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Der Wanderer LXIII

Müde laufe ich durch die Stadt. Es ist Ende Mai, und der Wind ist so kalt, dass die Wärme der Sonne dagegen nicht ankommt. Die Winterjacke ist noch zu warm, aber die Sommerjacke zu dünn. Es passt nicht.

Als ich hier das letzte Mal vorbeikam, blühte noch der Ginster. Jetzt sind die Sträucher grün geworden. Aber die Werbung an der Litfaßsäule ist immer noch die gleiche. Vom Februar. Vom Februar vor einem Jahr. Vor einem Jahr, als das alles begann. Als die Geschäfte zum ersten Mal geschlossen wurden. Als wir das erste Mal alle zuhause waren. Als die digitale Bohème flächendeckend wurde und Homeoffice hieß, jetzt, wo sie bieder geworden war und für alle.

Zuhause bleiben und in den Computer tippen und alles über Video, wie früher in meinem alten Leben auch schon, aber für die anderen war das ganz neu. Als wir das erste Mal alle zuhause waren. Als die Sonne schien, als ginge es um ihr Leben. Als die Sonne schien, als würde das niemals enden. Als der Ginster blühte. Als die Bäume wieder grün wurden. Als es noch kalt war, aber die Sonne wurde immer wärmer.

Und jetzt ist es wieder Mai, und ich laufe müde durch die Stadt. Aber anders als damals.

Der Laden dort hat schon seit einem Jahr geschlossen. Jetzt haben sie Zeitungspapier hinter das Schaufenster geklebt. Haben sie es überhaupt geklebt, oder warum sieht man keine Spuren von Klebstoff an der Fensterscheibe?

Vor einem Jahr hatte die Sonne auch so geschienen, aber dieses Jahr gibt es immer wieder Regen. Und abends heizt man, sonst ist es zu kühl ohne die Heizung. Es ist Ende Mai, und der Wind ist so kalt. Und es regnet immer wieder. Immer noch die Winterjacke, wenn auch ohne Fleece.

Merkst du, tagsüber sind viel mehr jüngere Leute unterwegs, die wären früher alle in Büros gewesen. Untergebracht und weggeschlossen, gleichwohl offen. Heute gehen sie spazieren, wenn die Sonne scheint, auch unter der Woche. Gehen sie zum Bäcker, zum Einkaufen, wenn sie Pausen machen von der digitalen Bohème, die sie jetzt Homeoffice nennen, damit es nicht so auffällt. Eine Bohème mit Sozialversicherung. Mit Wumms, haben sie gesagt. Mit Wumms aus der Krise, haben sie gesagt. Dass die sich nicht schämen.

Der Bäcker da drüben hat schon länger geschlossen. Es lohnt sich nicht mehr, weil sie keinen Kaffee to go mehr verkaufen morgens. So früh ist kaum noch einer unterwegs morgens. Sie machen sich den Kaffee jetzt selbst daheim, bevor sie sich an ihre Computer setzen. Vom Bett ins Wohnzimmer an den Schreibtisch an den Computer, dazwischen liegt das Bad, liegt die Küche, der Kaffee, das Frühstück, der Wasserkocher, der Kühlschrank und die Waschmaschine. Und abends wieder retour.

Es ist Ende Mai, und der Wind ist kalt. Die Impfreaktion mache einen müde, sagen sie. Mache Kopfweh, sagen sie. Der Briefträger auf dem Fahrrad biegt um die Ecke. Sein Korb ist voller Zeitschriften und Büchersendungen. Es wird viel gelesen, sagt die Frau an der Abo-Hotline. Sie hätten so viele Anrufe. Alle sind zuhause, man hat Zeit, es wird telefoniert, das Festnetz, die digitale Bohème hat Zeit zuhause.

Der Friseur da drüben darf wieder aufmachen. Die Haare werden kürzer. Die Maskenpflicht. Die Testpflicht. Die Pflicht ruft.

Manche füttern noch die Vögel. Es ist kalt. Es ist Ende Mai. Die Blaumeisen sind verschwunden, wir haben nur noch Sperlinge und Kohlmeisen und Amseln und Tauben. Und Tauben. Und Tauben.

Wenigstens haben sie die Werbung mit den Osterhasen weggemacht. Die Osterhasen, die sie im Einkaufszentrum verschenken wollten, zu Ostern. Vor einem Jahr. Sie hing bis kurz vor Weihnachten. Und jetzt ist Pfingsten. Das zweite Pfingsten schon, seit alles begann. Aber ich denke immer noch an die goldenen Osterhasen auf den Werbeplakaten.

Die Eisdiele hat wieder aufgemacht. Die Leute stehen im eiskalten Wind in der Sonne und warten darauf, dass sie eine Kugel Eis in einer Waffel bekommen können. Sie halten Abstand zueinander, auf dem Boden in der Fußgängerzone sind Markierungen angebracht worden. Alle tragen Masken, denn hier besteht Maskenpflicht von acht bis zweiundzwanzig Uhr. Die Eisverkäuferin trägt auch eine Maske. Man sieht nicht, ob sie lächelt, wenn sie die gefüllten Waffeln reicht.

Gegenüber der Trödelladen mit dem Schild im Schaufenster: Wenn Sie etwas kaufen möchten, rufen Sie mich an! Die Tür ist abgeschlossen. Ich will nichts kaufen. Es ist kalt. Ich denke an die leere Fensterscheibe und das Zeitungspapier und den Klebstoff. Ich bin müde. Sie sagen, das sei von dem Impfstoff. Das Impfen mache die Leute so müde. Es mache auch Fieber, aber ich habe kein Fieber. Es ist kalt. Der Wind.

Die ersten Blumen brechen durch. Der Frühling ist schon fast vorbei, aber alle tragen immer noch ihre Wintersachen. Im Rewe gibts Erdbeeren aus Holland. Und die Buchhandlung hat jetzt wieder geöffnet, aber nur auf Abruf. Da drüben wird getestet. Gleich zum Mitnehmen. Die Leute warten auf ihr Ergebnis. Es gibt eine Schlange, aber keiner hat es eilig, alle haben Zeit.

Bei der Sparkasse darf man einfach so hineingehen. Vor einem Jahr, als das alles anfing, hatten sie noch einen Mann vom Sicherheitsdienst am Eingang stehen, der ist jetzt nicht mehr da. Man kann gleich reingehen, wie früher. Alle sind maskiert. Früher wäre man verdächtig gewesen, wenn man maskiert in die Sparkasse gegangen wäre. Heute muss man das tun. Der Elektroladen daneben hat geschlossen. Ein Schild für den Paketboten hängt an der Tür: Wir bauen um, wir sind da, bitte klingeln! Es sieht nur so aus, als wäre alles zu. In Wahrheit ist alles ganz anders.

Müde laufe ich durch die Stadt. Sie sagen, das sei die Impfreaktion. Das gehe bald vorbei. Es dauere nicht mehr lange. The times, they are a'changing, lief vorhin im Radio.

Ich denke an die vielen Ausstellungen. Die ungesehenen Ausstellungen. Die ungesehenen Bilder, Skulpturen. Die ungehörten Konzerte. Die ungesehenen Theateraufführungen. Die nicht ausgeliehenen Bücher. Die Wintersachen aus dem letzten Jahr, die immer noch in den geschlossenen Läden liegen, hängen, stehen. In den Läden, die sie kurz vor Weihnachten zugemacht hatten. Das Geschäft da drüben hatten sie vor einem Monaten geräumt. Auch dort jetzt: Zeitungspapier.

Die Blätter an den Sträuchern sind ganz frisch. Man sieht, wie sich die kleinen, frischen Blättchen auffalten. Wie sie sich zum ersten Mal strecken, wie schön das ist, die frischen kleinen Blättchen an den kahlen Zweigen im kalten hellen Frühlingslicht. Im kalten Wind am frühen Nachmittag.

Es ist Ende Mai. Alle sind maskiert. Ich bin die ganze Zeit über müde. Es passt nicht. Aber ich habe kein Fieber.

Der Wanderer LXII

Es ist ein bisschen still geworden um mein Blog. Vielleicht ist es zu still mittlerweile, denn das Blog war immer meine Stimme im Netz. Manch eine/r hat sich in letzter Zeit eher aus der öffentlichen Öffentlichkeit zurückgezogen und ist in das digitale Biedermeier entschwunden. Dafür gibt es sicherlich gute Gründe. Aber gibt es nicht auch ebenso gute für das Gegenteil?

Die Zeit des freien Webs ist noch nicht ganz vorbei. Es gibt sie noch, die alten Schnittstellen. Aber die Ver-Appung greift um sich, und es gibt nicht nur die großen Ökosysteme (im technischen Sinne, als Geschäftsmodell der Content-Industrie), sondern auch die kleinen, ganz praktischen. Manchmal hängen sie zusammen, manchmal auch nicht. Die alten Formate werkeln jedenfalls immer noch unter der Oberfläche, aber die Oberfläche verbirgt sie zunehmend vor den Benutzern, als gäbe es beispielsweise und insbesondere RSS nicht mehr. Aber was denn sonst? Wenn man nachfragt, wo denn der RSS-Feed geblieben sei, erhält man beispielsweise solche Antworten:

vielen Dank für Ihr Interesse an der ARD Audiothek. Zurzeit können wir Ihnen leider keinen RSS Feed für Sendungen bereitstellen, da bei der Bereitstellung des RSS Feeds uns ein Fehler unterlaufen ist. Wir sind bereits schon dabei dieses Problem zu beheben. Jedoch wird diese Fehlerbehebung noch ein wenig Zeit in Anspruch nehmen. Wir bitten daher um Entschuldigung und um etwas Geduld. Vielen Dank für Ihr Verständnis und wir wünschen Ihnen trotz dieser Einschränkung weiterhin viel Freude bei den Inhalten der ARD Audiothek.

Wir können auch nicht durchkoppeln. Aber das wäre ein weiteres Thema.

Überhaupt: Standards. Bei der E-Mail fing es an. Vor fünf Jahren gab es die info-Adresse beim CERN schon nicht mehr, als ich sie auf einen Fehler auf ihrer Website hinweisen wollte. Kam als nicht zustellbar zurück. Mail und Webmaster: dito. Wohlgemerkt: Beim CERN. Und mittlerweile fehlen immer öfter die rss+xml-Alternate-Links im Header. Ich fühle mich so alt. Ist es schon soweit?

Natürlich nicht nur hierzulande. Hörfunk-Livestreams sind auch so ein Thema. Die BBC hat gerade umgestellt. Könnten Sie mir bitte Ihre neuen Livestream-URLs mitteilen, damit ich weiter zuhören kann?

We do not provide the URLs to our streams.

Ja, dann: Auf zu GitHub! Übrigens nicht nur meine Sorge: Es gibt durchaus große Frustration in Großbritannien über diese Haltung der BBC, bitte die sendereigene App BBC Sounds, einen Smart Speaker(!) oder ein Webradio zu benutzen, das an einer proprietären Datenbank hängt. Soll man nicht tun.

I hope this has been helpful, and once again thank you for contacting us.

Zu den alten, bewährten Kanälen gehören auch Mailinglisten. Und Mozilla tritt doch für ein freies Internet ein – oder etwa nicht? Mozilla hat gerade alle seine Mailinglisten zu Google transferiert. Das heißt es gibt kein selbstgehostetes Archiv mehr, und auch die gesamte Infrastruktur wurde stillgelegt. Die Daten der Benutzer, die sich an den Listen beteiligt hatten, liegen jetzt bei Google in Form einer Google Group vor. Das Thunderbird-Projekt wurde mit einem Vorlauf von zwei Wochen davon in Kenntnis gesetzt, was für sich genommen schon mal recht sportlich war, und musste sich schnell entscheiden, wie es weitergehen sollte. Man erwog, die eigenen Listen zu Topicbox umzuziehen, sah davon aber wegen des Datenschutzes ab: Dazu fehlte nämlich die Einwilligung der Benutzer (was, wie gesagt, Mozilla überhaupt nicht interessiert hatte).

Wir stehen für ein Internet, das alle Menschen auf der Welt einbezieht…

Wer weiterhin an den Thunderbird-Listen teilnehmen möchte, muss diese nun auf Topicbox abonnieren. Was ich nicht möchte und nicht tun werde. Ein eigener Mailman kam für Thunderbird nicht infrage, denn:

Mailman and things like it are dinosaurs.

Was die E-Mail angeht, so gibt es auch Neues zur Überwachung beim Bezug von Newslettern anzumerken. Sowohl The Conversation als auch France Culture fragten nach einigen Wochen Empfang ihrer täglichen Mails nach, ob ich sie noch erhalten wolle, ich hätte schon so lange nicht mehr hineingesehen. Tatsächlich lese ich die Beiträge, klicke aber nicht auf die Links und habe auch das Nachladen von Grafikdateien abgeschaltet. Immerhin weiß man dadurch nun, dass das ausreicht, um ein Tracking zu verhindern.

Weitere Neuerungen: WordPress.com blendet nun einen Sponsored Post in englischer Sprache mit Werbung für Online-Bloggerkurse an zweiter Stelle in meinen Feed ein. Die Werbung bei WordPress.com wird also immer penetranter. Außerdem wird ist es schon wieder hakeliger geworden, noch mit dem klassischen Editor zu arbeiten. Man muss nun über ~/wp-admin/edit.php gehen, um noch ins alte Backend zu gelangen. WordPress.com kann mittlerweile wirklich nicht mehr empfohlen werden. Und den Wanderer führe ich jedenfalls hier weiter und nicht mehr nebenan.

Zum Schluss etwas Erfreuliches: Gestern, am Gründonnerstag, wurde TeX Live 2021 veröffentlicht. Das ist kein Aprilscherz. Alles weitere hier, wie gehabt, auch was die Release Notes angeht.

MacTeX kann man diesmal ab macOS 10.14 installieren. Ausgeliefert werden Universal Binaries für Intel64 und ARM. Für ältere Apple-Systeme muss man den Unix-Installer verwenden. Da ich weiterhin auf 10.13 bin, wird mir diesmal nichts anderes übrigbleiben als eben dies. Da ich das noch nie gemacht habe, sondern immer MacTeX installiert hatte, kann ich leider derzeit noch keine ersten Erfahrungen weitergeben. Muss mir das erstmal anschauen, wenn ich die Zeit dazu finde…

Danke an alle, die an der neuen Version ehrenamtlich mitgearbeitet und diese damit möglich gemacht haben!

Die TUG-Tagung 2021 wird übrigens vom 5. bis 8. August in Zusammenarbeit mit der Universität Adelaide als reiner Online-Event ausgerichtet. Die Teilnahme ist kostenlos nach Registrierung möglich. Spenden sind willkommen.

Vielleicht vertiefe ich den TeX-Teil noch einmal in einem weiteren Beitrag, wir werden sehen…

Die letzte Ausgabe der Machtdose und das Ende der Netzmusik

Nichts ist so endgültig wie die letzte Ausgabe einer Reihe, die man sich als unendlich vorgestellt hatte.

Roland Graffé hat in diesen Tagen die wirklich allerletzte Folge der Machtdose veröffentlicht.

Die Creative-Commons-Plattformen waren einst die Lösung für den Vertrieb an den großen Plattenlabels vorbei. Die Netlabels entstanden und bündelten den Markt. Aber nach 16 Jahren sei es immer schwerer geworden, noch CC-lizenzierte Musik im Netz zu finden. Denn heute verliert der lineare Hörfunk zwar ständig an Nutzern, während die Streamingdienste an seine Stelle treten, aber sie verdrängen eben auch die Netlabels, und die interessanteren Künstler bieten ihre Stücke eher bei Spotify zum Kaufen an als bei den CC-Plattformen. Jamendo ist schon länger nur noch ein Schatten seiner selbst, und WFMU hat sein Projekt Free Music Archive ziemlich lustlos und kaum bemerkt abgestoßen. So muss man es wohl sagen.

Die Machtdose lebte schon lange fast nur noch aus Bandcamp. Und Roland schreibt, seine Ausbeute beim Googlen nach neuer Musik sei immer schlechter geworden. Auch Bandcamp gebe derzeit kaum Neues her, jedenfalls sei es immer schwerer auffindbar. Ob das auch für die Creative-Commons-Suche gilt, möge offen bleiben. Denn zumindest Soundcloud scheint doch immer wieder Annehmbares bereitzuhalten. Von dort wird ja auch die Machtdose regelmäßig im Blog eingebunden.

Aber es ist schon richtig: Die Freie Musik (im Sinne von: free as in Freedom) verschwindet aus dem Netz, aus der Welt. Die musikalischen Commons entwickeln sich nicht mehr weiter. Die Idee des freien Remix, wie sie Lawrence Lessig vertreten hatte, kommt an ein Ende. Das Pendel schwingt aus, und es ist Zeit, einen Schlussstrich zu ziehen unter die alte Welt des Web 2.0 der 1990er und der frühen 2000er-Jahre.

Ich habe immer gerne und interessiert zugehört und sage deshalb Danke für den Fisch – an Roland und an die vielen Künstler/innen, ohne die es die Machtdose nicht hätte geben können!

Seit November 2005 gab es in der Machtdose 2610 Musikstücke zu hören, das Google-Docs-Spreadsheet, in dem sie alle verzeichnet sind, scheint riesig, und das ist es ja auch! Eine riesige kreative Allmende ist das, und alles kann man im Internet Archive auf Dauer nachhören – und remixen! Und wenn sich unsere Generation an ihre Musik erinnert, wird man keinen Radiosender mehr einschalten, sondern das Internet Archive ansurfen.

Es gibt Momente, in denen man traurig sein darf. Das Ende der Machtdose gehört dazu.

Zwanzig Jahre Wikipedia: Dokumentarfilm auf Arte

Das transnationale Medium Arte beschreibt in einem Dokumentarfilm, der am 5. Januar 2021 im linearen Programm läuft lief, das transnationale Projekt Wikipedia und nimmt dabei eine Position ein, die derjenigen der Wikimedia Foundation beim Blick auf ihre Operationen nicht unähnlich sein dürfte.

Aus den Interviews wurde nicht deutlich, welche der Wikipedianer, die dort gezeigt wurden, denn nun eigentlich je miteinander auf Wikipedia zu tun bekommen hätten. Immerhin zwei aus der deutschsprachigen Wikipedia waren darunter, aber die anderen sprachen jeweils nur über ihre eigene Sprachversion, und diese finden nicht zueinander.

Auf dieser globusdrehenden Metaebene verschwindet auch die Unzufriedenheit der Community an den Verhältnissen vollständig.

Was bleibt, ist ein Dilemma: Wikipedia als mächtiger information hub und zugleich als verletzlicher Gigant in einer Umwelt von Fake News. Viel genutzt, aber bis heute nicht alternativlos.

Die Rolle der Bibliotheken und vor allem der Verlage im Markt der Informationen fehlte ganz. Die Ökonomie der Inhalte, aus denen die Wikipedianer schöpfen, wenn sie sich bei ihrer Arbeit auf Literatur stützen.

Es ist kein kritischer Film.

Lorenza Castella, Jascha Hannover: Das Wikipedia Versprechen. 20 Jahre Wissen für alle? WDR. Deutschland. 2020. Verfügbar in der Arte-Mediathek bis 4. April 2021.

6. Januar 2020: Das Video des Films habe ich nachträglich in den vorstehenden Beitrag eingebettet, nachdem es auf YouTube eingestellt worden war.

Wie kann man auf wordpress.com weiter mit dem Klassischen Editor arbeiten?

Es begann 2015. Damals hatte wordpress.com angekündigt, den klassischen Editor schrittweise abzuschalten. Für mich war es das Signal zum Aufbruch – weg von wordpress.com, hin zu antville.org, wo seitdem mein albatros fliegt.

Nachdem ich im zurückliegenden Jahr als Blogger deutlich weniger aktiv war – weniger Blogposts, keine Bloggerkurse für Anfänger mehr gehalten –, muss ich aber doch staunen: Meine alten Bookmarks funktionieren nicht mehr, und ich werde beim Aufruf des Editors direkt in den Quelltext-Modus des neuen Block-Editors geleitet. Was ich gar nicht will.

Wer weiterhin den alten Classic Editor in wordpress.com benutzen möchte, kann möglichweise einen Button im Menüpunkt Alle Beiträge verwenden, um ihn aufzurufen:

Auswahl des Classic Editors bei wordpress.com im Jahr 2020

„Möglicherweise“, denn ich kann derzeit nicht überblicken, ob das bei allen alten Blogs noch geht oder nur bei meinen. Es scheint der einzige Weg zu sein, um weiterhin so arbeiten zu können wie zuvor. Wie lange das noch klappen wird, ist derzeit nicht absehbar, aber wir sollten es tun, solange es geht. Es gibt anscheinend keinen Schalter mehr im Dashboard, um den Editor zentral auszuwählen. Jedenfalls kann ich auf diese Weise weiterhin in Markdown bloggen.

Ebenfalls praktisch: Auch beim Nachbearbeiten von bereits gespeicherten Beiträgen kann man den Classic Editor im Ausklappmenü unterhalb des Blogposttitels aufrufen:

The future of text

Ein Lesetipp für die kommenden Wochen dürfte dieses Werk sein:

  • Hegland, Frode, Hrsg. 2020. The Future of Text. 1. Auflage. Future Text Publishing. doi:10.48197/fot2020a, (zugegriffen: 5. Dezember 2020).

Worum geht es?

Welcome to Future Text Publishing, producers of ‘The Future of Text’, the largest survey of the future(s) of text ever undertaken.

The book is a collection of dreams for how we want text to evolve as well as how we understand our current textual infrastructures, how we view the history of writing, and much more. The aim is to make it inspire a powerfully rich future of text in a multitude of ways today and to still have value in a thousand years and beyond. It should serve as a record for how we saw the medium of text and how it relates to our world, our problems and each other in the early twenty first century.

Und das ganze ist open end angelegt. Die zweite Auflage wird ab Februar 2021 vorbereitet.

(K)ein Bericht von der Frankfurter Buchmesse 2020

Meine Berichte über die Frankfurter Buchmesse reichen bis ins Jahr 2009 zurück, meine Besuche noch viel länger. Die Eindrücke, die ich dabei gesammelt hatte, waren für mein Verständnis des Medienwandels prägend. Es war stets eine riesige Inszenierung, in der die alte Medienwelt für eine Woche noch einmal reproduziert wurde, mit Hörfunk und Fernsehen, die Zeitungen waren auch alle da, und überhaupt: Bücher. Die Buchverlage. International. Gedruckt. Merkwürdig, als sie E-Book-Reader ausstellten. In einem Regal. Und mich dann fragten, ob mir das Layout auf dem Reader gefalle.

Aber es wurde dann auch deutlich: Von Jahr zu Jahr fiel es schwerer, das Produkt „Buchmesse“ noch einmal zu erzeugen, wie man es kannte. Die Hallen wurden immer leerer. Schließlich wurden ganze Hallen unter Vorwand aufgegeben. Wo früher der Platz knapp war, wurde zwischenzeitlich der Raum verschenkt, damit es nicht so auffiel, wie alles schrumpfte. Beispielhaft: Die auffällig kleinen Stände von Springer Nature oder DeGruyter im letzten Jahr. Der Messebetrieb verschwand mehr und mehr aus den Hallen, der Rechtehandel wuchs dagegen kräftig. Wer das nicht vor Ort beobachten konnte, sondern nur die Berichterstattung in den Massenmedien sah, merkte davon allerdings weniger. Die Inszenierung „Buchmesse“ wurde stabil gehalten. Es bestand ein Interesse daran, dass es so blieb.

Als es auf die diesjährige Ausgabe zulief, herrschte business as usual. Die Pressemappe kam herein. Der Ausblick auf die nächsten Gastländer. Whitepapers wurden verteilt. Und dann kam Corona. Und die Leipziger Buchmesse wurde abgesagt. Und wir gingen alle ins Homeoffice. Auch der Internetauftritt des Börsenblatts wurde aus dem Homeoffice neu gelauncht. Angeblich deshalb fehlt die Suchfunktion dort bis heute. Und auch der RSS-Feed wurde nicht ordentlich eingebaut, so dass man ihn auch in der Adresszeile des Webbrowsers angeboten bekäme. Kein Kommentar zum Print-Stylesheet. Warum das aus dem Homeoffice nicht möglich sein sollte, entzieht sich derweil einer Begründung. Dann kam ein trotziges „Erst recht!“ aus Frankfurt. Bis man merkte, dass es gar nicht an den Organisatoren bei der Messe liegen würde, ob es eine Buchmesse geben würde. Wenn unter den bestehenden Umständen niemand mit vertretbarem Aufwand anreisen und arbeiten kann, stellen sich keine weiteren Fragen über eine Präsenzveranstaltung der bisherigen Größenordnung mehr. Also nur noch online. Von einer Insolvenz des ganzen Betriebs war bisher noch nicht die Rede, aber von einem „Millionenverlust“ sprach man. Vorsorglich.

Wie wackelig die Orga war, ahnt man anhand der Blogger Relations. In den neu gefassten Akkreditierungsrichtlinien hieß es im April noch:

NEU: Wir akzeptieren ab 2020 nur noch Blogger*innen mit mindestens 2500 Followern pro Kanal und lehnen Facebook-Seiten als alleinigen Nachweis ab.

Abgesehen davon, dass Blogger keine Follower zu haben pflegen, sondern Leser und Abrufe, merkte man viel zu spät, dass man in der PR der Buchmesse die Blogger gar nicht mehr über ihre Blogs, sondern nur noch über deren Ableger in den Sozialen Netzwerken wahrnahm. Und nun begann in letzter Minuten ein Umsteuern, denn, so Juergen Boos in der Online-Pressekonferenz, man brauche die Blogger doch. Also Kommando zurück:

NEU: Wir akzeptieren ab 2020 nur noch Blogger*innen mit mindestens 1000 Followern pro Kanal und lehnen Facebook-Seiten als alleinigen Nachweis ab. Diese Vorgabe gilt nicht für klassische Blogs (z.B. Wordpress) sondern NUR für die Akkreditierung mit einem Social-Media-Account, z.B. mit Instagram, Twitter, YouTube oder TikTok.)

Nehmen wir einfach mal an, dass ein einfaches Bibliotheksblog ein „klassisches“ Blog in dem vorstehenden Sinne ist. Weder die schneeschmelze noch den albatros gibt es schließlich auf TikTok und Co. Aber wenn alles nur noch im Netz stattfindet, braucht sich auch niemand mehr zu akkreditieren. Der Zweck der Akkreditierung bestand schließlich darin, die Pressekarte zu erhalten, um Zutritt zur Messe an allen Tagen zu haben. Wahrscheinlich haben sich das noch mehr gedacht, denn in der abschließenden Pressemitteilung der Buchmesse werden zum ersten Mal keine Zahlen mehr über die akkreditierten Pressevertreter und Blogger genannt. Es gab keine.

War da überhaupt etwas? Die Fachbesucherveranstaltungen, waren zwar frei abrufbar, nach Anmeldung, sie liefen aber während der Arbeitszeit, die nicht so ohne weiteres für jeden freigegeben wurde. Der einzige für mich interessante Beitrag wäre ein Vortrag der Direktorin der finnischen Nationalbibliothek zu Open Science gewesen, gefolgt von einem Input von DeGruyter zum Verlagsgeschäft in den Geisteswissenschaften. Aber dafür die Arbeit unterbrechen? Ich ließ es gut sein.

Zumal die Buchblogger ebenfalls auf dem Rückzug sind. Zuletzt nachzulesen beim Buchrevier und bei den Lesestunden. Sie sind einfach müde geworden.

Und das „Bookfest digital“ erreichte mich vor allem auf YouTube. Aber da ging es auch wieder vollständig unter, soviel wird dort gestreamt seit März… man ist dessen doch mittlerweile überdrüssig.

Wir sehen vor uns die Buchbranche bei dem Versuch einer nachholenden Digitalisierung. Während der Buchhandel noch immer hauptsächlich vom stationären Geschäft lebt, schwärmen die Verlage und einige Journalisten immer noch vom alten Messegeschehen, wie es früher einmal war. Das wird es aber nie mehr geben. Dass das neue digitale Modell noch nicht funktioniert, kann über das Wegbrechen des alten nicht hinwegtäuschen.

Das Alte funktioniert nicht mehr, aber das Neue funktioniert noch nicht.

Das gilt übrigens auch für die Bibliotheken. Die Ausleihe der Frankfurter UB schließt noch immer montags bis freitags um 18 Uhr. Wohl dem, der früh genug Feierabend hat, um noch rechtzeitig den Weg dorthin zu finden.

Unersetzlich ist nur das Funktionslose

In dem achtstündigen Podcast „Alles gesagt?“ von Zeit Online mit Juli Zeh kommt gegen Ende (ab 6 Stunden 59 Minuten) auch die Rede auf die Entwicklung des Buchhandels während des Lockdowns. Die Dominanz des gedruckten Buchs hat gezeigt, dass es nicht gelungen ist, das Buch nachhaltig zu digitalisieren. Das E-Book spielt weiterhin keine große Rolle am Büchermarkt. Juli Zeh bekennt, sie nutze den Amazon Kindle, erhalte darüber aber keine brauchbaren Leseempfehlungen. Während das bei Spotify für Musik klappe, sei sie weiterhin auf den Besuch von Buchhandlungen angewiesen, um Neues zu entdecken, das sich für sie zu lesen lohne. Der Schöffling-Verlag, bei dem sie früher unter Vertrag gewesen sei, bevor sie zu Bertelsmann usw. ging, habe immer darauf gedrungen, sie auf Lesereise zu schicken, weil die Präsentation ihrer Bücher schon im Vorfeld im Buchhandel wesentlich besser gewesen sei als sonst. Die Buchhandlungen und das gedruckte Buch sind bis auf weiteres nicht zu ersetzen. Wir erinnern uns: Unersetzlich ist nur das Funktionslose.

Mein Soundtrack

Es ist viel gestreamt worden in den letzten Wochen, und viel war die Rede von diesem oder jenem Online-Event. Für mich war Randy Crawford eine Wiederentdeckung aus den tiefen 1980er Jahren. Almaz. Und: Rainy night in Georgia. Und: One day I'll fly away. Der Jazz von Randy Crawford, live, wird mein Soundtrack des Lockdown gewesen sein, wenn ich mich daran zurückerinnern werde. Und sie sang vor ein paar Jahren immer noch so wunderbar leicht wie in den 1980ern und 1990ern.

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