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RSS, mon amour

Man redet so viel von RSS in der letzten Zeit, von der Wiederkehr der klassischen Technik des Web 2.0, von der Rückkehr der Feedreader angesichts des Facebook-Cambridge-Analytica-Skandals (war da was? – anscheinend, ja). Und prompt liefert der MDR (sic!) für das von evangelisch.de (sic! sic!) geerbte Journalisten-Watchblog Altpapier einen ebensolchen Feed nach. Eine Website, die bis dato das RSS scheute wie der sprichwörtliche Teufel das Weihwasser und allerhöchstens einen Newsletter bediente und ansonsten natürlich die datenkragigen Sozialen Netzwerke. Bei einer Zunft als Zielgruppe, die eigentlich nur noch twittern mochte, wollte man meinen. Und sie bewegt sich also doch, auch diese Zunft. Da war wohl doch was.

Interessant auch die Nachweise bei Jörg Kantel zur Debatte um ein neues Web, angesichts von Walled Gardens, von Plattformökonomie und gar nicht so abwegigen Gedanken von Christian Hauschke zum kürzlichen Ende von Twingly. Aber das nur am Rande. GitHub Pages werden das Web übrigens nicht retten. Aber GitHub lebt, wie früher mal die Bloggerplattformen, vor dem Aufkommen der sozialen Netzwerke und der Zeit, als wir aufhörten, Dinge ins Internet zu schreiben.

R.I.P. Twingly Blog Search, 2018

Und schon wieder ein Nachruf: Vier Jahre nach Google hat nun auch Twingly seine Blog-Suche geschlossen:

The Twingly Blog Search is closed. If you are interested in API access to the widest coverage of Blog Data in the world, other social data or News, please have a look at our different API offerings.

Gegen cash, natürlich. Keine freien Angebote mehr.

Die Blogosphäre als solches verschwindet zunehmend aus dem Blickfeld. Sie wird nicht mehr abgebildet, sondern vermischt sich mit anderen Angeboten. Der Begriff des Blogs wird diffuser, verliert an Kontur gegenüber Nachrichtenwebsites und Social Media. Die Suchmaschine als eine Konstruktion des Webs zeigt die Blogs nicht mehr als eigene Kategorie, die es wert wäre, gesondert wahrgenommen zu werden. So folgen die Blogs den Wikis, die – mit Ausnahme der Wikipedia – ja auch schon lange nicht mehr in den Suchmaschinen auftauchen. Nach oben gespült wird das, was mit Suchmaschinenoptimierung gepusht wird, ganz unabhängig von Format und Qualität.

Technik-Tagebuch

Es ist Zeit geworden, zwei Updates zur Technik aus der letzten Zeit zusammenzufassen. Vielleicht wäre ein Technik-Tagebuch ein passendes Format, um solche Beiträge zu sammeln. Ich beginne heute jedenfalls einmal damit.

Die Diskussion um die Zukunft von Thunderbird dreht sich weiter. Ohne auf die zahllosen E-Mails einzugehen, die seit meiner letzten Zusammenfassung über den Verteiler gelaufen sind, kann man sagen, dass es grob zwei Diskussionsstränge gibt: Zum einen eine große Unzufriedenheit mit dem Adressbuch und damit zusammenhängend die Frage, ob das Add-on Cardbook, das Thunderbird für den Standard VCard fit macht. Einige würden Cardbook am liebsten gleich in Core aufnehmen, und der Entwickler scheint auch nicht abgeneigt, aber das ist wohl etwas verfrüht derzeit. Eine weitere Debatte, die in den letzten Wochen abgeebbt ist, drehte sich um die Frage, ob Thunderbird eine Desktop-Anwendung bleiben solle oder ob es parallel eine mobile App geben würde. Und wenn ja, in welcher Sprache sie zu programmieren wäre. Die Mehrheit war wohl doch geneigt, ganz auf dem Desktop zu bleiben, der Aufwand für eine zusätzliche App wurde als zu groß bewertet. Seit heute sorgt sich die Gemeinde darum, dass die jüngsten 32-Bit-Builds für Windows kaputt seien, den betroffenen Benutzern wird empfohlen, bis auf weiteres ab der nächsten Version auf 64-Bit umzusteigen. Als nächstes steht ja nun erst einmal die Anpassung an die Neuerungen an, die bei Firefox vor ein paar Monaten erfolgt waren.

Etwas Sorgen macht mir derzeit die Zukunft des VLC media player, den ich immer gerne neben iTunes eingesetzt hatte, vor allem auch um Radio-Livestreams aufzunehmen, was mit Bordmitteln von Apple nicht geht. Dazu gab es einen etwas schwer verständlichen, aber letztlich doch funktionalen Assistenten, mit dem ich eine Stream-URL aus meiner Playlist für Radio-Livestreams auswählen und die aktuelle Wiedergabe in eine Raw-Datei umlenken konnte. Dieser Assistent wurde gerade beim Übergang zu Version 3 gestrichen, und das soll wohl auch so bleiben, wenn ich den Entwickler richtig verstehe, der mir auf meine Frage im Videolan-Webforum geantwortet hatte. Es gibt zwar weiter ein convert and save panel, damit kann man aber den Livestream, den man speichern will, nicht mehr mithören, man kann also dem Programm nicht folgen und man weiß daher auch nicht, wann die Aufnahme zu beenden wäre. Die Aufnahme läuft stumm; das kann es ja nun nicht sein. Die Folge ist, dass man entweder auf Dauer, also so lange es funktioniert, bei Version 2.2.8 bleiben muss – in der Hoffnung, dass die öffentlich-rechtlichen Streams, die man damit abspielt, keine Exploits ausnützen werden (hahaha), oder dass man zum Mitschneiden von Livesendungen, die es ggf. später nicht mehr zum Download in irgendeiner Mediathek geben wird, auf den Radio-Recorder von Phonostar ausweicht, den beispielsweise das Deutschlandradio immer noch anbietet. Noch. Oder es gibt doch noch eine andere praktikable Lösung. Vorschläge sind willkommen. Aber vielleicht überlegen es sich die Entwickler bei Videolan doch noch einmal und bringen den alten Wizard wieder zurück.

Twoday.net, 2003–2018

Die Bloggerplattform Twoday.net schließt zum Ende des Monats Mai 2018, und man sieht mit einem Blick auf Twingly, dass immer noch ein tiefer Riss durch das Web geht – zwischen den Netizens und den Geschäftemachern.

Als vor etwa einem Jahr das Open Directory Projekt DMOZ zumachte, waren es die Werbe-Spammer, die es als erste kühl und auch ein wenig herablassend vermeldeten. Nun, da es Twoday.net trifft, sind es dagegen die kleinen Blogger, die in meist recht emotionalen Blogposts ihrem liebgewonnenen Hoster nachtrauern.

Beispielhaft etwa dieser deftige Beitrag von Bonanzamargot in Anlehnung an Charles Bukowski (weiß eigentlich heute noch jemand, wer das war?): Lange genug ließ man uns Blogger im Ungewissen. Bukowski würde wahrscheinlich sagen: Das war ein verdammt langer Schiss! Sie hätte sich gewünscht, dass die Betreiber von Twoday.net Gründe angegeben hätten für ihre Entscheidung: Wenn man sich überlegt, mit wie viel Herzblut die Blogger auf Twoday unterwegs waren, über Jahre einen kahlen, vorgegebenen Raum mit ihren Inhalten auskleideten und mit Leben füllten…, da stimmt mich dieses Ende nicht nur traurig, sondern es macht mich gewissermaßen auch wütend! Aber auch in den LitBlogs wird des Endes von Twoday.net gedacht, und es werden auch schon die ersten Umzüge angezeigt.

Twoday.net war die erste Adresse, als man bei Antville.org in der Hochzeit des Web-2.0-Booms wegen Überlastung kein neues Blog mehr einrichten konnte. Und bis 2008 wurden dort 46353 Weblogs (sic! so sagte man damals) gehostet. Innerhalb von nur fünf Jahren, wohlgemerkt, waren sie eröffnet worden.

Und jetzt diskutiert die Antville-Gemeinde, ob sie sich um die verbliebenen Twoday.net-Blogger kümmern könne. Ich fände das schön, denn es ist wichtig, die idealistischen Nischen des Netzes zu pflegen und lebendig zu erhalten.

DMOZ hat übrigens ein Nachfolgeprojekt erhalten: Curlie, ein süßes rotes Eichhörnchen, sammelt jetzt die URLs in einem Web-Verzeichnis. Und statische Kopien des letzten Stands von DMOZ gibt es hier und hier.

Totgesagte leben länger.

Der neue Gesandte VIII

Nach dem Rückzug des neuen Gesandten, der jetzt seine Schuldigkeit getan hat, überwiegt in den meisten Quellen das naive Narrativ des Verlierers. Von hundert auf null. Alles sei perdu. Auffällig ist, dass ein Journalist, der ausdrücklich darauf hingewiesen hatte, dass der neue Gesandte auch Täter war, gehen musste. Ambivalenz wird nicht geduldet. Damit wird eine Inszenierung angesprochen, die immerhin über ein Jahr lang lief und die demonstriert hat, was geht. Alle machten mit. Politik als bloße Show, ohne Inhalte. Am Ende erscheint ein Grenzwert von etwa fünfzehn Prozent. Und das ist längst noch nicht vorbei.

Literatur: Maier, Anja. 2018. Kommentar Verzicht von Martin Schulz: Drama ersten Ranges. Die Tageszeitung: taz, 9. Februar, Abschn. Politik. www.taz.de (zugegriffen: 10. Februar 2018). – N.N. 2018. Streit mit Verleger Holtzbrinck: Steingart verlässt das „Handelsblatt“. Die Tageszeitung: taz, 9. Februar, Abschn. Gesellschaft. www.taz.de (zugegriffen: 10. Februar 2018). – Nowak, Peter. 2018. Das Jahr mit Schulz ist zu Ende. Telepolis. 10. Februar. www.heise.de (zugegriffen: 10. Februar 2018).

Thunderbird löst sich von Mutter Mozilla IV

Im weiteren Verlauf der Diskussion hat Ben Buksch im Mozilla-Wiki eine Seite zum Entwurf der „nächsten Generation“ von Thunderbird angelegt und auf der Mailingliste tb-planning zu Stellungnahmen aufgerufen.

Das Ziel der weiteren Entwicklung sei, neben der bisherigen Desktop-Version mobile Apps für Android und iOS zu erstellen, die auch populäre Chat-Protokolle wie WhatsApp sowie Verschlüsselung nativ unterstützen. Mobile ist, zurückhaltend gesagt, umstritten. Und meine Mail, in der ich darum gebeten hatte, weiterhin NNTP zu unterstützen, wurde vom Moderator heute nicht durchgelassen, was wahrscheinlich Rückschlüsse auf die zukünftige Richtung zulässt. Schade.

Währenddessen wird bei den Koalitionsverhandlungen der Abschied von De-Mail und der Einstieg in PGP/S-MIME für E-Government eingeleitet. Das passt wiederum.

Die Onleihe, die E-Papers, das DRM und der Schwarze Peter

Merkwürdig ruhig geworden ist es in den Biblioblogs zum Thema Onleihe. Dabei geht es schon seit über einem Monat ziemlich hoch her, und wenn ich nichts Besseres zu tun gehabt hätte, wäre ich, nachdem ich sie von Anfang an kritisch begleitet hatte, selbstverständlich auch bei den ersten gewesen, die die Probleme mit der EKZ-Tochter Divibib zum Thema gemacht hätte. Aber das kann man ja noch noch in Ruhe nachholen, denn so schnell läuft sie uns nicht weg. Was ist also passiert?

Man kann guten Gewissens sagen, dass die Onleihe jetzt endgültig kaputt ist, und zwar ausgerechnet kurz vor dem Weihnachtsfest, wenn also ganz viele Benutzer endlich die Zeit haben, sich einmal umzuschauen, vielleicht auch mal mit neuen Geräten etwas Neues auszuprobieren und im Angebot zu stöbern und wenn die digitalen Lösungen besonders wichtig werden, weil die Präsenzangebote wegen der Feiertagsschließung vielerorts nicht zugänglich sind.

Die Divibib behauptet – bisher ohne Quellenangabe –, Adobe habe angekündigt, die Weiterentwicklung des DRM bei seinem Adobe Reader einzustellen. In vorauseilendem Gehorsam – anderer Version: weit und weise vorausschauend – stelle man deshalb schon heute die Bereitstellung von PDFs für die E-Papers in der Onleihe um. Jedenfalls aber bis März 2018 komplett. Dort gab es bisher PDFs, die man im Reader öffnen konnte. Neuerdings kann man nur noch PDFs herunterladen, die in dem E-Book-Programm Adobe Digital Editions zu öffnen sind.

So weit, so gut, könnte man denken. Nimmt man halt ein anderes Programm, und gut ists. So ist es aber nicht.

Es fängt damit an, dass die PDFs, die die Presseverlage derzeit freigeben, in der aktuellen Version 4.5.7 von Adobe Digital Editions (ADE) nicht zu öffnen sind. E-Books gehen (meist?), aber E-Papers nicht. ADE zeigt nur leere Seiten an. Im Fall der FAZ sieht das dann so aus:

Ansicht der FAZ aus der Onleihe in ADE 4.5.7 am 15. Dezember 2017

Deshalb empfiehlt die Onleihe per Dauereinblendung in ihrem User-Forum offiziell ein Downgrade auf Version 4.5.6 – trotz der damit verbundenen Sicherheitslücken, die man sich mit einer veralteten Version auf sein System holen würde und die, wie es bei Exploits eben so üblich ist, auch schon ausgenutzt werden, weil sie entsprechend bekannt gemacht worden sind. Wer das nicht wagt, kann bis auf weiteres keine E-Papers mehr über die Onleihe lesen. Dieses Problem betrifft alle Benutzer auf allen Plattformen.

Banner im User-Forum der Onleihe in diesen Tagen

Wenn man das denn Lesen nennen will. Denn das Navigieren in einem ADE-PDF ist etwas ganz anderes als bei einem Reader-PDF. Adobe Digital Editions ist offensichtlich nicht dafür ausgelegt, mit so großen grafisch gestalteten Seiten zu arbeiten. Das Scrollen funktioniert nur wie in Zeitlupe, ist für den täglichen Gebrauch zur flüssigen Zeitungslektüre daher unbrauchbar. Es liegt auch nicht am eigenen System: Eine 30 MB große PDF-Datei belegt auf meinem Rechner mit ADE genau 33 MB Arbeitsspeicher. ADE ist einfach eine Schnecke, weil das Programm ja vor allem dazu dient, Bleiwüsten im Format EPUB darzustellen, was etwas ganz anderes ist.

Auf dem Mac kommt hinzu, dass ADE hier schon seit 2014 nicht mehr ordentlich funktioniert. Die ACSM-Datei wird noch heruntergeladen und ADE wird geöffnet. Nach dem Download der Zieldatei hängt sich Adobe Digital Editions aber zuverlässig auf und legt sich dann schlafen wie ein Eichhörnchen, das zur Winterruhe gefunden hat. Bis man es über das Apfel-Menü abschießt. Die EPUB- oder die PDF-Datei findet man dann im Digital-Editions-Verzeichnis. Man kann sie in der Regel in ADE öffnen und in dessen Bibliothek importieren – sofern es kein E-Papier ist, das funktioniert – siehe oben – nur mit älteren Versionen. Die letzte Version, die man auf dem Mac nutzen kann, ist derzeit, wie man liest, wohl ADE 4.0.3 aus dem Februar 2015. Die Situation hat sich damit nochmals erheblich verschlechtert – wobei die FAQ der Onleihe zu dem Thema „Onleihe auf dem Mac“ für sich genommen schon immer legendär zu nennen war. Schon heute darf sie als ein Klassiker der Netzkultur gelten.

Die Onleihe bietet zur Jahreswende 2017/18 also ein wirklich desolates Bild. Nur wer sich in ein Software-Museum zurückzieht, kann darüber noch E-Papers lesen. Die Probleme bei den E-Books seien nicht ganz so schlimm – aber das weiß man ja immer erst, wenn man versucht, eine bestimmte Datei zu öffnen. Man muss abwarten, was einen dann erwartet und von Fall zu Fall schauen, ob es geht und was damit geht.

Dementsprechend ist der Unmut der Benutzer im User-Forum der Onleihe. Dort geht es schon wochenlang hoch her. Die Moderatoren und die sonstigen Support-Kräfte kommen kaum hinterher. Ehrlicherweise sollte man sagen, dass die Ausleihe von E-Papers faktisch eingestellt worden sei, schreibt dort ein User:

„Nach all den vielen Beiträgen muss man doch den Schluss ziehen, dass keine ePapers mehr für Normalnutzer, die nicht in die Trickkiste greifen können oder wollen, angeboten werden. Das gilt zumindest für die großformatigen Tageszeitungen. Ein vernünftiges Lesen ist nicht mehr möglich, egal mit welcher Hardware, mit welchem Betriebssystem und mit welchem Leseprogramm.“

Andere posten Links zu den veralteten ADE-Versionen und Anleitungen, die angeblich noch gehen. Ungeübte Benutzer fragen etwas schüchtern, woran es denn liege, dass man die Onleihe nicht mehr nutzen könne. Der Sohn habe doch alles so formidabel eingerichtet, und jetzt klappt es nicht?

Und auch die Bibliotheken reagieren langsam. Eine teilte einem Benutzer mit:

„…der Onleiheverbund der onleiheSaar hat sich entschlossen, die Zeitungen abzubestellen, da die Divibib eine problemlose Nutzung nicht gewährleistet.“

Ob es stimmt, dass das DRM für den Adobe Reader tatsächlich nicht mehr weiterentwickelt wird, steht übrigens zumindest derzeit in den Sternen. Zu googeln ist dazu nichts. Und die Onleihe hat dazu auch in ihrem schon immer ziemlich unübersichtlichen und merkwürdig rau moderierten User-Forum keinen Beleg genannt.

Was wir hier sehen, war jedenfalls voraussehbar. Das DRM, das schon den Plattenlabels vor Jahren um die Ohren flog und das zunehmend auch bei den E-Books abgeschafft worden ist, ist endgültig am Ende, die Download-Lösungen werden durch Streaming mit Flatrates ersetzt. Dieser Trend war schon vor Jahren aus den USA bekannt, und es rächt sich nun, dass die öffentlichen Bibliotheken auf diesen Dino gesetzt haben. Hier wurde viel Geld verbraten, sehr viel Steuergeld, das auch an Adobe fließt, das schon viele Jahre lang seelenruhig bleibt und offenbar keinen ordentlichen Service mehr angeboten hat. Von rechtlichem Druck auf die großen Konzerne hat man jedenfalls nichts gehört. Offiziell wird der Schwarze Peter zwischen den Verlagen, die ein DRM fordern würden, Adobe und, soweit betroffen, auch Apple, hin und her geschoben. Leidtragende der verkorksten Lage sind die Benutzer/innen, die nun jedenfalls bei der digitalen Zeitungslektüre in die Röhre schauen.

Gut beraten war, wer auf Lösungen wie beispielsweise das Pressearchiv Genios oder auf den PressReader via Munzinger gesetzt hatte, die schlicht im Webbrowser laufen (es gibt noch andere). Was man sich natürlich erst einmal leisten können muss, denn das ist schon etwas teurer am Markt. Hier sind die Bibliotheken im Rhein-Main-Gebiet – mit Ausnahme von Darmstadt – übrigens leider vergleichsweise schlecht aufgestellt – schlechter als in vielen anderen Gegenden Deutschlands, wo der digitale Sektor sehr viel größer aufgebaut worden ist, so dass nun schnell Alternativen zur Onleihe verfügbar sind, auf die man jetzt, wo sie gebraucht werden, direkt verweisen kann. Im Forum waren immerhin schon Vergleiche zu BER gezogen worden…

Man kann, wie eingangs schon gesagt, mit gutem Gewissen davon ausgehen, dass die Adobe-DRM-Lösung endgültig kaputt ist und dass man insoweit auch zumindest teilweise kapituliert hat. Und der Ausblick auf ein eigenes Onleihe-DRM, das immer mal wieder erwähnt wurde, erscheint heute noch eher trüb, denn das grinst nicht gerade um die Ecke.

Frustrierte Benutzer werden sich abwenden und sich anderweitig orientieren. Vielleicht ist das den Verlagen auch ganz recht, die ja ihre Digitalangebote derzeit zunehmend in den Markt drücken wollen und dafür die freien Meldungen auf den Zeitungs-Websites auch eher vernachlässigen.

Wenn demnächst mal wieder von der sogenannten Digitalen Agenda die Rede ist, sollte man ruhig einmal auf das DRM-Debakel und das Right to E-Read zu sprechen kommen. Es wäre sicherlich ein guter Maßstab für die Frage, wie weit die Digitalisierung in der Informations- und Wissensgesellschaft überhaupt schon vorangekommen ist – oder eben nicht.

Kersch, Karsch, Korsch und Kirsch XVIII

„Haben Sie bemerkt, dass die Eichhörnchen dieses Jahr schon früher fertig sind als sonst? Sie haben ihre Nüsse und was sie sonst noch so für den Winter brauchen, gesammelt, und sie haben sich zurückgezogen in ihre Kobel, rechtzeitig, bevor der Winter kam“, bemerkte Kersch. „Jetzt sieht man sie schon nicht mehr.“ – „Ein Winter, der dieses Jahr immer wieder kommt und geht. Der immer wieder testet, ob der Schnee liegen bleiben könnte, der dann aber doch bald wieder schmilzt, als wolle er dann doch nicht so sehr stören.“ – – „Nur das Licht ist wirklich gegangen. Es hinterlässt eine tiefe Dunkelheit und Kälte.“ – Korsch hob den Kopf, wie von weit, und nickte sanft, bevor er wegging, als wäre es für immer.

Neuerscheinungen zur Netzpolitik VII

Diesmal nur als unkommentierte und unsortierte Liste, möchte die Hinweise aber gerne weitergeben. If time permits, reiche ich Anmerkungen nach…

  • Lang, Susanne. 2017. Eine kurze Geschichte des Internets. Die Inkorporation des Internets in kapitalistische Verhältnisse ist keinesfalls abgeschlossen und noch immer umkämpft. Prokla 47, Nr. 186 (1. März): 7–25. prokla.de

  • N.N. 2017. c’t Uplink 19.9: Die Geschichte des Computers, erzählt von Andreas Stiller. c’t uplink. Nr. 19.9. Hannover: heise online. www.youtube.com (zugegriffen: 3. Dezember 2017).

  • Billari, Francesco C., Osea Giuntella und Luca Stella. 2017. Broadband Internet, Digital Temptations, and Sleep. SOEPpapers on Multidisciplinary Panel Data Research. Berlin: Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung. www.diw.de (zugegriffen: 23. November 2017).

  • Dachwitz, Ingo und Marie Kochsiek. 2017. Interview über Period-Tracking: „Wir brauchen Zyklus-Apps mit freier und offener Software!“ netzpolitik.org. 30. November. netzpolitik.org (zugegriffen: 1. Dezember 2017).

  • Farkas, Meredith Gorran. 2017. Saying goodbye to the Library Success Wiki. Information Wants To Be Free. 6. November. meredith.wolfwater.com (zugegriffen: 16. November 2017).

  • Heimstädt, Maximilian und Leonhard Dobusch. 2017. Perspektiven von Open Educational Resources (OER) für die (sozio-)ökonomische Bildung an Schulen in NRW und in Deutschland. Neues ökonomisches Denken. Düsseldorf: FGW – Forschungsinstitut für gesellschaftliche Weiterentwicklung. www.fgw-nrw.de (zugegriffen: 9. November 2017).

  • Junge Wissenschaft im Öffentlichen Recht e. V., Dr Christian Djeffal, Privatdozent Dr. Christian Ernst, Peter Schaar, Daniel Mattig und Theresa Witt. 2017. Digitalisierung und Recht: Tagung des eingetragenen Vereins Junge Wissenschaft im Öffentlichen Recht an der Bucerius Law School am 26. November 2016. Hg. von Dr Anika Klafki, Felix Würkert, und Tina Winter. 1. Auflage. Hamburg: Bucerius Law School Bucerius Law School Press. www.researchgate.net.

  • Lee, Felix. 2017. China: Die AAA-Bürger. Die Zeit, 30. November, Abschn. Digital. www.zeit.de (zugegriffen: 30. November 2017).

  • PEIRA. 2017. 35. PEIRA Matinée: Katharina Nocun - Terrorismus und Überwachung. www.youtube.com (zugegriffen: 23. Oktober 2017).

  • Schaumburg, Felix. 2017. Das neue UrhWissG Gesetz und die Schulbuchkopie. schaumburg.xyz. 8. November. schaumburg.xyz (zugegriffen: 8. November 2017).

  • Welchering, Peter. 2017. Tante Emma 2.0 - Wie der Einzelhandel mehr verkaufen willWissenschaft im Brennpunkt. Deutschlandfunk. Köln: Deutschlandfunk, 3. Dezember. www.deutschlandfunk.de (zugegriffen: 3. Dezember 2017).

  • Emery, Christina, Mithu Lucraft, Agata Morka und Ros Pyne. 2017. The OA effect: How does open access affect the usage of scholarly books? White Paper. Springer Nature. www.springernature.com (zugegriffen: 8. November 2017).

  • Kotowski, Julia. 2017. What happened to CC? And other thoughts regarding the future of Entertainment for the Braindead. entertainment for the braindead. 18. November. eftb.tumblr.com (zugegriffen: 19. November 2017).

  • Ehrenhauser, Astrid. 2017. Google in der Grundschule: Kleine Geschenke mit Nebenwirkung. Die Tageszeitung: taz, 22. Oktober, Abschn. Gesellschaft. www.taz.de (zugegriffen: 23. Oktober 2017).

Wikipedia baut ab, oder: Was von „open“ übrig bleibt II

Ein schöner Aperçu zur Mediengeschichte der letzten etwa zehn Jahre (auch wenn er es im Titel enger fasst) ist bei André Staltz zu lesen (via Stephen Downes, der zaghaft widerspricht).

Facebook saugt alles mögliche in sich hinein, während Google nur noch außerhalb des Web wächst und selbst Wissen direkt anbietet, ohne den Sprung auf eine externe Quelle, direkt innerhalb des Google-Ökosystems.

Natürlich kommt einem die neue Richtung der Wikimedia Foundation in den Sinn: Wenn sie bei alledem nicht mitspielen würde und Wikipedia nicht als knowledge as a service anböte, würde sie relativ schnell untergehen. Also stellen sie immer mehr Schnittstellen bereit, um ihr Wissen an Google verschenken können, weil die es sonst woanders sich schenken lassen würden oder notfalls auch ad hoc hinzukaufen, wenn es gebraucht wird.

Und selbstverständlich entsteht damit auch ein noch größeres wettbewerbsrechtliches Problem als bisher schon, wenn die ehemalige Suchmaschine nur noch eine einzige Empfehlung ausspricht und ausgibt, anstelle von einer Liste mit einer bisweilen fünfstelligen Anzahl von Suchtreffern, aus denen der Benutzer auswählen muss. Von einem Ranking wird man nicht mehr sprechen können, und Google wird sich mit dieser Technik eher einer noch strengeren Prüfung durch die EU-Kommission unterwerfen. Es könnte sogar sein, dass diese Technik in der EU gar nicht eingesetzt werden darf.

Während das Web verschwindet, entsteht eine Landschaft aus völlig separaten Ökosystemen, die Endgeräte ansteuern, in denen kombinierte Antwort- und Bestellmaschinen integriert sind. Diese Entwicklung ersetzt den alten Computer mit Webbrowser vollständig. Sie verläuft disruptiv und ist nicht mehr umkehrbar.

Es bedarf keiner Erörterung, dass sich dies auch noch weiter auf die hergebrachten Mitmachprojekte des Web 2.0 auswirken wird. Wer an diese Technik aus Apps plus Endgeräte gewöhnt ist und damit aufwächst, wird nie auf die Idee kommen, an einem Massenprojekt wie Wikipedia teilzunehmen, weil er sich so etwas gar nicht mehr vorstellen kann. Normal ist, dass man auf riesige Datenbestände zugreift, die automatisiert erstellt oder jedenfalls automatisiert ausgewählt worden sind, aber nicht, dass man sie als Autor eigenhändig mit schreibt, kuratiert, pflegt und kollektiv verwaltet. Das liegt alles zentral bei der Firma, die es anbietet. Top-down, also nicht in den Händen einer Community, bottom-up.

Dieser Wandel hält von der Mitarbeit ab, und der Konflikt, der sich daraus ergibt, steht wiederum im Mittelpunkt des Streits, der gerade zwischen Community und Wikimedia Foundation entstanden ist. Benutzer haben sich geweigert, die neue Strategie einfach abzunicken, sie widersprechen und verlangen echte Mitsprache, die dort gerade verloren gegangen ist.

Wissen wird wieder exklusiver, und die Entscheidung darüber liegt sowohl bei den GAFAs als auch bei den großen amerikanischen Foundations nicht mehr in der Hand der Benutzer, sondern beim Management. Insoweit gibt es keinen Unterschied zwischen ihnen.

Und doch wird es auch in diesen Szenarien aus virtuellen Gemeinschaften, virtuellen Realitäten und künstlicher Intelligenz immer wieder Nutzer geben, die dank natürlicher Intelligenz unter dem Radar fliegen und sich abseits dieser großen Lager organisieren und zusammenfinden werden, in Nischen und Kommunen, und dort alternative Entwürfe sich ausdenken und leben werden. In Inseln der Vernunft in einem Meer von Unsinn und mit Spaß am Gerät, natürlich. Aber nicht mehr bei den Großen des Plattformkapitalismus, sondern ganz woanders.

Hier entsteht etwas ähnliches wie in der Politik: Die Entfremdung zwischen Apparat und Zivilgesellschaft führt dazu, dass sich letztere vom Betrieb abwendet und „schon mal anfängt“ mit eigenen Projekten, die von unten beginnen: vegetarisches Essen statt Massentierhaltung, Autos werden abgeschafft, Postwachstum beginnt bottom-up. Der Bruch zwischen Apparat und Unterbau erfolgt langsam, und die Bruchstellen klaffen lange Zeit hinweg leise, aber immer mehr, ganz ähnlich wie eine Eisscholle, die eines Tages abbricht und einfach weg treibt in eine andere Richtung, wo sich beide nie wieder begegnen werden. Den großen Eisberg, der sie gebar, ficht das nicht an. So beginnt etwas Neues.

Staltz, André. 2017. The Web began dying in 2014, here’s how. André Staltz. 30. Oktober. staltz.com (zugegriffen: 5. November 2017). – Yannick. 2017. Die Wikipedia der Zukunft: Zwischen Dienstleistung und politischem Projekt. netzpolitik.org. 1. November. netzpolitik.org (zugegriffen: 2. November 2017). – Paumier, Guillaume und Nicole Ebber. 2017. Service and equity: A new direction for the Wikimedia movement towards 2030. Wikimedia Blog. 3. November. blog.wikimedia.org (zugegriffen: 5. November 2017).

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