interesse außerhalb der Szene? Die Leserschaft, die „Reichweite“ ist absolut auf die Gegenwart bezogen, sie kennt kein Gestern.
Andererseits: Es entsteht eine Ungleichheit in der Archivierung, die wir aus der Geschichtsschreibung bereits kennen: Es zeichnet sich ab, daß sehr langfristig nur diejenigen self-publisher im Web verfügbar bleiben werden, die in irgendeiner Weise institutionalisiert veröffentlicht haben und daß kommerzielle Angebote jedenfalls keine Lösung sind, um die Verzerrungen, die sich für die Nachkommen aus diesem Bild ergeben werden, aufzufangen. Allemal wäre es falsch zu sagen, das Netz vergesse nichts.
Sonntag, 7. Juni 2015
Sonntagslektüre II
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Thomas Piketty: A Practical Vision of a More Equal Society, New York Review of Books, Ausgabe vom 25. Juni 2015.
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Michael Massing: Digital Journalism, New York Review of Books, Ausgabe vom 25. Juni 2015.
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Greg Kahn, Ian Gordon: This Is What Cuba Really Looks Like These Days, Mother Jones, 18. Dezember 2014.
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Gabriela Jaskulla: Die Frau am Meer, Deutschlandfunk, 28. Februar 2015. Über Clara Arnheim.
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Danny Crichton: Why Is The University Still Here?, TechCrunch, 17. Mai 2015.